#Klartexte

Stolz, Würde, Pride

Illustration: © Kristóf Ducki

Der ungarische „Marsch des Homosexuellen Stolzes“ (Meleg Büszkeség menet) kam nach dem Vorbild der US-amerikanischen Pride-Parade zustande, allerdings in einer grundlegend anderen politischen und kulturellen Situation. Wie entwickelt sich die Bedeutung eines Begriffs wie Pride, wenn er unverändert übernommen beziehungsweise in die Landessprache übersetzt wird?

Am 6. September 1997, es war ein Samstag, startete ausgehend von der Capella Bar in Budapest der erste „Marsch des Homosexuellen Stolzes“ in Ungarn. Ungefähr 300 Menschen legten damals in den frühen Abendstunden relativ eilig eine kurze Strecke von rund 800 Metern entlang des pittoresken Donau-Ufers zurück. Dieses Ereignis entstand nach dem Vorbild einer Reihe anderer Umzüge und wurde in deren Kontext gesetzt, es ordnete sich also in ein bereits bestehendes System ein, das sich zu diesem Zeitpunkt über mehrere Jahrzehnte hinweg unter dem Namen Pride auf der ganzen Welt geformt hatte.

Ausgangspunkt war der 1969 durch eine Polizeirazzia im New Yorker Nachtlokal Stonewall Inn ausgelöste mehrtägige Aufstand gegen Polizeischikane, der zum Grundstein der amerikanischen und später internationalen Bewegung für Rechtsgleichheit von Homosexuellen wurde. Die seitdem organisierten Pride-Paraden gedenken einerseits den historischen Anfängen des Widerstandes bei Stonewall und machen andererseits die vielfältigen gesellschaftlichen Gruppen der Nicht-Heterosexuellen öffentlich sichtbar.

Die Organisierbarkeit, der Charakter oder eben das Verbot der Parade sowie das – fröhliche, gewalttätige oder kommerzielle – Drumherum stellen damit auch einen Indikator hinsichtlich der gesellschaftlichen Lage, Werteordnung sowie deren Veränderungen in einem Land dar.

Stolz und Vorurteil

Die Geschichte der Umbenennung der ungarischen Parade verrät viel über die vermeintliche und tatsächliche Rolle der Namensgebung und des Framings. Der 1997 gestartete Umzug zum „Tag des Homosexuellen Stolzes“ (Meleg Büszkeség Napi felvonulás) bekam seinen Namen, indem Gay Pride ganz einfach und wortwörtlich ins Ungarische übersetzt wurde. Diesen Namen behielt das Event elf Jahre lang, wobei schon vom ersten Moment an der Gedanke aufkam, dass das Wort Stolz im Ungarischen möglicherweise nicht ganz dieselbe Bedeutung hat wie in anderen Sprachen. Vor dem Umzug fasste der Linguist Ádám Nádasdy die diesbezüglichen möglichen Einwände der Skeptiker*innen zusammen:

  • Warum sollte man auf etwas stolz sein, das keine Leistung, sondern eine Gegebenheit ist, genauso wie „blonde Haare oder Schuhgröße 44“
  • Stolz ist ein übertreibendes, „herausforderndes und provokatives“ Geprahle mit etwas
  • In Amerika ist Stolz „ein viel alltäglicheres Wort im politischen-bürgerrechtlichen Leben“, die ungarische Entsprechung dafür wäre eher „dazu stehen“, „sich nicht dafür schämen“ oder „es mit Würde tragen“.

Am Vorabend des ersten Umzugs kam Nádasdy entgegen all dieser Zweifel und Kritik schließlich zu dem Schluss, dass man sehr wohl stolz sein kann, wenn „man offen zu einer seiner Eigenschaften steht, welche die Mehrheit – aus Vorurteil – für schändlich und versteckenswert hält.“ Doch nun zurück zu den Zweifeln.

Was als „Geprahle“ gilt, hängt natürlich von der kulturell bedingten Norm ab, wie viel genug und wie viel zu viel ist. Zu viel ist, wenn man sich mit seiner Situation brüstet, wenn die Selbsteingenommenheit und Maßlosigkeit – oder gar mit einer biblischen Todsünde ausgedrückt: der Hochmut – zur Überbewertung der eigenen Situation oder Erfolge führen. Nicht zu viel, ja, sogar notwendig sind hingegen ein begründeter positiver Selbstwert, Zufriedenheit und Glücksgefühl.

Wenn in einer Gesellschaft beispielsweise die auf erlittenem Unrecht basierende Identität beziehungsweise die Kultur des Sich-Beklagens sehr stark ausgeprägt sind und die Kommunikation der eigenen Leistungen und Erfolge keine feste Tradition hat, dann ist es viel wahrscheinlicher, dass Stolz – vollkommen unabhängig von der Frage der geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung – als Maßlosigkeit oder Prahlerei tituliert wird.

Von hier aus ist es nur mehr ein einfacher, aber dennoch illegitimer Schritt, wenn Prahlerei als übertriebene Darstellung mit öffentlicher Darstellung gleichgesetzt wird, denn dann werden selbst Maß haltende Personen plötzlich in die Privatsphäre gedrängt. Anders ausgedrückt: Wenn Stolz kulturell gesehen „kein alltägliches Wort“ ist, wie es Nádasdy formuliert hat, kann die Übernahme dieses Wortes abweichende Deutungsframes hervorrufen.

In diesem Sinne kann die im Jahr 2008 veranlasste Umbenennung des Umzugs zu „Marsch der Homosexuellen Würde“ (Meleg Méltóság Menet) als Reframing-Versuch erachtet werden, da man durch diese Maßnahme einerseits mit dem Event-Namen an den auf der menschenrechtlichen Auffassung der universellen menschlichen Würde basierenden Begriff der gleichrangigen und absoluten Würde anknüpfte und sich andererseits vom Wort Stolz löste.

Dieser Namensänderung unmittelbar vorangegangen war das organisierte, gewalttätige Auftreten rechtsextremer Gruppen gegen die Parade im Jahr 2007. Im Rahmen dieser Parade wurden die Community-Mitglieder nicht ausreichend von der Polizei beschützt, der direkte physische Angriff verschärfte in der Folge die Frage nach der Rechtsordnung und Rechtsgleichheit. Zur gleichen Zeit lebte der früher „nicht alltägliche“ Frame des Wortes Stolz im stärker werdenden ethno-nationalistischen Bewusstsein und ethnisch basierten Nationalstolz, insbesondere in der rechtsextremen Massenkultur wieder auf.

Die während der Eröffnung gespielte Nationalhymne verweist deshalb symbolisch auf die „Zugehörigkeit der LGBTQ-Community zum Ungarntum“ – wie die Organisator*innen es in der Geschichte der ungarischen Pride formulieren. Sie reagieren damit auf die ausgrenzende Auffassung von Nation, die sexuelle Minderheiten und deren politische Bestrebungen als antinational, fremd und als Gefahr für das Fortbestehen der Nation verurteilt.

Der Kampf der Frames

Im Rahmen einer Studie zur Medienrepräsentation der Budapest Pride zwischen 2009 und 2017 wurden in den Berichten verschiedene Framings gefunden. Unter den negativen Framings findet sich der Frame der Sauberkeit, der auf der Behauptung basiert, die Paradeteilnehmer*innen würden den Grundwert der moralisch-körperlichen Sauberkeit gefährden, sowie der konservativ-nationalistische Frame des Patriotismus, der den Teilnehmenden unterstellt, aus dem Ausland finanziert zu werden und eine fremde Macht zu repräsentieren.

Unter den positiven Framings fanden sich der Frame der Gleichheit, also der Schutz der allen Menschen zustehenden Freiheitsrechte, der Frame der „Rückstandsaufholung“, der davon ausgeht, dass die Homosexuellen-Rechte in immer weiteren Teilen der Welt anerkannt werden und ein Fehlen dieser Anerkennung ein Zurückbleiben hinter dem fortschrittlicheren Beispiel bedeutet, sowie der Frame der Harmlosigkeit, also dass andere keinen Schaden erleiden.

Wenn man die Namensänderung aus dieser Perspektive betrachtet, dann zielt der Wechsel von Stolz zu Würde auf ein stärker egalitäres Framing ab, während diejenigen, die das „Schädliche“ der Parade hervorkehren oder auf deren Verbot pochen, den Frame der Sauberkeit betonen. Und wenn Letztere den ethnisch basierten Nationalstolz propagieren, dann bedienen sie sich des Patriotismus-Frames und lehnen den Frame der „Rückstandsaufholung“ ab.

Die Rolle des Wann und Wo im Framing

2009 kam es zu einem weiteren Wendepunkt: Die Organisator*innen brachten den Stolz zurück, jedoch auf Englisch. Pride wurde zuerst nur der Name des Festivals, ab 2012 dann auch jener der Parade – so übernahm man mit dem Namen Budapest Pride scheinbar gänzlich das Namensschema der übrigen Events dieser Art. Die Organisator*innen erklärten den neuerlichen Namenswechsel damit, dass sie dem Event einen „auch auf einem internationalen Schauplatz verständlicheren“ Namen geben wollten.

Präziser formuliert, entschieden sie sich jedoch nicht für einen verständlichen Namen, sondern für den Namen, der sozusagen die globale Marke repräsentiert, so wie etwa im Fall eines weltweit wiedererkennbaren Softdrink-Namens oder Sportschuh-Logos. Stellte man sich 1997 noch die Frage, ob büszkeség, also Stolz, in Ungarn dasselbe bedeutet wie pride in anderen Ländern, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, so tauchte nun die Frage auf, ob das eine pride auch sicher dasselbe wie das andere pride sei.

Aus Sicht des Framings macht es sehr wohl einen Unterschied, ob sich die Benennung durch ihren internationalen Charakter in den politischen Frame der „Rückstandsaufholung“ eingliedern wird, in den international gültigen menschenrechtlichen Frame oder in den kommerziellen Frame der globalen Marken.

An jenen Orten, wo die Parade keine ernsthafte Gefahr bedeutet und das Maß an Gewalt minimal ist, wurden die friedlichen, volksfestartigen Pride-Veranstaltungen, die auch viele Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft anlocken, im Laufe der Jahre immer öfter für ihre Kommerzialisierung kritisiert. Das Promotion-Event der Firmensponsoren spreche in erster Linie Konsument*innen und nicht Bürger*innen an, dementsprechend liege der Fokus nicht auf gefährdeten, aktuell an die Peripherie gedrängten Gruppen, sondern auf der zahlungsfähigen Mittelschicht (die globale Kaufkraft der LGBTQ+ Community wurde 2015 auf 3700 Milliarden Dollar geschätzt).

Das Budget der New York Pride 2016 beispielsweise belief sich auf 2,4 Millionen Dollar, es hatte sich innerhalb von sieben Jahren insgesamt verdreifacht, die Summe der Sponsorengelder war sogar auf das Zehnfache angestiegen, die Teilnehmerzahl aber lediglich um ein Drittel gewachsen.

Laut den Kritiker*innen sei das Pride-Event zu einer auf die Konsument*innen der Mittelklasse ausgerichtete Party geworden und vernachlässige die Repräsentation derjenigen, die – lokal oder global gesehen – auch weiterhin durch Vorurteile und diskriminierende Gesetze gefährdet sind, anstatt dieser Gruppe Solidarität zu zollen. Als Beispiel von Pseudo-Solidaritätsbekundung ist die Aktion einer Fast-Food-Kette berüchtigt geworden, die sich ansonsten im Alltag wenig für Gleichheit einsetzt: Im Inneren der regenbogenfarbenen Verpackung fand sich neben einem herkömmlichen Burger auch der Slogan „innen drin ist jeder gleich“.

Im ungarischen Kontext transportiert die Benennung Budapest Pride nicht nur den Stolz und die internationale Marke, sondern auch das Englische als Fremdsprache. Die nicht zuletzt durch den angelsächsischen Massenkultur-Export gestärkte Weltsprache repräsentiert in Ungarn nicht zwangsläufig den soeben beschriebenen kommerziellen Frame, sondern wird als Fremdsprache sozusagen als „Ausländerin enttarnt“, und kann so zum Feindbild des patriotischen Framings werden, in welchem fremder Einfluss und die Werte der Unabhängigkeit und (nationalen) Redefreiheit im Widerstreit zueinander stehen.

In Ländern wie beispielsweise Russland, oder allgemein in Ost-Europa, wo es für heftige Konflikte sorgt, wenn Menschen durch ihre Teilnahme an der Parade die heterosexuelle Norm infrage stellen, kann die englische Benennung dem positiven Frame der „Rückstandaufholung“ dienen. Und zwar selbst dann, wenn das Event gegebenenfalls durch bedeutendes Sponsoring gefördert wird, was in der westlichen Welt eher den Frame des International Business verstärken würde.

Offenheit und Absperrgitter

Diese unterschiedlichen Framing-Möglichkeiten manifestieren sich in der bei der Budapester Parade seit 2013 eine prägende Rolle spielenden Initiative „Nyitottak vagyunk“ (Wir sind offen) sowie in der von Jahr zu Jahr umstritteneren Sicherung der Parade durch Absperrgitter. Die von drei Firmen gegründete Initiative „Nyitottak vagyunk!“ vereint Unternehmen (und seltener auch andere Organisationen), die sich dem Grundwert verpflichtet haben, ihre Mitarbeiter*innen sowie Partner*innen ausschließlich aufgrund deren Taten und Leistungen zu beurteilen, ja, sie sehen diese Offenheit sogar als Pfand ihres wirtschaftlichen Erfolges an.

Die Absperrgitter waren laut Polizei in mehreren, aufeinanderfolgenden Jahren notwendig, um die friedlichen Demonstrant*innen vor den gewalttätigen Gegendemonstrierenden schützen zu können. Die Absurdität der zwischen Eisenzäune gesperrten Offenheit lässt die fröhliche Parade erfolgreicher Marken auch wie einen Kampf um den öffentlichen Raum wirken, was zusammen mit dem fremden Namen der Pride alle drei Framing-Möglichkeiten gleichzeitig aktiviert.

In den Medien wird das Framing eines bestimmten Phänomens natürlich nicht auf einem einzigen Wort aufgebaut, sondern auf einem komplexen und häufig wiederholten Ensemble aus Bildern und Wörtern. Es gibt Versuche, die beweisen, dass bei Themen, die bereits lange im öffentlichen Diskurs präsent sind, Wörter keine magische Wirkung mehr haben und der Gebrauch bestimmter Ausdrücke die Meinungen der Menschen mitunter nur minimal verändert.

Gleichzeitig aber lässt sich ein und dieselbe Tatsache rhetorisch gesehen sowohl positiv als auch negativ verpacken, je nachdem, welche – häufig wiederholte und bewusst verwendete – Bezeichnung einem Phänomen oder einer Gruppe gegeben wird. Deshalb ist es wichtig, zu erkennen, wie Bezeichnungen eingesetzt werden.

Katalin Orbán
Übersetzung aus dem Ungarischen: Sandra Rétháti

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0).
März 2019

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