Dazugehören

„Die Komische, die nie etwas sagt“

Foto: Keoni Cabral, CC BY 2.0Foto: Keoni Cabral, CC BY 2.0
Zuzana Nováková: „Mit körperlichem Kontakt habe ich kein Problem. Es ist mehr die Angst, nicht dazuzugehören.“ Foto: Keoni Cabral, CC BY 2.0

Für manche ist ein Freundeskreis eine Selbstverständlichkeit, für andere ein unerfüllter Traum. Zuzana Nováková (24) leidet unter sozialer Phobie. „Mit körperlichem Kontakt habe ich kein Problem. Es ist mehr die Angst, nicht dazuzugehören“, beschreibt Zuzana ihre Sorge, wegen der sie schließlich sogar in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung war. Momentan arbeitet sie an der Erfüllung ihres großen Wunsches: ihre Schüchternheit zu überwinden und endlich richtige Freunde zu finden.

Zuzana, soziale Phobie äußert sich üblicherweise erst im Verlauf des Lebens. Wann hast du zuerst gemerkt, dass dir die Kommunikation mit anderen Menschen schwer fällt?

Die Probleme hatte ich schon seit meiner Kindheit. Ich weiß nicht, was genau passiert ist, aber als ich auf eine neue Grundschule kam, war ich vollkommen raus. Wenn sich dort nicht drei Mädchen um mich gekümmert hätten, hätte ich überhaupt keine Freunde gehabt. Ständig hatte ich Angst, dass ich peinlich bin, wenn ich etwas sage, also habe ich lieber geschwiegen. Alle hielten mich dann für diese Komische, die nie etwas sagt. Und selbst wenn ich Freundinnen hatte, habe ich mich ständig gefragt, wie lange sie es mit mir wohl aushalten, bis ich beginne sie zu langweilen.

Wäre es nicht einfacher gewesen, ihnen frei heraus zu sagen, was du tatsächlich durchmachst? Vielleicht hätten sie es verstanden.

Auf der Mittelschule habe ich mich zwei Mädchen anvertraut. Tatsächlich hatte ich nie ein Problem damit, von meinen Ängsten zu erzählen, wenn ich jemandem vertraut habe. Gerade bei Leuten, die ich noch nicht so gut kannte, habe ich mich damit abgesichert, das von vorherein zu sagen, damit sie unter Umständen von selbst einen Rückzieher machen können.

In welchem Moment ist dir bewusst geworden, dass du dein Problem nicht alleine bewältigst und Hilfe brauchst? Gab es da irgendeinen Wendepunkt, oder bist du erst allmählich darauf gekommen?

Als ich 15 Jahre alt war, hatte ich oft Selbstmordgedanken. Aber erst mit 17, als diese Gedanken wiederkamen, bin ich zum ersten Mal zu einer Psychologin gegangen. Ich war dann auch in psychiatrischer Behandlung und habe Medikamente genommen. Die haben am Anfang ganz schön reingehauen, aber mit der Zeit linderten sie die Beschwerden. In Wirklichkeit aber bestand das Problem natürlich fort. Ich habe mich ständig damit rumgeschlagen, und deshalb habe ich mit meinem Arzt vereinbart, mich in stationäre Behandlung in Kroměříž zu begeben.

Auf welche Art hast du dort an dir gearbeitet? Hat dich das weitergebracht?

„Ich habe gelernt, Kritik anzunehmen. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass ich mich nicht mit anderen vergleichen sollte.“

Bis zu dieser Zeit war ich nur an Einzeltherapie gewöhnt. Dort aber setzte man auf Gruppenpsychotherapie. Das war zu Beginn ungewohnt für mich, aber schließlich habe ich gerade dank der Rückmeldungen der anderen viel über mich selbst erfahren. Den größten Fortschritt sehe ich aber darin, dass ich gelernt habe, Kritik anzunehmen. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass man nicht unbedingt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und lustig sein muss, und dass ich mich nicht mit anderen vergleichen sollte. Insgesamt habe ich in der Klinik sechs Wochen verbracht, und das war für mich wirklich eine grundlegende Erfahrung.

Nicht lange nach deinem Aufenthalt in der Klinik hast du begonnen zu studieren. War zu diesem Zeitpunkt alles in Ordnung, hast du dich besser gefühlt?

Ehrlich gesagt habe ich in meinem Studium nicht viel gebüffelt, aber irgendwie bin ich damit durchgekommen. Am Ende hat mich meine Herangehensweise dann aber doch eingeholt. Ich habe es nicht mal geschafft, rechtzeitig meine Bachelorarbeit fertig zu schreiben. Ich blieb ein Jahr lang zu Hause, ohne Abschluss und ohne Arbeit, und erst mit einigem Abstand merkte ich, was für einen Riesenfehler ich damit gemacht hatte. Ich hatte mich nirgendwohin weiterentwickelt, eher haben sich die Gefühle der Unfähigkeit in mir noch verstärkt. Zudem hatte ich eigenmächtig entschieden, die Medikamente abzusetzen, und zwar aus einem völlig idiotischen Grund. Meistens hatte ich nämlich vergessen, wann ich die Termine für die Kontrolluntersuchungen habe. Ich bin immer zu einer anderen Zeit gekommen, und die Krankenschwester hat mich dann jedes Mal zusammengestaucht. Um diese Situationen zu vermeiden, habe ich mir vorgenommen, ohne die Medikamente zu funktionieren. Es stellten sich dann aber plötzlich schlimme Zustände ein und alles fiel auf mich nieder: dass ich zu Hause hocke, dass ich alleine bin, dass ich zu nichts nütze bin, nichts hinkriege und sich mein Leben nicht weiterentwickelt.

Mir wurde bewusst, dass ich etwas mit mir machen muss. Ich war zwar immer noch nicht in der Lage, das Studium zu beenden, aber ich bin dann nach Prag gezogen und habe in Bohnice eine Stelle als Krankenschwester gefunden. Jetzt lebe ich mich ein und versuche neue Freunde zu finden.

Wie lief es während der Krankheit mit deiner Familie? Wussten sie, was du durchmachst?

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich neun Jahre alt war. Ich will mich nicht herausreden, aber ich glaube, dass meine Probleme zu einem großen Teil mit der väterlichen Erziehung zusammenhängen. Als ich geboren wurde, war mein Vater enttäuscht, dass er keinen Sohn bekommen hatte. Er benahm sich mir gegenüber distanziert, nie haben wir uns richtig unterhalten, und es kam mir so vor, als hielte er alles, was ich mache, für schlecht. Mit meiner jüngeren Schwester kam er dann schon besser zurecht, aber ich hatte immer das Gefühl, dass er sie lieber mag.

Ihr habt euch also nie über dein Problem ausgetauscht?

Als ich in der Klinik war, habe ich im Rahmen der Therapie eine Szene durchgespielt, in der ich mit meinem Vater rede und ihm alles sage, was mich ärgert und wie ich mich fühle. Schließlich habe ich mich auch in Wirklichkeit dazu durchgerungen, aber er hat mir dazu nicht viel gesagt. Er hat sich eher herausgeredet, gesagt, dass er mich und meine Schwester gleich gern habe. Unsere Beziehung ist bis heute nicht ideal. Mit meiner Mutter ist es besser. Ihr kann ich alles sagen, aber ich glaube trotzdem, dass mir ein männliches Vorbild fehlt.

Hat es die Beziehung zu deiner Schwester irgendwie beeinflusst, dass du das Gefühl hattest, dass sie würde mehr geliebt?

„Ich würde mir sehr wünschen, im Sommer mit einer Gruppe von Leuten eine Bootstour zu machen. Davon habe ich immer geträumt.“

Mit meiner Schwester war immer alles in Ordnung. Seit der Kindheit habe ich sie beneidet, dass sie nicht mal den kleinen Finger bewegen musste und trotzdem die Freunde an ihr hingen. Dann wurde es aber komplizierter. Unsere Mama hatte einen neuen Freund gefunden, der dann zu uns gezogen ist und uns beide wegen Nichtigkeiten zusammengeschrien hat. Meine Schwester war damals etwa 13 Jahre alt und sie hat darauf reagiert, indem sie immer weniger gegessen hat – bis bei ihr eine Magersucht diagnostiziert wurde. Sie kam in Behandlung und ich habe mir damals sehr vorgeworfen, dass ich bis zuletzt nichts bemerkt hatte. Bestimmt hätte ich ihr mehr helfen können, aber ich habe die Rolle der älteren Schwester nicht wirklich angenommen. Seit sie zurück kam war unsere Beziehung nie wieder wie vorher. Sie ist zu unserem Vater gezogen, ich blieb zu Hause und wir haben uns nur noch ab und zu gesehen. Das ist bis heute so.

Momentan bist du auch eingebunden in den Verein Sfinga, der Sozialphobikern hilft und vor allem Gruppensitzungen organisiert. Geht es auch dabei vor allem um eine Rückmeldung von anderen?

Ich beschäftige mich mit Dingen gerne tiefgehend. Verschiedene Diskussionen und Übungen zu sozialen Kompetenzen haben bei mir eine recht gute Wirkung. Positiv ist sicher, dass man nicht gefangen ist in seinem Stereotyp, unter Leute kommt und irgendwie an sich arbeiten kann. Oft habe ich aber ein großes Problem, wenn es zu einer Übung kommt, die mir nicht liegt, oder die mir zeigt, was ich falsch mache. Ich bin dann total verzweifelt und kann mich dann mit anderen gar nicht mehr normal unterhalten. Mich saugt das völlig aus.

Du hast davon gesprochen, dass du in Prag versuchst, neue Freunde zu finden. Bemühst du dich auch, irgendwelche dauerhaften Kontakte im Verein Sfinga zu knüpfen?

Das klingt vielleicht blöd, aber bei Sfinga haben doch alle eine soziale Phobie. Ich frage mich ständig, wie es wohl wäre, wenn ich in der Lage wäre, normal mit anderen Menschen zu sprechen – umso mehr könnte ich meinen Erfolg dann wertschätzen. In letzter Zeit denke ich viel darüber nach, spontaner zu sein. Es kommt mir so vor, als würde ich in der Kommunikation immer noch etwas falsch machen. Entweder weiß ich nicht, was ich in einer bestimmten Situation sagen soll, oder ich beobachte die Leute, um herauszufinden, wie ich reagieren soll, ich schweige und warte. Unterdessen unterhalten sich aber die anderen und ich verliere Zeit.

Warum solltest du dich aber zu größerer Spontaneität zwingen, wenn das nicht deinem Naturell entspricht?

Ja, das ist ein Argument. Ich bin erst seit vier Monaten in Prag, Freunde oder eine Clique habe ich hier noch nicht. Wenn die Situation eintritt, unterhalte ich mich gerne auch auf der Straße, aber normalerweise schaffe ich es nicht, so zu beeindrucken, dass sich der jeweilige Mensch noch einmal mit mir treffen wollen würde. Es ist auch wahr, dass ich etwas Zeit brauche, um mich Menschen zu öffnen. Die meisten werden aber so lange nicht warten. Die sagen sich lieber, dass ich komisch bin und sie lassen mich liegen. Weißt du, was ich mir sehr wünschen würde? Zum Beispiel einfach nur im Sommer mit einer Gruppe von Leuten eine Bootstour zu machen. Davon habe ich immer geträumt. Es wäre super, dass einmal zu erleben!

Das Interview führte Alice Zoubková.
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Oktober 2015
Links zum Thema

Bürgervereinigung SFinga

Die Bürgervereinigung SFinga versucht Menschen zu helfen, die unter sozialer Phobie leiden, oder die eine Vermeidungshaltung gegenüber sozialen Interaktionen entwickelt haben. Das Ziel ist es, den Mitgliedern einen angenehmen Raum zur Begegnung zu bieten, in dem sie bei Gruppensitzungen ihre Probleme diskutieren oder soziale Kompetenzen trainieren können. Ein wichtiger Bestandteil ist auch das Knüpfen neuer Kontakte unter den Teilnehmern selbst. Diese sollen dann mit der Zeit an Selbstsicherheit gewinnen, um sich besser in die Gesellschaft integrieren zu können. Außerdem bemüht sich die Vereinigung um ein allgemein besseres Verständnis von sozialer Phobie, ihrer Ursachen und ihrer Behandlung.

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