Artyčok.tv

Artyčok.TV

Kunst-Fernsehen für Anspruchsvolle

Foto aus einer Ausstellung von Jared Ginsburg, über die Artyčok.tv informiert. Foto: © Artyčok.TV

Es gibt nur wenige gute Internetprojekte, die wertvolle Informationen abseits der Massenmedien bieten. Artyčok.tv ist eines davon. Wer sich über die tschechische und internationale Kunstszene jenseits des Mainstreams informieren will, wird sowohl dessen umfangreiches Archiv als auch die Berichte über das aktuelle Geschehen zu schätzen wissen.

Artyčok.tv entstand im Jahr 2005. „Wir wollten ein Medium schaffen, dass über hochwertige Kunstprojekte informiert, über die im Fernsehen oder in der Presse nicht berichtet wird“, erläutert Vjera Borozan, die aktuelle Projektleiterin von Artyčok.tv. „Für die gängigen Medien ist die Quote wichtig. Ein näheres Interesse an Kunst hat jedoch nur ein kleiner Kreis von Zuschauern. Ins Fernsehen schaffen es außerdem nur die größten Projekte. Artyčok.tv soll jedoch quotenunabhängig und mit guten eigenen Reportagen einen genaueren Einblick in die Kunstszene geben. Natürlich beschäftigen wir uns auch mit großen Projekten, die in den Massenmedien Raum bekommen. Dann kommen allerdings vor allem jene Aspekte zur Sprache, die anderswo nicht berücksichtigt werden“, so die Projektleiterin.

„An Artyčok.tv waren am Anfang nur Studenten der Prager Akademie für bildende Kunst beteiligt, vor allem aus dem Atelier für neue Medien. Die Akademie unterstützte sie, in dem sie die notwendige Ausstattung zur Verfügung stellte“, sagt Vjera Borozan. Als erstes drehten die Studenten Reportagen von Vernissagen, wobei vor allem beginnende Künstler mit vielversprechender Perspektive im Fokus standen. Dann entstanden auch Interviews mit Künstlern und Kuratoren, Vorlesungen, Künstlerporträts und andere kritische Berichte.

Das Team von Artyčok.TV bei einer Sitzung. Foto: © Artyčok.tv

Nach und nach beteiligten sich auch externe Mitarbeiter an dem Projekt. Mit welchen Inhalten die Seite gefüllt wird, darüber entscheiden neben der Kunsttheoretikerin Vjera Borozan acht weitere Personen – bis auf eine Ausnahme sind alle Künstler. Dank des journalistischen Einsatzes ist in den sieben Jahren Existenz von Artyčok.tv ein umfangreiches Video-Archiv entstanden, das einen guten Einblick in die tschechische und internationale Kunstszene bietet.

Kosmopolitische Perspektive

Die Idee, sich auch mit der internationalen Kunstszene zu beschäftigen, ist unter der Federführung von František Zachoval – einem Gründungsmitglied von Artyčok.tv – entstanden. „Am wichtigsten ist für uns, das Kunstgeschehen in den großen europäischen Metropolen zu verfolgen“, so Zachoval. Artyčok.tv ist aber nicht das einzige Projekt seiner Art. „Ein sehr gutes Videoart-Archiv gibt es zum Beispiel auch in Polen“, sagt Vjera Borozan. Wird man sich also gegenseitig Konkurrenz machen? „Inhalte zu kopieren macht keinen Sinn. Stattdessen werden wir beide Seiten verlinken, so wird man via Artyčok.tv auch etwas über die Arbeit der polnischen Kollegen erfahren.“

Portrait des tschechischen Künstlers Karel Kunc auf Artyčok.TV. © Artyčok.TV

Neben dieser Vernetzung mit dem polnischen Projekt bereitet Artyčok.tv ein eigenes Videoart-Archiv ausländischer Künstler vor. „Wir konzentrieren uns auf die Szene in den vier Visegrad -Staaten und den baltischen Ländern“, präzisiert Vjera Borozan die Pläne. Um eine allgemeine Verständlichkeit zu gewährleisten, ist das gesamte Film-Material der Internet-Seite mit englischen Untertiteln versehen. Das Archiv beinhaltet aktuell mehr als 1200 Videos über mehr als 3000 Künstler – und ständig kommt Neues hinzu.

Es geht noch weiter

Und das ist nicht alles. „Unser Hauptziel besteht darin, aus Artyčok.tv ein Instrument für die gesamte Community zu machen, wir wollen in das Projekt also die unterschiedlichsten Vertreter der Kunstszene einbeziehen, einschließlich der Studenten kunsttheoretischer Fächer“, erläutert Borozan die aktuelle Ausrichtung. Die überwiegende Mehrheit der Stammzuschauer kommt nämlich aus der Kunstszene. Mit diesem neuen Ansatz wird es auch für sie die Möglichkeit geben, an der Entwicklung neuer Formate mitzuwirken.

Jan Vidlička und Johana Švarcová bei der Arbeit für Artyčok.TV. Foto: © Artyčok.TV

Weitere Ideen werden auch die neu eingebundenen Mitarbeiter einbringen. Artyčok.tv will auf diese Weise eine möglichst breite Diskussion über die aktuellen Probleme der tschechischen Kunst anregen. „Eines der Probleme, mit dem wir uns kürzlich detailliert beschäftigten und dem wir eine eigene kritische Berichterstattung widmeten, ist beispielsweise die Transformation der Institutionen in Tschechien oder die Verquickung von öffentlichem und privatem Raum“, erklärt Vjera Borozan, der auch Kooperationen mit anderen Projekten vorschweben: „Wir wollen in Zukunft auch mit anderen Kunstportalen wie Artalk.cz und Artmap.cz zusammenarbeiten.“

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Oktober 2012
Links zum Thema

Themen auf jádu

#Klartexte
Ein aufmerksamer, unaufgeregter und kritischer Medienkonsum hilft. Wer die Mechanismen medialer Manipulation und Desinformation versteht und erkennt, minimiert das Risiko, sich betrügen zu lassen. Das ist das Ziel unseres Projektes #Klartexte. Mehr...

Auf dem Land
Klischees über Land und Provinz gibt es (in der Stadt) genug. Was ist dran? Wir haben uns mal umgeschaut.  Mehr...

Gemischtes Doppel | V4
Vier Kolumnisten aus der Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn schreiben über die Bedeutung Europas, Rechtspopulismus, nationale Souveränität, gesellschaftlichen Wandel, die Arroganz des westlichen Blicks – und brechen damit staatliche und gedankliche Grenzen auf. Mehr...

Bis in beide Ohren
Stimmen, Klänge, Geräusche. Angenehme und unangenehme. Solche, die (uns) etwas bedeuten, und solche, die nur sie selbst sind. Solche, die von außen kommen, aber natürlich auch solche, die wir selbst von uns geben. Ob wir können, wollen oder müssen: Hinhören lohnt sich. Mehr...

Heute ist Morgen
Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

Im Auge des Betrachters
… liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

Dazugehören
Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

Themenarchiv
Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...