Leben

Wie kommt die Heimat in den Menschen?

Foto: © privat
Der Marktplatz von Trutnov. Seit 1990 steht der Stadtkern unter Denkmalschutz. Foto: © privat

Renate K. wird geboren, als der Zweite Weltkrieg in Europa fast zu Ende ist: am 9. April 1945 – auf der Flucht vor der Roten Armee. Mehrfach in ihrem Leben kehrt sie in die Stadt im Norden Tschechiens zurück, in der sie auf die Welt kam. Zuletzt im Herbst 2018 mit ihrem Ehemann, ihren Töchtern und deren Familien. Was verbindet Renate K. heute mit diesem Ort?

Strahlender Sonnenschein. Wir nähern uns, vom Hotel kommend, dem Ring, dem Marktplatz. 17 Personen sind wir schließlich, die sich an einem Wasserbecken mitten auf dem großen, von Arkadengängen umsäumten Platz versammelt haben. „Diesen Rübezahlbrunnen errichtete die Stadt Trautenau im Jahre 1892“, ist auf Deutsch auf dem Schild zu lesen, das eine kleine ältliche Figur mit Bart und Zipfelhut in der linken Hand hält. Mit der rechten hält das Männchen eine Spitzhacke, die ihm auf der Schulter liegt. Links neben dem Brunnen steht eine umzäunte barocke Pestsäule von 1704, rechts eine Statue von Joseph II. (1741-1790), Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Errichtet 1886, entfernt 1923, wiedererrichtet 2009.

Trautenau liegt in Nordtschechien, im südöstlichen Riesengebirge, nahe der Grenze zu Polen. Heute heißt die Stadt Trutnov.

Wir warten am Brunnen. Noch ist Zeit, bis wir ins Rathaus gehen, um einen Blick in das Geburtsregister der Stadt zu werfen. Es ist eine besondere Familienreise, zu der wir aus verschiedenen deutschen Städten zusammengekommen sind: Wir wollen in die früheste Vergangenheit von Renate K. eintauchen und dabei auch die Umgebung erkunden, Ausflüge machen, der Vergangenheit etwas entgegensetzen. Renate wird begleitet von ihrem Ehemann Albrecht, ihren drei Töchtern, ihren Schwiegersöhnen, zu denen ich gehöre, und ihren neun Enkeln.

Zur vereinbarten Uhrzeit gehen wir hinüber ins Rathaus. Links neben dem Eingang fällt eine fast quadratische Gedenktafel ins Auge, die in die Mauer eingefasst ist: „Rudá armáda osvobodila naše mĕsto dne 9. kvĕtna 1945.“ Auf Deutsch: „Die Rote Armee hat unsere Stadt am 9. Mai 1945 befreit.“ Wir treten ins Gebäude – und stoßen auf eine Schau mit Gemälden und Plastiken. Von Frau R., mit der wir verabredet sind, keine Spur. Wir warten. Als länger nichts passiert, rufen wir sie an und erfahren, dass wir hier falsch sind. Das neue Rathaus liegt einige Straßen weiter entfernt.

Frau R. kommt uns schon auf der Straße entgegen. Eine offene, freundliche Dame, die Deutsch spricht und uns zum Einwohnermeldeamt begleitet. Gebaut vor 1989, grau-weiß gekachelt, nüchtern. Rechts im Erdgeschoss ist der Raum, in den wir kurz darauf eintreten: Auf dem Schreibtisch der Mitarbeiterinnen, die freundlich und verlegen lächeln, weil wir uns nicht verständigen können, liegt das Geburtsregister des Standesamtes aus dem Jahr 1945. Das frühere deutschsprachige Etikett ist entfernt und durch ein kleineres tschechisches ersetzt worden. Auf den vorgedruckten Formularbögen finden sich auf einer Seite auch die mit Schreibmaschine eingetragenen Angaben zu Renate, die im Krankenhaus der Stadt zur Welt gekommen ist. Als Wohnort der Eltern steht dort: die Gemeinde Marschendorf, das heutige Horní Maršov, 14 Kilometer von Trutnov gelegen.

Das neue Rathaus von Trutnov, wo wir Einblick in das Geburtsregister des Jahres 1945 nehmen. Foto: © privat

In der Region liegen mehrere Zeitschichten übereinander

Zu Marschendorf später mehr. Ich drehe die Uhr zurück: Einen Tag vorher kommen meine Familie und ich in Trutnov an. Aus Berlin geht es über neue Autobahnen und durch Brandenburger Wälder zur polnischen Grenze. Drüben der gleiche Anblick: Höhe Bäume links und rechts. Nur die Straßenschilder sehen anders aus. Kurz vor Legnica (Liegnitz) biegen wir nach Süden ab. Unterwegs sehen wir: Neue, noch glänzende Einfamilienhäuser – Häuser im Jugendstil – farbenfroh bemalte Plattenbauten aus der sozialistischen Periode – leere, umzäunte deutsche Kirchen – leere, umzäunte Geisterbahnhöfe, an denen noch deutsche Schilder hängen. Andere Schilder weisen auf das frühere Konzentrationslager Groß-Rosen und das dortige Museum hin. Es ist, als durchquere man mehrere Zeitschichten, die übereinander liegen.

Wir überqueren die Grenze nach Tschechien. Auch hier wieder neue (Orts-)Schilder, eine neue Fahne. Und wie in Polen das Gefühl, dass die Straßen, Häuser und Landschaften regelrecht vor Geschichte dampfen.

Nach der Ankunft in Trutnov, beim Abendessen, liest Renate uns eine Passage aus über 30 Jahre alten Reiseaufzeichnungen vor. 1988, noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, waren sie und Albrecht mit einer Reisegruppe in Prag. Dort war in Renate immer mehr die Idee gewachsen, in ihre Geburtsstadt zu fahren. Die Reiseleiterin hatte daraufhin einen jungen Mann ausfindig gemacht, der bereit gewesen war, sie und Albrecht zu fahren – eine erste Rückkehr nach 43 Jahren:

„Der letzte Tag unseres Aufenthalts in Prag war der 9. April 1988. Morgens um 7.30 Uhr holte uns der junge Mann mit seinem Skoda ab. Schon weit vor dem Ziel, circa 50 Kilometer, beginnt es bergig zu werden. Wunderschöne Landschaft, sanfte Täler und Höhen, zunehmend gepflegtere Ortschaften und Einzelgehöfte... Bald sehen wir Schnee auf dem Riesengebirge. Dann Trautenau. Wir finden ins Zentrum. 10.15 Uhr steigen wir aus und verabreden uns für 12 Uhr. Die Straße führt bergan und wir stehen auf dem Ring. Wunderschön restaurierte Fassaden. Wie geht es weiter? Wir sprechen zwei ältere Männer an. Sie sprechen fließend Deutsch. Der kleinere [Herr Patzelt] von beiden versteht sofort, worum es mir geht. Er wohnt schräg gegenüber der Frauenklinik, in der ich geboren wurde. Er zeigt uns alles und fragt einen Angestellten des Krankenhauses nach einem Archiv. Doch diese Unterlagen bleiben nur zehn Jahre beim Krankenhaus, dann kommen sie ins Stadtarchiv. Nach dem Rundgang trinken wir bei Herrn Patzelt Kaffee und essen Hefestuten.

Herr Patzelt erzählt von sich und seinen 3 Kindern, auch warum er als Deutschstämmiger dort geblieben ist. Es gibt einen offiziellen Kulturkreis für Deutschstämmige mit tschechischer Nationalität. Er ist zufrieden mit seinem Leben. Stolz zeigt er uns seine bescheiden eingerichtete Wohnung. Wir fühlen uns beschämt. Mit der Einladung, im Sommer mal wiederzukommen und dort Urlaub zu machen, trennen wir uns. Der Kontakt soll bleiben.

Durch die Begegnung mit Herrn Patzelt kam ich mir in Trautenau nicht verloren oder anonym vor. Auch meine Befürchtungen, daß große Rührung mich überkommt, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Ich fühlte mich froh und erleichtert, als wir den Rückweg antraten. So lange es ging, habe ich den Blick auf die zum Teil schneebedeckten Hänge des Riesengebirges geworfen: Die weiße Schneekoppe, die eingerahmt ist von höheren Gipfeln, davor dem Schwarzberg, zu dem ein Lift hoch führt. Nun kann ich mir vieles aus den Erzählungen meiner Eltern besser vorstellen. Unvorstellbar immer noch (oder sogar noch mehr) die Flucht, der Weg mit Pferd und Wagen über den Riesengebirgskamm bzw. die Schneekoppe... Ganz erfüllt von den Eindrücken kamen wir um 15 Uhr wieder in Prag an.“

„Die Rote Armee hat unsere Stadt am 9. Mai 1945 befreit“, steht auf Tschechisch auf der Gedenktafel zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Trutnov. Die Tafel hängt, gut sichtbar, an der Mauer des alten Rathauses auf dem städtischen Marktplatz. Foto: © privat

Unerwünscht: in Polen und in Deutschland

Auch ich selbst lebe seit meiner Kindheit nicht mehr da, wo ich geboren bin. Vielleicht war mein Interesse an der Reise in Renates Vergangenheit auch deshalb so groß. Auf meine Nachfragen hatte sie mir schon vorher von der Flucht ihrer Familie und von ihrer Kindheit im Nachkriegsdeutschland erzählt, in Niedersachsen, wo sie oft zu spüren bekam, dass sie als Flüchtlinge aus dem Osten unwillkommen waren. Renate und ihr Bruder wären etwa als „Polacken“ beschimpft worden. Es sei damals auch zu handfesten Auseinandersetzungen unter den Kindern gekommen.

Renates Eltern stammen aus Schlesien, dem Kreis Kreuzburg (Kluczbork). Vater Hans ist 1910, Mutter Käthe 1914 geboren. 1938 heiraten sie. Als Anfang September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, lebt das Ehepaar auf Rügen, wo Hans zwei Agrarbetriebe bewirtschaftet, die einem früheren Diplomaten gehören. Nach dem Polenfeldzug wird Hans über den Reichsnährstand als Kreislandwirt in den Kreis Jarotschin (Jarocin), kommandiert, wo er mehrere Güter verwaltet. Der Kreis Jarotschin liegt im Wartheland, das nach dem Überfall auf Polen 1939 völkerrechtswidrig dem Deutschen Reich eingegliedert wird. Die Nationalsozialisten wollen es zum Mustergau machen und siedeln hier ab 1940 sogenannte Volksdeutsche aus der Sowjetunion an.

Warum Hans ins Wartheland kommandiert wird? Ein Verfechter der NS-Ideologie ist er jedenfalls nicht. Trotz mehrfacher Aufforderungen tritt er nicht der NSDAP bei. Und auch seinen slawischen Nachnamen lässt er nicht „germanisieren“. Käthe arbeitet ihrerseits bis Mitte November 1939 noch als Sekretärin auf einem Gut bei Demmin und folgt Hans in den Osten. Im November 1942 wird er eingezogen und dient zwischen Mai und Oktober 1943 an der Ostfront. Für die Zeit zwischen Juli und Oktober 1943 weist Hans’ Wehrpass 19 Nahkampftage auf. Aufgrund seiner in dieser Zeit erlittenen schweren Verletzungen kommt er, nun Unteroffizier, für ein Jahr in verschiedene Lazarette, unter anderem nach Goslar. Das erste Kind, Hans-Ulrich, wird 1943 geboren. Renates Geburt fällt schon in die Endzeit des Krieges. Während unseres Aufenthalts in Trutnov bitte ich sie, Genaueres über die Umstände zu erzählen, und erhalte dazu auch die gegen Ende der 1980er-Jahre aufgezeichneten Erinnerungen ihrer Mutter. Im Folgenden zitiere ich aus dem mit Schreibmaschine getippten Bericht, der bis ins Jahr 1948 reicht:

„Es war der 19.01.1945, nachts 2 Uhr, als meine Flucht begann. Ich war fest entschlossen auf dem Gut Waidschütz [= Witaszyce] zu bleiben, als nachts die Feldgendarmerie vorbei kam, und erstaunt war, daß ich als schwangere Frau und Mutter eines Kleinkindes noch im Dorf war, obwohl der größte Teil schon getreckt war. Der Russe lag bereits bei Kalisch [= Kalisz], 40 km von uns entfernt. […] In der Nacht des 19. Januars stellte die Luftwaffe uns dann einen Lastwagen, mit dem wir, meine polnische Angestellte, Ulrich, ich und noch einige Berliner Frauen mit Kindern, die man aus Berlin wegen des Fliegeralarms in das Dorf evakuiert hatte, zum Bahnhof nach Jarotschin gefahren wurden. [...] Der Bahnhof war voll von Flüchtlingen, die auf die Züge warteten. Opa [= Hans] war zu dieser Zeit noch Lazarettangehöriger und war im Lazarett in Pleschen [= Pleszew], 15 km von Jarotschin entfernt. Auch das Lazarett wurde Hals über Kopf geräumt, und nur die Bettlägerigen wurden in den Lazarettzug befördert. Da Opa mit Krücken schon laufen konnte, hieß es, alles was einigermaßen laufen kann, müßte sich selbst helfen.“

Käthe kann mit ihrer polnischen Angestellten Josefa K., genannt Matko, und ihrem Sohn einen Zug nach Glogau (Głogów) nehmen. Da die Stadt zur Festung erklärt wird, darf sie dort nicht bleiben und wird von einem Schwager mit seinem Auto abgeholt und nach Striegau (Strzegom) gefahren, wo Schwager und Schwägerin, Hansʼ Schwester, leben, zu denen in der Zwischenzeit auch Hansʼ Eltern aus Kreuzburg geflohen sind. Da die sowjetische Armee schnell voranrückt, müssen Mitte Februar 1945 alle Einwohner auch Striegau verlassen. Kurz vorher hat Hans die Familie mit zwei Pferden und einem Wagen erreicht. Da er trotz Verwundungen weiterhin der Wehrmacht angehört, muss er sich bei jeder Heeresleitstelle melden und wird über das Riesengebirge nach Marschendorf ins Sudetenland geschickt. Käthe soll indes mit anderen schwangeren Frauen samt Kindern in einem Lazarettzug nach Bayern. Doch will sie in Hansʼ Nähe bleiben und flieht mit seinen Eltern, ihrem Sohn und ihrer polnischen Angestellten ins Riesengebirge nach Schmiedeberg (Kowary) und hier in den Luftkurort Hohenwiese (Wojków). In Hohenwiese kann sie Kontakt zu Hans herstellen. Er bekommt zwei Tage Urlaub und bringt sie mit Pferd und Wagen über die Landeshuter Berge nach Marschendorf, wo Käthe in ein Notentbindungsheim kommt. Über die Folgezeit schreibt sie in ihrem Bericht:

„Nachdem nun dort 11 Mütter ihre Kinder bekommen hatten und ich dort allein übrig blieb, entschloß ich mich, am 7.4. zu Fuß nach Trautenau zu marschieren und suchte dort eine Frauenklinik auf, obwohl man uns erklärt hatte, die Flüchtlinge dürften nicht in die Krankenhäuser. Der Chefarzt der Klinik war erbost, als ich ihm dies erzählte; er wollte mich sofort da behalten, doch ich fuhr noch nach Marschendorf zurück, um meinen Koffer zu holen. Ich mußte dem Arzt versprechen, am Sonntag im Laufe des Vormittags wieder zu erscheinen. Am Montag, dem 9.4., meldete mir die Krankenschwester einen Besuch an; es war mein Hans, er hatte nur ½ Stunde Zeit und war enttäuscht, daß das Kind noch nicht da war. Er mußte einen Treck von Bauern in den Kreis Striegau zurückführen. Der Russe war von der Wehrmacht über die Oder zurückgeschlagen worden und da sollte die Frühjahrsbestellung gemacht werden. Etwa zwei Stunden später, um 14.20 Uhr, war meine Renate geboren. Von meinem Krankenzimmerfenster konnte ich die durchfahrenden Trecks beobachten. Der erste Treck trug immer die Ortstafel des Heimatortes. Da kam auch ein Treck aus dem Kreis Kreuzburg, aber keine Angehörigen von mir waren zu sehen.“

Keine Stunde Null

Das Krankenhaus, in dem Renate zur Welt kam, existiert nicht mehr, wie wir auf einem Spaziergang entdecken. Heute befindet sich in dem weiß-gelben Gebäude ein Architektenbüro.

Die meisten Tage unseres einwöchigen Aufenthalts in Trutnov verbringen wir mit Ausflügen ins Umland. Wir besuchen die aus Sandstein bestehende Adršpašsko-Teplické skály, zu Deutsch Adersbach-Weckelsdorfer Felsenstadt, die unter Naturschutz steht. In die Felsen sind Namen und Jahreszahlen eingeritzt, die bis ins 19. Jahrhundert reichen und von der touristischen Anziehung dieser Gegend zeugen, die an eine riesige Filmkulisse erinnert. Wir besuchen den Zoo in Dvůr Králové nad Labem (Königinhof an der Elbe). Einige wandern auch auf die Schneekoppe. Und wir erkunden die gebirgige, waldreiche Landschaft mit kleinen Ortschaften, in denen noch Denkmäler mit deutschen Inschriften stehen, die an die gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg erinnern. Vielleicht wurden sie nach 1945 nicht entfernt, weil sie aus der österreichisch-ungarischen Epoche stammen? Vielleicht weil auch Tschechen unter den Gefallenen waren und die Denkmäler mit der Nazi-Zeit nichts zu tun hatten?

Das Krankenhaus, in dem Renate K. im April 1945 zur Welt kam, existiert nicht mehr. Heute befindet sich in dem weiß-gelben Gebäude ein Architektenbüro. Foto: © privat

Während des Aufenthalts in Trutnov gehe ich die Unterlagen mehrfach durch, die Renate und Albrecht mir zur Vorbereitung gegeben haben. Dabei fällt mir nachträglich etwas auf: In den schriftlichen Erinnerungen von Renates Mutter findet die Zeit zwischen November 1939 und Januar 1945 keine Erwähnung. Käthe schreibt nur, dass die Familie auf dem Gut Waidschütz im Kreis Jarotschin gelebt hat. An einem Nachmittag im Hotel spreche ich Renate darauf an. Sie erzählt von einer Zeit im Leben ihrer Mutter, in der diese vom Krieg lange nichts gespürt habe. Später, nach unserer Rückkehr, sehe ich Fotos vom Gut: Eine lange Allee im Schnee – ein herrschaftliches, ebenfalls im Schnee liegendes Schloss – eine Kutsche für Ausflüge – Arbeiter, die neben einem Pferdegespann und vor dem Schloss stehen – das heute übrigens als Pałac Witaszyce ein Hotel und ein Restaurant beherbergt. Die „Idylle“ endet im Januar 1945. Käthe und ihre Familie fliehen Richtung Westen. Das Sudetenland bleibt nur eine Zwischenstation auf ihrer Odyssee.

Nach Renates Geburt muss Käthe mit Hansʼ Eltern das Kriegsende in Marschendorf abwarten. Am 8. Mai 1945 kapituliert die Wehrmacht bedingungslos. Wo ist Hans zu diesem Zeitpunkt? Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht am 2. März 1945 war er als Betriebsleiter für die Frühjahrsbestellung auf dem Gutshof einer adligen Familie in Thomaswaldau (Tomkowice) im Kreis Schweidnitz (Świdnica) eingesetzt worden. Nach Kriegsende holt Hans seine Familie von Marschendorf dorthin in der Annahme, dass Schlesien deutsch bleibt. Über die Flucht und die dramatischen Geschehnissen nach der Kapitulation Deutschlands hat Renate 2005 ein Gespräch mit ihrer Mutter geführt, das sie danach paraphrasiert. Ich zitiere aus dem Text, in dem Käthe als Oma bezeichnet wird:

„Im Sommer 1945 ging Oma in ein Nachbardorf (Hohenfriedberg) [= Dobromierz], um Neuigkeiten zu erfahren, weil dort jemand noch ein Radio haben sollte. Auf dem Weg dahin wurde Oma von Polen aufgegriffen und ins Gefängnis nach Schweidnitz gebracht. In Verhören sollte sie Parteigenossen aus Striegau nennen. Aber sie war ja dort fremd. Währenddessen wurde Opa [= Hans] abgeholt und ins gleiche Gefängnis gebracht. Er blieb 8 Monate, während Oma nach drei Tagen entlassen wurde und in Ungewissheit blieb, ob er noch lebte. Zwischenzeitlich war er nach Breslau gebracht worden. Dort sollte er erschossen werden, kam dann aber doch nach Schweidnitz zurück. Oma hatte durch Zufall durch eine Frau, die in der Küche des Gefängnisses arbeitete, erfahren, dass Opa doch lebte, und versuchte über einen polnischen Rechtsanwalt ihn freizubekommen. Nachdem polnische Arbeiter in Jarotschin viel Gutes über ihn ausgesagt hatten (er hatte unter anderem die Kornspeicher für alle geöffnet, als es im Januar 1945 auf die Flucht ging), wurde er freigelassen.“

Nach Hansʼ Entlassung Ende März 1946 werden Ulrich und Renate in Striegau getauft. Sechs Jahrzehnte lang gilt ihr Taufschein als Geburtsurkunde, bis ihre Töchter Renate zum 60. Geburtstag eine offizielle Geburtsurkunde überreichen – nachträglich ausgestellt vom Standesamt in Trutnov. Im Mai 1946 wird die Familie wie die allermeisten deutschstämmigen Bewohner aus dem inzwischen polnisch verwalteten Schlesien ausgewiesen. Mit einem Sammeltransport geht es durch die Sowjetische Besatzungszone in das alliierte Auffanglager Marienborn bei Helmstedt. Von hier aus werden die Geflüchteten in die verschiedenen Teile des nach dem Krieg gegründeten Landes Niedersachsen verteilt. Hans, Käthe und ihre Kinder gelangen in den Kreis Wolfenbüttel, wo sie, fern der Heimat, ein neues Leben im Westen Deutschlands beginnen, dessen Zukunft damals selbst noch ungewiss ist.

Der Rübezahlbrunnen auf dem Markplatz von Trutnov. Der Sage nach ist der Rübezahl der (launische) Berggeist des Riesengebirges. Foto: © privat

„Ich war angekommen“

Am Ende unseres Aufenthaltes, nach knapp einer Woche in Trutnov und Umgebung, bleibt eine Reihe von Fragen offen. Hans und Käthe kann ich sie nicht stellen. Hans stirbt 1999, Käthe neun Jahre später. Ihre Eltern hätten in Niedersachsen ein neues Zuhause gefunden, sagt Renate. Hans kann 1948 als erster Vertriebener im Kreis Wolfenbüttel einen Pachthof übernehmen, knapp zehn Jahre später ein Moorgut in einer anderen Region. Dennoch „blieb ihr Herz in Schlesien“, erklärt Renate. Im Herbst 1989 reist sie mit ihren Eltern und ihrem Ehemann Albrecht erstmals nach der Aussiedlung wieder nach Schlesien. Da Hans Polnisch spricht, lotst er sie durch das Land. Sie besuchen den Kreis Kreuzburg, wo Hans und Käthe herstammen, und fahren dann nach Posen, Jarotschin und das frühere Gut Waidschütz, das zu jener Zeit eine Kolchose ist. Dort laden Polen, ehemalige Arbeiter auf dem Gut, die Hans von früher noch kennen und die Deutsch sprechen, die vier Besucher aus Westdeutschland zum Essen ein.

Nach Trutnov, den Ort, mit dem sie doch auf den ersten Blick nichts weiter zu verbinden scheint, als der Eintrag im Geburtsregister der Stadt, hat es Renate dreimal gezogen: 1988, 2008 und nun mit der Familie 2018. Was hat sie dazu bewogen?

1988 war ich einem Impuls gefolgt. Ich war neugierig.

2008 war es der Tod meiner Mutter und das Bedürfnis, ihren Fluchtweg nachzuvollziehen.

2018 war der Antrieb für die Reise mit den Familien der drei Töchter, die Geschichte – insbesondere die Geschichte meiner Familie – lebendig zu halten. Den Kindern und Enkelkindern davon zu erzählen, ist das Eine, aber vor Ort zu veranschaulichen und erfahrbar zu machen, das Andere. Es passierte aber noch mehr und beantwortet eine Frage, die ich mir selbst im Vorfeld immer wieder stellte: Bei einem Abendspaziergang in Trutnov, den ich ganz bewusst allein ging, befiel mich ein Gefühl von ,Hier gehört ein Stück meines Herzens und meiner Seele hin. Ja, hier könnte ich auch lebenʻ.

Es war ein Gefühl der Vertrautheit in aller Fremdheit, das ich an anderen Orten so nicht erlebt habe. Als ich zwölf Jahre war, sollten wir in der Schule einen Aufsatz über unsere Heimat schreiben und ich kam zu dem Fazit: Ich habe keine Heimat. An dem Abend in Trutnov änderte sich das.

Ich war angekommen.“

Renates Familiengeschichte ist kein Einzelfall.

Es gibt eine Vielzahl an Filmen und Büchern über die Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten und Osteuropa in die spätere BRD und DDR. Einige Beispiele: Eberhard Fechners Film Im Damenstift (1983), in dem ältere und alleinstehende adlige Frauen aus ihrem Leben erzählen. Ein Teil von ihnen war aus Schlesien und dem Sudetenland geflohen. Söhne (2007) von Volker Koepp erzählt eine tragische Geschichte: Anfang 1945, als die Rote Armee an den Grenzen des Deutschen Reiches steht, flüchtet eine Frau mit den beiden älteren Söhnen aus Westpreußen an den Bodensee. Die beiden jüngeren Söhne lässt sie bei den Großeltern zurück – in der Hoffnung, sie später nachzuholen. Eine fatale Entscheidung. In der Nachkriegszeit gelingt es ihr nicht, sie alle zu vereinen. Es wird Jahrzehnte dafür brauchen.

Ein Buch, das einige Zeit vor unserer Reise nach Trutnov erschien und das mich aufgrund einiger Parallelen mit Renates (Familien-)Geschichte beschäftigte, war Wie kommt der Krieg ins Kind (2018) von Susanne Fritz. Darin spürt die Autorin dem Lebensweg ihrer Mutter nach: Anfang Februar 1945 wird der Treck, mit dem diese, ihre Schwester und Mutter nach Westen fliehen, nordöstlich von Frankfurt/Oder von der Roten Armee gestoppt und nach Osten zurückgeleitet. Die Mutter der Autorin, damals 14 Jahre alt, kommt für vier Jahre in das nahe Bydgoszcz (Bromberg) gelegene Arbeitslager Potulice, das bis Kriegsende der SS unterstand. Die Erfahrungen, die die Mutter von Susanne Fritz in dieser Zeit macht, bleiben nicht ohne Folgen auch für ihre Kinder. Die Autorin beschreibt dieses Familienleben im Südwesten der Bundesrepublik genauso wie sie die wechselvolle Geschichte ihrer Familie rekonstruiert, die aus Swarzędz (Schwersenz), einer Stadt nahe bei Posen, stammt, die im 20. Jahrhundert mal von Deutschen und mal von Polen regiert wurde.

Behrang Samsami | jádu
Geboren 1981 in Urmia, Iran. Promovierter Germanist, freier Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Mehr Informationen unter behrangsamsami.com

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Juli 2019

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