Leben

Gottesdienst auf einem DIN-A4-Blatt

Foto: Fanthomas (2), CC BY-NC-SA 2.0

Südtribüne Dortmund: Wo sich Fußball und Religion kreuzen

Foto: Peter Fuchs, CC BY 2.0
„Brüder für anderthalb Stunden“, Foto: Peter Fuchs, CC BY 2.0

Das ist die Geschichte von Fußballfans, die diese Bezeichnung verdienen. Von Fans, die ihren Klub und seine Spieler nahezu religiös verehren. Von Fans wie Martin.

Der Fußball verwandelte uns in Mitglieder einer neuen Gemeinschaft, in Brüder für eineinhalb Stunden. Denn wir waren nicht nur jeder für sich der dröhnenden Maschinerie dieses armseligen Lebens entflohen, das sich zusammensetzt aus Arbeit, Löhnen, Mieten, Arbeitslosenunterstützung, Krankengeldern, Versicherungskarten, keifenden Frauen, kränklichen Kindern, schlechten Chefs, faulen Arbeitern, sondern wir waren all diesem gemeinsam mit den meisten unserer Kameraden und Nachbarn, mit der halben Stadt entronnen. Und da waren wir nun, miteinander schreiend, einer dem anderen auf die Schulter schlagend, und tauschten untereinander unser Urteil aus wie die Herren dieser Welt, nachdem wir uns durch ein Drehkreuz den Weg in eine andere und weit prächtigere Art des Lebens erkämpft hatten.

Treffender als der englische Schriftsteller J.B. Priestley lässt sich wohl kaum beschreiben, warum es Millionen Menschen Woche für Woche zum Fußball in die Stadien zieht. Seine Zeilen haben weder an Aktualität noch an Attraktivität verloren– und das, obwohl sie aus dem Jahr 1928 stammen.

Nun gibt es Unverbesserliche, die es in die Arenen zieht, um Hassgefühle auszuleben und eine Sehnsucht nach Anarchismus zu befriedigen; ob mit diskriminierenden Gesängen, bengalischem Feuer, Vandalismus oder gar körperlicher Gewalt. Doch dies ist nicht ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Fußballfans, die diese Bezeichnung verdienen, weil sie – ob zuhause oder auswärts, bei jedem Wind und Wetter – ihrer Mannschaft treu zur Seite stehen. Von Fans, die ihren Klub und seine Spieler nahezu religiös verehren. Von Fans wie Martin.

Foto: Fanthomas (2), CC BY-NC-SA 2.0

Die Dortmunder Südtribüne, die größte Stehplatztribüne Europas, Foto: Fanthomas (2), CC BY-NC-SA 2.0

Martin ist 26 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Doch weil er in einem anderen Zusammenhang schlechte Erfahrung mit der Presse gemacht hat, möchte er lieber anonym bleiben. Weil er schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht hat, ist er vorsichtig geworden. Nur zu gerne aber redet er über seine Leidenschaft, die sie in Dortmund „Echte Liebe“ nennen: für den Ballspielverein Borussia.

Aha, ein typischer Erfolgsfan, mögen jetzt manche denken. Doch Martin ist bereits seit einem Jahrzehnt Dauerkarteninhaber. Zu jedem Heimspiel von Borussia Dortmund fährt er 150 Kilometer in die Fußballkathedrale Westfalenstadion. Er bekannte sich auf diese Weise in einer Phase zur Borussia, als der Verein finanziell am Boden lag und sportliche Erfolge wie in den vergangenen beiden Jahren noch unvorstellbar waren. Auch auswärts ist er fast immer mit dabei: „Damals, im Frühjahr 2007, in Aachen und Berlin, als es für uns gegen den Abstieg ging“, erzählt er, „das war schon sehr emotional.“

Schwere Zeiten wie diese bestärkten ihn in seinem Glauben an die Elf und erklären gleichzeitig den Rausch des Glücks, den die beiden Meisterschaften 2011 und 2012 in ihm auslösten. Die vergangenen fünfzehn Jahre des Vereins waren für Martin eine rasante emotionale Achterbahnfahrt – vom Fußball-Himmel in die Fußball-Hölle und wieder zurück.

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Auf einer einfachen Betonkonstruktion kommt die identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion des Fußballs in sehr eindrucksvoller Weise zum Tragen. Foto: Fanthomas (2), CC BY-NC-SA 2.0

Vergleiche zwischen dem Fandasein und religiösem Glauben meidet Martin nicht, im Gegenteil. Er legitimiert sie ohne Nachfrage, wenn er schildert, was der Verein ihm bedeutet: „Für viele ist Borussia Religion“, sagt er, „und der Gottesdienst findet bei optimaler Terminierung samstags um 15:30 Uhr auf dem Rasen statt.“ Bei Antworten wie diesen beginnt man schnell zu schmunzeln bis man plötzlich merkt: Es ist sein purer Ernst.

Richtig euphorisch wird Martin, wenn er von der Stimmung auf der größten Stehplatztribüne Europas, der Dortmunder Südtribüne, erzählt: „Das ist natürlich wahnsinnig! Du bewegst dich auf der Fläche eines DIN-A4-Blattes. Gemeinsam mit 25.000 Verrückten aus allen Schichten der Gesellschaft – und alle sind nur wegen Borussia da. Wenn der BVB dann ein Tor schießt, fliegst du schon mal fünf bis zehn Stufen nach vorne.“ Auf einer einfachen Betonkonstruktion kommt die identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion des Fußballs in sehr eindrucksvoller Weise zum Tragen.

Torjubel auf der Dortmunder Südtribüne beim Spiel Borussia Dortmund gegen Bayern München, 11. April 2012

Paris, Sevilla, Marseille, London – allesamt Städte, die Martin in Verbindung mit Spielen seines Klubs schon bereist hat. Hinzu kommen der ukrainische EM-Spielort Lwiw und diverse Plätze in Südspanien, wo der BVB seine Trainingslager ausrichtete. Dorthin ging es allerdings nicht auf dem Luftweg: „28 Stunden Fahrt – Bullitour!“ 2000 Euro, so schätzt er, kosten ihn Fußballtrips wie diese im Jahr.

Der BVB sei für den gelernten Betriebsfachwirt eben kein Hobby, sondern ein Lebensinhalt, jeden Tag aktuell. Ob sich seine Leidenschaft durch die Kommerzialisierung des Sports verändert? Martin antwortet überraschend rational: „Ohne Kommerz kann in der heutigen Zeit kein Profiverein im Fußball, Eishockey oder sonst wo wettbewerbsfähig sein.“ Allerdings: „Als damals unser Westfalenstadion unbenannt wurde [trägt seit Ende 2005 den Namen eines Sponsors, Anm. d. Autors], war das schon ein herber Schlag.“

Den schwarz-gelben Glauben verloren hat er dadurch dennoch nicht. Martin wird weiter regelmäßig zum „Gottesdienst“ gehen, um seiner Borussia zu huldigen – gemeinsam mit 80.000 Brüdern und Schwestern für eineinhalb Stunden.

Matthias Mischo
 
Copyright: Goethe-Institut Prag
Juni 2012

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