Dazugehören

Aus der großen, weiten Welt nach Hause

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Autorin Hoa Nguyenová mit einer Freundin, Foto: © privat

In der Tschechischen Republik stellen die rund 100.000 Vietnamesen eine der größten Minderheiten. Was wissen die Tschechen jedoch über die vietnamesische Kultur? Und was weiß die zweite Generation der „tschechischen“ Vietnamesen über Vietnam?

Vor einer Weile traf ich meinen Freund Honza. Wir unterhielten uns über typische Themen wie Arbeit, Schule, Beziehungen, wie es bei uns zu Hause so läuft. Doch plötzlich unterbrach mich Honza einfach: „Stell dir vor, mir ist gerade bewusst geworden, dass ich eigentlich gar nichts über euch Vietnamesen weiß. Ich treffe euch auf der Straße, in Geschäften, in der Tram, wir leben schon seit Jahren nebeneinander, aber ich weiß nichts über euch. Bestimmt geht es aber nicht nur mir so, sondern auch vielen anderen Tschechen. Das kommt mir ziemlich komisch vor, dir nicht?“

Um ehrlich zu sein, Honza: mir auch, aber erst in letzter Zeit. Wenn ich an die Zeit denke, als ich noch in der Grundschule oder auf dem Gymnasium war, kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich mich je mit jemandem darüber unterhalten hätte, wie es ist, die einzige Vietnamesin unter lauter Tschechen zu sein, in der Schule auf Tschechisch zu scherzen und zu Hause auf Vietnamesisch, sich an Weihnachten im Freundeskreis zu beschenken und mit der Familie an Neujahr Frühlingsrollen zu essen. Niemand hat sich je dafür interessiert und ich habe mich damit eigentlich auch nicht beschäftigt. Für mich war es am wichtigsten, überall dazuzugehören – sowohl in der Clique als auch zu Hause.

„So viele Namen du hast, sooft bist du Mensch“

Einige von uns, die bereits hier geboren oder als kleine Kinder mit ihren Eltern hierher gekommen sind, haben die „Kunst der Anpassung“ nahezu perfektioniert. Als ich mich im letzten Jahr mit acht jungen Vietnamesen aus verschiedenen Ecken des Landes darüber unterhalten habe, wie es so für sie ist, in Tschechien zu leben, ist mir bewusst geworden, dass das bekannte tschechische Sprichwort „So viele Sprachen du sprichst, sooft bist du Mensch“ auch in der Abwandlung „So viele Namen du hast, sooft bist du Mensch“ gilt.

Es ist nicht neu, dass viele von uns nicht nur einen vietnamesischen Namen haben, sondern auch einen tschechischen Spitznamen. Für Manche aber kann der Name die Identität markieren, unter der er oder sie auftritt. Die zierliche Nguyet Anh etwa ist unter ihren Freunden und anderen Tschechen die offene und redselige Aňa. Unter Vietnamesen fühlt sie sich als Nguyet Ahn hingegen eher eingeschüchtert und würde es sich nicht erlauben, Älteren zu widersprechen. So sehr die Seiten ihrer Persönlichkeit in der Gesellschaft unterschiedlicher Menschen auch voneinander abweichen mögen, so ähnlich klingen ihre Namen – Ahn und Aňa sind ein und dieselbe Person und niemand anders.

Ist es ein Vorteil, Teil zweier Kulturen zu sein?

Es hängt alles von den Menschen ab. Manch einer behauptet, dass er ohne Freunde, Familie oder Partner ein Niemand sei. Wir könnten behaupten, dass wir ohne Freunde, Familie oder Partner keine Tschechen seien – oder eben keine Vietnamesen. Einige Menschen hatten und haben nämlich einen Einfluss darauf, wer wir sind, und mit welcher Kultur oder mit welchem Volk wir uns stärker identifizieren. Für Ly, die von ihren Freunden Alice genannt wird, ist es die tschechische Kultur. Das liegt daran, dass sie die meiste Zeit mit Tschechen verbracht hat. Zudem hatte sie genauso wie viele andere vietnamesische Kinder eine tschechische „Oma“, die auf sie aufgepasst hat, während ihre Eltern arbeiten mussten. Im Leben von Lys Freundin Alenka gab es Phasen, in denen ihr mal die eine und dann wieder die andere Kultur näher war. Bis heute lösen sich beide Kulturen gegenseitig ab, je nach der Situation, in der Alenka sich befindet. Trinh habe ich genauso wie die Mädchen in Prag getroffen. Er hat sich damit jedoch nie richtig beschäftigt und behauptet, zu beiden Kulturen ein gleichwertiges Verhältnis zu haben.

Wahrscheinlich denkt ihr euch, dass es ein riesengroßer Vorteil ist, Teil zweier Kulturen zu sein. Es ist jedoch nicht so einfach, wie es klingen mag. Der 22-jährige Chung schätzt es zwar sehr, dass er selbst entscheiden kann, wo und unter welchen Menschen er leben wird. Alenka und ihre Mitbewohnerin Adriana haben mir jedoch anvertraut, sie hätten manchmal das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Ist das wirklich meine Kultur, meine Welt? Diese Fragen stellte sich Alenka manchmal, wenn sie mit ihren tschechischen Freunden zusammen war, aber auch im Kreise ihrer vietnamesischen Bekannten. Sie nimmt nämlich genauso wie viele andere junge Vietnamesen wahr, dass sie sich von beiden Gruppen unterscheidet.

Adriana sieht den entscheidenden Unterschied zwischen ihr und den Tschechen schon alleine im Aussehen. Obwohl sie die tschechische Geschichte, Kultur und Sprache genauso gut kennt wie ihre tschechischen Freunde, wird weder jemals so aussehen wie diese, noch sich so fühlen. Ihre Eltern, die vietnamesische Gemeinschaft und ihre vietnamesischen Freunde teilen mit ihr etwas, was die Tschechen nie verstehen werden. Genauso wenig Verständnis wird sie aber von den Vietnamesen in Vietnam bekommen. Sie unterscheidet sich dort zwar nicht in ihrem Aussehen und in dem kulturellen Erbe der Eltern, aber in ihren Erfahrungen und in ihrer Nähe zur tschechischen Kultur sehr wohl.

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Autorin Hoa Nguyenová im Kreise ihrer Freunde, Foto: © privat

Warum ist in unserem Herzen nicht uneingeschränkt Platz für jede Kultur?

So entsteht der Eindruck, dass sich die Welt der in Tschechien lebenden jungen Vietnamesen zwischen zwei Polen bewegt – einem tschechischen und einem vietnamesischen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie entgegengesetzt diese zwei Kulturen manchmal in unserem Alltag sind. Während manche von uns sich um ihre Schulnoten sorgen müssen, tun unsere tschechischen Freunde das nicht. Während die ohne Probleme abends ausgehen können, spüren manche von uns auch noch Jahre nach unserem 18. Geburtstag die Enge des Elternhauses. Von Dates ganz zu schweigen.

Es geht hier nicht nur darum, dass wir ständig unsere zwei Lebensumfelder miteinander vergleichen, sondern es kommen auch immer wieder Fragen auf wie die, ob es besser sei in Tschechien oder in Vietnam zu leben, ob man eher Tscheche oder doch eher Vietnamese ist, und so weiter. So, als ob es nur diese zwei Welten gäbe, zwei Möglichkeiten, als hätten wir in uns nur eine begrenzte kulturelle Kapazität, die uns zwingt eine Kultur aufzugeben, wenn uns die andere näher steht. Aber woher kommt diese Überzeugung? Und ist es überhaupt wirklich so? Wird dadurch nicht das Gefühl der Zerrissenheit, das Gefühl nirgendwo dazuzugehören nur verstärkt? Warum ist in unserem Herzen nicht uneingeschränkt Platz für jede Kultur? Und was passiert, wenn wir uns weder als Vietnamesen noch als Tschechen definieren können?

Alenka hatte die Idee, ob es vielleicht nur darum geht, sich so zu definieren, wie man selbst es will. Aus der tschechischen und der vietnamesischen Kultur das herauszupicken, was passt, und sich seine eigene Kultur zu schaffen. So eine Art Tschechovietnamesin zu sein. Etwas ganz Neues, etwas vollkommen Eigenständiges. Adriana fand dafür zwar keine Worte, aber sie weiß, dass damit die Suche nach ihrer eigenen Identität gemeint ist, unabhängig von Kategorien. Deshalb fällt es ihr so schwer zu sagen, ob sie Tschechin oder Vietnamesin ist. Die Welt ist nämlich nicht schwarz-weiß.

Eine Art Verpflichtung, das „Vietnamesische“ auszuleben

Die Bezeichnung Bananenkinder ist, wie meine Beschreibungen hier schon zeigen, sehr ungenau und oberflächlich. Ja, von außen können wir „gelb“ aussehen – aber wie sieht es in uns drinnen aus? Einigen derer, mit denen ich gesprochen habe, ist auf einmal bewusst geworden, dass sie bis jetzt vor allem in einer tschechischen Kultur und mit Tschechen gelebt haben – eigentlich ist ihnen die vietnamesische Kultur fremd. Deshalb wollen sie mehr über Vietnam und das vietnamesische Volk erfahren, richtig Vietnamesisch lernen und mehr Vietnamesen kennen lernen. Es scheint eine Art Verpflichtung in uns zu stecken, etwas, das man nicht einfach auslöschen kann und das ein Teil von uns ist, etwas, das uns ermuntert, das „Vietnamesische“ in uns auszuleben. Einige von uns räumen dieser Welt Platz in ihrem beruflichen Leben ein: Alenka interessiert sich für Menschenrechte und sie möchte ihre Herkunft nutzen, um denen zu helfen, die rechtlichen Beistand brauchen. Trinh ist Mitglied in einem Verein für Medizinstudenten, der Praktika in vietnamesischen Krankenhäusern vermittelt, und Nguyet Anh nutzt ihre Fähigkeiten im Dolmetschen bei ihrer Arbeit mit Vietamesen im Prager Zentrum zur Unterstützung und Integration von Ausländern (Centrum pro podporu a integraci cizincu).

Dahinter steckt allerdings auch die Sehnsucht, sich selbst, die eigenen Wurzeln und die, ohne die wir nicht hier wären, besser kennen zu lernen. Hong Hanh ist 23 Jahre alt und schöpft immer noch von ihrer Reise nach Vietnam vor drei Jahren. Der Aufenthalt dort half ihr nicht nur, die Lücken zu füllen, die sie in ihrem vietnamesischen kulturellen Unterbewusstsein gespürt hat, sondern auch dabei, ihre Eltern und deren Lebensweise besser zu verstehen. Einige von uns planen auch eine solche Reise – entweder alleine oder mit Freunden. Vielleicht hilft es uns dabei, herauszufinden, wer wir eigentlich sind. Schließlich ist es in Märchen doch auch so, dass die Helden ihre Heimat verlassen, um in der großen weiten Welt nicht nur etwas über die anderen zu lernen, sondern auch über sich selbst. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie weiser und erfahrener. Und wir reisen eben in die entgegengesetzte Richtung: aus der großen weiten Welt nach Hause.

Hoa Nguyenová
Übersetzung: Bianca Lipanská

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Januar 2016

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