#Klartexte

Das wird man ja wohl nicht sagen dürfen

Nina Janich, Professorin für Deutsche Linguistik an der TU Darmstadt, ist seit 2011 die Sprecherin der Jury, die das Unwort des Jahres wählt. Foto: © Privat | Quelle: unwortdesjahres.net

Jedes Jahr kürt eine Jury das „Unwort des Jahres“. Worauf achtet sie dabei und welche Rolle spielen Wörter in der Demokratie? Ein Gespräch mit Nina Janich, Professorin für Linguistik und Sprecherin der Unwort-Jury.

Frau Janich, warum wählen Sie jedes Jahr ein Unwort des Jahres?

Die Aktion gibt es seit bald 30 Jahren, und wir halten sie für wichtig, weil sie eine Form der öffentlichen Sprachkritik ist. Einmal im Jahr wollen wir darauf aufmerksam machen, wie wir uns in der Öffentlichkeit austauschen und miteinander umgehen, welche Worte wir dafür wählen. Wir wollen sensibilisieren, mit welchen Begriffen bestimmte Positionen in der Öffentlichkeit besetzt werden.

Machen wir uns zu wenig Gedanken über Sprache und deren Wirkung?

Pauschal kann man das so nicht sagen. Manche Menschen, die Unwörter verwenden, machen sich sehr wohl Gedanken über die Sprache und benutzen diese auch strategisch. Genau deshalb ist eine Kritik notwendig. Unsere Kritik bezieht sich auf Begriffe, die diffamieren, verhüllen oder verschleiern, die gegen die Menschenwürde verstoßen oder die den demokratischen Prinzipien widersprechen, indem sie Positionen als alternativlos darstellen. Die Kritik richtet sich sowohl gegen die Intentionen derer, die solche Worte absichtlich für ihre Zwecke nutzen, als auch an diejenigen, die die Worte dann womöglich verwenden, ohne darüber nachzudenken, was sie da eigentlich sagen.

„Ein häufiger Vorwurf: Unsere Wahl würde die Begriffe erst bekannt machen“

Steckt denn immer eine Intention dahinter, wenn Begriffe entstehen, die später zum Unwort des Jahres gewählt werden?

Es gibt sicherlich auch manche Ausdrücke, die eher aus Unachtsamkeit in den öffentlichen Sprachgebrauch kommen. „Döner-Morde“ ist vielleicht so ein Fall. Das hat mal jemand aufgebracht, dann wurde es weiterverwendet, und niemand hat groß nachgedacht. Zumindest war das mein Eindruck im Gespräch mit Journalisten. Aber das ist auch eines der Wörter, die seitdem kaum mehr verwendet wurden. Meistens aber werden Unwörter so gebraucht, dass die Verwender damit etwas ganz Bestimmtes bezwecken möchten. Es geht nicht darum – das ist ein häufiger Vorwurf gegen diese Aktion –, man dürfe nicht mehr sagen, was man denkt. Aber man sollte sich schon überlegen, welche Haltung, auch gegenüber den Mitmenschen und Gesprächspartnern, dahintersteckt, wenn man bestimmte Wörter verwendet. Es sollte in jeder Diskussion – auch in einer harten Debatte – möglich sein, respektvoll miteinander umzugehen.

Wenn man sich die Unwörter der letzten Jahre anschaut – alternative Fakten (2017), Volksverräter (2016), Gutmensch (2015), Lügenpresse (2014), Sozialtourismus (2013) –, dann scheinen diese Ausdrücke in erster Linie eher in rechten beziehungsweise rechtskonservativen Zusammenhängen zu entstehen. Warum ist das so?

Das fragen wir uns auch immer wieder, weil es so zu klassischen Vorwürfen gegen uns kommt: Erstens, dass wir immer die gleiche politische Richtung kritisieren würden, und zweitens, dass wir, also die Jury, selbst „links-rot-grün versifft“ seien.

Vier Jurymitglieder kommen aus den Sprachwissenschaften, eines aus dem Journalismus, und ein jährlich wechselndes Mitglied ist im öffentlichen Kultur- und Medienbetrieb tätig. Bei der Wahl zum Unwort des Jahres 2017 war das die Street-Art-Künstlerin Barbara, die sich mit ihrer Kunst klar gegen rechts positioniert. Stimmt der Vorwurf also?

Wir sind natürlich auch Menschen mit einer politischen Haltung, es kann also schon sein. Aber wir versuchen auf der Ebene der Sprache zu argumentieren und zu diskutieren und nicht von der politischen Haltung her. Möglich ist aber auch, dass es an den Einsendern liegt, denn wir wählen nur aus den Wörtern aus, die uns geschickt werden. Wir bestimmen also nicht darüber, welche Begriffe zur Auswahl stehen. Die Jurymitglieder stehen unterschiedlichen politischen Parteien nahe. Wir sind also durchaus darum bemüht, mit der Auswahl keine politische Richtung vorzugeben. Fest steht aber auch: Wir würden wahrscheinlich keinen AfD-Politiker in die Jury einladen, nur um eine ausgewogenere Debatte zu bekommen.

Wer Sprachkritik betreibt, ist auch schnell dem Vorwurf ausgesetzt, die selbst ernannte „Sprachpolizei“ zu sein, die auf „politisch korrekte“ Begriffe drängt. Die Antwort ist meist: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – was dann nach Freiheit und Selbstbestimmung klingt. Wie stehen Sie dazu?

Das ist eine Grundsatzdebatte, mit der wir uns als Sprachwissenschaftler auch in unserem Beruf immer wieder auseinandersetzen müssen. Man kann nicht wegdiskutieren, dass zwischen Sprache und Denken ein schwieriges Spannungsverhältnis besteht. Die entscheidende Frage ist: Muss sich erst die Haltung ändern, bevor sich auch die Sprache ändert? Oder kann sich durch das bewusste Nachdenken über Sprache die Haltung verändern? Wir Sprachwissenschaftler in der Jury verfolgen einen konstruktivistischen Ansatz und sind der Meinung, dass Sprache Wirklichkeit prägt. Daraus folgt, dass man durch das Nachdenken über und das Kritisieren von Sprache auf die Haltung von Menschen einwirken kann.

Die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling forscht an der Universität Berkeley zum Thema „Politisches Framing“. Sie sagt, es sei im Grunde egal, wie man einen fragwürdigen Begriff benutzt, ob man ihn also unterstützt oder kritisiert. In dem Moment, in dem man ihn wiedergibt, befördere man die dahinterstehende Erzählung. Was meinen Sie dazu?

Das ist auch ein häufiger Vorwurf gegen das Unwort: Unsere Wahl würde die Begriffe erst bekannt machen. Und es stimmt natürlich: Alles, was man in die Debatte wirft, ist dort ein Thema. Aber im Rahmen von Sprachkritik als Wortkritik kann man damit meiner Meinung nach nicht gut arbeiten: Wenn man Sprachkritik betreibt, muss man den Begriff, den man kritisiert, auch nennen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass unsere Wahl durchaus etwas bewirkt. Und zwar versehen wir die ausgewählten Wörter mit der kritischen Konnotation „war mal Unwort des Jahres“. Und das denken die Menschen dann mit, wenn sie den Begriff hören oder lesen. Er ist entsprechend markiert.

Das Interview führte Marlene Halser für fluter.de.

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
2. Mai 2018
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