Leben

„Lebt wohl, Genossen!“ – Eine TV-Reihe zum Zusammenbruch des Kommunismus

Was hat den Zusammenbruch des Systems bewirkt - Glasnost, westliche Popkultur, oder gar der Alkoholismus? Foto: © Gebrüder Beetz & Artline FilmsWas hat den Zusammenbruch des Systems bewirkt – Glasnost, westliche Popkultur, oder gar der Alkoholismus? Foto: © Gebrüder Beetz und Artline FilmsVor 20 Jahren fand die Sowjetunion ihr Ende. Was hat den Zusammenbruch des Systems bewirkt? „Lebt wohl, Genossen!“ ist eine Spuren-
suche bei normalen Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten.


Eine tschechoslowakische Band, ein Austauschstudent in Moskau, einer der zahlreichen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes: Um historisch eher unbedeutende Menschen geht es in der sechsteiligen Fernsehdokumentation Lebt wohl, Genossen! – doch das täuscht. Die Männer und Frauen, die in der Reihe zu Wort kommen, haben den Zusammenbruch des Ostblocks erlebt. Ihre Berichte umspannen 16 Jahre. Die Zeitzeugen kannten das System gut, ob sie nun dafür oder dagegen waren – oder beides: Der KGB-Mann zum Beispiel wechselte irgendwann die Seiten.

Die Fernsehdokumentation wurde produziert von Artline Films, Gebrüder Beetz Filmproduktion und Arte.  Foto: © Gebrüder Beetz und Artline FilmsDie Dokumentation begibt sich an die Original-Schauplätze: die Büros der Funktionäre, die Salons der Dissidenten, die Ställe der Bauern. Aber nicht nur sie künden vom Wandel, sondern auch scheinbar nebensächliche Dinge, wie etwa die polnische Aerobicbewegung oder die ersten Avocados auf den ungarischen Märkten. Die Bilder speisen sich aus damaligen Fernsehnachrichten und Fotos aus Militärarchiven, aus Aufnahmen der Geheimdienste oder bisher unveröffentlichten, weil ursprünglich zensierten Filmen. Private Super-8-Aufnahmen, Briefe und persönliche Gegenstände fangen die Atmosphäre dieser Zeit ein. Lebt wohl, Genossen!, produziert von Artline Films, Gebrüder Beetz Filmproduktion und Arte, soll in einem Dutzend Länder ausgestrahlt werden.

Sechzehn turbulente Jahre

Den Anfang bildet die Folge Machtrausch, die die Zeit von 1975 bis 1979 abdeckt. Das Politbüro, Polizei und Geheimdienste kontrollierten alle Lebensbereiche, doch die Menschenrechtsbewegung, wirtschaftliche Probleme, aber auch die Popkultur begannen, das System zu unterlaufen. Um die Ereignisse in Polen geht es in Kriege. Zwischen 1980 und 1985 fand die Wahl von Johannes Paul II. statt, Lech Wałęsa gründete die Gewerkschaft Solidarność und Wojciech Jaruzelski rief das Kriegsrecht aus. Hoffnung (1985 bis 1987) handelt von Michail Gorbatschows Visionen der „Glasnost“ und „Perestroika“ und den ersten Kontakten zu politischen Dissidenten.

In wenigen Monaten brach der gesamte Ostblock zusammen.Foto: © Gebrüder Beetz und Artline FilmsUnter dem Titel Aufbruch und Rebellion schließlich geht es um die wenigen Monate, in denen der gesamte Ostblock zusammenbricht: 1989 bildet Solidarność die erste demokratisch gewählte Regierung, Zehntausende Ostdeutsche flüchten in den Westen, und am 11. November fällt die Berliner Mauer. Am nächsten Tag wird der bulgarische Diktator Schiwkow gestürzt, kurz darauf Vaclav Havel zum Präsidenten gewählt, und am 22. Dezember wird der rumänische Diktator Ceaușescu verhaftet – all das in einem einzigen Jahr. Die Nachbeben in Estland, Lettland, Litauen sowie anderen Ländern des Ostblocks sind das Thema von Kollaps (1990 bis 1991), auch werden die Ereignisse des Jahres 1991 beleuchtet, als die Sowjetunion offiziell aufgelöst wird und man bereits vom „Ende der Geschichte“ spricht.

Ein Buch als Link zwischen Internet und Fernsehen

Es gibt nicht die eine Wahrheit; es gibt nicht die eine Geschichte – welche ist Deine?  Foto: © Gebrüder Beetz und Artline FilmsErgänzt wird die Dokumentation durch ein begleitendes Buch des ungarischen Historikers und Schriftstellers György Dalos, das neben den wichtigsten historischen Ereignissen auch weniger bekannte Geschichten enthält, wie etwa die des medizinischen Forschers Fyodor Uglov. Uglov veröffentlichte 1981 eine Untersuchung zum Gesundheitszustand des sowjetischen Volkes und prangerte das Alkoholproblem nicht nur bei den Führungskräften, sondern in der gesamten Bevölkerung an. Dalos schildert außerdem die Lebenswege von Ernö Rubik, dem Erfinder des Spielzeugs Rubik’s Cube oder Sergiu Celac, Dolmetscher des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu. 1968 wurde Dalos in einem politischen Prozess verurteilt und erhielt Publikationsverbot. 1977 schloss er sich der demokratischen Oppositionsbewegung in Ungarn an, seit 1984 lebt der preisgekrönte Autor in Wien, Berlin und Budapest.

Das Internet als Geschichtslehrer

Es gibt nicht die eine Wahrheit; es gibt nicht die eine Geschichte – welche ist Deine? Unter diesem Motto steht der zu Lebt wohl, Genossen! gehörende Internetauftritt. Die interaktive Website ist spielerisch gestaltet und stellt eine Investigation in die persönlichen Erinnerungen von etwa 15 Protagonisten dar – es wird sie in mindestens drei Sprachen, Englisch, Französisch und Deutsch, geben. Jeder Protagonist zeigt Postkarten von seiner Reise durch die Sowjetunion, die dem Nutzer wertvolle Hinweise auf seine Geschichte geben. Zusammen mit zahlreichen offiziellen Erinnerungsstücken bietet der Netzauftritt einen Einblick in das Leben hinter dem Eisernen Vorhang. Das Publikum soll durch die Interaktion Teil der Geschichte werden und sein Wissen neu einordnen. Das verbindende Element zwischen allen drei Medien – Fernsehen, Buch und Internet – werden die Postkarten sein: Sie sind der Kern des Netzprojekts, finden sich in dem Buch wieder und sollen auch Teil einer geplanten Ausstellung sein. Die Geschichtsdokumentation Lebt wohl, Genossen! ist mit seiner Herangehensweise auch für ein junges und internetaffines Publikum sehr attraktiv.

Franziska Schwarz
ist freie Journalistin in München. Sie hat Kunst und Journalistik studiert.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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