Leben

Wie wohnt es sich im Auto?

Foto: © privat
Harmonieren gut miteinander: Tereza Kovářová und ihr fahrbares Zuhause. Foto: © privat

Tereza Kovářová hat in Zlín Filmregie studiert, aber ihr außerschulisches Regiedebüt lässt noch auf sich warten. Derzeit verdient sie ihren Lebensunterhalt als Script Supervisor. Die angespannte Wohnungssituation in Prag löste sie, indem sie ins Auto umzog.

Tereza, wie kam es dazu, dass du in dein Auto gezogen bist?

Ich habe vier Jahre lang mit einem Motorradstuntman zusammengelebt. Ich habe ihn zu verschiedensten Veranstaltungen begleitet, auf denen wir im Stauraum eines Pick-up Trucks geschlafen haben – dort, wo sonst die Motorräder untergebracht waren. Dabei habe ich festgestellt, dass man gar nicht so viel Komfort zum Leben braucht. Es ist zwar schon super, wenn man sich zu Hause aufrecht hinstellen kann, aber manche von den Motorrad-Jungs mit größeren Lieferwägen konnten das auch.

Nach dem Studium gab es bei mir eine Phase, während der ich es nicht geschafft habe, weitere Filme zu entwickeln. Film bedeutete für mich eine Berufung und der damalige Zustand kam für mich deshalb einem persönlichen Scheitern gleich. Also habe ich alle meine Energie umgeleitet und in eine neue Berufung gesteckt: meine Beziehung voranzubringen und eine Familie zu gründen. Aber auch damit bin ich an Grenzen gestoßen – oder eher: Ich habe den Kerl damit verschreckt.

Er wollte keine Familie?

Darauf habe ich eigentlich keine Rücksicht genommen. Ich bin dickköpfig und sobald ich mich für irgendsoeine Berufung entschieden habe, stecke ich sämtliche Energie da hinein und achte nicht mehr darauf, was ich damit auslöse – entweder alles oder nichts. Und in beiden Fällen bin ich viel zu lange mit Vollgas auf eine Wand zugefahren, bis mir das endlich aufgefallen ist. Ich war davon ausgelaugt und kaputt, und das konnte man mir wohl auch ansehen. Ich brauchte also ein neues Projekt, in das ich meine Energie stecken konnte – eins, das nicht abhängig war von der Ablehnung durch andere Menschen. Dieses neue Projekt entpuppte sich als bewohnbares Auto.

„Ursprünglich hatte ich das Auto als Rettungsnetz für die Beziehung geplant, aber einen Tag bevor ich das ausgeguckte Auto abgeholt habe, hat mein Freund sich von mir getrennt.“

Wo hast du damals gewohnt?

Wir haben unsere Prager Wohnung aufgelöst und langjährige Freunde sind mit ihren Partnerinnen und Partnern zusammengezogen. Ich und mein Freund hatten eine zweite Wohnung in Ostrava, also wollte ich während der Tage in Prag im Auto wohnen und außerdem damit auf Ausflüge fahren. Ursprünglich hatte ich vor, das Auto ein bisschen als Rettungsnetz für die Beziehung zu planen – ich hatte vorgesehen, dass man damit auch ein Motorrad transportieren kann, damit wir auf den Veranstaltungen nicht mehr im Pick-up schlafen müssen, ein Kind könnten wir in einer Hängematte über dem Bett schaukeln, alles hatte ich mir ausgedacht – aber einen Tag bevor ich das ausgeguckte Auto abgeholt habe, hat mein Freund sich von mir getrennt.

Und trotzdem hast du das Auto abgeholt.

Ich wollte meine Entscheidung, die Wohnung in Prag zu verlassen, nicht aufgeben. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als von Januar bis April das Auto in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Zum Glück bekam ich dann ein Engagement bei Dreharbeiten, für die ich im ganzen Land herumfahren musste. Es gab also keine Gelegenheit etwas zu bereuen, denn für diesen Zweck war Vont (so nenne ich das Auto) ideal, und das Leben in ihm begann mir zu gefallen. Mein Ex-Freund hat mir nach einiger Zeit sogar ziemlich mit dem Ausbau geholfen.

Terezas Eigenheim vor dem Ausbau... Foto: © privat

Welche Regeln gelten in Tschechien für Personen, die so wohnen wollen wie du? Gibt es speziell ausgewiesene Parkplätze, auf denen man im Auto schlafen darf?

Es gibt eine riesige tschechoslowakische Nomaden-Community auf Facebook, wo man sich nicht nur über den Ausbau von Wohnautos austauscht, sondern auch über den Alltag des Wohnens im Auto. Ich glaube aber, offiziell ist es nicht erlaubt, im Auto zu wohnen – jedenfalls außerhalb von Privatgrundstücken oder dafür ausgewiesenen Plätzen, also Autocamps. Beziehungsweise: Es ist in Tschechien erlaubt, frei in der Natur zu übernachten, womit gemeint ist, eine Nacht draußen ohne eine gebaute Überdachung zu verbringen. Kampieren darf man nicht. Schwer zu sagen, ob das Schlafen im Auto schon Kampieren ist. Soviel ich weiß, parken und schlafen die meisten irgendwo unauffällig, damit sie sich darum nicht kümmern müssen.

Viele Lieferwagen sind so hergerichtet, dass niemanden einfallen würde, dass darin jemand wohnt. Aber wenn du weißt, woran man das erkennt, dann siehst du davon viele. Auf einer ganzen Reihe internationaler Apps informieren die User sich gegenseitig über ruhige und schöne Orte zu Schlafen. Es gibt sogar eine Internetseite, auf der Eigentümer von Grundstücken ihre Flächen gegen ein geringes Entgelt zum Parken von Wohnwagen anbieten. Im Ausland gibt es sogenannte „Stellplätze“, die ausdrücklich als Parkplätze zum Schlafen ausgewiesen sind, die aber nicht so ausgestattet sind wie ein Campingplatz.

Hast du keine Angst?

Am Anfang hatte ich Angst. In meiner ersten Nacht im Auto habe ich geträumt, dass mir jemand das Diesel aus dem Tank klaut. Der Mann, der mir die Elektrik im Auto installiert hat, riet mir, einen Waffenschein zu machen und mir eine Selbstladepistole zuzulegen. Da habe ich ihn nur lange verständnislos angestarrt. Bislang schließe ich bloß ab und sage mir, dass das Auto selbst eigentlich eine Waffe ist. Nach einem halben Jahr hatte ich keine Angst mehr, vor allem auch weil man gar nicht genug Zeit hat, um ständig Angst zu haben und darüber nachzudenken.

Hast du jetzt im Auto ein Gefühl von Zuhause?

Ich habe Vont von Anfang an gebaut, damit er ein Zuhause ist, also habe ich mit diesem Gefühl gerechnet. Und ich wurde nicht enttäuscht, es trat ein. Ich habe eine Küche, ein Bad, ein Schlaf- und Arbeitszimmer in einem, mit Bücherregal, Blume, Staubsauger. Aber das alles macht noch kein Zuhause. Meine Definition ist, dass Zuhause dort ist, wo jemand auf einen wartet, in meinem Fall sind das wohl meine Eltern in ihrem Häuschen. Aber ich brauche trotzdem das Gefühl, auf eigenen Beinen zu stehen. Und ein Auto lässt sich besser personifizieren wie eine Wohnung, in der man alleine wohnt.

„Das war eine völlig neue Art von Privatsphäre. Ungefähr so fühlst du dich wohl, wenn du nicht existierst.“

Das meinen Freunden zu erklären, war komplizierter. Wenn ich sage: „Ich gehe nach Hause“, und den Türöffner am Schlüsselbund drücke, klingt das für viele immer noch wie ein Scherz. Oft war ich bei irgendwem zu Besuch, und wenn ich dann nach Hause schlafen gehen wollte, ließen meine Freunde mich zuerst nicht gehen und meinten: „Du wirst doch wohl nicht im Auto schlafen, wenn du bei uns übernachten kannst.“ Aber reihum bei verschiedenen Freunden zu schlafen, ist viel ungemütlicher als im Lieferwagen.

Und das Gefühl von Privatsphäre?

Ich glaube, wenn ich die Tür zumache, kann von außen niemand erkennen, dass ich im Auto bin. Die Wärmeisolation funktioniert, die akustische auch. Und die Fenster sind so getönt, dass ich rausgucken kann, aber hinein kann man nur sehen, wenn man mit der Nase an der Scheibe klebt. Im Frühjahr habe ich auf einem Filmset gearbeitet, es war noch kalt und ich hatte den Wagen geschlossen. Überall sind Leute rumgelaufen, die blieben manchmal neben dem Auto stehen und unterhielten sich. Sie waren vielleicht einen Meter von mir entfernt, aber haben überhaupt nichts bemerkt. Ich konnte sie genau betrachten. Das war eine völlig neue Art von Privatsphäre. Ungefähr so fühlst du dich wohl, wenn du nicht existierst.

Im Gegensatz dazu habe ich im Sommer oft gelüftet und wollte dabei die Aussicht aus dem geöffneten Auto haben, und dann hat es mir schon etwas ausgemacht, dass die Passanten mich bemerkt haben. Jetzt im Winter verrät mich das Geräusch der Heizung, die auf der Unterseite des Wagens ihren Auspuff hat. Aber meine Wände sind vermutlich dicker als die Umakartwände in Plattenbauten, zudem habe ich keinen ständigen Nachbarn, der Informationen über mich sammeln könnte.

... und nach dem Ausbau. Foto: © privat

Was am Wohnen im Auto ist für dich am interessantesten? Hat das deine Wahrnehmung von dir selbst irgendwie verändert?

Ein intensives neues Gefühl habe ich mitten auf der Nusle-Brücke empfunden als ich gerade auf dem Weg war zu einem Schlafplatz am Fluss. Ich stand auf der Brücke im Stau und überall rundherum leuchteten die Fenster der Häuser. Mir wurde klar, dass alle Leute in anderen Autos jetzt auf dem Weg hinter eins dieser Fenster sind, denn dort gehören sie hin, sie warten darauf, nach Hause zu kommen. Ich hingegen gehöre da hin, wo ich gerade stehe, ich habe hinter mir nur das Schneckenhaus mit all meinen Sachen dabei. Ich gehöre nirgends und überall hin. Mein Zuhause ist um mich herum, ich selbst bin mein Zuhause. Das ist so eine romantische Vorstellung, aber ich mag sie.

„Ich gehöre nirgends und überall hin. Mein Zuhause ist um mich herum, ich selbst bin mein Zuhause.“

Dank dieses Erlebnisses habe ich begonnen die Schemata wahrzunehmen, nach denen wir leben, nach denen zuvor auch ich gelebt hatte. Mit Schema meine ich einen Lebensstil, der sich ergibt, wenn ich mich selbst beschreibe als: erwachsen, Regisseurin, die Freundin von irgendwem, und so weiter. Plötzlich beginne ich mich so zu benehmen, wie man es von dieser Rolle erwartet. Und daran knüpft gleich die nächste Krux an: Wer erwartet das eigentlich? Ich selbst kann mir ja nur ausmalen, was meine Umgebung in dieser oder jener Rolle sieht. Das Ganze ist nur ein Konstrukt, das verhindert, dass ich mich so benehme, wie ich es will. Und es war eine große Erleichterung für mich, als ich mir im Auto sagen konnte, dass ich nichts Konkretes bin, nur Tereza– ohne Definition.

Ich habe auch begonnen, viel mehr um mich herum zu schauen. Ich habe festgestellt, dass ich schrecklich gerne durch die Provinz fahre, und dass unser Land schön ist. Es reicht schon, im Frühjahr entlang der Felder zu fahren. Die verändern sich wahnsinnig schnell, wenn sie wachsen – innerhalb einiger weniger Tage ist da eine völlig andere Natur. Oder ich fahre nachts durch einen nebeligen Wald, weiße überfrorene Äste, aus den Lautsprechern kommt gerade das Laura Palmer Thema aus dem Twin Peaks-Soundtrack von Angelo Badalamenti. Ich habe Angst davor, dass Rehe auf die Fahrbahn laufen könnten, aber stattdessen tauchen unter mir plötzlich viele Lichter auf, und ich merke, dass ich oben auf dem Hang über dem Ort Hlinsko bin, und in dem Moment beginnt das Klavier zu spielen... Ich habe angefangen, diese Szenen zu sammeln.

Rein praktisch gesehen hat sich vor allem meine Wahrnehmung der Verschwendung gewandelt, des Verbrauchs von Wasser, Nahrung, oder das Nachdenken darüber, was ich gerade mit dem schmutzigen Wasser in die Natur schütte.

Noch so eine praktische Frage: Wo gehst du aufs Klo? Wo wäschst du dich? Hast du Strom?

Unter dem Bett habe ich eine riesige Batterie, die alle Geräte speist: den Kühlschrank, die Lampen, auch Steckdosen sind mit ihr verbunden. Sie wird während der Fahrt durch einen Wechselstromgenerator aufgeladen. Möglich ist auch, das ganze Auto an eine Steckdose außerhalb anzuschließen. Ich heize mit Diesel und koche auf einem Gasherd. Ein chemisches Klo habe ich in einer kleinen Ecke. Zweimal im Monat muss es geleert werden, das mache ich meistens an einer Tankstelle, bei meinen Eltern oder Bekannten, die nicht so zimperlich sind. In derselben Ecke plane ich, eine Dusche einzubauen, aber solange die noch nicht fertig ist, gehe ich oft ins Schwimmbad oder in die Sauna. Und Freunde bieten mir bei jedem Besuch außer Kaffee und Keksen auch eine Dusche an, das ist schön. Manchmal komme ich zu ihnen auch direkt mit einer Flasche Wein und einem Sack dreckiger Wäsche. Bis die Waschmaschine durchgelaufen ist, dauert es eine Flasche Wein.

Kannst du dir vorstellen, dass du im Leben glücklich sein könntest, ohne je einen weiteren Film zu drehen?

Jetzt wahrscheinlich schon. In den letzten Jahren – nach dem Abschluss – habe ich mich von dieser Vorstellung völlig auffressen lassen. Mir waren nacheinander zwei Geschichten in die Schublade geflattert, aus denen man gute Filme hätte machen können. Ständig habe ich bei mir selbst nach dem Fehler gesucht, was ich bloß falsch mache. Und zwar wohl genau aus dem Grund, dass ich nach einem Schema leben wollte und mich bemüht habe, Erwartungen an die Rolle der Regisseurin zu erfüllen. Der Akt, einen Film zu drehen, fing an wichtiger zu sein als der Film selbst. Das ist falsch. Ich habe immer noch das Bedürfnis, eine Berufung zu finden und nützlich zu sein, aber das muss nicht mehr in jeder Sekunde meines Lebens passieren, ich muss genauso auch der Phase des Suchens ihren Platz einräumen.

Das INterview führte Kateřina Kudláčová. | jádu
Übersetzung: Patrick Hamouz

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Januar 2020

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