Leben „in der Platte“

Foto: Martin Nejezchleba

In Tschechien nicht verpönt

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Matěj, Foto: Martin Nejezchleba

Radka Slavátová lebt mit ihrem Mann und ihrer zweijährigen Tochter in einer kleinen Wohnung hoch oben im achten Stock eines Plattenbaus im Prager Stadtviertel Krč. Wie viele junge Eltern in Tschechien sehen auch Radka und ihr Ehemann im Leben „in der Platte“ eine gute Möglichkeit, trotz kleinem Geldbeutel relativ zentral zu wohnen.

Das Stigma, das Plattenbauten in den Ländern Westeuropas anhaftet, existiert in Tschechien so nicht. „Es ist sehr ruhig in unserer Siedlung“, meint Radka. „Und trotzdem ist alles, was ich brauche, gleich um die Ecke: der Kindergarten, Ärzte, ein großer Supermarkt.“

Die Wohnung der Kleinfamilie ist penibel aufgeräumt und ziemlich vollgestopft. Radkas Vater hat im Wohnzimmer ein Hochbett eingebaut, um mehr Platz zu schaffen. Die Innenausstattung der Wohnung stammt aus dem Jahr 1967 – auch das „umakartové jádro” blieb erhalten: die für alten Plattenbauten typischen Wände aus gepresstem Karton, der mit Kunststoff überzogen ist. Heutzutage werden solche Innenwände meist aus Gipskarton gezogen, der etwas mehr Geräuschschutz bietet.

Foto: Martin Nejezchleba
Home sweet home, Foto: Martin Nejezchleba

Auch im Bad scheint die Zeit in den sechziger Jahren stehen geblieben zu sein. Lachend zeigt Radka auf das Waschbecken, das sich direkt über der Badewanne befindet. Wenn man duschen oder baden möchte, muss man es zur Seite klappen. Das sei nicht gerade praktisch, meint die fröhliche Mutter, die im Moment auch noch ihren Master macht.

„Man merkt schon, dass diese Häuser schnell gebaut wurden und möglichst viele Familien auf möglichst kleinem Raum beherbergen sollten“, sagt die 26-Jährige. „Leider haben sie aber dem Zahn der Zeit nicht standgehalten. Weil die Wohnung meiner Mutter gehört, müssen wir uns um alle Reparaturen selbst kümmern.“

Wohnen der Zukunft in kommunistischen Pilzen

Der Trailer zu "Panelstory" (1979) von Věra Chytilová. Der Film setzt sich mit den soziologischen Auswirkungen der entstehenden Plattenbausiedlungen in der damaligen Tschechoslowakei auseinander.

Zu Zeiten des Kommunismus schossen Plattenbausiedlungen wie Pilze aus dem Boden. Damals galten Wohnungen in den neu aus dem Boden gestampften Siedlungen sogar als besonders luxuriös. „Der Plattenbauboom brach in der Tschechoslowakei in den sechziger Jahren aus“, so Soziologe Martin Lux, der sich vor allem Themen der Wohnpolitik widmet. „Dabei ist es wirklich wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es dabei nicht etwa um Wohnraum für die Unterschicht ging. In den Plattenbauten wohnten angesehene Universitätsprofessoren neben Arbeitern. Damals galt es als das Wohnen der Zukunft, das Wohnen für alle.“ Plattenbauten wurden sogar oft in erhöhten Lagen gebaut, damit sie schon von weitem zu erkennen waren. Für die Kommunisten waren sie ein Statussymbol des sozialistischen Staates, in dem Wohnungsnot ein Fremdwort war.

Auch die Fotografin Jitka Hejtmannová erinnert sich an die freudige Überraschung, als ihre Familie erfuhr, dass sie in einen neuen Plattenbau in Louny, etwa eine Autostunde von Prag, ziehen können. „Meine Eltern waren begeistert: Zentralheizung, ein Aufzug, und 80 Quadratmeter für drei Leute“, meint Jitka, die mittlerweile in einer Prager Altbauwohnung lebt. „ Für uns war das damals ein richtiger Luxus.“

Foto: Martin Nejezchleba

Aussicht, Foto: Martin Nejezchleba

Der Großteil der Wohnungen in Plattenbauten sind Eigentumswohnungen. Das schlägt sich auch auf das Klima in den Siedlungen nieder, meint Václav Třasák, der mit seiner Frau vor 25 Jahren in eine 100 Quadratmeter große Wohnung in der Siedlung Lužiny am Rande Prags gezogen ist. „Man kannte damals alle Nachbarn, und ist oft im Aufzug oder auf dem Gang ins Gespräch gekommen“, meint der 50-jährige Werbefachmann. „Es war eigentlich ein bisschen wie ein kleines Dorf.“

Der Trend geht zu „richtig dicken Wänden“

Entgegen aller Prognosen kam es nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes nicht dazu, dass Plattenbauten zu einem ausschließlich für sozial schwache Familien akzeptablen Wohnraum wurden. Die Entwicklung geht zwar weg von der „Platte“, jedoch deutlich langsamer als erwartet, so der Soziologe Lux. „Dennoch wohnen viele junge Familien nur noch übergangsweise in solchen Siedlungen“, erklärt er. „Sie ziehen dann in Häuser am Rand der Stadt. Der Trend in der Platte geht zu kinderlosen und älteren Bewohnern.“

Dass die Lage in den tschechischen Siedlungen besser ist als zum Beispiel im Osten Deutschlands hat auch der deutsche Soziologe André Schmahl festgestellt, der im Rahmen seiner Diplomarbeit Großwohnsiedlungen in Halle an der Saale und dem mährischen Ostrava verglich. „In ostdeutschen Plattenbausiedlungen kam es nach 1989 verstärkt zu Abwertungstendenzen“, so der Wissenschaftler. „Aufgrund der vielfältigeren sozialen Mischung tauchen bestimmte Probleme in tschechischen Großwohnsiedlungen seltener auf, als in ihren ostdeutschen Pendants. Das Wohnen in Großwohnsiedlungen [in Tschechien] ist weder mit einem Stigma belastet noch geht damit ein Imageproblem einher.“

Foto: Martin Nejezchleba

Alt und neu, Foto: Martin Nejezchleba

Laut Soziologe Lux nähert sich der Plattenbauboom aber auch in Tschechien seinem Ende. Auch Radka plant nicht, ihr Leben lang in der Plattenbausiedlung zu wohnen. Sie vermisst vor allen Dingen eines: richtig dicke Wände. Denn darüber, dass man ständig hört, was die Nachbarn machen, beklagen sich eigentlich alle Plattenbaubewohner.

Sarah Borufka

Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2012

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