Leben

Antonín Panenka

Per Elfmeter zu Weltruhm

Antonín Panenka und der große Moment, der ihn unsterblich machte.

Antonín Panenka ist mittlerweile 63 Jahre alt. Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist er aber auch den jüngsten Fußball-Fans ein Begriff. Der Grandseigneur des tschechischen Fußballs ist in seiner Heimat eine Legende. Wie ist es allerdings um sein internationales Renommee bestellt?

Der „Lupfer von Vršovice“ ist eine weltbekannte Elfmeterschuss-Variante – ein Kabinettstückchen, genauso einfach wie genial. Dabei wird der Ball vom Elfmeterpunkt in einem hohen, langsamen Bogen in die Mitte des Tores geschlenzt – während sich der Torwart schon längst in Richtung Pfosten geworfen hat. Der Name dieses schlitzohrig ausgeführten Strafstoßes geht auf den Prager Stadtteil Vršovice zurück, wo der Verein Bohemians seine Heimat hat und wo dieser Elfmeter von seinem Erfinder trainiert wurde. International hat sich jedoch eine einfachere Bezeichnung durchgesetzt: Panenka-Tor.

Solide Vorbereitung

Panenka hat schon mehrfach zum Besten gegeben, wie er auf diese ungewöhnliche Strafstoß-Variante kam: Nach dem Bohemians-Training blieb er noch mit Torwart Zdeněk Hruška zum Elfmeter-Wettschießen auf dem Platz. Der Einsatz war meistens Schokolade oder Bier. Doch die Gewinne des Goalies bekamen Oberhand, und Panenka musste seine Schusstaktik überdenken. Die Idee kam ihm angeblich eines Nachts: Hruška wartete immer bis Panenka schoss und warf sich dann in die Ecke, von der er glaubte, dass sie die richtige sei. Wie wäre es also, langsam zu schießen und den Ball mittig zu lupfen. Der Trick funktionierte auf Anhieb, und Panenka fing an, ihn auch bei Meisterschaftsspielen zu benutzen. „Insgesamt habe ich wohl 35-mal einen Elfmeter auf diese Art und Weise geschossen, und nur einmal ging es daneben“, gab er unlängst Einsicht in seine persönliche Statistik.

Fußball-Geschichte schrieb Antonín Panenka am 20. Juni 1976, als es in Belgrad zum Europameisterschaftsfinale Tschechoslowakei gegen den Titelverteidiger aus Deutschland kam.

Foto: Marc Bader

35 Jahre nach dem Finale traten Panenka und Maier gemeinsam im Tschechischen Fernsehen auf. Foto: Marc Bader

Hoeneß vergibt

Die tschechoslowakische Mannschaft führte bereits 2:0, aber die Deutschen konnten in der zweiten Hälfte verkürzen und schossen in der letzten Minute der regulären Spielzeit sogar den Ausgleichstreffer. Die Verlängerung blieb torlos, der Sieger musste im Elfmeterschießen ermittelt werden. Dies war jedoch neu für die deutsche Mannschaft. Sie ging noch bis kurz vor Spielbeginn davon aus, dass es im Falle einer torlosen Verlängerung wie bisher zu einem Wiederholungsspiel käme. Die Tschechoslowaken waren über diese Regeländerung hingegen im Bilde, und Elfmeterschießen war daher Bestandteil ihres Trainingsprogramms. Zu dem Zeitpunkt hatte Panenka seine Elfmetertechnik schon zwei Jahre trainiert und erprobt.

Nachdem Uli Hoeneß als vierter deutscher Elfmeterschütze verschoss, stand es 4:3 für die Tschechoslowakei. Dem unglücklichen Hoeneß, heute Präsident des FC Bayern München, hängt sein verschossener Strafstoß bis heute nach. Mit seinem Fehlschuss weit über das Tor hinaus hat er Deutschland um den Titel gebracht. 35 Jahre danach verriet der damalige deutsche Nationaltorwart Sepp Maier in einer tschechischen Fernsehsendung, dass Hoeneß seinerzeit gar nicht schießen wollte, weil er sich nicht sicher fühlte. „Wenn Kapitän Beckenbauer mich hätte schießen lassen wie ich es ihm angeboten hatte, dann wäre vielleicht alles anders gekommen“, verriet Maier mit einem Lachen.

Nach Hoeneß kam nämlich Antonín Panenka und der große Moment, der ihn unsterblich machen sollte. Schneller Anlauf, Maier springt in eine Ecke, der gefühlvolle Lupfer senkt sich ins Netz, und fertig, die Sache ist entschieden. Die Tschechoslowakei ist sensationell Europameister. Und der Panenka-Lupfer weltberühmt.

Wie konnte es kommen, dass einer der besten Torhüter der Welt sich so verladen ließ? Teilweise spielte die unerwartete Regeländerung eine Rolle. „Hätte ich früher gewusst, welche Neuerung die UEFA eingeführt hat, hätte ich Antoníns Spiel genauer studiert, und er hätte es nicht so einfach gehabt“, sagt Maier in einer Diskussionsrunde und klopft dem neben ihm sitzenden Panenka auf die Schulter.

Aus Vršovice in die Welt

Die Bilder vom gelungenen Lupfer gingen um die Welt. Fünf Jahre darauf durfte Panenka ins Ausland wechseln und ging zu Rapid Wien. Auch dort war er ein sehr populärer Fußballer. 2004 gewann er sogar den Wettbewerb um das schönste Tor der Liga. Ja, es war sein berühmter Lupfer, Version 1982.

Quelle: www.bohemians1905.cz

Antonín Panenka fiebert auf der Tribüne mit „seinen“ Bohemians. Quelle: www.bohemians1905.cz

Mit Panenkas internationalem Ruhm ist es ähnlich wie bei anderen Menschen, die mit etwas sehr Prägendem den Rest ihrer Leistung in den Schatten stellten. So wird Winnetou-Darsteller Pierre Brice auf immer und ewig mit dieser Rolle identifiziert werden, und ähnlich ist es auch mit Panenkas Karriere. Im Ausland wird nur ein ganz kurzer Augenblick seines Fußballerlebens in Erinnerung bleiben.

An der cleveren Elfer-Variante fanden aber auch andere Spieler gefallen. Im Internet findet man Videos mit zahlreichen Panenka-inspirierten Lupf-Versuchen, zum Beispiel einen Strafstoß von Zinedine Zidane, der von der Latte knapp hinter die Torlinie springt. Es gibt aber natürlich auch gescheiterte Versuche, so wie der eine erwähnte von Panenka selbst. Damals hatte es viel geregnet, der Fünf-Meter-Raum stand unter Wasser. Als Panenka zu seinem Lupfer ansetzte, blieb der Torwart einfach stehen, weil er keine Lust hatte, in die Pfütze zu springen. Der Ball landete direkt in seinen Armen. Im EM-Finale war dieser Lupfer ein riskanter Zug, der jedoch gelang. Der Name Panenka wird für immer mit diesem lässigen Elfmeter-Lupfer in Verbindung gebracht werden.

Ondřej Zuntych
Übersetzung: Ivan Dramlitsch
 
Copyright: Goethe-Institut Prag
Juni 2012
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Antonín Panenka

Das Leben Antonín Panenkas ist ein Leben für den Fußball. Der technisch versierte Mittelfeldakteur spielte lange Jahre für Bohemians Prag, heute ist er Präsident des Vereins. Als Nationalspieler gewann er 1976 mit der Tschechoslowakei die Europameisterschaft. Mit seinem fintenreichen, intelligenten Spiel verzückte er in den 80er Jahren als Rapid-Spieler das Wiener Publikum. Nicht nur dafür bekam er vom tschechischen Staatspräsidenten den Verdienstorden 1. Klasse verliehen.

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