Der sechste Sinn

Foto: © Alina Shupikova

Von Menschen, die heilen können, ohne Ärzte zu sein

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„Ich weiß, warum Sie gekommen sind. Es handelt sich um den Ehemann ihrer Tochter. Sie mögen ihn zwar nicht besonders, aber er ist krank.“ Mit diesen Sätzen, die wie ein Klischee aus einem Film über Wahrsagerinnen klingen, begann die Begegnung meiner Schwiegermutter Larisa mit Olga, einer Hellseherin, die uns von Bekannten empfohlen wurde. Olga lebt und arbeitet in Moskau, sie hat jedoch versprochen, dass sie Menschen bis nach Prag helfen kann. Man sagt von ihr, dass sie einen sechsten Sinn habe.

Bei Olga wurde meine Schwiegermutter Larisa vorstellig. „Ich betrat eine ganz normale Moskauer Wohnung mit einem Teppich an der Wand, einem kleinen Chihuahua und einem Sohn, der gerade aus der Schule kam. Eigentlich war ich enttäuscht“, berichtet Larisa von ihrem ersten Eindruck. Die Bekannten, die Olga empfohlen hatten, beschrieben sie nämlich als eine der besten Hellseherinnen, die sie kennen. Sie sieht Dinge, die sich nicht wissen kann, als stünden sie genau vor ihr, sie hilft bei geschäftlichen Angelegenheiten und erkennt Krankheiten, bei denen die Ärzte rätseln. „Ich habe unterbewusst etwas mehr erwartet, etwas Geheimnisvolles. Aber das war eine ganz normale Wohnung und Olga ist eine sympathische ältere Blondine mit einem freundlichen Lächeln. Sie sah aus wie eine meiner Freundinnen oder wie eine nette Lehrerin.“

Krank wegen negativer Energie

Olga benutzt bei ihrer Arbeit keine Hilfsmittel, auch keine Pendel, ihre Klienten empfängt sie in ihrem Arbeitszimmer, das wie das gemütliche Kabinett eines Psychologen wirkt. Hier enden allerdings die Parallelen. Ohne unnötiges Geplänkel nannte Olga den Grund, warum Larisa zu ihr gekommen ist, sie wusste auch den Namen des Kranken und in welchem Verhältnis er zu Larisa steht. Unter anderem konnte sie auch die weiteren Familienverhältnisse beschreiben und natürlich in erster Linie die merkwürdige Krankheit. Das, woran er leide, beschrieb Olga als negative Energie, die von einem Geschäftskonkurrenten ausgehen, eine Art Verwünschung oder Fluch.

Auch wenn sich der Kranke in Prag befand, entschloss sie sich, ihn aus der Entfernung zu heilen. Der erste Kontakt verlief in einer sehr unerwarteten und wenig geheimnisvollen Form – Olga rief ihren Patienten über Skype an, sprach mit ihm und teilte ihm über tausende Kilometer Entfernung mit, dass sie ihm Energie schicken werde. Diese Energie, aus der sie ihre Informationen schöpft und mit derer Hilfe sie heilt, geht aus ihr selbst hervor; und in dem Augenblick, in dem sie mit dieser Energie ihren Patienten heilt, verliert sie sie. „Entfernungen spielen für mich keine Rolle, Energie kennt so etwas nicht“, erklärt Olga wie es möglich ist, einem 2000 Kilometer entfernten Menschen zu helfen. Regelmäßig muss sie ihre Kräfte auftanken, mehrmals jährlich macht sie deshalb einen langen Urlaub. Am besten sind Orte mit einer starken buddhistischen Tradition, die für sie starkes Energiepotential haben, etwa Sri Lanka.

Einige Tage nach dem ersten Gespräch fühlte sich der Mann schon besser, und Olga erklärte ihm danach, dass sie begonnen habe, mit ihm zu arbeiten. „Wenn ich einen Menschen anschaue, sehe ich keine konkreten Bilder und bekomme keine konkreten Informationen. Es ist eher wie ein Licht, wenn ich eine konkrete Antwort finde. Es ist besser mit dem Menschen zu reden, dann kann ich einfacher mit ihm in Verbindung treten und ihm Energie senden“, erklärt Olga die Grundlagen ihrer Hellseherei.

Nichtmagische Kristallkugel

Detailliert erklärt das Prinzip all dieser Energieströme Ludmila, die in Prag arbeitet. Es heißt, sie habe Zauberhände und sei besser als eine Kartenlegerin. Im Stadtteil Vinohrady hat sie ein kleines Studio, wo sie massiert, bei der Reha hilft und – so beschreibt sie es selbst – den Menschen in Lebenssituationen Ratschläge gibt. Sie sagt zwar nicht die Zukunft voraus, hat jedoch die Fähigkeit, bei ihren Patienten Krankheiten und Lebenssituationen zu erkennen, in denen sie sich befinden.

Sie zieht gerne bunte Sachen an, ihre Räume schmücken zahlreiche Ethno-Gegenstände und oft zündet sie Kerzen an, allerdings eher aus atmosphärischen Gründen. „Ja, ich wollte immer eine Kristallkugel haben“, sagt sie. „Das ist schließlich ein sehr schöner Gegenstand. Die Kugel verfügt aber über keine magische Kraft, man benutzt sie zu Konzentrationszwecken“. Um mit energetischen Sphären arbeiten zu können, müssen Menschen in einen Zustand geraten, der einer meditativen Ruhe ähnelt, und hierbei kann das Schauen in eine Kristallkugel hilfreich sein.

Ich fühle das so

„Ich denke, dass der Mann nicht der richtige für dich ist. Und ich fühle auch, dass deine Beine tanzen möchten. Ich kann dir nicht sagen warum, auch nicht, ob das wirklich die Wahrheit ist, aber ich fühle das so“, antwortet Ludmila auf die Frage nach einem gebrochenen Herzen und wie man es fröhlich machen könnte. Wenn man sie jedoch nach sehr konkreten Dingen fragt, rufen diese in ihr bestimmte Gefühle hervor und die ungefähre Antwort spürt sie ganz einfach. „Das sind alles Informationen, die eben da sind. Die meisten Menschen sind nur nicht in der Lage, sie wahrzunehmen.“ Heiler und Hellseher sind demnach also nur Medien, die diese Informationen wahrzunehmen können und sie zu interpretieren vermögen. „Nehmen Sie das Internet, das ist auch ein Informationsnetz. Aber wenn sie keinen Computer mit Internetanschluss haben, bleiben ihnen diese Informationen verschlossen. Das heißt jedoch nicht, dass es kein Internet gibt, nur dass sie nicht in der Lage sind, mit ihm in Verbindung zu treten.“

Die Informationen, die Menschen wie Olga oder Ludmila aus ihrem Netz aufnehmen können, sind keine konkreten Fakten wie man sie etwa auf Wikipedia findet. Sie erinnern eher an die Prophezeiungen des Nostradamus. „Das, was ich den Menschen sagen kann, ist eher so eine ganzheitliche, allgemeine Information, die sie dann interpretieren können. Oft passiert es, dass man den Sinn dieser Mitteilung erst sehr viel später kapiert, wenn man sich in seinem Leben an einem Punkt befindet, wo sie auf einmal verständlich wird“, erklärt Ludmila. Ihre Gabe nutzt sie vor allem um zu heilen, sie teilt den Menschen aber auch Probleme mit, wenn sie danach gefragt wird. Es kann passieren, dass sie in der Straßenbahn fährt, einen Menschen anschaut und sofort weiß, was sein Problem ist. „Ich gehe allerdings nicht zu ihm hin und sage ihm etwas, oft ist er an dieser Information gar nicht interessiert. Ich sage ihm das nur, wenn er fragt“, so Ludmila.

Keine Allheilmittel

Auch wenn man kommt, um sich heilen zu lassen, ist Energie nicht das magische Allheilmittel für alle Beschwerden. „Es gibt Leute, denen ich nicht helfen kann, weil sie ganz einfach verschlossen sind“, sagt Ludmila. Sie erinnert sich an einen jungen Mann, dem sie beim Drogenentzug geholfen hat. „Ich hab mit ihm jeden Tag gearbeitet, aber all meine Energie ist verpufft. Die Befreiung von der Drogenabhängigkeit ist ein äußerst unangenehmer Prozess, den er nicht annehmen wollte – er wollte entweder gut gelaunt auf Drogen sein oder von einem Moment auf den anderen von Zauberhand geheilt werden. Und solche Zauber gibt es nicht“, erklärt Ludmila wie sehr die Wirkung von geheimnisvollen Energiekräften von uns selbst abhängt.

Alina Shupikova
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2014

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