Auf dem Land

An beiden Ufern der Peripherie

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Im Grand Hotel Piast in Český Těšín

Těšín (Teschen) hat zwei Gesichter – ein polnisches und ein tschechisches. jádu-Autorin Irena Dudová ist in Těšín geboren und aufgewachsen, aber sie lebt schon lange nicht mehr dort. Ihre Heimatstadt musste sie neu entdecken. In den letzten Jahren hat sich viel verändert.

Hin und wieder mal kein Ausschlafen am Samstagmorgen. Ich bin acht, meine Schwester neun, mit Mama gehen wir auf den Markt auf der polnischen Seite von Těšín (polnisch: Cieszyn, deutsch: Teschen), hinter dem Fluss Olsa. Am Grenzübergang auf der Freiheitsbrücke erwarten uns lange Menschenschlangen und Grenzkontrollen. Reisepässe, Taschendurchsuchung. „Dzień dobry, kontrola paszportów.“ Eine nicht enden wollende Schar Tschechen, Slowaken, Großmütterchen in Trachten aus Čadca oder Žilina. Wir warten eine gute halbe Stunde bis sie uns alle kontrolliert haben und weitergehen lassen.

Warum uns die anderen Kinder nach den Wettkämpfen in Polen „zurück nach Hause“ schicken und andersrum, verstehen wir nicht ganz.

Im Frühling ist es wärmer. Die Sportlehrer treiben uns in einen nahegelegenen Park, der den Grenzübergang säumt. Im Laufschritt eilen wir an Männern mit Klebeband in der Hand vorbei. Sie sparen nicht damit. Ihre Hosen sind hochgekrempelt und sie kleben sich mit dem Band Wodkaflaschen um Oberschenkel und Waden. Dann verstecken sie sie unter weiten Hosenbeinen und machen sich auf zur Grenze. Man nennt sie mrówki – Ameisen. Wir sind Kinder, im Park trainieren wir für Athletikwettkämpfe. Wir gehen auf eine Schule mit Polnischunterricht auf der tschechischen Seite Těšíns. Warum uns die anderen Kinder nach den Wettkämpfen in Polen „zurück nach Hause“ schicken und andersrum, verstehen wir nicht ganz – und warum schauen uns unsere tschechischen Freunde so abfällig an und sähen uns am liebsten dort, wo wir angeblich herkommen, also – wie sie meinen – aus Polen? Vor allen Dingen wenn wir schneller laufen oder im Sand ein paar Zentimeter weiter springen.

Maisflips, Rollmöpse, Krówki-Karamell, die Jogginghosen mit den drei Streifen, Winterjacken – für uns Grundschüler der Gipfel der Mode. Auf dem Markt wimmelt es von Polen, Tschechen und Slowaken. Nach dem Einkaufen übergeben wir dem Zollbeamten am Schalter des Grenzübergangs an der Brücke der Verbrüderung (Most Družby) die Reisepässe. Von Begriffen wie „avantgardistische Architektur des späten Modernismus“ haben wir keinen Schimmer. Noch bevor wir zu Hause ankommen ist die Hälfte der Flips weg und wir haben überhaupt keinen Hunger mehr, geschweige denn Platz für das Mittagessen.

Im Hauptsaal des Hotels Piast tanzen an Karneval Ballerinen in Neonkleidchen mit Piraten, Prinzessinnen mit Indianern. Sie schlürfen ihre klebrige Orangeade mit Strohhalmen und bald wird ihnen der erste Schneidezahn ausfallen. Der Saal ist riesig und nobel. Zur Übergabe der Tombolagewinne schreitet man im Schein eines gewaltigen Kronleuchters über das Parkett.


Vom alten Grenzübergang keine Spur. Verschwunden die Pässe, die Schranken, die Zöllner in grün. Im Gebäude, wo sie die verdächtigen Ameisen abtasteten, näht man jetzt maßgeschneiderte Lederjacken oder Pelzmäntel. Unter der Brücke ein Radweg, Abiturienten fotografieren sich vor Graffitis für die Absolventenaushänge, an beiden Ufern tummeln sich Dutzende Jogger in Funktionskleidung, die man neben Unterwäsche für übergroße Oberweiten im Gebäude direkt gegenüber erwerben kann – also dort, von wo man dann mit Tüten voll von rosa gefärbtem Puffreis aus Polen wieder zurückkommt. Thermoactive System mit nahtloser Technologie. Eine Bohrmaschine Marke Makita. Nusswafelki. Polnische und europäische Flaggen, polnische und tschechische Beschriftung. „Maximum Diversity in Minimum Space“ haben sie hierhin gesprayt. Die Ameisen sind wie vom Erdboden verschluckt.

„Idioten findest du überall und überall findest du gute Menschen.“

Auf seinem Sweatshirt steht „Freiwillige Feuerwehr“ und mit seinen polnischen Kollegen vom Stand nebenan spricht er abwechselnd slowakisch, tschechisch und polnisch. Herr Mirek verkauft hier auf dem Markt schon seit gut zwanzig Jahren Schuhe und Taschen. „Ich bin aus Prag. Was ich hier tue? Da ist die reinste Überflutung, aus der ganzen Welt, also bin ich abgehauen.“ Wir unterhalten uns über die komplizierten tschechisch-polnisch-slowakischen Beziehungen. „My was kochamy!“ („Wir lieben euch!“) ruft mir eine Verkäuferin vom Nachbarstand zu. Nationalitäten hin oder her – komplizierter ist es zwischen den einzelnen Menschen, sagt auch Mirek. „Ich hab dort wirklich gute Beziehungen, Freunde. Jasiu – ein super Kerl“, er zeigt auf den Kollegen, der ebenfalls Schuhe verkauft. „Idioten findest du überall und überall findest du gute Menschen. Den Idioten weiche ich aus, und Jasiu ist der Beste. Ich bin hier seit zwanzig Jahren. Aber Jasiu – von diesen normalen Polen gibt es nur wenige. Er ist beste Schuster.“

Foto: © Irena Dudová
Mirek verkauft hier auf dem Markt schon seit gut zwanzig Jahren Schuhe und Taschen.

Großstädtische Polemik, ob der Piccolo existiert oder nicht, dass im Lungo zu viel Wasser, der flat white weder ausreichend flat noch besonders white ist und der Milchschaumhase ein schiefes Ohr hat, hört man in Těšín nicht. Hier heißt es nämlich nur Presso – ein Café und drinnen Bobi, ein sympathischer Jungspund mit Dutt (– auf Hipster macht hier niemand, und auch das Wort kennt man hier noch nicht wirklich). Gebürtig aus dem polnischen Teil von Těšín, hat er den Trubel der Metropole für ein stylisches Café eingetauscht und kann die hiesige slow motion nicht hoch genug loben. „Ich hab mal in Krakau gewohnt – seitdem hab ich diesen Prunk satt, alles im Übermaß. Eine ganze Zeit lang hab ich da gelebt, hab mich hier und da ein bisschen umgeschaut. Alle sind aus Těšín abgehauen, ich bin geblieben, hab mir hier was überlegt. Mir gefällt die Ruhe hier. Ich hab es riskiert und das Café aufgemacht – solange ich Lust habe, mach ich das weiter. Wenn die Leute nicht anfangen mich zu langweilen, werde ich das für immer machen. Aber mit dieser Langeweile hat es ja so mancher, stimmt’s?“ Aber wenn er sich in der Stadt austoben wolle, sei er in ein, zwei Stunden in Katowice (Kattowitz), Krakau oder Ostrava (Ostrau).

„Es gibt Leute, die Tschechen nicht mögen, aber mir gefällt deren entspannte Art. Deswegen lerne ich auch Czeszisch, ne?“

Bei Bobi bekommt man guten Kaffee, Bier aus der lokalen Brauerei oder Kattowitzer Röllchen mit Schlagsahne. Aber vor allem: in Ruhe. „Alle haben es eilig irgendwohin – aber das hier ist eine ‚strefa wolna od polityki’ (ein politikfreier Ort), ich möchte, dass die Leute hier Pause machen. Mir soll nur mal einer mit ‚Schnell, schnell‘ kommen… Wenn du etwas schnell willst, dann geh zu Starbucks oder McDonalds.“ Er freut sich, dass Bekannte und Freunde immer wieder zu ihm zurückkommen – regelmäßig an Feiertagen, im Sommer während der Ferien, das ganze Jahr über. Sie wissen, wo sie Bobi finden. Sie erzählen ihm, dass es klasse ist, dass er geblieben ist und sie zu ihm zurückkommen können. „Ich hab’s riskiert, ich hab’s probiert und es reicht mir. Ich bin hier schon fast sieben Jahre. Bei mir war es ja auch so: Studium fertig und ich sagte mir, jetzt ab irgendwohin. Da wird das Geld besser schmecken, da werde ich glücklicher sein. Aber das ist nicht wahr. Man muss seinen Platz finden.“

Zu Bobi kommen sowohl Tschechen als auch Polen. Die Tschechen behaupten, dass es hier anders wäre als bei ihnen – der Kaffee schmeckt irgendwie anders. „Die kommen gern her, sie stört es nicht. Es gibt Leute, die Tschechen nicht mögen, aber ich bin sicher nicht so. Man sagt mir nach, ich wäre ein Tschechophiler. Mir gefällt deren entspannte Art. Deswegen lerne ich auch Czeszisch, ne?“


Von Bobi sind es nur ein paar Schritte zum alten Grenzübergang auf der Brücke der Verbrüderung. Ich trinke noch einen Presso mit Argir, ein Berg von einem Kerl mit Vollbart und Basecap. Er ist Grafikdesigner, gebürtig aus dem nahen Karvina, und kehrte nach einem mehrjährigen Aufenthalt in London mit der Familie zurück in heimische Gefilde, wo er nun versucht die Dinge zu einem Besseren zu wenden. Im Rahmen des Projektes Human Cities beteiligte er sich an der Revitalisierung eben jenes Gebäudes am Grenzübergang, eines Werkes der Architekten Zbigniew Kołder und Józef Raszka. Eines heruntergekommenen, vergessenen, unterschätzten und mehrmals als hässlichstes Bauwerk der Region betitelten Gebäudes, das zum Abriss vorbestimmt ist. Eines Beispiels avantgardistischer Architektur des späten Modernismus.

Bis Argir mit der Idee kam, den verfallenen Bau zumindest ansatzweise den Leuten zurückzugeben: „Der Grenzübergang in Těšín, das ist ein einzigartiger Ort. Zöllner, Strafen, Grenzhandel, Elend, Ameisen, Kontrolldurchsuchungen – das war erniedrigend. Ich habe insgesamt schlechte Erinnerungen an diesen Ort. Aber da ich hier jetzt schon mehr als ein Jahr lebe, laufe ich oft daran vorbei und denke – lasst uns einen Ort daraus machen, der lebt!“

Das Gebäude selbst erlebte nach dem Schengen-Beitritt einige gute Jahre, während derer sich in seinen Räumen unter anderem Organisationen wie Krytyka Polityczna (Politische Kritik), der Klub Kreativních Žen (Klub der kreativen Frauen) oder die der sozial engagierte Verein Parostatek niederließen. Durch den Raum wuselten Kinder, die sich hier sich wie zu Hause fühlten. Sie nahmen an Kreativworkshops teil, ihre Eltern konnten es sich derweil im Liegestuhl mit einem Buch gemütlich machen, Limonade trinken und dabei auf den Fluss Olsa schauen, der die beiden Těšíns voneinander trennt. Dann aber mussten die Initiativen umziehen und das Gebäude wurde stehen gelassen. Allmählich fing es an hineinzuregnen, es verfiel und wurde zur Anlaufstelle Obdachloser.

Foto: © Irena Dudová
In Bobis Café geht es gemächlich zu: „Wenn du etwas schnell willst, dann geh zu Starbucks oder McDonalds.“

Dank des Projektes Human Cities hat Argir gemeinsam mit einem Freund im Winter letzten Jahres bei bitterer Kälte die Fenster des verlassenen Baus mit Dreiecken aus farbigem Schaum verklebt und ihm so neues Leben eingehaucht. „Ursprünglich wollten wir für die Ausstellung ein wenig renovieren, ich aber wollte es so roh lassen – die Flecken sollten bleiben, damit die Menschen die Geschichte sehen können, den Zahn der Zeit, der sich darin eingeschrieben hat.“ Die Form der roten Dreiecke erinnert manche zwar an rote Marlboros. Argirs Intention zielt aber auf die Zeit der Kindheit: „Das ist so dieses Traumschloss, zurück in die Kindheit, rot blau. Mir schien das ziemlich witzig. Diese Obdachlosen, die das hier besetzen, sind so betrunken, dass sie sich wie Kinder benehmen. Mir kam das so in den Kopf – ihnen baue ich ein Schloss. Wenn die Leute das sehen, sollen sie diese Reminiszenz erkennen, eine Art Rückkehr in die Kindheit. Sie sollen innehalten in ihrer Eile, in ihren Erinnerungen graben und sich an dieses Spiel erinnern. Ein Guggenheim-Museum wollten wir wirklich nicht daraus machen. Es sollte die Leute direkt ansprechen.“

„Die Obdachlosen sind so betrunken, dass sie sich wie Kinder benehmen. Mir kam das so in den Kopf – ihnen baue ich ein Schloss.“

Einer der Obdachlosen, die von der Brücke der Verbrüderung leere Wein-Tetra Paks in die Olsa werden, ist Macek. Ich treffe ihn, als er auf der Fensterbank einer der zwanzig vietnamesischen Kioske sitzt, die die gesamte Hauptstraße auf der tschechischen Seite Těšíns säumen. Dort, wo sich die Hauptstraße mit der Prager Straße kreuzt. Rap schallt aus seinen Boxen. Ich besteche ihn mit einem Zwanzigkronenstück und zwei Zigaretten, damit er mir was erzählt, über sich und die Stadt, in der er lebt. Er sagt mir, dass er in Übersee war, dass er in Prag gearbeitet hat, alles habe er gesehen dort, sogar Haifische. Und dann ging alles in die Hosen. „Ich trinke hier diesen Billigfusel, ne, so nenne ich das, Fusel. Den für dreißig Kronen, in der Plastikflasche.“ Rüber ins polnische Těšín geht er angeblich manchmal. Aber die Polen rufen seinetwegen die Polizei. Sie sollen angeblich dahin gehen, wo sie herkommen. Es ärgert ihn, dass die Polen auf die tschechische Seite Pakete abholen gehen. Und ob ich ihm nicht meine Nummer geben würde. Er sitze immer beim Billa-Supermarkt. Oder beim Bahnhof, gegenüber vom Piast.


Die Ballerinen sind schon erwachsen und jetzt anstelle über das edle Parkett tanzen sie zwischen Kisten und Ständern, und zögern, ob sie die vier Shirts zum Preis von zwei oder die „biligen Batedücher“ mit dem Delfin nehmen. Ach, und im Sommer kann man nirgends so billige Fächer auftreiben wie hier. Naja, vielleicht noch irgendwo auf der Haupt- oder der Prager Straße, dort wo Macek immer sitzt.

Es ist Mittagsessenzeit. Etwas Lokales, Regionales, um des Gefühls willen, der Rückkehr zu den Wurzeln. Grand Hotel Piast steht dort auf den Fenstern. Ein seltsamer Mix aus Kartoffelpuffern mit Sahne und einem Radegast, das hier irgendwie anders schmeckt als zu Hause. Ein bizarres Kompendium aus Bildern der polnischen Piasten, Mutter Teresa und Alexander dem Großen. Ein überlebensgroßer LCD-Monitor über der Bar verbreitet im ganzen Grand Hotel störend laut die Worte eines Clips, der nicht wirklich hierher passen will, aber eigentlich das ganze treffend zusammenfasst. Es fasst Těšín mit Kinderaugen zusammen. Das Těšín, das man verlässt und wohin man wieder zurückkehrt. Verschmäht und wiederentdeckt nach all den Jahren, die man in kleineren und größeren Städten, Häusern, Wohnungen oder Zimmern mehr oder weniger fremder Leute verbrachte. Dort, wo sie dich immer und immer wieder fragen, woher du kommst und wohin du gehst:

I like digging holes and hiding things inside them
When I'll grow old, I hope I won't forget to find them
Cause I've got memories and travel like gypsies in the night
I build a home and wait for someone to tear it down
Then pack it up in boxes, head for the next town running

Alice Merton – No Roots

Nur die Kassettendecke und die Mosaike in der Eingangshalle des Piast sind gleich geblieben. Die Ballerinen kennen sie noch aus der Zeit, als sie die ganze Nacht durchtanzten mit einem einäugigen Piraten.

Irena Dudová
Übersetzung: Max Zaloudek

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Juli 2018

    Český Těšín | Cieszyn

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