Ohne Moos, was los

Mit Crowdfunding den Traum vom eigenen Film verwirklichen

Wieder eine kreative Idee aus den USA, die nun auch nach Deutschland geschwappt ist: Crowdfunding, bei dem viele Sponsoren ein Projekt unterstützen. Das macht auch Filmemacher unabhängig und kann Anfängern zum ersten Film verhelfen.

Foto: Vancouver Film School, CC BY 2.0
Crowdfunding macht auch Filmemacher unabhängig. Foto (Ausschnitt): Vancouver Film School, CC BY 2.0

Im Prinzip ist es ganz einfach: Wenn viele Menschen ein kreatives Projekt finanziell unterstützen, weil sie davon überzeugt sind, dann kann am Ende eine Summe herauskommen, die aus einem Traum Wirklichkeit werden lässt. Es ist angelegt wie eine typische Win-Win-Situation. Über eine Internet-Plattform stellen Filmemacher, Musiker oder sozial Engagierte ihr Projekt vor – am besten mit einem kleinen Video und einer schriftlichen Erklärung zum Hintergrund – und finden so Unterstützer der Idee, die bereit sind, ein kleineres oder auch größeres Sümmchen dafür zu spenden. Dies wird „Crowdfunding“, auch „Crowdfinancing“ oder „Crowdsponsoring“ genannt. Obwohl „spenden“ nicht ganz stimmt. Denn die Sponsoren bekommen in der Regel etwas zurück und das ist im Vorfeld genau festgelegt. Im Filmbereich könnte das eine signierte DVD vom fertigen Werk sein, ein Drehbuch, die Erwähnung im Abspann oder sogar ein Tag am Set.

Die Vermittlung von Ideen und Geld

„Wir organisieren das, damit tolle Projekte nicht sterben, weil es an der Finanzierung scheitert“, erklärt Nadine Auschütz von my sherpas, einer der ersten Vermittler von Ideen und Geld. In den ersten sechs Monaten hat die Agentur immerhin 60.000 Euro eingesammelt. Davon gingen 500 Euro an Markus Sparmberg, der jetzt an seinem Kurzwestern Spattertown bastelt. Zehn Prozent der Summe bleiben übrigens beim Vermittler – der Schlussstein der Win-Win-Situation.


Demnächst kann dann auch Filmemacher Walter Steffen loslegen. Schon neun Tage vor Schluss der Sammelaktionszeit hat er 4.139 Euro zusammen. Das ist sogar etwas mehr, als er für seinen Film Gradaus Daneben, eine Dokumentation über Querdenker, Träumer und Poeten, benötigt. In neun Porträts will er Menschen vorstellen, die außerhalb der Norm leben und für „Otto Normalverbraucher“ eine Inspiration sein können auch mal was Neues auszuprobieren. Insofern passt der Film besonders gut zu seiner Finanzierungsform, die in Deutschland ja auch noch eher unbekannt – dafür aber umso kreativer ist.

Alles oder Nichts

Aber natürlich gibt es auch einen kleinen Haken an der Geschichte: das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Mit anderen Worten: Nur Projekte, für die die benötigte Summe auch in einer Zeitspanne von bis zu 90 Tagen zusammengekommen ist, bekommen das Geld. Teilbeträge werden nicht ausgezahlt, sondern gehen an die Spender zurück. Und das passiert sogar häufiger, als umgekehrt. Es kommt also sehr darauf an, für das eigene Projekt zu werben und auf die neue Finanzierungsform aufmerksam zu machen. Die Verlinkung mit allen Social-Media-Plattformen ist deshalb unbedingt zu empfehlen. „Alles-oder-Nichts soll einen Ansporn verschaffen, das Budget so gering wie möglich zu halten und es aber trotzdem verwirklichen zu können. Der Zielbetrag soll der kleinste Betrag sein, mit dem das Projekt durchgeführt werden kann“, erklärt Konrad Lauten von der Vermittler-Plattform inkubato.de den meistgewählten Ansatz.

Foto: © startnext crowdfunding gUG
Mit einem Team von über 20 Köpfen entwickeln und betreuen Denis Bartelt und Tino Kreßner „startnext“. Foto: © startnext crowdfunding gUG

So auch der Ansatz der Plattform Startnext. Die Macher um Tino Kreßner verstehen sich als Projektbeschleuniger. Genutzt wird die Plattform gerne von Studenten der Medienbranche, die dort ihre (Abschluss-) Arbeiten finanzieren lassen. So haben drei Studentinnen der Hochschule der Medien in Stuttgart 550 Euro zusammen bekommen, um ihren Dokumentarfilm Heimsucht über zwei jugendliche Flüchtlinge zu drehen.

Absolute Freiheit

Das bislang größte Filmprojekt für Deutschland kann die Plattform inkubato.de aufweisen. Dort wurden für Bar25 – der Film über ein Brachland in Berlin, das von einer freien Gemeinschaft bewirtschaftet wurde und als fantasievolles Wunderland mit Mega-Parties und Aktionen von sich reden machte, immerhin 26.991 Euro gesammelt. Derzeit befindet sich der Film im Schneideraum. Ohne das Budget zur Postproduktion über Crowdfunding wäre es nicht so weit gekommen, denn die Filmförderung hatte nur eine Absage parat. Weil nämlich der Film bereits gedreht worden war. Finanziert werden aber nur Filme, die noch in der Planungsphase stecken.

Für „Bar25 – der Film“ wurden auf „inkubato“ 26.991 Euro gesammelt, das bislang größte Crowdfunding Filmprojekt in Deutschland.

Um all so etwas müssen sich Crowd-Finanziers keine Gedanken machen und auch inhaltlich sind sie völlig frei. „Ich wollte die absolute Freiheit, den Film zu machen, den ich wollte“, sagte die britische Regisseurin Franny Armstrong und sammelte über Crowdfunding 450.000 britische Pfund in sechs Jahren für ihr Umweltdrama The Age of Stupid – Warum wir nichts tun. Armstrong ist überzeugt, dass sich niemand vorschreiben lassen sollte, was er denken oder filmen soll. „Um beim Publikum die stärksten Emotionen freizusetzen, sind unabhängige Filme das beste Mittel“, meint sie. Das ist genau der Punkt, der beim Crowdfunding die größte Rolle spielt. Nur Ideen, die genügend Interesse hervorrufen, haben eine Chance auf Verwirklichung. Durchschnittsware kommt nicht weiter – auch das ist wie im echten Leben.

Theresia de Jong
ist Gründungsmitglied des Autorenpools Wortwexxel, Buchautorin und Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011
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