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Ist Frieden messbar?

Corinna Hauswedell während eines TV-Interviews zum Brexit, © phoenix

In Nordirland droht der Brexit alte Wunden wieder aufzureißen. Die Historikerin und Friedensforscherin Dr. Corinna Hauswedell, Leiterin des Think Tanks Conflict Analysis and Dialogue (CoAD) in Bonn, wünscht sich, dass die Interessen und Identitäten der Bevölkerung im politischen Dialog ernster genommen werden. Maria Köpf hat mit ihr über Frieden und die Fähigkeit gesprochen, Kontrahenten aus internationalen Gewaltkonflikten an einen Tisch zu bringen.

Worin sehen Sie den Sinn der Friedensforschung?

Auch wenn das etwas pathetisch klingt: Für die Menschen, die betroffen sind. Das sind ja zum Teil auch Menschen, die sich vielleicht gar keiner Konfliktpartei im engeren oder weiteren Sinne zugehörig fühlen, sondern einfach Opfer in Konflikten sind.

Trägt der Begriff Frieden für Ihre Arbeit auch eine politisch-aktivistische Bedeutung?

Ich war in den 1980er Jahren das, was man heute Aktivistin nennt und als Mitorganisatorin in der Friedensbewegung tätig: Die großen Demonstrationen gegen die Stationierung neuer Nuklearraketen mobilisierten Hunderttausende. Als Historikerin faszinierte mich auch, einen bescheidenen Beitrag zur Beendigung des Kalten Krieges leisten zu können und neue Impulse für den sicherheitspolitischen Diskurs zu geben.

Ich finde, dass aktives Engagement und wissenschaftliche Friedensförderung sich nicht ausschließen müssen. Dabei sind die Grenzen fließend. Und das Nachdenken ist der Politik gewiss nicht abträglich. Die Friedensforschung bietet Raum zum Nachdenken über die Hintergründe von scheinbar unlösbaren Konflikten. Für Friedensanalysen im Nordirlandkonflikt habe ich beispielsweise viele Jahre auch vor Ort gearbeitet.

Was haben Sie im Fall des Irland-Nordirland-Konflikts untersucht?

Eine Frage war: Ist Frieden messbar? Wenn ja: Wo lässt sich etwas verändern? Es ging um die akademisch und politisch relevante Beurteilung, was sich seit dem Belfaster Friedensvertrag 1998 geändert hat. Die quantitative Friedensforschung untersucht Kriterien wie gesellschaftliche Teilhabe, soziale Entwicklung oder Bildungsstand der Bevölkerung. Diesen Parametern legt sie die Frage zugrunde: Ist die Gesellschaft dadurch friedlicher geworden? Dazu kommen Untersuchungen, ob sich auch Einstellungen zum Konflikt qualitativ verändert haben.

Sie haben im Jahr 2008 einen dreitägigen Workshop mit Nordiren, Israelis und Palästinensern organisiert. Was war für Sie das Ziel einer solchen Konferenz?

Wir wollten herausfinden, welche Chancen im Vergleich solcher verschiedenartigen Konflikte liegen. Die Kunst der Friedensforschung ist ja unter anderem das Herausarbeiten gemeinsamer Konfliktstrukturen, um sie den Konfliktparteien sichtbar zu machen. Durch das Sichtbarmachen von Gemeinsamkeiten wurde die Annäherung zwischen Konferenzteilnehmern erst möglich.

Anfangs äußerten Israelis und Palästinenser: Wie die Nordiren hier auftreten – das schaffen wir nie! Doch einige der Diskutierenden, die wahrscheinlich vor ein paar Jahren nicht miteinander gesprochen hätten, erlebten eine überraschende Annäherung.

Haben Sie Beispiele für gelungene Friedensförderung?

Wenn ich an innergesellschaftliche Prozesse denke, denke ich an Südafrika, Kolumbien oder Nordirland. Dort nahmen Konflikte in den letzten 20 Jahren eine friedliche Richtung. Hier ging Friedensförderung letztlich immer von einzelnen Menschen oder Gruppen aus, die beschlossen haben, umzudenken. Wie aktuell in Nordirland: Der eine Straßenzug war katholisch geprägt, der andere protestantisch. Dazwischen wurden so genannte „Peace Walls“ gebaut, um die verfeindeten Nachbarn voreinander zu schützen. Bis Menschen kamen, die sagten: Wir wollen das anders! Dafür gibt es natürlich noch viele weitere Beispiele. Doch leider ist das Gelingen von Frieden und Verständigung nicht spektakulär. Das Sichtbarmachen zählt auch zur Aufgabe von Friedensforschung.

In Nordirland gibt es seit 1998 ein Friedensabkommen, seit 2002 wurde ein Abrüsten der paramilitärischen Waffen eingeleitet, das bis heute funktioniert hat.

Ja, das Friedensabkommen hat die Abrüstung der paramilitärischen Waffen vorgesehen, die weitgehend erfolgt ist. Es gibt aber noch immer problematische Splittergruppen auf der republikanischen und der loyalistischen Seite. Deren Strukturen bieten in Krisenzeiten wie dem Brexit negative Identitätsangebote für abgehängte Jugendliche.

Welche Szenarien befürchten Sie im Zusammenhang mit dem Brexit für den Nordirlandkonflikt?

Dass Menschen wieder zu Waffen greifen, wird es vereinzelt auch geben. Doch meine Hauptsorge ist, dass in der ganz normalen Bevölkerung die „Verfeindung in den Köpfen“ wieder losgeht. Irische Freunde sagen bereits: Auf die Engländer ist kein Verlass. Schlimm wäre, wenn im Zuge des Brexits eben doch wieder eine Grenze mit Kontrollen eingeführt würde, an einer Grenze, die gegenwärtig täglich von 35.000 Menschen problemlos überquert wird. Dass der mühsame und noch fragile Frieden zwischen den Parteien wieder in Frage gestellt wird. Und zwar sowohl zwischen britisch orientierten Protestanten und an Irland orientierten Katholiken, als auch zwischen Großbritannien und Irland.

Was kritisieren Sie aus friedensforschender Sicht am meisten am bisherigen Verlauf des Brexit?

Aus Sicht der Friedensforschung wird hier Demokratie mit Füßen getreten! Das gilt für Schottland mit 62 Prozent Nein-Stimmen zum Brexit, aber auch für Nordirland. Dort haben 56 Prozent, anders als in den anderen Teilen des Vereinigten Königreichs, mit Nein gestimmt. Unter diesen Wählern war auch ein Teil Protestanten. Die DUP [Democratic Unionist Party: Die zur Zeit größte unionistische, protestantische Partei in Nordirland toleriert die Minderheitsregierung von Premierministerin Theresa May, Anm.d. Red.] unter Arlene Foster macht in Westminster also Politik gegen ihre eigene Klientel. Grundlegender ist noch, dass der Brexit das Gegenteil des Belfaster Friedensabkommens ist. Ausgrenzung statt Verständigung – eine schlechte politische Strategie und Entscheidung in demokratischer, wirtschaftlicher und vertrauensbildender Hinsicht.

Das Interview führte Maria Köpf für jádu.

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Mai 2019

    Friedensgutachten | Corinna Hauswedell

    Das Friedensgutachten ist das gemeinsame Gutachten von vier deutschen Friedensforschungsinstituten und erscheint seit 1987. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten untersuchen darin internationale Konflikte aus einer friedensstrategischen Perspektive und geben klare Empfehlungen für die Politik.
    friedensgutachten.de

    Als damalige Associate Researcher am Bonn International Center for Conversion (BICC) war Dr. Corinna Hauswedell von 2000 bis 2015 Mitherausgeberin des Friedensgutachtens. Von 2006 bis 2009 war sie außerdem Studienleiterin für Internationale Politik, Konflikte und Geschichte der Evangelischen Akademie Loccum, und von 1997 bis 2014 Mitglied der Jury des Göttinger Friedenspreises.

    Seit 2010 leitet Corinna Hauswedell den Think Tank Conflict Analysis and Dialogue (CoAD) in Bonn.
    hauswedell-coad.de

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