Das unsichtbare Theater

Foto: © Alice Zoubková

Theater für alle Sinne – nur nicht für die Augen

Foto: © Studio Damúza
Die Zuschauer bekommen Tonkugeln um den Hals gehängt, mit denen sie ihren Sitzplatz finden können. Foto: © Studio Damúza

Wie wäre es, wenn man nichts sehen könnte? Würden uns alle Schönheiten dieser Welt vorenthalten bleiben? Jetzt kann man das ausprobieren. Das Studio Damúza hat im Prager Theater Na zábradlí (Theater am Geländer) die Vorstellung „Reise um die Welt in absoluter Dunkelheit“ („Cesta kolem světa za absolutní tmy“) vorbereitet, in der die Zuschauer mit allen Sinnen wahrnehmen – mit Ausnahme des Augenlichts. Nach der Vorstellung wird einem klar, dass man erst mit geschlossenen Augen Dinge sehen kann, die uns bisher verborgen geblieben sind.

„Eines Tages habe ich begriffen, dass die Welt der Blinden oft viel bunter und vielfältiger als die Welt der Sehenden ist“, erklärt der Regisseur des Theaterstücks, Karel Kratochvíl. Deshalb hat er sich eines Tages entschlossen, die bestehenden Vorurteile zu überwinden und zu zeigen, was für eine große Gabe unsere Phantasie ist. Dazu angeregt hat ihn seine Zusammenarbeit mit dem Verein für Sehbehinderte Okamžik (Augenblick).

Fehlende Sicherheit

Das Drama beginnt schon am Eingang zum Theatersaal, wo alle Besucher Augenklappen überziehen müssen und die klare Anweisung bekommen, diese erst beim Erklingen des abschließenden Hochzeitsmarsches abzunehmen. Von diesem Moment an tauchen die Zuschauer in die Dunkelheit ab. Vorsichtig und unsicher steigen sie hintereinander die Treppe hinauf. Einige zeigen leichte Anzeichen von Panik, andere sind hochkonzentriert, um nicht zu stolpern oder den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Sie halten sich gegenseitig fest – Plötzlich können sie sich nicht mehr das Sehvermögen verlassen, das ihnen vermittelt, in Sicherheit zu sein.

Jetzt ist es notwendig, alle anderen Sinne zu schärfen, das Geländer abzutasten, gut hinzuhören um die Schrittgeschwindigkeit der anderen Zuschauer einschätzen zu können und schließlich mit Hilfe des Tastsinns seinen Sitzplatz zu finden. Man könnte meinen, das sei eigentlich kein Problem, aber schon dieser kurze Weg demonstriert, wie abhängig man von seiner Sehfähigkeit ist. „Mein Ziel war es, wenigstens für die Zeit der Vorstellung den Blinden das Gefühl zu geben, nicht in der Minderheit zu sein und dass sie mit vielen Aufgaben, die wir vorbereitet haben, besser zu Recht kommen als die anderen“, erläutert der Regisseur.

Foto: © Studio Damúza
Die Requisiten, die für das ungewöhnliche Theatererlebnis sorgen. Foto: © Studio Damúza

Nicht nur ein Hörspiel

Inspiriert ist die Vorstellung von Jules Vernes berühmten Roman In achtzig Tagen um die Welt, und so reisen die Zuschauer gemeinsam mit den Hauptdarstellern quer über alle Kontinente. Bei der Fahrt übers Meer weht ihnen der Wind ins Gesicht und sie kommen mit echtem Wasser in Kontakt, in Indien verbreiten Duftstäbchen betörende Aromen und Elefanten stampfen bis die Wände beben. „Damit die Vorstellung nicht nur wie ein Hörspiel wirkt, wollten wir auch Geruchs-, Tast- und Geschmackseindrücke auf das Publikum wirken lassen“, erklärt Karel Kratochvíl.

Die Zuschauer übernehmen oft die Rolle der Schauspieler und probieren immer wieder aus, wie es ist, auf seinen Sehsinn zu verzichten. So müssen sie beispielsweise beim Kofferpacken die einzelnen Kleidungsstücke ertasten oder versuchen, Reis blind mit Stäbchen zu essen.

Die Kraft der Vorstellungskraft

Die Reise um die Welt in absoluter Dunkelheit ist ein Stück mit Tempo und Witz – und die Tatsache, dass es niemand wirklich sieht, macht die Aufführung noch origineller. Jeder Zuschauer lässt in seinem Kopf eigene Bilder der Figuren, der Natur und der herrlichen Bauten entstehen, und jedes Mal handelt es sich um ganz einzigartige Vorstellungen. Die fehlenden optischen Eindrücke zwingen zudem dazu, das Theaterstück intensiver wahrzunehmen, Handlung und Dialogen genauer zu folgen und sich auch auf Kleinigkeiten zu konzentrieren. Gefühle und Stimmungen werden nicht über die Mimik transportiert, vielmehr muss auf die feinen Unterschiede in der Stimmgebung der Schauspieler geachtet werden. Eine genauso wichtige Rolle spielt die Musik, die teilweise das Optische ersetzen kann und dem Zuschauer vermittelt, ob er sich gerade in einer Kirche befindet, mit einem Zug fährt oder auf einem Schiff aus dem Hafen ausläuft.

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Die fünf Schauspieler, die die Zuschauer erst nach der Vorstellung zu Sehen bekommen. Foto: © Studio Damúza

Regisseur Karel Kratochvíl wollte jedoch nicht nur die Welt der Blinden „sichtbar“ machen, sondern mit der Aufführung auch ein positives Gefühl vermitteln: „In einer Zeit, wo wir von allen Seiten mit Werbung und anderen Botschaften bombardiert werden, ist es eine ungewöhnlich angenehme Erfahrung, die Augen zu schließen, um zu innerer Ruhe und Konzentration zu finden“, so Kratochvíl. An der Inszenierung arbeiteten auch blinde Künstler der bildenden Werkstatt Hmateliér mit sowie die Studentin des Deyl-Konservatoriums, Ráchel Skleničková.

Alice Zoubková
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2014

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