Dazugehören

Eine Reise, die sich gelohnt hat

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Dankeskarte von Riva Krieglová für die Beileidsbekungen zum Tod ihres Ehemannes František Kriegel... Foto: © Národní archiv | Tschechisches Nationalarchiv

Den Namen František Kriegels trägt seit 1987 der jährlich ausgelobte Preis der Stiftung Charta 77 für herausragende Dienste um Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten, nationale Unabhängigkeit, Souveränität und Demokratie. In den 1920er Jahren war František Kriegel aus Galizien in die Tschechoslowakei emigriert. In den 1970er Jahren war die kommunistische Partei entschlossen, ihn aus dem nationalen Gedächtnis auszulöschen und nannte verächtlich „Ukrainer, Polen und Juden“. František Kriegel legte in seinem Leben noch eine weit längere und kompliziertere Reise zurück als die aus Galizien in die Tschechoslowakei.

František Kriegel starb 1979 in Prag, kurz nachdem er einer der ersten Unterzeichner der Charta 77 geworden war. Er war zu jener Zeit bereits elf Jahre lang von jeglichen politischen Funktionen ausgeschlossen, also auch aus der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, und man hatte es ihm unmöglich gemacht, zu arbeiten. Obwohl er Gelegenheit dazu gehabt hätte, lehnte er es ab, die Tschechoslowakei zu verlassen. Seine Frau Riva sagt dazu: „Vor allem vertrat er die Ansicht, dass jemand, den die Umstände in eine verantwortungsvolle Staatsfunktion gebracht hatten, nicht einfach so weggehen oder sich verstecken darf. Er soll dableiben und das Schicksal seiner Nation teilen.“ Dieses freiwillige Teilen des Schicksals „seiner“ Nation in der Zeit der so genannten Normalisierung und am Ende seiner Lebenskräfte hat einen bitteren Beigeschmack. Er wurde auf Schritt und Tritt von der Geheimpolizei verfolgt, gelegentlich in der Straßenbahn geschubst oder grundlos während eines Konzertbesuches aus dem Saal hinausbegleitet.

Sklave seiner eigenen Vorstellungen

Der Aufforderung von Freunden, ein vollständiges Werk über sein Leben zu verfassen, kam er nicht nach. Geblieben sind seine Parlamentsreden, darüber hinaus aber nur einige private Aufzeichnungen.

Lebenserinnerungen entsprechen dem Bedürfnis einiger Leute, ihre eigene Ehrwürdigkeit hervorzuheben. Typisch ist und war etwa das Gedenken von Veteranen an „heldenhafte“ Taten, die „heldenhafte“ Vergangenheit, die so oft eher auf Projektionen beruht als auf der tatsächlichen Vergangenheit... All diese Ehrungen, Paraden, Erinnerungen der Älteren […] tragen selten etwas bei zum moralischen Aufbau der gegenwärtigen Generationen. Sie sind Gesten. Es wirkt manchmal traurig und manchmal sogar lächerlich, wenn ein alter Mann in einer historischen Uniform sich um einen kontrollierten Militärschritt bemüht. Zeitlicher Abstand verringert im Bewusstsein der Zeitgenossen die Bedeutung noch so großer Ereignisse und damit auch derer, die darin eine Rolle gespielt haben. (Was nicht ausschließt, dass es einen richtigen und den Dingen gerecht werdenden Zugang gibt in einer schmalen Schicht von intensiver nachdenkenden Bürgern und vor allem Wissenschaftlern.) Die Gegenwart kann sich nur sehr schwer (wenn überhaupt) hineindenken, einfühlen in die Umstände, Rahmenbedingungen, Atmosphären, Kräfteverhältnisse, in welchen vergangene Ereignisse stattgefunden haben. Jede Zeit wirft ein anderes Licht auf die Vergangenheit, ihr jeweils eigenes Licht. […]

Es ist wie nach einer langen Reise, die du angetreten hast mit der Vorstellung, dass sie verschiedenerlei sein würde – schön und gefährlich, dass du einiges würdest in Kauf nehmen müssen, aber dass dir am Ende angelangt das Gefühl bleiben würde, dass es sich gelohnt hat.

[…] Auf dieser Reise warst du oft Sklave deiner Idealvorstellung davon, wie jemand in dieser Situation, in der du dich nun befandest, handeln sollte, koste es auch deine Unversehrtheit oder gar dein Leben.

Aus Iwano-Frankiwsk nach Prag

František Kriegel wurde 1908 in Stanislau geboren, dem heutigen Iwano-Frankiwsk, das im südöstlichen Teil von Galizien liegt, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Sein Vater starb, als František elf Jahre alt war. Die Mutter musste sich alleine um drei Kinder kümmern und führte ein hartes Leben in materieller Armut, welche durch anti-jüdische Diskriminierungen, die in Galizien besonders heftig waren, noch verschlimmert wurde. Es kam gar nicht in Frage, dass der junge Kriegel sich hier seinen Traum erfüllen und Arzt werden könnte. Medizin zu studieren, das war für Juden auf dem Gebiet Polens, zu welchem Stanislau damals ab 1921 (vorher war es Österreich-Ungarn) gehörte, praktisch unmöglich.

Kriegel begab sich in die Tschechoslowakei, wo er an der Deutschen Universität in Prag zum Medizinstudium zugelassen wurde. Den Erinnerungen seiner Frau zufolge war er „gerührt von der Aufrichtigkeit und der Haltung, mit der hier mit ihm umgegangen wurde, und in diesem Moment entstand seine tiefe und andauernde Beziehung zu diesem Land und seiner Bevölkerung. Mein Mann erzählte mir immer wieder aufs Neue, was er damals wahrnahm, nämlich dass die Tschechoslowakei eine Insel der Demokratie sei mitten in Europa.“ Er lebte unter anderem von der Arbeit auf Baustellen. Seine Frau erzählt: „Wenn wir beim Spazierengehen in Prag an irgendwelchen Gebäuden vorbei kamen, wies er mich darauf hin: Das hier ist ein gutes Bauwerk, da hab ich die Ziegel hinaufgetragen, als es gebaut wurde.“

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... mit einem Zitat František Kriegels: „Achtet die Wahrheit und die Gerechtigkeit, weist zurück die Unwahrheit und falsche Anschuldigungen, setzt eure ganze Kraft dafür ein, dass Menschen nicht zu Unrecht leiden müssen, auf dass die Moral die Beziehungen zwischen den Menschen und den Völkern bestimme.“ Foto: © Národní archiv | Tschechisches Nationalarchiv

Kurz nach dem Studium folgte er dem Aufruf „Bei Madrid kämpft man um Prag“. Er reiste 1936 ab und eine harte Arbeit als Militärarzt in Spanien begann. Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs war er in Frankreich interniert, eine Rückkehr nach Prag war wegen der deutschen Besatzung unmöglich. Dann reagierte er auf den Aufruf eines internationalen Ausschusses zur Unterstützung des chinesischen Volkes im Jahr 1939 und reiste nach China. Nach drei Jahren sehr gefährlicher Arbeit im chinesisch-japanischen Krieg wurde er 1942 nach Burma geschickt, wo er bis Kriegsende als Vertragsarzt für die US-amerikanische Armee arbeitete.

Toleranz für die sowjetische Okkupation?

Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zurück und beteiligte sich an den politischen Veränderungen, im Februar 1948 wirkte er als Organisationssekretär der Kommunistischen Partei. Dieses Postens wurde er jedoch plötzlich wieder enthoben. Nach zweijährigem Dienst im Ministerium für Gesundheit wurde er nach der Erklärung von Klement Gottwald, „die spanischen Interbrigadisten sind Verräter“, auch dort wieder entlassen. Im Laufe der fünfziger Jahre verfolgte man ihn im Kontext der kommunistischen Paranoia auf Schritt und Tritt, jede Arbeitsstelle, die er bekam, war er schnell wieder los. Eine Art humoristischen Höhepunkt erreichte die Karriere 1953, als er aufgrund absoluten Ärztemangels in die Filmstudios Barrandov geschickt wurde, um bei der Bekämpfung einer Hepatitis-Epidemie behilflich zu sein. Der Direktor des Studios zeigte sich verwundert darüber, wie denn ein Feind des Sozialismus die Staatskünstler heilen können soll, und so wurde er direkt nach seiner Ankunft wieder nach Hause geschickt. Danach begann sich sein Schicksal zum Besseren zu wenden. Im Jahr 1957 wurde er für seine Tätigkeiten in Spanien und China rehabilitiert, im Jahr 1963 bekam er gar einen Arbeitsplatz als Berater im Gesundheitsministerium auf Kuba, und kurz nach seiner Rückkehr nach Prag beschloss er, als Abgeordneter für die Nationalversammlung zu kandidieren.

Im Jahr 1968 war Kriegel Abgeordneter, aber gleichzeitig auch Mitglied des Vorstands des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (ZK der KSČ). Zugleich erfreute er sich außerordentlicher Beliebtheit und es kommt nicht von Ungefähr, dass die Sowjetunion ein Interesse daran hatte, von ihm eine Billigung der sowjetischen Okkupation zu erhalten.

Kriegels Assistentin und enge Freundin Milada Snětivá erinnert sich:

Nacht im Gebäude des ZK der KSČ, nach der Sitzung des Vorstands des ZK am 21. 8. 1968: Gegen Morgen kamen einige Angehörige des Geheimdienstes herein, der Leiter verkündete den anwesenden Mitgliedern des Vorstands, sie würden um 14 Uhr vor das Revolutionstribunal der Arbeiter- und Bauernregierung gestellt. Als nun einige Führungsmitglieder aus dem Gebäude des ZK der KSČ verschleppt wurden, war Dr. Kriegel zusammen mit Alexander Dubček in einem gepanzerten Wagen. Kriegel bat den Wachmann, ein Fenster zu öffnen, da Dubček übel sei. Der Hauptgrund war aber, dass er sehen wollte, wohin sie fuhren. Zunächst dachte er, sie würden in Richtung des Schießplatzes in Kobylisy fahren, sie wurden aber zum alten Flughafen in Ruzyně gebracht.

Das sinnlose Gehirn-Zermartern

Im Gegensatz zu den anderen wurde Kriegel nicht zur Ausarbeitung des Moskauer Protokolls eingeladen, dessen Ratifizierung durch die tschechoslowakische Delegation die ideelle Verleugnung des Prager Frühlings bedeutete und den Weg bereitete für die kommende Normalisierung. Er wurde nur für seine Unterschrift vorgeladen, die er trotz des Drängens der anderen verweigerte. Angeblich bat er bei dieser Gelegenheit seine Kollegen, sie mögen sich nach der Rückkehr nach Prag um seine Frau Riva kümmern; Kriegel nahm logischerweise an, ihn erwarte nach seiner Verweigerung der Unterschrift die Hinrichtung. Letztendlich schickten sie ihn nach Prag zurück, angeblich aufgrund der Einflussnahme der anderen Mitglieder der Delegation. Der tatsächliche Grund bestand wohl eher darin, dass es nicht wünschenswert war, durch die Ermordung eines beliebten Politikers der tschechoslowakischen Bevölkerung eine Gelegenheit zu bieten, sich einen Märtyrer zu schaffen. „Der Vertrag wurde nicht mit der Feder unterschrieben, sondern mit Gewehren und Maschinenpistolen”, sagte er. Er wurde einer der vier Abgeordneten der Nationalversammlung, die am 18. Oktober desselben Jahres gegen die Billigung des Moskauer Vertrages auf Parlamentsebene stimmte.

Kriegel schreibt in seinen Aufzeichnungen Einige Gedanken über das Leben kurz vor seinem 69. Geburtstag im Jahr 1977:

[…] Heute, wahrscheinlich fast am Ende der Reise, drängt sich wieder die Frage auf: Hat es sich gelohnt? Und mit ihr kommt das Grübeln über die Motive, die dich dazu gebracht haben, diese Reise zu unternehmen. Du sagst dir, dass es eigentlich einerlei ist, sinnloses Gehirn-Zermartern. Es war eine Reise, von der es kein Zurück gibt, so als wüchse hinter jedem Schritt sofort ein dichtes, dorniges Gestrüpp. […]

Wie moralisch stark erschien dir doch die Bewegung, von der du Teil gewesen bist! Stark in ihren moralischen Zielen, stark durch moralische Integrität und Selbstlosigkeit. […] Romantisierung? Schwärmerei, oder doch ein Stück Wahrheit? Du gehst ihm nach, dem Stück Wahrheit, schon um der Selbsterhaltung willen, ist es eine Fata Morgana oder ist es Wirklichkeit?

Ein strenger, nüchterner Blick und nachdem die Augen wieder trocken sind, finde ich doch noch einen wahren Kern, wie ein kostbares Element inmitten einer Gesteinsmasse. Vielleicht hast du dir ein zu hohes Ziel gesetzt, für das die Spanne eines Menschenlebens viel zu kurz ist. Um die menschliche Zeit zu ermessen, legen wir das Maß eines einzelnen Menschenlebens an …

Matěj Samec
ist Theaterdramaturg und der Autor des Theaterstücks „A zítra mě, lásko, opět pochovej“ („Und morgen, meine Liebe, nimm mich wieder in den Arm“) über Riva Krieglová, die Ehefrau František Kriegels, das derzeit im Theater Divadle X10 auf dem Spielplan steht. Matěj Samec hat für das Stück aus Dokumenten geschöpft, die im Nationalarchiv in Prag aufbewahrt sind.
 
Übersetzung: Lena Dorn

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Januar 2016

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