Grenzerfahrungen

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Keine Kontrolle: jádu-Autorin Jana überquert die deutsch-tschechische Grenze. Foto: © privat

Koffer oder Rucksack gepackt, Online-Ticket auf dem Smartphone gespeichert. Schon sitzt man im Zug nach Prag. Dass man eine Grenze überquert, merkt man höchstens daran, dass zur deutschen und englischen Zugansage eine tschechische hinzukommt. Heute geplant, morgen spaziert man schon durch Prag mit dem Freund, der sein Erasmus-Semester dort verbringt. Bargeld ist nicht nötig, ein Pass auch nicht, EC-Karte und die EU machen es möglich. Innerhalb Europas zu reisen, ist einfach.

Dass das nicht immer so war, vergisst man auf dem Rücksitz der Mitfahrgelegenheit schnell. Früher standen oft Tramper am Straßenrand, heute bucht man seinen Fahrer online. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Reisen für mich vor allem Warten vor der Grenze. Auto an Auto, einer wird rausgezogen, muss vor den Augen aller Reisenden seinen Kofferraum ausräumen. Ich, damals fünf, erinnere mich noch an die gelangweilten Zollbeamten in Frankreich oder Polen, Spanien oder Kroatien. Eine junge Familie war immer uninteressant, wir durften weiter, im Jahr 1999.

Das ganze Hab und Gut in einem Fiat Bambino

Glaubt man meinen Eltern, sahen die Zollbeamten zehn Jahre vorher noch nicht so gelangweilt aus. Am Grenzübergang im Jahr 1989: Ein Ehering, eine Goldkette, alles säuberlich aufgelistet, auf dem Formular für mitgeführte Gegenstände. Alles völlig legal, ausgeführt in die BRD. Vier dicke Wörterbücher aber erregen im kommunistischen Polen die Aufmerksamkeit eines Beamten. Was meine Eltern in Deutschland mit englischen Wörterbüchern wollen, will er wissen. „Deutsch können wir nicht, und man muss sich ja schließlich verständigen können. – Im Urlaub“, fügt meine Mama hinzu. So lässt der Beamte sie fahren, ohne zu wissen, das alles, was sich in dem winzigen Fiat Bambino befindet, das ganze Hab und Gut meiner Eltern ist und diese gerade drauf und dran sind, Republikflucht zu begehen. Er weiß auch nicht, dass sämtliche Abschlusszeugnisse und alle Dokumente in den Sitzpolstern versteckt sind, denn für diese Reise in eine ungewisse Zukunft, reicht kein Personalausweis.

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Das ganze Hab und Gut der Familie Pecikiewicz überquerte in diesem Fiat Bambino die Grenze. Abschlusszeugnisse und Dokumente waren in den Sitzpolstern versteckt. Foto: © privat

Aus einem Monat wird für immer

Ein halbes Jahr vorher planen meine Eltern ihre Ausreise von Polen nach West-Deutschland und beantragen einen Pass für einen einmonatigen Urlaub in der BRD. Sowohl das deutsche Konsulat in Krakau, als auch die Eltern meiner Mutter denken, dass es bei einem Monat bleiben soll. Doch ob meine Eltern für immer auswandern oder nur eine Woche ins europäische Nachbarland fahren wollen. Das Prozedere bleibt kompliziert. Auf den Pass folgt ein Visum und für das Visum braucht man wiederum zwei Dinge: Die offizielle Einladung eines deutschen Bundesbürgers und ein Konto mit einem festen Geldbetrag für jeden Urlaubstag. Die Einladung für den Aufenthalt müssen meine Eltern per Brief mit einem Bekannten in Deutschland vereinbaren, die D-Mark für das Konto leihen.

Nicht gelangweilt, sondern bedrohlich, wirken die Zollbeamten auf meinen damals 23-Jährigen Vater. Seine Flucht vor der Perspektivlosigkeit im kommunistischen Polen ist gleichzeitig eine Flucht vor dem Wehrdienst. „Damals konnte man nicht einfach so nach dem Abi verreisen. Einer, der zum Bund musste, hat nicht mal einen Pass bekommen“, erzählt mein Vater. Er beginnt sein Sportstudium, seine Wehrpflicht verschiebt sich auf die Zeit nach dem Abschluss. Trotzdem bleibt die Angst bei jedem Grenzübergang, schon als meine Eltern drei Jahre in Deutschland leben.

Heute reist mein Vater seines Berufes wegen wie selbstverständlich mal nach Griechenland, dann nach Belgien. Der Flieger wird nicht selten am Abend vorher gebucht. Angst hat er schon lange nicht mehr.

Grenzen zu überschreiten ist heute kein Abenteuer mehr, es ist europäische Normalität. Und das ist auch gut so. Vielleicht fahre ich nächste Woche nach Prag.

Jana Pecikiewicz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Mai 2014

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