Bezahlen um zu helfen

Foto: © Barbara Deak

„Wenn ich im Urlaub in einem Hotel entspannen soll, kommt mir das irgendwie gezwungen vor“

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Barbara Deak (21) arbeitete nach dem Abi für drei Monate als Volunteer an einer Schule in Ghana. Im Interview erzählt sie, warum sie viel Geld bezahlt hat, um im Urlaub zu arbeiten, und ob sie in den wenigen Wochen als Freiwillige überhaupt etwas bewirken konnte.

Au Pair-Programm, Sprachreise, Work and Travel oder eine ganz normale touristische Reise – es gibt viele Möglichkeiten, wie man einen Auslandsaufenthalt gestalten kann. Warum hast du dich für einen Freiwilligendienst in Ghana entschieden?

Afrika hat mich schon immer fasziniert: Eine gute Freundin unserer Familie kommt aus Somalia und hatte mir schon viel darüber erzählt, wie sie dort aufgewachsen ist. Außerdem hatte ich schon als Kind Bilderbücher über Afrika. Später habe ich die Romane von Henning Mankell gelesen und irgendwann auch Bücher, in denen es eher um Fakten über Afrika ging. Nach dem Abi wollte ich einfach mal raus aus Europa und eine komplett andere Kultur kennenlernen. Und es war klar: Wenn ich nach Afrika gehe, dann will ich auch helfen. Eine Sprachreise oder so kam nicht in Frage. Und wenn man als Tourist in ein Luxushotel geht, lernt man das Land nicht richtig kennen.

Um dir deinen Traum zu erfüllen, hast du keine Kosten gescheut. Rund 1700 Euro musstest du für die drei Monate in Ghana an die Vermittlungsorganisation zahlen. Dazu kamen dann noch die Kosten für Flug, Versicherungen, Visum und den Lebensunterhalt. Hat sich die Investition gelohnt?

Natürlich ist das teuer und viele Leute verstehen nicht, warum sie für das Helfen auch noch etwas bezahlen sollen. Für mich ist das völlig klar: Der Staat unterstützt nur Freiwilligendienste, die ein ganzes Jahr dauern. Ich wollte aber nur für drei Monate ins Ausland gehen, da musste ich die Kosten eben selbst tragen. Der Auslandsaufenthalt war das Geld aber auf jeden Fall wert! Ich habe mit Kindergartenkindern gemalt, getanzt und gesungen und in der ersten und zweiten Klasse einer Schule vor allem Mathe und Englisch unterrichtet. Diese Arbeit hat mir unglaublich viel gegeben und sie hat mich in meinem Vorhaben bestätigt, dass ich soziale Arbeit studieren möchte. Cool war auch, dass ich mit den Freiwilligen aus den verschiedenen Projekten zusammen in einem großen Haus gewohnt habe. Ich konnte also zu Hause von meinen Erfahrungen erzählen und mich mit Gleichgesinnten austauschen. Wir haben abends gegrillt und gequatscht und manchmal gemeinsam Ausflüge oder größere Reisen unternommen. Ich war in meiner Freizeit aber auch viel auf der Straße unterwegs, habe mit Einheimischen geredet oder einfach mit ihnen auf der Straße getanzt. Und auch in den Bars haben wir ganze Abende durchgetanzt. Natürlich gab es auch Tage, an denen es mir schlecht ging. Unsere europäischen Mägen ertragen das Essen von dort einfach nicht so gut und ich war öfter mal krank. Aber davon habe ich mich nicht unterkriegen lassen.


Die meisten Menschen würden sich unter einem Freiwilligendienst wahrscheinlich vorstellen, dass man seine eigenen Interessen eher zurückstecken muss, um etwas für Land und Leute zu tun. Aber kann man überhaupt etwas bewirken, wenn man als Abiturient ohne fachliche Vorbereitung in so einer fremden Umgebung an einer Schule unterrichten soll? Oder ist es letztlich doch nur der Freiwillige, der von dem Auslandsaufenthalt profitiert?

Natürlich ging es mir bei dem Auslandsaufenthalt auch um mich selbst. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde: Ich wollte unbedingt dorthin, weil mich das Land wahnsinnig interessiert hat. Anfangs hatte ich ein bisschen Angst, weil ich doch eigentlich gar nicht unterrichten konnte. Aber die Angst ist ganz schnell verflogen. Die Kinder waren so offen und wissbegierig und haben es mir total leicht gemacht. Natürlich nimmt keiner einen an die Hand und sagt: „Du musst jetzt dies und dann das machen.“ Letztlich denke ich aber schon, dass ich vor Ort tatsächlich etwas bewirkt habe, auch wenn man als Einzelperson natürlich nur einen ganz kleinen Teil leisten kann: Weil die Kinder keinen Rechenschieber hatten, bin ich zum Beispiel mit ihnen rausgegangen und habe ihnen gezeigt, was übrig bleibt, wenn man von fünf Steinen einen wegnimmt. Später habe ich dann gesehen, dass alle Kinder zum Rechnen immer zehn Steine auf ihren Tischen liegen hatten. Offenbar hat sich die Methode unter den Kindern rumgesprochen. Das hat mich total gefreut. Leider habe ich auch andere Freiwillige erlebt, die den engen Kontakt mit den Afrikanern gemieden haben. Die wollten mit dem Auslandsaufenthalt vielleicht vor allem ihren Lebenslauf polieren und das ist dann sicher nicht so produktiv.

Warum bist du nur für drei Monate in Ghana geblieben? Konntest du dich in dieser kurzen Zeit überhaupt eingewöhnen? Und ist das für die Kindergarten- und Schulkinder nicht schwierig, dass ständige neue Helfer anreisen und sie nach kurzer Zeit dann wieder verlassen?

Natürlich ist es besser, wenn man länger bleiben kann. Manche können aber einfach nicht mehr Zeit aufbringen. Auch ich selbst hätte kein ganzes Jahr in Ghana bleiben können, weil ich in Deutschland noch Zeit brauchte, um zu arbeiten und mich auf mein Studium vorzubereiten. Ich habe mich in Ghana aber wirklich extrem schnell eingelebt und hatte wirklich nicht den Eindruck, dass die kurze Aufenthaltsdauer schlimm für die Kinder war. Schon, wenn man das erste Mal da ist, kommen die Kleinen auf einen zu und springen einem in die Arme. Vielleicht ist das bei älteren Kindern anders, die teilweise schwere Schicksale haben und sich nur bestimmten Personen anvertrauen, aber auf solche Kriterien achten die Vermittlungsorganisationen bei der Platzierung der Leute. Ich denke, dass man auf jeden Fall auch in einer kurzen Zeit etwas bewirken kann, zumal die neuen Freiwilligen mit ihrer Arbeit ja an den Projekten der Vorgänger anknüpfen. Es hat mir selbst auch ein gutes Gefühl gegeben, dass die Arbeit von anderen fortgesetzt wurde.

Foto: © Barbara Deak
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Dennoch zieht es dich jetzt immer wieder nach Ghana. Im letzten Sommer bist du gemeinsam mit vier anderen ehemaligen Freiwilligen zurückgereist, um der Schule Spenden zu bringen. Und diesen Sommer willst du mit deinem Freund nach Ghana reisen…

Ja, ich habe mich total in das Land verliebt und will da auch immer wieder hin. Viele Leute dort leben am Existenzminimun und sind trotzdem fröhlich und dankbar für das, was sie haben. In Deutschland dagegen motzen die Leute oft über ihre Arbeit und darüber, was sie sich alles nicht leisten können. Nach so einem Auslandsaufenthalt wird einem der Überkonsum bewusst und man besinnt sich darauf, was man eigentlich wirklich braucht. Vielleicht würde sich auch bei uns etwas ändern, wenn mehr Leute sich für einen Freiwilligendienst entscheiden würden… Ich selbst habe in den letzten zwei Jahren in den Wintersemesterferien gearbeitet, um im Sommer nach Ghana zu fliegen. Im nächsten Jahr habe ich vor, nach Südafrika zu fliegen, um dort über private Kontakte als Freiwillige zu arbeiten, und ich werde auf jeden Fall auch weiterhin versuchen, „meine“ Kinder in Ghana weiter zu unterstützen. Wenn ich im Urlaub in einem Hotel entspannen soll, kommt mir das irgendwie gezwungen vor. Hotel, Strand und Sonne habe ich auch in Ghana und da ist das alles irgendwie echter. Deshalb rate ich jedem, der von so einem Auslandsaufenthalt träumt: Pack es einfach an! Die Erfahrungen kann einem keiner nehmen. Und das ist mehr wert als alles andere.

Janna Degener

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

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