Das innere Lachen

Foto: © privatFoto: © privat
Die vielen Gesichter des Martin Šinkovský, Foto: © privat

Seit mehreren Monaten schon erscheint auf seinem Facebook-Profil am Ende jeder Arbeitswoche der Post: „Es ist Freitaaag, jaaa, es Freitaaag!!!“ Dazu irgendein passendes Gif, ein bewegtes Bild – zuletzt etwa Jim Carrey als abgedrehte Miss mit einer Krone auf dem Kopf. So vertreibt sich der Texter Martin Šinkovský die Zeit. Kleinere Ideen und größere Projekte zur Unterhaltung hat er schon eine ganze Reihe verwirklicht. Der Humor durchdringt alle Facetten seines Lebens. Ganz gleich, ob der studierte Filmwissenschaftler nun am Sandmännchen, Comics, einem digitalen Lehrbuch oder am Videomapping arbeitet oder Artikel schreibt.

Worüber hast du das letzte Mal laut gelacht?

Ich lache oft laut, mehrmals am Tag. Ich nehme an, das letzte Mal war es heute über irgendeinen ausdrucksstarken Tweet.

Du lachst los, ohne Rücksicht darauf, wo du dich gerade befindest?

Du meinst örtlich? Klar, Humor kümmert sich nicht groß um Erdkunde.

Man lacht aber auch oft nur so „für sich selbst“. Ich würde sogar sagen, dass das manchmal ein größerer Spaß sein kann, als lauthals loszulachen. Stimmst du zu?

Du meinst dieses „innere Lachen“? Das fühle ich fast ständig. Es genügt dafür schon, die Kleinigkeiten um sich herum wahrzunehmen.

Und kommt man dadurch auf irgendetwas Witziges, was in jedem Fall funktioniert? Eine Art Humor-Extrakt? Ich denke da an so etwas wie den berühmten „Killing joke“ von der Comedygruppe Monty Python.

Ein Extrakt in Form eines „tödlichen Witzes“ gibt es wohl nicht, zumindest nicht mit solch fatalen Folgen. Aber wenn du dir klassische groteske Gags anschaust, dann sind die vermutlich das Universalste, was es in dieser Hinsicht gibt.

Als du in Olomouc (Olmütz) bei den Kommunalwahlen kandidiert hast, stand auf dem Stimmzettel neben deinem Namen als Beruf „Texter“. War das ein Scherz?

Ich überlege schon schrecklich lange, wovon ich eigentlich lebe. Als sie bei der Geburt meiner Tochter in der Klinik den Beruf des Vaters in den Computer eintragen wollten, habe ich in keine der Kategorien gepasst. Also habe ich mich da für „Wissenschaftler“ entschieden. Auf meinem LinkedIn-Profil gebe ich an, dass ich schreibe. Auf Englisch „I write“ nach dem Muster des Spruchs „I drive“ aus dem Film Drive. Die Leute stellen sich beim Begriff „Texter“ einen Liedermacher vor. Darauf antworte ich, dass ich in meinem Leben ungefähr zwei Punksongs geschrieben habe, also passt das wohl. Als ich für die politische Kandidatur einen Beruf angeben musste, habe ich einfach nicht gewusst, was ich bin. Ich weder ein reiner Copywriter, weder ein reiner Drehbuchautor, Journalist oder Schriftsteller. Ich bin – oder ich versuche das zu sein – ein Arbeiter des Wortes.

Arbeiter zu sein, tut manchmal weh. Dir auch?

Mir auch – sehr!

Foto: © privat
Die vielen Gesichter des Martin Šinkovský, Foto: © privat

Momentan schreibst du den Strip „Průklep“ („Durchschlag“), der ausschließlich auf Text basiert. War es eine große Herausforderung, die Pointe ohne die Hilfe von Bildern zu erreichen, wie etwa in deinen Comicserien „Kamioňák Karel“ (Trucker Karel) oder „Oxygenius“?

Ich kann nicht zeichnen, überhaupt nicht. Gleichzeitig liebe ich aber Comics: sie zu lesen, sie zu machen, über sie zu schreiben. Bei der Produktion von Comics arbeite ich also mit Künstlern zusammen, in den meisten Fällen mit dem Illustrator Ticho 762. Auf der einen Seite hat das den großen Vorteil, dass ich eine kritische Rückmeldung von künstlerischer Seite bekomme. Aber auf der anderen Seite dauert das immer schrecklich lange, denn wir haben beide nur wenig Zeit, und wenn es sich dann mal ergibt, dauert es wiederum lange, bis wir etwas aus uns herauspressen.

Der Verzicht auf Bilder war also eine rein pragmatische Entscheidung?

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich das Problem lösen kann, dass ich mich im Zeichnen so dämlich anstelle wie alter Buntstift im Abwasserrohr. Schließlich fiel mir die Schreibmaschine ein, die ich schon seit meiner Kindheit habe. So kam dann eins zum anderen. Momentan mache ich mir überhaupt keine Gedanken darüber, ob man das noch Comic nennen kann, wie man das schreiben oder lesen muss. Ich tippe das tatsächlich auf Durchschlagspapier, also habe ich direkt die Originale, die ich dann einscanne.

Es scheint, als habe dich die Form des Strips mit drei Feldern am meisten überzeugt. So wie beim Volleyball: Annahme, Zuspiel, Schmettern?

Die goldene Dreierregel gilt schon seit Menschengedenken, ob es sich nun um die Bibel, eine musikalische Komposition oder eine Komödie von Charlie Chaplin handelt.

Du hast schon erwähnt, dass du Comics magst. Kannst du welche empfehlen, die du für ausgesprochen unterhaltsam und witzig hälst?

Die meisten sind Strips. Auf die Schnelle fallen mir ein Garfield, Snoopy, Asterix, Lucky Luke, der gute alte Red Meat, Liberty Meadows...

Dies ist ein Interview für ein deutsch-tschechisches Magazin. Wie steht es um diese beiden Länder und ihren Humor?

Man kann erkennen, dass Tschechen und Deutsche eine sehr lange gemeinsame Geschichte haben.

Das heißt, sie springen auf ähnliche Sachen an?

Guck dir nur mal Karel Gott an! Die Basis scheint mir sehr ähnlich zu sein.

Martin Šinkovský ist einer der Schöpfer der Puppenanimationsserie „Krysáci“ („Ratten“).

Du bist einer der Autoren der Sandmännchen-Serie „Krysáci“ („Ratten“). Ist es bekannt, worauf Kinder anspringen?

Tja... also wir haben das nicht gewusst, wir haben das für uns selbst geschrieben.

Erwachsene haben die Sandmännchen-Serien nach ihren eigenen Vorlieben gestaltet?

Wir haben es so geschrieben, dass Kinder nicht als Dummköpfe dastehen, denn das ist der Weg in die Hölle. Du musst das Kind als gleichwertigen Partner verstehen. Wenn du versuchst, dich ihm anzupassen, scheiterst du. Es gibt natürlich Details, die man sich nicht erlauben darf, aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten. Am schlimmsten sind die Erwachsenen, die behaupten, man müsse sich den Kindern annähern. Es ist genau umgekehrt. Kinder haben doch erwachsene Vorbilder, von denen sie lernen und die sie kopieren. Es geht nur darum, die richtigen Vorbilder auszuwählen und sie den Kindern im richtigen Moment zu zeigen. Ich habe eine zweijährige Tochter und habe gesehen, dass die Ratten ihr Spaß machen. Das heißt also, den richtigen Zeitpunkt sucht sich das Kind eigentlich selbst aus.

Gestehst du dir ein, dass du eine ganze Generation von Kindern beeinflusst hast?

Lieber nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Ratten einen Stellenwert haben wie etwa der Maxipes Fík (Riesenhund Fík), aber das kann ich echt nicht beurteilen. Das müssen andere machen.

Gegenwärtig ist in Tschechien Stand-up comedy recht populär. Damit hast du Erfahrung als Organisator. In Olomouc hast du Abende unter dem Motto „Der witzigste Mensch der Welt“ veranstaltet. Was hat dir daran gefallen? Kam dir das nicht manchmal krankhaft ehrgeizig vor? Man merkt doch sowieso direkt im ersten Moment, ob jemand gut ist oder nicht: Entweder-Oder.

Das ist schon sehr lange her, aber das hat mir viel Spaß gemacht. Ich glaube wir haben damit früher angefangen als Na stojáka, aber mit einem geringeren Budget, einer geringeren medialen Untertützung und so weiter. Das Entweder-Oder ist gerade das Beste daran. Nicht jeder hat das Talent dazu und viele sehr witzige Menschen sind beim Stand-up einfach abgeblitzt. Der spätere Slam poetry-Champion Honza Jílek hat das Publikum bei uns nicht gerade von den Socken gehauen.

Bei dieser Form der Unterhaltung, und eigentlich bei öffentlichen Auftritten allgemein, trifft man häufig auf einen niveaulosen Humor, der auf den erstbesten Lacher setzt. Wo liegt für dich die Grenze zum „intelligenten Humor“?

Hm, das ist eine sehr interessante Frage. Vielleicht kann ich es so sagen: Der Inbegriff des „intelligenten Humors“ ist für mich Woody Allen. Und selbst er schiebt manchmal einen lasziven Witz ein. Etwa im Film Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, wenn Allen als Hofnarr den Keuschheitsgürtel der Königin mit einer Hellebarde öffnet und dabei sagt: „Nur mit Gewalt kommt man an den Spalt.“ Und bei ihm lässt man das durchgehen.

Also ungefähr im Sinne von „zuviel ist zuviel“?

Wenn wir mal Zdeněk Troška nehmen als Musterbeispiel des dummen Humors: Wer von uns aufgeblasenen intellektuellen Ignoranten seiner Werke weiß denn schon, ob in seinen Filmen nicht vielleicht fünf wirklich tolle und raffinierte Gags sind? Für mich sind die klassischen Beispiel eines intelligenten Humors für die Masse – in einem wirklichen postiven Sinne – die Tandems Zdeněk Svěrák und Ladislav Smoljak und zum Teil auch Jiří Suchý und Jiří Šlitr.

Kann es passieren, dass eine Gruppe auch manchmal ehrlich über die Witze der jeweils anderen lacht?

Was Troška angeht: So richtig kenne ich seine Filme nicht, aber Ausschnitte habe ich gesehen. Das ist ein abartiger Humor in Potenz. Obwohl die Grundidee von Kameňák hervorragend ist. Nur hätte das irgendein Weltmeister umsetzen müssen, irgendwer vom Schlage eines Billy Wilder.

Foto: © privat
Die vielen Gesichter des Martin Šinkovský, Foto: © privat

Und wie steht es um den gezeichneten Humor in Printmedien?

Der gezeichnete Humor in den großen Tageszeitungen liegt unterhalb meines Unterscheidungsvermögens. Das ist alles schrecklich blöd, mit der löblichen Ausnahme der Rubrik Zen žen (Zen der Frauen) in der Wochenzeitschrift Respekt. Das ist manchmal sehr gelungen. Ansonsten ist das alles beeinflusst von Štěpán Mareš, der wiederum nur eine billige Kopie von Kája Saudek ist. Heraus kommt dann der Abklatsch einer misslungenen Kopie.

Du hast dich beteiligt an einem Unterrichtsprojekt zur tschechoslowakischen Geschichte zwischen 1938 und 1989, das zufälligerweise auch zu einem Großteil als Comic umgesetzt ist. Welche Rolle spielte dabei der Humor?

Da ist nicht so viel Humor drin. Soweit ich mich erinnere, konnte ich nur eine Sache unterbringen: In dem Teil über das Kriegsende und die Dritte Republik, der in diesem Herbst herauskommt, gibt es eine Szene aus dem Dukla-Pass. In der Kultserie Rodáci (Landsleute) aus den späten 80er Jahren fällt in der Dukla-Schlacht eine Figur durch ein Geschoss direkt in die Mitte der Stirn. Das hat sich mir sehr ins Gedächtnis gebrannt, als ich das als Kind gesehen habe. Also habe ich in dem Spiel eine Figur genau auf die gleiche Weise sterben lassen. Aber das ist natürlich nicht lustig, das ist nur so eine Insider-Geschichte.

Noch eine Sache würde mich interressieren. Du bist ziemlch viel online unterwegs. Wenn ich mich recht erinnere, hast du sogar deine eigene Hochzeit auf Facebook übertragen. Wie haben dich die Sozialen Netzwerke und das Internet im Hinblick auf den Humor vorangebracht – wenn ich das so nennen darf?

Meine Hochzeit habe ich nicht auf Facebook übertragen. Ich habe nur etwa eine Stunde nach der Trauung „Ja!“ getweetet und gepostet. Und ob mich die Sozialen Netzwerke irgendwie vorangebracht haben? Twitter hat mich gelehrt, mich kurz zu fassen. Manchmal witzig, machmal sachlich. Tja, und Facebook hat mich bereichert um den Zauber absurder Dialoge über nichts.

Um das jetzt irgendwie abzuschließen... Wie wäre es mit einer Anekdote?

Ich bin kein guter Witzeerzähler. Aber ich mag einen, den mir mal der sechsjährige Sohn von einem Freund erzählt hat: Es rollen drei Kugeln. Welche von ihnen ist Polizist?

Ich weiß nicht.

Die, die am hohlsten ist.

Haha!

Hehe!

Maxipes Fík ist eine tschechische Zeichentrickserie, die in den Jahren 1975 bis 1978 entstand. Protagonist ist der titelgebende überlebensgroße, sprechende Hund Fík.
Na stojáka ist seit dem Jahr 2004 eine Stand-up-Comedy- Sendung im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen.
Zdeněk Troška (*1953) ist ein tschechischer Filmregisseur und Drehbuchautor, der vor allem als Schöpfer zahlreicher Komödien für die breite Masse bekannt ist.
Zdeněk Svěrák (*1936) und Ladislav Smoljak (*1931, † 2010) sind tschechische Schauspieler, Dramatiker und Drehbuchautoren, die seit den 1970er Jahren gemeinsam für zahlreiche Filmkomödien verantwortlich waren. Zudem sind Svěrák und Smoljak die Erfinder des fiktiven, tschechischen Universalgenies Jára Cimrman, dem in Prag-Žižkov ein eigenes Theater gewidmet ist.
Jiří Šlitr (*1924, † 1969) und Jiří Suchý (*1931) waren ein tschechisches Liedermacher-, Sänger- und Schauspielerduo. 1959 gründeten sie in Prag das Theater Semafor und wurden vor allem durch gemeinsame humorvolle Theaterstücke und Lieder bekannt.
Kameňák ist eine tschechische Filmkomödie von Zdeněk Troška aus dem Jahr 2003 und der erste Film einer vierteiligen Serie, die bis 2013 abgedreht wurde. Die Handlung spielt in einem fiktiven Städtchen. Im Mittelpunkt steht eine vierköpfige Familie. Der Humor folgt althergebrachten Mustern und Motiven (Blondinen, Polizisten, Nonnen, Lehrer und Schüler). Triebfeder der Handlung ist die Suche nach eine Aphrodisiakum, das aus einer Quelle im örtlichen Schloss gewonnen werden kann.
Štěpán Mareš (*1972) ist ein tschechischer Comiczeichner, der vor allem für seine Comicstrips in der Wochenzeitschrift Reflex und der Tageszeitung Lidové noviny bekannt ist.
Kája Saudek, eigentlich Karel Saudek (* 1935, † 2015) war ein tschechischer Maler und Comiczeichner und Illustrator, der großen Einfluss auf die nachfolgenden tschechischen Künstlergenerationen hatte. Saudek selbst war stilistisch beeinflusst von amerikanischen Comics der 1950er und 1960er Jahre. Er war der eineiige Zwillingsbruder des weltbekannten tschechischen Fotografen Jan Saudek.
Das Interview führte Ondřej Zuntych .
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2015

    Themen auf jádu

    Bis in beide Ohren
    Stimmen, Klänge, Geräusche. Angenehme und unangenehme. Solche, die (uns) etwas bedeuten, und solche, die nur sie selbst sind. Solche, die von außen kommen, aber natürlich auch solche, die wir selbst von uns geben. Ob wir können, wollen oder müssen: Hinhören lohnt sich. Mehr...

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...