Leben

Flensburg als Vorbild für Israel

Foto: © Rauf Abu FanehFoto: © Rauf Abu Faneh
Mohammad Darawshe: „Es fehlt eine staatliche Steuerung, um die Repräsentanz von Palästinensern in der israelischen Wirtschaft, Medizin, Industrie und Politik zu stärken.“

„Israelis und Palästinenser müssen sich wieder stärker auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren!“ sagt Mohammad Darawshe. Der Mittfünfziger gilt als einer der führenden Experten für jüdisch-arabische Beziehungen in Israel. Unter anderem als Direktor der gemeinnützigen NGO Givat Haviva bemüht sich Darawshe um die Integration der Araber in den israelischen Staat. Im Juli 2019 war Mohammad Darawshe für eine Sitzung der Jury des Shimon-Peres-Preises in Berlin. Maria Köpf hat mit ihm gesprochen.

Wo und wie leben Sie in Israel?

Ich wohne mit meiner Familie in Iksal. Das ist eine kleine Ortschaft im Norden Israels, die rund zehn Autominuten von Nazareth entfernt liegt. Iksal fand bereits im Alten Testament im Buch Joschua Erwähnung [lacht]. Meine Familie lebt dort seit ungefähr 800 Jahren – meine Kinder in der 28. Generation. Meine Mutter und ich selbst wurden in Nazareth geboren, wo meine Kinder und ich auch zur Oberschule gingen. Später habe ich erst in Jerusalem und dann in Haifa studiert. Mein Haus habe ich aber in Iksal gebaut, neben dem Elternhaus.

Das klingt nach einem sehr heimatverbundenen Menschen. Sie sind aber auch viel in der Welt unterwegs, waren im Jahr 2016 für acht Monate Fellow an der Robert Bosch Academy in Berlin. Was haben Sie dort genau erforscht?

Ich studierte die Frage: Wie verfahren Europäer mit alteingesessenen Minderheiten, in Deutschland etwa den Sinti und Roma, Dänen oder aber den Sorben in der Lausitz? Die meisten europäischen Nationen gewähren ihnen ein gewisses Maß an Autonomie. Ein gutes Beispiel ist die norddeutsche Stadt Flensburg: Hier gibt es dänische Kindergärten und Altenheime. Man gewährt den Dänen also spezielle Kollektivrechte, eine gewisse Autonomie. Obwohl sie ihre Bräuche, Sprache und Kultur beibehalten. Mich trieb die Frage voran, ob sich aus diesem europäischen Vorbild nicht auch für mein eigenes Land eine zukunftsweisende Lehre ziehen lässt.

Welche Parallelen können Sie denn zur Situation in ihrem Heimatland ziehen? Erhält auch die arabische Bevölkerung in Israel solche speziellen „Kollektivrechte“ – zum Beispiel an Universitäten?

Nehmen wir das Beispiel meiner Tochter: Sie studiert Genetik im Masterstudiengang an der Universität Tel-Aviv. Fällt ihr Abschlussexamen im Fastenmonat auf nach 15 Uhr, muss sie ohne Kaffee, Wasser und Nahrung eine Leistungsminderung um 30 Prozent in Kauf nehmen. Hier wären Ersatztage oder Vormittagstermine wünschenswert. Ebenso wie ein Examen nie auf einen jüdischen Feiertag fallen würde. In Israel wird der Terminkalender stets um jüdische Feiertage wie Pessach, Jom Kippur oder Sukkot herum gestaltet. Der israelische Staat nimmt in solchen Punkten keine Rücksicht auf die Minderheit.

Die arabische Minderheit stellt einen großen Anteil an der israelischen Bevölkerung. Warum schafft sie es nicht, ihren Anliegen mehr Gehör zu verschaffen und entsprechende Rechte einzufordern?

Ich finde, dass noch immer zu wenig auf repräsentative Quoten geachtet wird: In Israel leben 21 Prozent arabische Israelis. Aber sie machen nur zehn Prozent der Beamten und Polizeikräfte aus und nur drei Prozent der Beschäftigten in der Hightech-Industrie. Das ist bei Weitem nicht genug. Es fehlt eine staatliche Steuerung, um die Repräsentanz von Palästinensern in der israelischen Wirtschaft, Medizin, Industrie und Politik zu stärken. Die Zahlen verdeutlichen wie harsch die soziale und politische Segregation zwischen den beiden Gruppen immer noch ist.

Sie arbeiten in dem jüdisch-arabischen Friedenszentrum Givat Haviva, das 2001 mit dem UNESCO-Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Wie versuchen Sie dort diese Segregation zu überwinden?

Unser Ziel bei Givat Haviva ist es, Hemmungen abzubauen, indem wir Gemeinsamkeiten betonen. Beispielsweise indem wir jüdische und arabische Kinder dazu bringen, gemeinsam Hummus zu essen oder gemeinsam Musik zu hören. Dabei bemerken die Kids, dass sie dieselben Gerichte oder Sänger lieben. Erst danach sprechen wir über ihre individuellen Konflikterfahrungen. Das schafft Verständnis und versöhnt sie miteinander. Man muss hier sehr sensibel vorgehen, damit die Kinder nicht hinterher denken: „Das Treffen war okay, solange wir nicht über den Konflikt gesprochen haben!“ Ziel ist es, sich trotz aller Differenzen zu tolerieren. Israelis und Palästinenser müssen sich wieder stärker auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren! Etwa, dass wir alle derselben Wirtschaftsgemeinschaft angehören, denselben Bus nutzen. Wir müssen bloß die Regeln schaffen, die das Miteinander lebbarer machen.

Was ist das Hauptproblem dabei, die jüdisch-arabischen Barrieren abzubauen?

Die sozialen Barrieren zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen sind noch immer zu groß. Das fängt ganz banal bei der Sprache an. Wenn zwei arabische Männer miteinander sprechen und dabei auf einen zeigen, mag das Ängste schüren. Weiß man aber, dass sie untereinander bloß gesagt haben: „Die sieht aus wie meine Schwester!“ – ist alles in Ordnung. Etwa 17 Prozent der jüdischen Israelis sprechen arabisch, während etwa 95 Prozent der arabischen Israelis Hebräisch sprechen. Sicher, die Notwendigkeit der arabischen Minderheit in Israel, die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu sprechen, ist weitaus höher. Aber wenn die Mehrheit auch die Sprache der Minderheit versteht, senkt das soziale Barrieren. Eins meiner Herzensprojekte ist es daher arabische Lehrer zu organisieren, die Arabisch in jüdischen Schulen unterrichten und jüdische Lehrer, die Hebräisch in arabischen Schulen unterrichten. Für ein solches Sprachprogramm konnte ich bereits 964 arabische Lehrer gewinnen, die in jüdischen Schulen Arabisch unterrichten und 350 jüdische Lehrer, die in arabischen Schulen Hebräisch, Mathematik und Naturwissenschaften unterrichten.

Das Interview führte Maria Köpf für jádu.

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
September 2019

    Mohammad Darawshe

    Mohammad Darawshe ist seit 2014 (wie schon zwischen 2000 und 2005) Director of Planning, Equality and Shared Society bei der israelischen NGO Givat Haviva. Er war unter anderem gewähltes Gemeinderatsmitglied in seiner Heimatstadt Iksal (2008-2013) sowie Wahlkampfmanager der Demokratischen Arabischen Partei in Israel und später der United Arab List (1992-2000). 2009 unterstütze er den Entwurf einer „Coexistence Education Policy“ als Mitglied des dafür zuständigen Nationalen Komitees. Von 1986 bis 1992 war er Programmdirektor bei Legacy International in Washington D.C., nachdem er zuvor zwei Jahre lang als parlamentarischer Assistent in der Knesset tätig war.

    Mohammad Darashwe hat einen Masterabschluss der Haifa Universität in Konflikt- und Friedensforschung, sowie Bachelorabschlüsse in Englisch und Politikwissenschaft des Emek Yizrael College und der Hebrew University in Jerusalem.

    2019 ist Mohammad Darashwe Mitglied der Jury des Shimon-Peres-Preises, den das Auswärtige Amt in Kooperation mit der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum an Projekte oder Programme vergibt, die sich für die Ausgestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel eingesetzt haben.

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