Hinterm Steuer kommt die Panik

Foto: Last Hero, CC BY-SA 2.0Foto: Last Hero, CC BY-SA 2.0
Mal eben einkaufen fahren. Für viele die normalste Sache der Welt. Foto: Last Hero, CC BY-SA 2.0

Nathalie S. leidet unter einer Autofahrphobie. Trotzdem holt sie - nun – mit 39 Jahren -– noch den Führerschein nach.

Mal eben zum Bäcker und Brötchen geholt, mal eben in den Nachbarort gedüst, um dort Freunde zu besuchen, mal eben zum Geschäftsessen von Kiel nach Füssen über die Autobahn gebraust: Für die meisten ist das Auto aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Für viele ist die Fahrerei reines Vergnügen, für andere eine lästige Notwendigkeit, doch für fast alle eigentlich die normalste Sache der Welt.

Für Nathalie S. bedeutet es jedoch Stress pur: Die Übersetzerin und Autorin kann sich nicht „mal eben“ hinters Steuer setzen. Sie leidet unter einer Autofahrphobie. Trotzdem holt sie - nun – mit 39 Jahren -– noch den Führerschein nach.

Mit einem Unfall fing es an

Früher hat Nathalie sich keine großen Gedanken ums Autofahren gemacht. Musste sie auch nicht. Aufgewachsen in der Großstadt, konnte sie alle Strecken immer gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. „Deshalb habe ich mit 18 auch keinen Führerschein gemacht“, erzählt sie. „Ich habe ihn einfach nicht gebraucht.“

Als sie Anfang 20 war, wurde aus einem diffusen Widerwillen gegen das Autofahren jedoch eine handfeste Störung. Die Ursache war ein Unfall auf einer Nachtfahrt von München nach Hamburg. Ihr damaliger Freund saß am Steuer und war überzeugt davon, noch wach genug zu sein, um die fast 800 Kilometer lange Strecke hinter sich zu bringen. Der Unfall hätte vermieden werden können, glaubt Nathalie heute.

Plötzlich war da die Rückwand des Lasters – viel zu nah…!

Tatsächlich schlief der junge Mann am Steuer ein – und wäre beinahe auf einen Lastwagen aufgefahren. „Was die Situation für mich so schlimm gemacht hat“, so Nathalie, „war, dass ich auch geschlafen habe. Ich bin also hochgeschreckt, und in dieser Phase des Aufwachens, in der man eigentlich noch total orientierungslos ist, habe ich nur mitbekommen, wie mein Freund plötzlich schrie und fluchte. Dann sah ich die Rückseite des Lasters, natürlich viel zu dicht vor uns. Mein Freund riss das Steuer herum, wir kamen von der Fahrbahn ab, haben die Leitplanke mitgenommen und sind noch über eine halbe Kuhwiese geschlittert, bis der Wagen dann endlich zum Stehen kam.“

Foto (Ausschnitt): Jinrui Qu, CC BY-SA 2.0
Ganz entspannt hinterm Steuer? Nathalie wird das vermutlich nie sein. Foto (Ausschnitt): Jinrui Qu, CC BY-SA 2.0

Glück im Unglück, könnte man behaupten. Immerhin haben beide den Unfall ohne schlimmere Blessuren überstanden. Doch Nathalie wurde das Bild der Lastwagenrückwand einfach nicht mehr los. „Damals begann meine Angststörung“, glaubt sie.

Hohes Tempo, wenig Abstand: Für Nathalie der Horror

Seitdem ist Autofahren für sie mit Angst- und Panikgefühlen verbunden. Besonders unangenehm findet sie Autobahnen und Landstraßen: Bei hohem Tempo und geringen Abständen zu anderen Fahrzeugen erlebt sie den Unfall in Form von Flashbacks immer wieder. Neben psychischen Symptomen wie Anspannung und Nervosität macht sich das Problem auch auf körperlicher Ebene bemerkbar: Ihr wird schlecht, die Hände zittern und sie bekommt Schweißausbrüche. Und auch ihre Wahrnehmung ist in Mitleidenschaft gezogen: „Es kommt oft vor, dass ich dem Fahrer vorwerfe, er würde viel zu dicht auffahren, dabei hält er ganz vernünftig Abstand. Ich fürchte, ich habe da schon eine hysterische Wahrnehmung“, stellt sie fest.

Ihr Umfeld reagiert mit gemischten Gefühlen: Ihr Mann weiß natürlich von dem Problem und übernimmt daher das Autofahren. Gern tut er das allerdings nicht immer: „Klar ist er öfter genervt, vor allem, wenn er nach der Arbeit noch Fahrdienste schieben muss“, so Nathalie, die dafür durchaus Verständnis hat. Andererseits fühlt sie sich dadurch noch mehr unter Druck gesetzt. „Der Umgang mit einem Angstpatienten ist eine Gratwanderung“, gibt sie zu. „Auf der einen Seite soll man liebevoll Rücksicht nehmen, aber wiederum auch nicht zu viel, damit das Vermeidungsverhalten nicht noch mehr verstärkt wird. Das richtige Maß zu finden ist nicht immer einfach.“

Trotzdem: Der eigene Lappen soll her!

Inzwischen arbeitet Nathalie allerdings trotz ihrer Phobie am eigenen Führerschein. Das ist einfach eine Sache der Notwendigkeit: Mittlerweile lebt sie nämlich in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfahlen, wo „ohne Auto gar nichts geht“, wie sie findet. Außerdem hat sie einen kleinen Sohn, der im kommenden Jahr einschult werden soll. Bis dahin möchte sie nicht mehr nur auf die „Fahrdienste“ ihres Mannes angewiesen sein.

Foto (Ausschnitt): colourbox.de
Die meisten machen den Führerschein mit 18. Nathalie will ihn mit 39 Jahren „nachholen“. Foto (Ausschnitt): colourbox.de

Ihre Fahrlehrerin weiß von ihrem Problem und geht damit sehr gut um: „Sie versichert mir immer wieder, dass ich es schaffe und verbreitet einfach totalen Optimismus“, so Nathalie. Trotzdem kommt es gelegentlich vor, dass ihre Angstsymptome so stark sind, dass sie die Stunde absagen muss. Klar, dass sie dann frustriert ist und glaubt, einen Rückschritt gemacht zu haben. „Es ist nicht so einfach, sich zu überwinden, aber dabei nicht selbst unter Stress zu setzen“, erzählt sie. Bis Herbst 2013 möchte Nathalie den Führerschein aber in der Tasche haben.

Ganz entspannt hinterm Steuer? Vermutlich nie.

Dass sie jedoch jemals völlig entspannt Autofahren wird, hält sie für eher unwahrscheinlich. „Ich bin ja noch totale Anfängerin“, befürchtet sie, „und alle anderen in meinem Alter haben mir schon 20 Jahre Fahrerfahrung voraus. Und ich habe dann höchstens noch 20, vielleicht 25 Jahre vor mir, bis ich wiederum aus Altersgründen nicht mehr fahrtüchtig bin. Das erscheint mir nicht wirklich viel.“

Trotzdem betrachtet sie es als großen Fortschritt, überhaupt den Schritt in die Fahrschule und sich selbst hinters Steuer gewagt zu haben. „Mein Therapeut ist jedenfalls total stolz auf mich!“, sagte sie und lacht.


Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2013

    Autofahrphobie

    Bei der „klassischeren“ Variante der Fahrphobie (auch: Amaxophobie) fürchten sich Menschen vor dem Autofahren trotz vorhandener Fahrerlaubnis. Das bedeutet, der Führerschein wurde meist noch ganz normal erworben und die Probleme traten erst zu einem späteren Zeitpunkt auf.

    Die Ursachen können vielfältig sein: Vermutlich liegt eine ererbte Neigung zur Ängstlichkeit zugrunde, die durch negative Erlebnisse im Straßenverkehr verstärkt wird. Manche Betroffene sind durch einen Unfall oder eine sehr bedrohliche Situation traumatisiert worden. Andere haben zwar den Führerschein gemacht, sind aber danach selten bis nie gefahren und verfügen daher kaum über Fahrpraxis. Auch wiederholte, barsche Kritik von Beifahrern kann dazu führen, dass jemand sich für fahrunfähig hält und entsprechende Ängste entwickelt.

    Die Fahrangst kann sich auf bestimmte Situationen beschränken, zum Beispiel Stadtverkehr, Autobahnen oder Landstraßen. In schweren Fällen führt sie jedoch dazu, dass der Betroffene sich gar nicht mehr hinters Steuer setzt und sogar als Beifahrer unter Ängsten leidet.

    Abhilfe kann hier ein Besuch beim Psychologen schaffen. Außerdem gibt es inzwischen auch therapeutisch ausgebildete Fahrlehrer, die sich auf die Arbeit mit fahrängstlichen Menschen spezialisiert haben.

    Themen auf jádu

    #Klartexte
    Ein aufmerksamer, unaufgeregter und kritischer Medienkonsum hilft. Wer die Mechanismen medialer Manipulation und Desinformation versteht und erkennt, minimiert das Risiko, sich betrügen zu lassen. Das ist das Ziel unseres Projektes #Klartexte. Mehr...

    Auf dem Land
    Klischees über Land und Provinz gibt es (in der Stadt) genug. Was ist dran? Wir haben uns mal umgeschaut.  Mehr...

    Gemischtes Doppel | V4
    Vier Kolumnisten aus der Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn schreiben über die Bedeutung Europas, Rechtspopulismus, nationale Souveränität, gesellschaftlichen Wandel, die Arroganz des westlichen Blicks – und brechen damit staatliche und gedankliche Grenzen auf. Mehr...

    Bis in beide Ohren
    Stimmen, Klänge, Geräusche. Angenehme und unangenehme. Solche, die (uns) etwas bedeuten, und solche, die nur sie selbst sind. Solche, die von außen kommen, aber natürlich auch solche, die wir selbst von uns geben. Ob wir können, wollen oder müssen: Hinhören lohnt sich. Mehr...

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...