Ausatmen — Einatmen!

Künstler in Zeiten von CoronArt

Zeichnung: © Ivana Šáteková

Der bekannte argentinische Geschichtenerzähler und Psychotherapeut Jorge Bucay schrieb einmal eine wunderschöne Geschichte mit dem Titel „Das Blatt“. Sie spielt im Jahr 1900 am Beginn eines harten Winters irgendwo in Frankreich in einem alten Häuschen, in dem die 11-jährige Marie mit ihrer Mutter lebt. Eines Morgens spürte das Mädchen starke Schmerzen im Brustkorb. Die Diagnose des Arztes lautet: Tuberkulose. Eine Krankheit, die zur damaligen Zeit für viele den Tod bedeutete.

„Bleiben Sie Marie nahe. Wenn sie bis zum kommenden Frühjahr träumen kann, wird sie wieder gesund“, sagte der Arzt der traurigen Mutter. Bis zum Frühjahr waren es jedoch noch zwei lange Monate. Deshalb beschloss die Mutter, die Möbel im Haus umzustellen und rückte das Bett der Tochter an Fenster, damit sie hinausschauen konnte.

„Mama, Mama“, rief Marie eines Morgens. „Schau dir diesen Baum an. Vor einiger Zeit war er voller bunter Blätter, aber jetzt ist er fast kahl. Wenn das letzte Blatt abfällt, geht auch mein Leben mit ihm zusammen zu Ende“, sagte das Mädchen zur Mutter, die es gleich darauf umarmte. „So darfst du nicht denken. Die Blätter fallen zwar ab, aber dann wachsen neue“, redete ihr die Mutter zu. Als sie eines Morgens ins Zimmer kam, sah sie ihre Tochter gespannt aus dem Fenster blicken. Regungslos beobachtete sie einen jungen Künstler, der seine Erinnerungen an Paris auf Leinwand malte.

Das Mädchen und der Maler wurden Freunde. Er war es, der ihr alle Farben des Lebens zeigte. Eines Tages begann Marie jedoch zu weinen. „Warum weinst du?“, fragte der Maler. „Heute habe ich die Blätter am Baum gezählt und es sind nur noch 25. Ich weiß, was es bedeutet, wenn alle abfallen“, antwortete ihm das Mädchen traurig. Der Maler beugte sich zu ihr hinunter und umarmte sie. Eines Tages musste er jedoch wegen seiner Ausstellung auf einen anderen Kontinent reisen. Marie war betrübt, aber der Maler versprach, dass er ihr nach seiner Rückkehr im Frühjahr das Malen mit Ölfarben beibringen würde.

Hoffnung in Zeiten der Unsicherheit

„Ich weiß nicht, ob ich noch hier sein werde, wenn du zurückkommst“, sagte Marie niedergeschlagen. Tag für Tag beobachtete sie weiter die Bäume mit Schmerzen im Brustkorb. „Mama, Mama! Schau, am Baum sind nur noch drei Blätter“, sagte sie zu ihrer Mutter. Bis zum Beginn des Frühlings waren es nur noch zwei Wochen, aber Marie litt weiter unter Krankheit und Angst. Eines Nachts zog ein ungeheurer Sturm auf. Es schneite und ein starker Wind blies, der wie eine Peitsche zerstörerisch über alles hinwegfegte.

„Mama, deck mich zu, mir ist sehr kalt“, bat das fiebernde Mädchen. Als es am Morgen erwachte und aus dem Fenster sah, bemerkte es, dass nur noch ein einziges kleines Blatt an einem Zweig des Baumes hing. „Mama, wahrscheinlich sterbe ich“, sagte Marie leise. Aber das Blatt blieb wie durch ein Wunder weiter an dem Baum hängen. Nach und nach bemerkte das Mädchen, wie an dem Baum neue, grüne Blätter wuchsen. Sein Gesundheitszustand begann sich zu bessern. Der Frühling kam und endlich konnte Marie wieder auf die Straße hinausgehen.

„Er ist noch nicht zurück, aber er hat etwas für dich dagelassen“, sagte der Nachbar dem Mädchen und gab ihr einen Brief des Malers. „Liebe Marie, bald beginnen wir unseren gemeinsamen Malunterricht. Solange ich weg bin, geh zur Haushälterin und bitte sie um die Schlüssel für meine Wohnung. Geh hinein, nimm dir, was du brauchst und male“, schrieb er ihr. Marie ging in das Atelier, nahm die Farben des Künstlers, öffnete das Fenster und plötzlich sah sie am Baum das Blatt, das sie den ganzen Winter lang beobachtet hatte. Es war so nah, dass sie es plötzlich mit der Hand berühren konnte.

Wir brauchen Kunst

Die Geschichte von Jorge Bucay erzählt auch davon, wie wichtig Kreativität und Kunst in unserem Leben sind. Vielleicht waren sie uns noch nie so nahe, wie in Zeiten der Corona-Stille, als sich die Welt verlangsamte. Die Kunst tritt plötzlich mit einer noch größeren Intensität an uns heran und erfüllt unseren persönlichen Raum. Vollgeschriebene Buchseiten, starke Liedtexte, Musik, rezitierte Gedichte oder Fotografien von Gemälden, die wir von Künstlern bekommen, geben uns die Möglichkeit, das zu reflektieren, was sie uns mit ihrem Blick auf die Welt sagen wollen. Viele haben sogar begonnen, etwas von ihren Werken online zu teilen.

Wie erleben eigentlich Künstler diese Tage? Haben sie die Möglichkeit, weiterzuarbeiten wie bisher? Wovon leben sie eigentlich und worüber denken sie nach? Erschaffen sie ihre eigene CoronArt? Was verändert sich ihrer Meinung nach in unseren Leben?

Schriftstellerin Uršula Kovalyk: „Die Zukunft sehe ich in schwarzen Farben“
Foto: © privat
Uršula Kovalyk: „Ich bin mir nicht sicher, ob bei dieser Pandemie auch die Reichsten und Mächtigsten lernen, Ressourcen zu teilen. Wir stehen an einem Scheideweg.“

Die Situation, in die wir hineingeraten sind, blockierte mich buchstäblich beim Schreiben meines neuen Buches. Ich kann mich nicht auf meine Gedanken konzentrieren, weil sie zu sehr mit den Problemen beschäftigt sind, die wir aufgrund des Coronavirus durchleben. Alles, worüber ich schreiben wollte, erscheint mir unwichtig, ja gar unbedeutend.

Ich habe Angst, ständig desinfiziere ich irgendetwas, mein Tagesrhythmus hat sich komplett verändert. Meine 13-jährige Tochter geht nicht zur Schule, sie lernt zu Hause, deshalb ist mein Computer häufiger besetzt. Die künstlerische Arbeit mit unserem Theater Divadlo bez domova (deutsch: Theater ohne Zuhause) steht still. Wir mussten die Proben für die neue Aufführung absagen und ich weiß nicht, ob wir es dieses Jahr überhaupt schaffen, das neue Stück zu proben und aufzuführen. Ich mache mir Sorgen, dass unser Schauspielteam auseinanderfällt oder ob unsere obdachlosen Schauspieler und Schauspielerinnen überleben. Manchmal gehe ich ins Theater, fülle es wieder ein bisschen mit Leben, putze, sortiere Kostüme.

Außerdem versuche ich, jeden Tag Jogaübungen zu machen, ich lese, unterhalte mich mit meiner Tochter, gehe mit unseren Hunden spazieren und vergrößere den Garten hinter dem Wohnblock, in dem wir leben. Musik beruhigt mich, viel gute Musik. Manchmal mache ich mit Patrik zusammen Musik, er trommelt auf der Cajón und ich auf der Schamanentrommel. Gemeinsam kochen wir Gerichte, für die wir früher nicht die Zeit hatten. Wenn es warm ist, sitzen wir auf dem Balkon und denken an die Freunde in England und New York.

Die Corona-Pandemie würde ich mit dem Anfang eines dystopischen Films vergleichen. Ich betone das Wort Anfang, denn die wahren Katastrophen infolge des Klimawandels kommen erst noch auf uns zu. Als ich vor kurzem abends auf dem Balkon saß, fielen von der Magnolie rosa Blütenblätter ab. Wunderschön und wie in Zeitlupe. Irgendwo war aus dem Fernseher eines Nachbarn eine Stimme zu hören, die über die weltweite Zahl der Corona-Toten sprach. Das romantische Abfallen der Blütenblätter nahm plötzlich eine ganz andere Dimension an. Ich spürte darin eine immense Brutalität, irgendeine nackte Wahrheit, die wir bei unserer Jagd nach wirtschaftlichem Wachstum vergessen haben. Wir sind sterblich und wenn wir tot sind, werden auch weiter Blütenblätter von der Magnolie fallen. Die Natur wird auch ohne uns existieren, wird sind für sie vollkommen unwichtig.

Und was sind für mich die Vorteile der Krise? Zum Beispiel die deutlich geringere Zahl von Autos in der Großstadt. Plötzlich ist es angenehm, zu Fuß durch die Straßen zu gehen, es sind nicht haufenweise Touristen in der Stadt, man hört den Gesang der Vögel, man kann in Bratislava mit dem Fahrrad umherfahren. Ich denke, die Menschen in den Großstädten haben bemerkt, wie wichtig die Natur ist, die Parks, freie Grünflächen, wo wir uns nicht eng aneinander vorbeidrängeln müssen. Wir stellen fest, dass es erbärmlich wenige davon gibt, dass wir alles vollgebaut haben mit nutzlosen Parkplätzen und Einkaufszentren. Als positiv sehe ich auch die Solidarität an, die zwischen den Menschen entsteht, verschiedene wohltätige Sammlungen für die am stärksten gefährdeten Gruppen der Gesellschaft, Spenden von Lebensmitteln, Medikamenten und verschiedenen Sachen, die wir übrig haben. Bisher. Ich fürchte mich auch vor der kommenden Wirtschaftskrise. Immer trifft es die Menschen aus den Randgruppen am schlimmsten. Während die Reichen etwas ärmer werden, sterben die Armen vor Hunger.

Ich bin mir nicht sicher, ob bei dieser Pandemie auch die Reichsten und Mächtigsten lernen, Ressourcen zu teilen, sorgsam mit anderen Menschen und der Natur umzugehen. Ich denke, wir stehen an einem Scheideweg. Ich bin wirklich gespannt, ob wir uns besinnen, bescheidener werden und den Weg hin zur Erhaltung des Lebens auf unserem Planeten einschlagen, oder den Weg des aggressiven kapitalistischen Wachstums, das uns schließlich tötet.

Die Kunst im Internet nehme ich als großartige Alternative zum Fernsehen wahr. Für jeden ist etwas dabei. Das Bedürfnis, Kunst mit anderen zu teilen, ist immer noch genauso stark. Vielleicht sogar stärker als vorher. Dem Online-Theater fehlt jedoch das, was ich während einer richtigen Aufführung fühle, eine Art Magie, ein gemeinsames Durchleben der Emotionen, die das Stück dem Publikum im Saal übermittelt. Es ist wirklich anspruchsvoll, ein Theaterstück aufzunehmen, weil es oft zu einem Film wird. Für mich ist das nicht so eine unglaubliche Erfahrung, wie Schauspieler und Schauspielerinnen live zu sehen und zu hören, zum Beispiel in unserem Theater. Ein winziger unsichtbarer Virus hat alles stillgelegt. Viele Schauspieler des Divadlo bez domova haben gesundheitliche Probleme und eine verminderte Immunität, weshalb sie geschützt werden müssen. Wir kommunizieren nur telefonisch oder über soziale Netzwerke miteinander. Einige hatten von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr, weshalb wir versuchen, sie zu unterstützen, so als ob wir noch proben und spielen würden. Wir verzweifeln nicht und hoffen sehr, dass die Theater im September endlich wieder geöffnet werden und wir wieder arbeiten können.

Was Bücher betrifft, so würde ich mich gern irren, aber ich denke, dass viele Verlage und Buchhandlungen durch die Wirtschaftskrise erfasst werden, die sich langsam aber sicher entwickelt. Viele von ihnen haben keine finanziellen Reserven, sie leben von dem, was sie verkaufen und wenn sie Gelder für die Herausgabe von Büchern aus anderen Quellen beschaffen können. Ich denke, es werden weniger Bücher herausgegeben und der Markt verlangsamt sich. Weniger Titel erscheinen und Antiquariate erleben eine Renaissance. Möglicherweise werde ich nie wieder ein Buch veröffentlichen können und möglicherweise werde ich mit so schwierigen Situationen konfrontiert, dass mir kein Raum mehr zum Schreiben bleibt. In diesen Zeiten bin ich dankbar, dass ich das Glück hatte, so frei schreiben und kreativ tätig sein zu können, aber ich persönlich sehe die Zukunft in schwarzen Farben.

Bildende Künstlerin Ivana Šáteková: „Corona werden wir zwar vielleicht besiegen, aber die Oberflächlichkeit wohl kaum“
Foto: © privat
Ivana Šáteková: „Corona werden wir zwar vielleicht besiegen, aber die Oberflächlichkeit wohl kaum“

Vor Corona waren meine Tage sehr geordnet. Die Organisiertheit ist jedoch jetzt aus meinem Leben verschwunden. Ich muss viele Sachen erledigen, damit wir nicht verhungern und mein Kind nicht dumm bleibt. Nebenbei versuche ich, irgendwo Zeit für meine Arbeit abzuknapsen, die momentan zu kurz kommt.

Meine Kunst ist minimalistischer geworden. Zu Hause kann ich mir nicht erlauben, Leinwand und Farben auszubreiten, deshalb widme ich mich mehr dem Zeichnen, was ich am liebsten mag. Ich habe das Gefühl, dass wir Künstler nicht nur so untätig dasitzen und ins Leere starren können. Da Galerien und Theater geschlossen sind und wir nicht die Möglichkeit haben, unsere Arbeiten an Orten zu präsentieren, wo Kunst gezeigt wird, stillen wir den Bedarf, unser Schaffen mit Menschen zu teilen, verstärkt online.

Auf Facebook haben wir die Gruppe CoronArt als kreativen Raum gegründet, wo Leute das mit anderen teilen können, was bei ihnen während der Coronakrise entstanden ist. Ursprünglich hatte ich gedacht, dass dieser Gruppe nur einige wenige Künstler aus meiner Bubble beitreten würden. Bis jetzt aber ist Gruppe auf mehr als 8400 Mitglieder gewachsen. Ich hoffe sehr, dass wir es irgendwann auch schaffen, dass CoronArt in Galerien gezeigt wird. Also, wenn Corona das zulässt. Währenddessen denke ich bei all dem auch darüber nach, wie das Leben hinterher aussehen wird.

Es wäre schön, sich vorzustellen, dass die Menschen mehr Demut und Respekt gegenüber der Natur, der Gesundheit und dem Leben lernen. Ich denke aber, dass sie sehr schnell vergessen und zu ihrem alten Lebensstil zurückkehren werden. Ich war so perplex, über das Ergebnis einer Umfrage, bei der die Slowaken gefragt wurden, was ihnen während der Quarantäne am meisten fehlt. Das waren nicht die Großeltern und auch keine künstlerischen Veranstaltungen, letzten Endes auch nicht einmal das Reisen. Platz eins war: Shoppen.

Corona werden wir zwar vielleicht besiegen, aber die Oberflächlichkeit wohl kaum.


Für mich persönlich wäre es auch eine positive Veränderung, wenn die Politiker in der Slowakei die Notwendigkeit von Wissenschaft und Forschung begreifen würden und anfangen, das angemessen zu unterstützen. Mit der Kunst ist es ähnlich. In der Slowakei wird Kultur seit langem unterbewertet. Die Politiker haben dafür gesorgt, dass sie sich so weit von den normalen Menschen entfernt hat, dass sie sie überhaupt nicht mehr verstehen. Und, was noch schlimmer ist, auch nicht mehr wollen.

Viele Leute verachten Künstler, und künstlerisches Schaffen ist für sie keine Arbeit. Dabei weiß kaum jemand, dass viele auch noch andere Jobs haben müssen, um frei arbeiten zu können und ihre künstlerischen Tätigkeiten zu finanzieren. Um meine Arbeiten ausstellen zu können, verdiene ich zum Beispiel Geld mit kommerziellen Projekten. Ich hoffe, dass sich diese Bedingungen irgendwann ändern und wir das Wort Künstler dann nicht mehr als Schimpfwort wahrnehmen.

Auch wenn viele von uns gerade existenzielle Probleme haben, können diese Zeiten für Künstler auch positiv sein, für die Fertigstellung ihrer Projekte oder zum Schaffen neuer Arbeiten. Ich weiß, dass die Krise alle betrifft, nicht nur Künstler. Da stecken wir alle gemeinsam drin.

Bildender Künstler Erik Šille: „Ich wünsche mir weniger Egoismus, mehr Verantwortung und Demut“
Foto: ©  Peter Frollo
Erik Šille: „Ob wir gute Kunst brauchen, ist eine Frage von Qualität und Anspruch. Manchen reicht eine Serie und für manche ist es wichtig, komplexere Antworten auf Fragen und die Welt um uns herum zu suchen.“

Die Kunst, die wir jetzt im Internet finden, wirkt eher wie ein Trostpflaster. Denn tatsächlich kann nichts ein richtiges Theaterstück, ein echtes Konzert oder eine Ausstellung in einer Galerie ersetzen. Dieses Gefühl, wenn man vor einem Bild steht, kann Instagram nicht ersetzen. Genau wie Netflix auch unsere Leidenschaft nicht befriedigt, die wir im Theater erleben.

Das Tragen der Gesichtsmasken haben wir mit der Familie schon ein paar Wochen vorher erlebt, bevor die Maßnahmen in der Slowakei eingeführt wurden. Wir sind vor kurzem von meinem Arbeitsaufenthalt in Japan zurückgekehrt, wo wir einen Monat waren. Die Masken haben wir als unausweichlichen Fakt hingenommen. Es hat uns zwar einiges an „Bestechung“ in Form von Spielzeugautos und –eisenbahnen oder Eis für unseren Sohn gekostet, damit er die Maske aufbehielt, aber wir haben es geschafft. Im Vergleich zu Europa gab es in Japan überall Desinfektionsmittel und ich habe mich dort um einiges sicherer gefühlt. Was ich an den Japanern bewundere, ist genau ihre Prinzipienfestigkeit.

Nach der Rückkehr in die Slowakei und in den ersten Tagen der Ausgangsbeschränkungen habe ich zu Hause an kleineren Formaten gearbeitet. Ich habe Entwürfe auf Papier angefertigt. Nach einer Woche habe ich es aber nicht mehr ausgehalten und vorsichtig angefangen, wieder ins Atelier zu gehen. Ich gehe jeden Tag hin, um malen zu können. Auf einmal habe ich mehr Zeit, da an der Schule, an der ich unterrichte das Semester beendet wurde. Jetzt ist es ganz ruhig überall.


Da ich in meinen Arbeiten immer die Zeit reflektiere, in der wir leben, ist das natürlich auch jetzt der Fall. Die Situation mit der Coronakrise empfinde ich als ziemlich beunruhigend, aber ohne Panik. Ich warte ab, was kommt. Mein Leben wurde durch all das erheblich beeinflusst. Im Frühjahr sollte ich für einen zweimonatigen Aufenthalt nach Frankreich reisen, aber in dieser Situation muss man sich wirklich verantwortungsvoll verhalten, sich zusammenreißen und insbesondere den Allerschwächsten helfen.

Die Welt der Kunst ist fragil. Zeitgenössische Kunst hatte es auch vorher überhaupt nicht leicht. Ich denke, dass jede Institution oder Galerie diesen Ausfall sogar existenziell spüren wird. Ich weiß nicht, wie die Kunst weiter existieren sollte, aber ich persönlich erlebe große Unterstützung durch das Umfeld. Bekannte von mir, die Musiker sind, haben jedoch erhebliche finanzielle Einbrüche. Das tut mir besonders für diejenigen leid, die schon bisher geradeso das Mindeste zum Leben hatten. Ob wir gute Kunst brauchen, ist eine Frage von Qualität und Anspruch. Manchen reicht eine Serie und für manche ist es wichtig, komplexere Antworten auf Fragen und die Welt um uns herum zu suchen. Ich weiß nicht, wie das Ganze ausgehen wird, aber trotzdem glaube ich, dass wir es schaffen werden.

Wenn wir aus dieser Situation irgendeine Lehre ziehen sollten, was ich stark bezweifle, so könnte uns dieser Lockdown weniger Egoismus, mehr Verantwortung und Demut beibringen. Ob das gelingt, das sehen wir erst, wenn es vorbei ist.

Rapper und Musiker Lyrik H: „Mein Schaffen verändert sich, wenn sich alles um mich herum verändert“
Foto: © Miro Nôta
Lyrik H: „Es werden nun Zeiten kommen, in der alle grundlegenden Schritte von der Menschheit gemeinsam unternommen werden müssen.“

In diesen Tagen arbeite ich genauso intensiv wie vor der Quarantäne. Mit Bene, Roland Kánik und Peko arbeiten wir unter dem Namen Modré hory (deutsch: Blaue Berge) an neuen Tracks. Anders ist, dass unsere Konzerte ausfallen. Auch deshalb haben wir beschlossen, unseren Fans jeden Monat einen neuen Track und verschiedene zusätzliche Inhalte anzubieten. Und zwar für ein paar Euro über das Portal Patreon. Da haben wir unseren ersten Song mit dem Titel Zdravas zum Download angeboten.

Kurz vor der Krise kam noch der Song Pohybliví v nehybnom (deutsch: Beweglich in der Bewegungslosigkeit) der Gruppe Le Payaco raus, für den ich den Text geschrieben habe.

Und Zeit? Hatten und haben wir nicht. Meine Frau Zuzka ist Architektin und ebenfalls selbständig. Wir haben keine feste Stelle. Wir arbeiten für Kunden, Projekte und vor Corona hatte ich Konzerte. Wir arbeiten zu Hause, aber wir haben zwei kleine Söhne. Albert ist fast zwei und Artur vier. Und wir haben noch eine elfjährige Hündin namens Kuki Taishó. Solange die Jungen klein sind, möchten wir ihnen so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen, wie nur möglich. Wir wollen sie nicht vor dem Fernseher parken, den wir sowieso nicht haben.

Vor Corona war zumindest Artur im Kindergarten. Wir hatten mehr Möglichkeiten, unsere Zeit so effektiv wie möglich für die Arbeit zu nutzen. Jetzt ist es etwas schwieriger. Wir arbeiten in den stillen Momenten, zum Beispiel, wenn die Kinder schlafen oder einer von uns die Betreuung allein übernimmt. Und Kuki braucht natürlich auch Pflege und Auslauf. Unsere Leben sind in eine Phase eingetreten, in der wir uns intensiv um unsere Lieben kümmern und mit der Coronakrise hat sich das alles nochmals intensiviert.

Mein Schaffen verändert sich immer in Abhängigkeit davon, wie sich alles um mich herum verändert, und wie auch ich mich verändere. Jetzt, wo wir mit Modré hory an neuen Songs arbeiten, erlaube ich mir die Behauptung, dass es wieder anders ist, als beim vorherigen Album Luxus Clan, das wir vor drei Jahren herausgebracht haben. Ich spüre auch bei Bene, Peko und Roland, dass jeder von ihnen sich irgendwohin bewegt hat.

Ich betrachte die Coronakrise in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der globalen Klimakrise und gleichzeitig unter dem Gesichtspunkt der inneren menschlichen Krise – der spirituellen, ethischen oder psychologischen Krise. Je nachdem, wie man es nennt, denn das Eine beeinflusst das Andere. Die sonstige Situation wurde bereits von zahlreichen Analysten und Analystinnen zusammengefasst, die das viel besser können als ich. Diese Krise hat und wird viele Opfer haben. Besonders unter den Schwächsten.

Die Tatsache, dass es schwierig wird, ist für jeden von uns eine große Chance, tief in sich zu spüren, dass wir eine Welt und eine Menschheit sind. Dies ist ein Ausgangspunkt, der es uns ermöglichen kann, von der utilitaristischen Plünderung der Erde zu einer um einiges größeren Sensibilität und sozialen Verantwortung zu gelangen. Damit meine ich auch die Verantwortung für unser eigenes Verhalten als Verbraucher von Waren und Dienstleistungen, und, wie sensibel wir für bestimmte politische Haltungen und Firmen sind – ob sie beispielsweise grün wie Windräder und Photovoltaik sind, oder schwarz wie Kohle und Öl.

Es werden nun Zeiten kommen, in der alle grundlegenden Schritte von der Menschheit gemeinsam unternommen werden müssen. Ich wünschte, wir könnten diese Chancen so gut wie nur möglich nutzen. Ich sehe auch mögliche positive Folgen dieser Krise: Einflussverlust nationalistischer und religiöser fundamentalistischer Populisten, Aufstieg von Wissenschaft, Ethik oder ein Aufschwung verantwortungsbewusster Unternehmen oder Gemeinschaftsorganisationen.

Die aktuelle Situation wirkt sich auch auf das Leben vieler Künstler aus, vor allem in Kammertheatern und ähnlichen Berufen, vom Beleuchter bis hin zum Fotografen. Deren Verluste müssen unbedingt finanziell aufgefangen werden. Dann gibt es die Künstler und Künstlerinnen im Mainstream, die durch den Ausfall von Konzerten und anderen Aufträgen finanziell nicht belastet sind, auch wenn es noch einige Jahre so weiter geht. Und dann gibt es unabhängige Künstler, denen es eine Zeit des Wohlstands, die Bereitschaft der Menschen, für Konzerte und Musik zu bezahlen, ein funktionierendes Stipendiensystem, Clubs und andere Institutionen ermöglichten, irgendwie ein halbwegs zufriedenes Leben zu leben und sich auf ihr Kunstschaffen zu konzentrieren.

Am härtesten trifft diese Krise die Künstler und Künstlerinnen, die Monat für Monat von der Hand in den Mund leben und sich sagen, dass es ihre Identität ist, freischaffender Künstler zu sein. Die könnten jetzt größere materielle und psychologische Schwierigkeiten erleiden, Ängste und das Gefühl der Sinnlosigkeit. Aber auch dieser Zustand kann zum Guten gewendet werden, wenn er in ihnen eine neue Flexibilität und den Willen weckt, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Idealerweise entstehen dabei auch noch stärkere Kunstwerke.

Und dann gibt es noch Leute wie mich, die alles und nichts gleichzeitig machen. Glücklicherweise habe ich mir vor Jahren gesagt, dass ich nie hauptberuflich Künstler sein und immer auch die beruflichen Fähigkeiten ausbauen möchte, die ich während meiner Ausbildung und in der Praxis erworben hatte. In meinem Fall verdiene ich meinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Berater mit Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. Meine Bedingung ist aber, dass es sich immer um ethisch saubere Projekte handeln muss. Obwohl mein Einkommen durch die Absage von Konzerten um die Hälfte gesunken ist, können wir zum Glück immer noch überleben.

Einige Künstler haben möglicherweise Angst, dass sie vergessen werden oder verschwinden. Das, was sie als ihre tiefe Identität betrachteten, könnte zusammenbrechen und erlöschen. Bei einigen ist es anders sie möchten ihren Lieben einfach mit einem Online-Konzert oder einer Online-Lesung eine Freude machen, auch wenn nur 30 Leute zuschauen und der Klang üblicherweise schlecht ist. Letztens habe ich mich zum Beispiel über den Dichter Peter Brezňan gefreut, der auch seine allerneuesten Sachen rezitierte, oder die Schauspielerin Zuzana Fialová, die wunderbar aus Pippi Langstrumpf vorgelesen hat. Na, und dann gibt es die ganz Großen wie Meky Žbirka, dessen Online-Konzert von 10.000 Leuten verfolgt wurde. Krass!

Diese Krise erschüttert jeden. Die Folgen sind jedoch individuell. Vielleicht können wir Ende des Sommers schon wieder auftreten, vielleicht aber auch erst nach dem nächsten Sommer. Vielleicht gibt es im Herbst einen Impfstoff und ab dem neuen Jahr finden wieder Veranstaltungen im Lunapark statt. Vielleicht wollen die Menschen aber auch so nicht mehr zu Konzerten gehen oder sie haben einfach nicht das Geld dafür und der Eintritt ist symbolisch, wodurch die Honorare der Künstler sinken. Vielleicht entwickeln viele Künstler einen Selbsterhaltungsreflex und ein Hintertürchen im Sinne alternativer Verdienstmöglichkeiten, falls sich eine derartige Situation wiederholen sollte. Vielleicht entstehen jetzt in Künstlerwohnungen beachtenswerte Werke und vielleicht ist einigen die Kunst nach dieser Erfahrung egal und sie bleiben lange Zeit untätig.

Aufgezeichnet von Petra Nagyová | jádu
Übersetzung aus dem Slowakischen: Marie-T. Cermann

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Mai 2020

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