Dazugehören

Inklusion beginnt im Kopf

Foto: © Invema e.V.Foto: © Invema e.V.
Foto: © Invema e.V.

Inklusion ist in Mode, und das ist auch politisch gewollt. Denn seit 2009 sind deutsche Schulen sind gesetzlich verpflichtet, auch behinderte Kinder oder Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten aufzunehmen. Aber reichen Gesetze, um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Vorteile der Inklusion zu wecken? Im Kreuztaler Verein Invema, der bereits seit 1993 dafür kämpft, Menschen mit Behinderung die grenzenlose Teilhabe an allen Bereichen der Gesellschaft zu ermöglichen, ist man skeptisch.

Das grelle Licht im Klassenraum blendet mich etwas an diesem regnerischen Herbstmontag. Ich sitze im hinteren Bereich der Klasse 3b auf einem Stuhl, der natürlich viel zu klein für mich ist. Es ist schon ein komisches Gefühl, wieder in der Unterrichtsstunde in einer Grundschule zu sitzen. Unweigerlich kommen mir Erinnerungen an meine eigene Schulzeit in den Sinn, als wir noch auf Schiefertafeln unsere ersten Schreibversuche machten, als der Lehrer noch vorne am Pult saß oder vor der Tafel stand und die Augen sämtlicher Kinder auf ihn gerichtet waren. Hier ist das anders. Die Kinder sitzen in Gruppen zusammen. Mehrere kleine Tischinseln – und die Lehrerin ist mittendrin.

Früher nannte man solche Jungs Zappelphilipp

Ich bin in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Kreuztal, um mir ein Bild von der Inklusion von Kindern mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen in Regelschulen zu machen. Dafür begleite ich Max*, der jetzt etwa drei Meter entfernt von mir auf seinem Stuhl hin und her rutscht. Vor ihm liegen ein Aufgabenheft und ein Bleistift, der deutliche Kauspuren aufweist. Es ist Zeit für die Stillarbeit. Still sein und arbeiten: Keine gute Kombination für den Neunjährigen. Die Kinder haben Mathe-Aufgaben bekommen, die sie in der nächsten Viertelstunde bearbeiten sollen. Jeder soweit wie er kommt. Draußen vor dem Fenster huscht ein Eichhörnchen den Baum hoch. Max bleibt mit den Augen an ihm hängen. Das Eichhörnchen springt zum nächsten Baum und verschwindet im grünen Astgewirr der riesigen Tanne. Max stiert dennoch weiter in Richtung des Baumes. Er scheint zu träumen, vollkommen abwesend. Der Bleistift liegt immer noch vor ihm auf dem Tisch.

Jetzt kommt Angelika* an seinen Tisch, tippt ihn sachte an und flüstert ihm etwas zu. Max zuckt kurz zusammen und packt sich den Bleistift, während Angelika sich auf den freien Platz neben ihn setzt. Der Junge richtet seine Aufmerksamkeit auf die Schulaufgaben – zumindest solange, bis ihn die nächste Ablenkung in ihren Bann zieht.

Angelika ist Max’ Schulassistentin. Sie unterstützt ihn nicht nur bei den Schulaufgaben, sondern holt ihn immer wieder sanft zurück ins Geschehen, wenn seine Sinne abschweifen. Vor zwei Jahren wurde bei Max eine Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert. Er sei immer schon verträumt gewesen und sehr lebhaft, habe Schwierigkeiten gehabt, mit Gleichaltrigen Freundschaften zu schließen, erzählten mir seine Eltern, früher habe man dazu wohl einfach Zappelphilipp gesagt. Es fällt dem Jungen unheimlich schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Immer wieder lässt er sich ablenken und findet allein nur schwer zurück zu dem, was er eigentlich gerade tun wollte. Er schafft es kaum, die ständigen Reize um ihn herum zu filtern. Das kann eben ein Eichhörnchen sein, aber auch das Husten eines Mitschülers oder die Form der einzelnen Buchstaben eines Textes, den er eigentlich lesen soll. Aber auch mit seinen Mitmenschen hat er seine Schwierigkeiten. Spiele mit Regeln, an die er sich halten muss, macht er erst gar nicht mehr mit, weil es ohnehin jedes Mal Streit gibt.

In der Pause trotzt eine Handvoll Kinder dem Regen und spielt Fangen auf dem Hof. Auch Max ist rausgegangen. Er spielt aber nicht mit. Stattdessen hat er sich einen Roller geschnappt und lässt das Wasser in den Pfützen, durch die er fährt, hochspritzen. Wieder und wieder fährt er durch die kleinen Seen und macht dabei zwei seiner Mitschüler nass. Die empörten Jungs fordern seine Entschuldigung, aber Max fährt einfach weiter. Die Jungen rennen hinterher. Völlig irritiert schaut Max die beiden an, als sie ihn schließlich stoppen. Sie sind sauer. Auf ihn. Doch scheint er überhaupt keine Ahnung zu haben, warum. Bevor die Situation eskaliert, läuft Angelika zu den drei Jungen und schlichtet.

Foto: © Invema e.V.
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„Mit der Diagnose begann ein Termin-Marathon“

Erst mit dem Schulstart ist Max’ Eltern bewusst geworden, dass etwas nicht stimmt, dass Max nicht mitkommt und von seinen Mitschülern im Schulstoff überholt wird. Nach dem ersten Halbjahr ist es Max’ Lehrerin gewesen, die auf die Eltern zugekommen ist und ihnen empfohlen hat, den Sohn einmal bei einem Kinderpsychologen auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) zu testen. Anfangs wollten sie es gar nicht wahrhaben, dass bei ihrem Kind eine Störung vorliegen könnte. „Max ist doch einfach nur ein wenig verspielter als gleichaltrige Kinder und kann nicht lange stillsitzen“, dachte sich seine Mutter.

Mit der Diagnose begann dann auch ein Termin-Marathon. Vom Kinderpsychologen wurde Max Ergotherapie verschrieben. Außerdem brauche er einen Schulbegleiter, der ihn während der Schulzeit unterstützt. Von Max’ Klassenlehrerin bekamen seine Eltern dann den Tipp, sich einmal mit dem Kreuztaler Verein Invema in Verbindung zu setzen. Nach einer ersten Beratung wurde den Eltern bei der Antragsstellung geholfen, denn eine Schulbegleitung muss vom Jugend- oder Sozialamt bewilligt werden. Invema ist auch der Arbeitgeber von Angelika. Insgesamt beschäftigt der Verein, der sich seit über 20 Jahren für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen einsetzt, nahezu 140 Schulassistenten. Neben pädagogischen Fachkräften wie Erziehern, Heilerziehungspflegern und Sozialpädagogen sind das Frauen und Männer im freiwilligen sozialen Jahr oder Assistenzkräfte ohne Ausbildung.

Invema hat sich ganz dem Thema Inklusion von Menschen mit Behinderung verschrieben. Inklusion geht für den Verein aber über die Arbeit an Schulen hinaus, deshalb gibt es noch die beiden Arbeitsbereiche „Freizeit“ und „Wohnen“. Als Leitlinie für ihre Arbeit sehen die Mitarbeiter von Invema den Grundsatz, dass alle Menschen gleichwertig sind. Der Verein möchte Personen, die bislang zum Beispiel durch Sondereinrichtungen, wie Sonderschulen, Wohnheime, Behindertenwerkstätten und so weiter, ausgegrenzt wurden, eine bedingungslose Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglichen. Seit 1993 ist der Verein Ansprechpartner und Wegbegleiter für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen und für deren Angehörige.

Nicht überall ist Inklusion drin, wenn Inklusion drauf steht

Früher wäre es sehr wahrscheinlich gewesen, dass Kinder wie Max auf einer Sonderschule landen. Und das, obwohl es dem Jungen an Intelligenz sicherlich nicht fehlt. Seitdem die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2006 das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) verabschiedete beziehungsweise mit dem Inkrafttreten drei Jahre später in Deutschland, sieht die Situation für Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen anders aus. Menschen mit Behinderung sollen demnach die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um am Alltagsleben teilhaben zu können. Das heißt auch, dass kein Kind mehr aufgrund einer Behinderung vom Unterricht an einer Regelschule ausgeschlossen werden darf.

Zwar steigen seitdem laut der Bertelsmann Stiftung die Inklusionsanteile in deutschen Schulen, von einem inklusiven Bildungssystem sei Deutschland aber noch weit entfernt. Besonders in weiterführenden Schulen nehme der Anteil von Schülern mit einem Handicap ab: „Während der Inklusionsanteil in deutschen Kitas 67 Prozent und in den Grundschulen 46,9 Prozent beträgt, fällt er in der Sekundarstufe auf 29,9 Prozent. Besonders auffällig: Von den knapp 71.400 Förderschülern in den Schulen der Sekundarstufe lernt nur jeder Zehnte an Realschulen oder Gymnasien. Inklusion findet hauptsächlich an Hauptschulen und Gesamtschulen statt.“

Stephan Lück, Gründer und Geschäftsführer von Invema e.V., erzählt von seinen langjährigen Bemühungen um das Thema: „Angefangen haben wir 1993 mit der integrativen Schulbetreuung und haben dann dafür gekämpft, dass Menschen die Möglichkeit erhalten, in ihrer eigenen Wohnung ambulant unterstützt zu werden. Auch im Freizeitbereich versuchen wir seit dieser Zeit durch persönliche Assistenz und die Zusammenarbeit mit den ‚ganz normalen‘ Trägern der Kinder- und Jugendarbeit die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Vor einigen Jahren noch wurde ich von allen Seiten kritisiert oder gar nicht erst ernst genommen. Meine Vorstellung von Inklusion, der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung und die damit verbundenen Forderungen wurden als utopisch abgetan.“

Foto: © Invema e.V.
Stephan Lück, Gründer und Geschäftsführer von Invema e.V., Foto: © Invema e.V.

Heute sieht das ganz anders aus. Nach Erscheinen des UN-BRK müssen ja nun alle für Inklusion sein, aber Lück bezweifelt, dass diese Sinneswandlung der einstigen Befürworter von Sondereinrichtungen wirklich echt ist: „Ich glaube, dass viele Akteure hier ‚an Alt-Bewährtem‘ festhalten (wollen) und die Tragweite einer inklusiven Gesellschaft in ihrer eigenen Arbeit – zumindest noch nicht – erkannt haben. Denn das Festhalten an ‚Sondereinrichtungen‘ und die Unterstützung von Menschen mit Behinderung in überwiegend ausgrenzenden Strukturen widerspricht dem Gedanken einer inklusiven Gesellschaft! Gleichzeitig wird Inklusion als wünschenswertes Ziel erkannt und benannt – und das selbst von Trägern, die ausschließlich ausgrenzende Sondereinrichtungen unterhalten!“

Lück fragt sich, wie das gehen kann. Immer mehr Träger und Anbieter ausgrenzender Angebote hätten einen Weg gefunden, beides miteinander zu vereinbaren: Sie verkaufen einfach alles das, was sie früher gemacht haben, jetzt als inklusiv, meint er. Und die Rechnung scheint aufzugehen. Die Werkstatt für Behinderte sieht sich als Teil eines inklusiven Arbeitsmarktes, das Wohnheim macht jetzt nur noch inklusive Angebote und die Sonderschule feiert inklusive Schulfeste. Und so werde langsam der Bevölkerung etwas verkauft, wo zwar Inklusion drauf steht, aber keine Inklusion drin sei! Diese „Inklusionslügen“ bereiten Lück zur Zeit die größten Bauchschmerzen, denn durch sie wird ganz aktuell die Gesellschaft daran gehindert, ihre traditionelle Sichtweise zum „Umgang mit behinderten Menschen“ zu revidieren!

„Wenn die Menschen in der Kommune auch heute noch durch solche ‚Inklusionslügen‘ erleben, dass es anscheinend keinen Widerspruch gibt zwischen der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft, dann dürfen wir nicht erwarten, dass sich in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Inklusion entwickelt!“

*Namen von der Redaktion geändert


Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Januar 2016
Links zum Thema

UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Am 13. November 2006 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Convention on the Rights of Persons with Disabilities – CRPD). Am 3. Mai 2008 trat das Übereinkommen in Kraft. Ratifiziert wurde es bisher (Stand Dezember 2015) von 160 Staaten, darunter Deutschland, Österreich, die Schweiz und Tschechien.

Die UN-Behindertenrechtskonvention umfasst neben der Bekräftigung der allgemeinen Menschenrechte auch für behinderte Menschen eine Vielzahl spezieller, auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zugeschnittene Regelungen. Die Aufgabe aller Menschenrechtskonventionen ist die Ermächtigung der Menschen, indem sie ihre Ansprüche auf Selbstbestimmung, Diskriminierungsfreiheit und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe geltend machen und durchsetzen können. Dazu gehört beispielsweise das Recht, auch mit Behinderung am Unterricht an einer Regelschule teilnehmen zu können.

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