Die Wanderweg-Markierer

Ester Dobiášová
Wegweiser am Anfang des Wanderweges. Foto: © Ester Dobiášová.

Ohne ausgeschilderte Wanderwege würde man nur schwer ans Ziel kommen. In Tschechien werden diese Wege seit beinahe 125 Jahren ausgeschildert, man findet sie in jeder Ecke des Landes. Dadurch ist eines der systematischsten Wanderweg-Netze in ganz Europa entstanden. Kaum jemand kann sich aber vorstellen, wie viel Zeit und Mühe die Pflege dieser Wege kostet, deren Gesamtlänge über 41.000 Kilometer zählt. Zwei Freiwillige aus der Brünner Zweigstelle des Tschechischen Touristenvereins gewähren einen Einblick in ihre Arbeit.

An der Straßenbahnstation Zoologická zahrada (Zoologischer Garten) in Brünn befindet sich ein Wegweiser mit blauen und gelben Wanderweg-Markierungen. Hier beginnt auch die Arbeit der beiden Freiwilligen Michal Sedláček (der Brünner Vorsitzende des Tschechischen Touristenvereins) und Petr Rychetský. Wie Maler arbeiten sie präzise mit dem Pinsel. Als Leinwände nutzen sie Bäume und Pfeiler aller Art oder sogar Brücken. Ihre Aufgabe: die Erneuerung von Wanderweg-Markierungen.

Sorgfalt und Verantwortung

Bei schlechtem Wetter macht diese Arbeit keinen Sinn, deshalb bekommen die Markierungen zwischen Mai und September frische Farbe verpasst. Auch tragen die Bäume im März noch keine Blätter, die Sichtbarkeit der Markierung wäre dann schlecht einzuschätzen. „Bei gutem Wetter kann man bei Geruch von Lösungsmittel einen angenehmen Vormittag verbringen… manchmal aber auch mehr,“ konstatiert Petr mit einem Lächeln. „Die Leute denken, dass das ruckzuck gemacht ist, ein bisschen rumlaufen, ein bisschen malen… aber das kann ganz schön lange dauern“, widerspricht er der Vermutung, die auch ich hatte. Für einen Kilometer Wanderweg muss man eine Stunde rechnen, im städtischen Bereich noch länger, da es hier viel mehr Kreuzungen und ein dichteres Wegenetz als beispielsweise im Wald gibt. Die Markierungen eines Pfades werden alle drei Jahre erneuert.

Eine Wanderweg-Markierung neu malen oder erneuern macht man aber nicht mal eben so. Michal holt aus seinem Rucksack eine Bürste heraus und reinigt den Pfeiler sorgfältig, entfernt die abblätternde Farbe und andere Unreinheiten. Mit Hilfe von Einkerbungen auf seinem speziellen Pinsel bestimmt er die Größe der Markierung, damit sie die offizielle Norm erfüllt (ČSN 01 8025). „Die Markierung soll 10 mal 10 Zentimeter groß sein, und zwischen den Farben muss genau ein halber Zentimeter Freiraum bleiben“, erklärt Michal.


Danach folgt eine Routinearbeit, die man mit der Zeit beherrschen lernt – das eigentliche Malen. Wichtig ist Sorgfalt, Verantwortung und Genauigkeit. Gerade Anfänger haben doch noch ihre Schwierigkeiten damit. In ihrer Funktion als Ausbilder greifen Michal und Petr den beginnenden Markierungsmalern unter die Arme.

Sämtliche Wanderwegmarkierungen des Landes betreut und verwaltet der Tschechische Touristenverein, man muss dort jedoch nicht Mitglied sein, um diese Tätigkeit durchführen zu dürfen. „Um jedoch Ausbilder für Wanderwegmarkieren zu sein, musste ich Mitglied werden. Jetzt bin ich es nicht mehr, weil ich keiner Organisation angehören will“, erklärt Petr.

Wichtig bei der Arbeit ist es unter anderem, die Farbe richtig anzurühren. Wenn die Farben an Bäumen oder Pfeilern runterinnen würden, hätte man etwas falsch gemacht. „Das stellt dem Markierer ein schlechtes Zeugnis aus. Die Markierung ist so etwas wie unsere Visitenkarte. Man spürt die lange Tradition und das verpflichtet einen. Die ganze Arbeit, die die Menschen vor einem geleistet haben und die Tatsache, dass man dabei sein darf – das alles führt dazu, dass man die Arbeit verantwortungsbewusst wahrnimmt“, erklärt Michal.

Die erste Wanderwegmarkierung wurde am 11. Mai 1889 gezeichnet, im kommenden Jahr feiert man in Tschechien also 125-jähriges Jubiläum – das ist einzigartig in Europa.


Blauer Wegweiser für Touristen

Für den Kilometer Markierungen im Stadtgebiet gingen zwei Stunden ins Land, im Wald geht es etwas schneller, obwohl es dort etwas mehr Arbeit gibt. Manchmal passiert es, dass sich die Markierungen auf dem Baum stark ausbreiten. Der Grund ist simpel: Markiert wurden die Bäume als junge Pflanzen und als sie gewachsen sind, sind auch die Farbtupfer mitgewachsen. Man erkennt dadurch zwar, wie sehr der Umfang des Stammes gewachsen ist, aber für den Markierer ist das kein besonders erfreulicher Anblick. Das gilt auch für den Fall, wenn die Markierung hinter gewachsenen Ästen oder wuchernden Gebüschen verschwindet.

„Der Markierer ist dafür verantwortlich, dass die Markierung für die nächsten drei Jahre sichtbar bleibt, und das ist gar nicht so einfach“, erläutert Petr. Sein Partner Michal ist jetzt so richtig in seinem Element. Aus dem Rucksack holt er eine scharfe Schere, mit der er den Blick auf den blauen Punkt freischneidet. Dann schnappt er sich den Schaber, mit dem er die abgestorbene Rinde reinigt. Die Farbe lässt sich dann besser auftragen.

Mangel an Nachwuchs

In einer hölzernen Palette stecken Joghurtbecher mit blauer, weißer und brauner Farbe. Als Michal bemerkt, dass ich mich für sie interessiere, lächelt er. „Die hat mein Vater für mich gemacht. Der ist aber kein Freiwilliger“, so Petr. „Im Allgemeinen machen diese Arbeit eher Rentner oder ältere Paare. Die haben einfach mehr Freizeit. Die jungen Leute werden weniger. Wir beide drücken das Durchschnittsalter so auf 60“, sagen sie lachend. Beide sind 35 Jahre alt. „Absolut ideal wäre es, wenn ältere Markierer ihre Enkel mitnehmen würden und die dann die Arbeit fortsetzen“, meint Petr.

An ein mögliches Aussterben der Wanderwegmarkierungen glauben die beiden jedoch nicht. „Die Jungen werden zwar weniger, aber die Älteren sind nach wie vor voll dabei, also gleicht sich das aus. Meistens läuft das so, dass einer von uns einen Freund oder Bekannten zum Markieren mitnimmt, und der fängt dann Feuer“, beschreibt Petr die Situation im Brünner Touristenverein. Auf die Frage, warum die Jungen nicht so engagiert sind, haben beide eine schnelle Antwort parat. „Die Jungen haben keine Ausdauer. Das Interesse ist da, aber wenn sie feststellen, dass es zwei, drei Schilder auf sechs Kilometer zu machen gilt, dann machen sie einen Rückzieher.“

Petr und Michal, die Markierer an diesem Tag. Foto: © Ester Dobiášová.

Sechs Kilometer heißt auch sechs Stunden mehr Arbeit. Jedes eingespielte Team bekommt meistens sechs Aufträge jährlich. „Es ist auch schwierig zu entscheiden, wem man die ganze Ausrüstung anvertraut. Schere, Feile, Farben, Schaber und die anderen Sachen – das ist teuer. Und wenn der Mensch dann keine Lust mehr hat, dann ist es anstrengend, die ganzen Sachen wieder zurückzubekommen“, so Michal. Das Geld für die Ausrüstung bekommen die Wanderweg-Markierer vom Landkreis. Genauso wie Verpflegungsgeld, Fahrgeld und einen Zuschuss für Kleidung. „Die Unterstützung der Stadt Brno ist gut. Der Kreis Südmähren ist sich bewusst, dass das gute Werbung für die Region ist, und so werden wir recht anständig unterstützt.“

Sinnvolles Hobby

Der Weg, für dessen Markierung vier Stunden notwendig waren, absolviere ich auf dem Rückweg in 30 Minuten. Was motiviert einen am meisten, wenn man sich entscheidet, so seine Freizeit zu verbringen? Michal und Petr sind sich da einig. „Außer der Tatsache, dass man an Orte kommt, wo man normalerweise nie hinkäme, ist es vor allem das Bewusstsein, etwas Sinnvolles zu tun. Man sieht, was man geschafft hat, einige wissen das wertzuschätzen, manchen gefällt es, aber vor allem ist es nützlich“, erklärt Michal. „Oft passiert es, dass uns Leute danken, die uns bei unserer Arbeit sehen. Manchmal stoßen wir aber auch auf übermalte oder zerstörte Markierungen. Oder jemand schießt im Wald bei Übungen in die Markierungen. Die hören dann aber damit auch irgendwann auf, und die Markierungen wird es immer geben“, ist Petr optimistisch.

Übersetzung: Ivan Dramlitsch
Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

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