Auf die Straße gegen Hunger

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Die Initiative Food not Bombs kämpft nicht nur gegen Verschwendung, sondern engagiert sich auch gegen Waffenhandel und Menschenrechtsverletzungen. Foto: © Food not Bombs | fnbpraha.wz.cz

Unter der Churchill-Statue im Prager Viertel Žižkov steht eine Gruppe von ungefähr zwanzig Menschen ohne Obdach im Regen. Sie drehen ungeduldig Plastikbecher und -teller in ihren Händen und hoffen, dass wie jeden Mittwoch die Gruppe junger AnarchistInnen der Initiative Food not Bombs kommen wird, die für sie freiwillig und kostenlos eine warme Mahlzeit zubereitet. „Gestern war ich hungrig, heute hoffentlich nicht, morgen werde ich’s wieder sein“, sagt einer der Wartenden. Da nähern sich von weitem die Jungs mit Kisten voller Essen und alle können aufatmen. Heute ist für Essen gesorgt.

Aber kehren wir für einen Augenblick ein paar Schritte zurück, und zwar zum ungewöhnlichen Refugium der Gruppe Food not Bombs, als das seit zwei Jahren der Infoladen Salé in Žižkov dient. Dieser Raum wird nicht nur als Club, Bar und Treffpunkt für Gleichgesinnte betrieben, sondern auch als Küche, in der regelmäßig Essen gekocht wird, um es zu verteilen. Im Kontrast zur ausgelassenen Atmosphäre wird hier sehr entspannende Musik gespielt und starker Gewürzgeruch liegt in der Luft. Sviťa und Štefan machen nämlich gerade „einfach Eintopf“, so nennen sie mit Vorliebe die meisten ihrer Speisen.

„Da sind Möhren drin, Aubergine, Kartoffeln, Linsen und Suppen, die wir von vegetarischen Restaurants bekommen haben“, beschreibt Sviťa die Zutaten und rührt mit einem großen Kochlöffel langsam in einer dickflüssigen Masse. Er freut sich, denn heute hat er außerdem Punschkuchen bekommen, also ist sogar für Nachtisch gesorgt. Währenddessen schneidet er frittierte Mohrrübenpuffer in große Stücke, die er ebenfalls in die kochende Soße gibt. „Wir versuchen, alles zu verbrauchen, was wir zur Verfügung haben. Jedes Mal geben wir ungefähr vierzig Portionen aus, aber im Winter, wenn viel mehr Leute kommen, braucht man bis zu achtzig“, erklärt Štefan.

Die meisten Mitglieder sind VegetarierInnen oder VeganerInnen, aber das ist keinesfalls eine Bedingung, um sich der Initiative anzuschließen. „Es gibt eine bei uns, die Fleisch isst, aber ich glaube, dass das hier einen guten Einfluss auf sie hat und sie hat es deutlich eingeschränkt“, sagt Zuzka, die über eine Freundin zur Gruppe Food not Bombs gekommen ist. Auf ähnlichem Wege hat sich auch Sviťa angeschlossen, der fast drei Jahre dabei ist. Der Dienstälteste des Trios ist Štefan. Der kam zum ersten Mal quasi „auf eigene Faust“, ohne, dass er jemanden gekannt hatte, und ist schon sieben Jahre aktiv.

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„Speisekarte“ auf dem Bürgersteig, Foto: © Food not Bombs | fnbpraha.wz.cz

Und ran an den Speck!

Als die jungen Männer die Essenskisten auf den Bänken abladen, stellen sich die Interessierten in die Schlange und betrachten neugierig, was das heutige Angebot ist. Fröhlich begrüßen sie die jungen Aktivisten und unterhalten sich mit ihnen. Noch bevor man an die Reihe kommt, kann man sich aus einem großen Beutel ein beliebig großes Stück vom Honig-Sesam-Fladen abreißen. „Wie Weihnachten“, freut sich einer der Wartenden. „Eine warme Mahlzeit kommt mir heute gelegen, ich fahre morgen aus Prag raus, also werde ich den ganzen Tag hungrig sein. Manchmal ist es aber auch so, dass ich drei Tage lang nichts zu mir nehme und nur auf der Suche bin nach Essen“, erzählt er.

Die ganze Essensausgabe läuft sehr entspannt und in freundschaftlicher Atmosphäre ab. Obwohl der Großteil der Esser fast täglich Hunger leidet und es große Mühen kostet, etwas zu Essen aufzutreiben, nimmt sich jeder nur so viel, wie ihm zusteht, und geht still weg um es zu verspeisen. Wer Nachschlag will, wartet geduldig, bis die Food not Bombs Aktivisten eine erste Runde an alle verteilt haben, und fragt erst dann vorsichtig, ob noch etwas übrig ist. Alle gehen so freundlich und respektvoll miteinander um, dass man feststellen muss, dass viele von denjenigen, die auf der Straße lebende Menschen verurteilen, von ihnen etwas lernen könnten.

„Euer Essen schmeckt mir supergut, mjam mjam“, sagt eine Frau begeistert, deren Schüssel randvoll ist mit gekochtem Buchweizen und der bereits erwähnten „Eintopf-Soße“. Der gleichen Meinung ist auch eine unweit stehende Freundin: „Ich habe kein Einkommen, also bin ich über jede Mahlzeit froh. Aber bei euch gibt es zudem eine ganz hervorragende“, lobt sie.

Neben dem Essen liegen manchmal auch anarchistische Zeitschriften und Bücher aus. Foto: © Food not Bombs | fnbpraha.wz.czDie Obdachlosen, für die die Gruppe Food not Bombs zweimal die Woche Essen kocht, reagieren auf die Hilfe ganz unterschiedlich. „Vereinzelt tauchen auch Leute auf, die das als Selbstverständlichkeit nehmen, also herkommen und einfach den Teller hinstellen. Aber die allermeisten sind sehr froh, danken uns und sagen uns, wie toll sie das finden“, beschreibt Zuzka. Ihr Mitstreiter Štefan stimmt zu: „Meiner Einschätzung nach ist es den Leuten sehr wohl bewusst, dass wir das freiwillig machen und auf ziemlich punkige Art, und sie schätzen das sehr.“

Soziale Effekte des Essens

Außer der Tatsache, dass Menschen Essen bekommen, hat diese Aktivität aber noch ein viel bedeutenderes Ausmaß. Sie gibt obdachlosen Menschen Hoffnung und das Gefühl, dass sie etwas wert sind und nicht nur eine gesellschaftliche Randgruppe. Sie sind dankbar, wenn sie sich kurz unterhalten können, wenn sie spüren, dass man sie nicht für minderwertig hält, sondern sich dafür interessiert, was sie zu sagen haben. „Ich schätze diese jungen Leute sehr für das, was sie für uns machen, weil die anderen uns nur verurteilen, aber sie nicht“, bekennt der 55-jährige Libor und fängt sogleich an, von seinem Leben zu erzählen. „Ich war auch auf der Schule, der Militärschule, aber dann bin ich verrückt geworden. Ich bin in den 90ern nach Jugoslawien gefahren und hab gesehen, wie sie dort schossen, auf die Frauen und vor allem auf die Kinder“, erzählt er.

Nachdem der Hauptgang mir nichts dir nichts aufgegessen ist, rückt Sviťa mit der versprochenen Überraschung raus – den süßen Stückchen und dem Punschkuchen. Alle sind begeistert, lassen es sich schmecken und fangen schon an zu bedauern, dass man sich heute für eine längere Zeit zum letzten Mal getroffen haben wird. Über den Sommer wird nämlich nicht gekocht und die Saison geht erst im September wieder los. „Na dann auf Wiedersehen, bis nach den Ferien und vielen Dank!“ verabschieden sie sich und gehen nach und nach von dannen. „Moment, nehmen Sie doch auch noch einen Punschkuchen“, ruft Sviťa einem der Männer nach. Der dreht sich nur kurz um und sagt lächelnd: „Nein danke, ich hatte genug. Das soll jemand nehmen, der es mehr braucht.“

Alice Zoubková
betrachtet Essen als Freude und Erlebnis, deshalb freut sie sich am meisten über hervorragende hausgemachte Mittag- und Abendessen mit ihrer Familie.

Übersetzung: Lena Dorn
Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juli 2014

    Überall auf der Welt leben Menschen für eine bessere Zukunft. Wir sammeln ihre Geschichten und zeigen, was heute schon möglich ist. jadumagazin.eu/zukunft

    Food not Bombs

    Der tschechische Ableger der weltweiten Organisation Food not Bombs wurde im Jahr 1998 gegründet und besteht gegenwärtig aus zwölf aktiven und voneinander unabhängigen Gruppen – außer in Prag etwa in Plzeň, Hradec Králové, Brno und Ostrava. Eines der Hauptziele der Prager Gruppe ist es, gegen eine konsumorientierte Lebensweise zu kämpfen und Nahrungsmittel weiterzuverwenden, die zum Beispiel nur wegen eines abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert wurden. Manchmal bekommen sie Essen von veganen und vegetarischen Restaurants, manchmal auf dem Markt oder in Bäckereien, wenn Gebäck übrig bleibt, und hin und wieder durchforsten sie auch die Container in der Nähe von Supermärkten.

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