Irgendwie nach Afrika

Foto: © Simon Rauch

Wie der 27-jährige Simon Rauch aus Grötschenreuth in der Oberpfalz auf dem Fußweg von Bayern nach Uganda reiste.

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Zu Fuß unterwegs in Kenia, Foto: © Simon Rauch

Schon seit vier Jahren leben die Eltern von Simon Rauch in Uganda als Missionare. Fest stand, dass Simon sie besuchen will. Aber die Reise mit dem Flugzeug war Simon nicht spannend genug. Er wollte die Grenzen zwischen den Ländern spüren: „Ich wollte wissen wie sich die Leute verändern, das Essen und die Kultur.“

Deshalb wurde aus einer Schnapsidee schnell Realität: Simon wollte den Weg zu Fuß und per Schiff zurückzulegen. Außer dem Flugzeug erlaubte er sich auch andere Verkehrsmittel. Simon, der als Schreiner arbeitet, packte seinen Rucksack, legte grob seine Route fest, und schon ging es ohne größere Vorbereitungen los. „Ich fuhr mit einem klapprigen Drahtesel zu Hause los Richtung Regensburg“, erzählt der Abenteurer. „Der Abschied fiel mir leicht, denn da ich mit meiner damaligen Arbeitssituation nicht so zufrieden war, hoffte ich, mich auf der Reise neu zu finden und auch anderen Menschen zu helfen.“

Über drei Monate war Simon unterwegs, bereiste 14 Länder und legte 14.000 Kilometer zurück. „Leider riss mir schon bei Passau eine Speiche des Fahrrads“, erinnert sich Simon. Deshalb trampte er bis nach Ungarn: „An der österreichisch-ungarischen Grenze stand ich einen ganzen Tag im Regen an der Autobahn. Niemand wollte mich mitnehmen. Schließlich kam ich dann doch irgendwie nach Budapest. Dort rieten mir die Leute lieber den Zug zu nehmen, da Trampen zu gefährlich sei.“ Und so sprang er in den Zug nach Rumänien – Richtung Schwarzes Meer.

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Beim Pflügen eines Feldes in Äthiopien, Foto: © Simon Rauch

„Ein großer Traum von mir war es gegen Arbeitsleistung auf einem Frachtschiff mitzufahren, deshalb versuchte ich am Schwarzen Meer eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern.“ Vor wilden beißenden Hunden, die ihn umzingelten und von denen man sich erzählte, dass sie schon einen philippinischen Kapitän zerfleischt hätten, rettete er sich am Hafen von Constanta auf ein Schiff. Dort lernte er syrische Schiffsarbeiter kennen. „Die Syrer waren unglaublich freundlich. Ich verbrachte zwei Tage mit ihnen im Hafen, aß mit ihnen Fladenbrot, während sie mir von Syrien, dem Krieg dort und dem Koran erzählten.“

Raubüberfälle und Gastfreundschaft

Leider konnte er mit seinen neuen Freunden nicht in See stechen: „Ich versuchte mit den Behörden eine Ausreise mit dem Schiff zu arrangieren, aber das funktionierte nicht.“ Deshalb trampte er weiter über Bulgarien nach Istanbul. Aber auch dort nahm ihn kein Schiff mit. Dafür aber ein Bus mit Hafenarbeitern. Der brachte ihn zwar nur ein paar Kilometer weiter zu einem anderen Bus. Aber mit diesem konnte er dann an die griechische Grenze reisen. „In Griechenland wollte man mich ohne Auto zunächst nicht einreisen lassen. Ich wartete stundenlang in windiger Kälte, doch niemand wollte mich mitnehmen. Ich hätte ja ein Drogenschmuggler sein können.“ Als er ein Auto mit deutschem Kennzeichen kommen sah, warf sich Simon vor das Fahrzeug und konnte das deutsche Pärchen überzeugen ihn mitzunehmen.

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Mitfahrgelegenheit auf dem Dach eines Schulbusses, Foto: © Simon Rauch

„In Griechenland erlebte ich schon das nächste Abenteuer, denn ich lernte dort einen Israeli kennen, der schon seit sechs Jahren unterwegs ist.“ Mit seinem neuen Gefährten übernachtete Simon im Wald, als plötzlich fünf vermummte Polizisten vor ihrem Zelt stehen. „Mein Herz schlug ganz schön schnell, aber nach längerer Diskussion durften wir letztendlich eine Nacht bleiben.“

In aufregende Situation geriet er oft. Eines Nachts schlief er alleine in seinem Zelt auf einer Wiese in der Nähe des Suez Kanals, als sich plötzlich zwei Fremde an seinem Zelt zu schaffen machten. Simon schlug sie in die Flucht, packte seine Sachen und versteckte sich in der Nähe. Von dort konnte er beobachten, wie die Männer mit Verstärkung zurückkamen und nach ihm suchten.

Doch insgesamt überwiegen für Simon die positiven Erinnerungen. Nicht nur, dass er sich mit der Besichtigung der Pyramiden in Ägypten, einem Bad im Toten Meer und der Erkundung der Akropolis einen Kindheitstraum erfüllte. Es gehörten auch bewegende Erfahrungen mit den verschiedensten Menschen dazu. „Als ich mit Jochen, einem anderen Deutschen, den ich in Assuan kennen lernte, mit dem Fahrrad mehrere Tage in glühender Hitze durch die Wüste fuhr, kamen wir zufällig an einem Dorf vorbei, in dem eine große Hochzeit gefeiert wurde. Die Einwohner luden uns ein dabei zu sein und so feierten wir wie bei Asterix und Obelix tanzend mit den Leuten ein rauschendes Fest.“

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Auf einem Eselkarren nahe Bahir dar in Äthiopien, Foto: © Simon Rauch

„Arm ist nicht, wer wenig Geld hat.“

Überrascht war Simon, als er im Sudan ankam: „Von Krieg war nichts zu spüren. Obwohl mich alle, auch meine Mutter, gewarnt hatten, dort einzureisen, traf ich nur extrem fröhliche und hilfsbereite Menschen.“ Immer weiter reiste Simon Richtung Uganda. An der Grenze von Kenia nach Uganda lernte er eine Lehrerin kennen, die ihn mit in ihre Familie nahm. „Ich lernte sie kennen, als ich mich fürchterlich über ein völlig überteuertes Hotel aufregte, in dem ich ursprünglich übernachten wollte. Sie bekam das mit und bot mir eine Übernachtungsmöglichkeit bei sich an. Der Aufenthalt bei ihr war eine sehr emotionale Erfahrung, denn sie sang ihrer Familie und mir morgens zum Aufwachen, als es noch dunkel war, wunderschöne Lieder in Englisch und ihrer Stammessprache vor.“


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Das gut 6000 Kilometer lange Teilstück von Simons Reise über den afrikanischen Kontinent

In der letzten Nacht vor der Ankunft bei seinen Eltern erhielt Simon die Möglichkeit, in einer richtigen Lehmrundhütte zu übernachten: „Das gehört zu einem meiner Reiseziele und so nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte auf der Straße einen Mann, ob ich bei ihm übernachten könne. Leider verstand er mich nicht und verwies mich auf seinen Nachbarn, einen Englischlehrer.“ Dieser bereitete Simon einen herzlichen Empfang. „Als ich dann unter freiem Himmel in der Dusche stand – die Familie hatte mir sogar warmes Wasser bereit gestellt, was dort nicht selbstverständlich ist – und die Sterne und Palmenblätter über mir sah, fühlte ich mich unglaublich frei und glücklich.“ Überhaupt sei er auf der Reise sehr glücklich über Kleinigkeiten gewesen, die in Deutschland oft selbstverständlich für ihn waren: „Man freut sich einfach viel mehr über die kleinen Dinge, die geschehen und genießt viel intensiver.“

Als er am nächsten Tag endlich bei seinen Eltern in der Missionsstation in Arua ankam, weinte Simon vor Freude. Eine Woche verbrachte er in der Station mit seinen Eltern, bevor er seine Rückreise antrat – natürlich auch wieder auf dem Landweg. Ganz gelang sein Plan aber nicht das Flugzeug nicht zu besteigen: „Als ich auf dem Rückweg in Israel war, kam ich weder zu Fuß noch mit dem Schiff weiter und buchte deshalb spontan einen Flug nach Athen“. Von dort nahm er sich ein Schiff nach Ancona und reiste dann mit dem Zug weiter zu seiner Schwester, die in Italien lebt.

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Atemberaubender Ausblick in Ostafrika, Foto: © Simon Rauch

„Eigentlich ging ich auch mit der Motivation los zu helfen. Aber jetzt frage ich mich, wie man den Afrikanern überhaupt helfen kann“, resümiert Simon. „Ich habe auf dieser Reise auch gesehen, dass die Afrikaner viermal im Jahr ernten können, es riesige Flächen mit Viehherden gibt und im Sudan Gold vom Erdboden aufgesammelt werden kann. Ich habe gesehen, dass in Afrika Leben stattfindet und die Menschen fröhlich und aufgeschlossen sind. Ich habe gelernt: Arm ist nicht, wer wenig Geld hat.“


Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

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