Unsinn ist ein cooler Move

Foto: Killy Ridols, CC BY-SA 2.0Foto: Killy Ridols, CC BY-SA 2.0
Steineflitschen: Der momentane Weltrekord liegt bei 51 (!) Sprüngen. Foto: Killy Ridols, CC BY-SA 2.0

Wie weit kannst du spucken, wie lange kannst du die Luft anhalten? Was das Leben wirklich spannend macht, sind die kleinen unsinnigen Dinge, die wir können oder wissen. Täglich ereifern wir uns als Kenner von diesem oder jenem, rühmen unser Augenmaß und nutzen trotzdem den Messbecher. So viel Quatsch – warum wollen wir’s?

Die klassische Familienfeier: Unter den Männern entfacht ein Wettstreit, wer am meisten Bierdeckel vom Tisch hochschnippen und wieder auffangen kann. Diese Kompetenz halte ich für mindestens so zukunftsweisend wie Briefmarkensammeln, nämlich überhaupt nicht. Können will ich es trotzdem.

Oder Steineflitschen: An der Elbe steht ein kleiner Junge und blickt erwartungsvoll auf seinen Opa. „So musst du es machen!“ kündigt der an und wirft einen Stein knapp über der Wasseroberfläche, sodass er viermal darüber hüpft, bevor er im Fluss verschwindet. Von der nötigen Beschaffenheit des Steines bis hin zur Wurftechnik wurde das Steineflitschen auch in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

„Unnütz!“, sagt meine Kollegin dazu. Aber ich bin ja nicht die Einzige, die sich daran erfreut. Warum ist solcher Unsinn so beliebt? Das wollte ich zumindest von meinem Freundes- und Bekanntenkreis wissen.

And the winner is…

Weitspucken! In meiner nicht repräsentativen Auswahl unsinniger Kompetenzen – zu denen ich beispielsweise auch Zungenbrecher und Weinfachsimpeln zähle – halten die meisten meiner Freunde Weitspucken für den größten Unsinn. Zwei Drittel meiner insgesamt 21 Respondenten glauben zudem selbst nicht weit spucken zu können, und fast keiner hat Ambitionen diesen Mangel zu beheben. Halten wir also das für Unsinn, was wir selbst nicht können? Nein – denn das Gros des Unsinns ist absolut gewollt.

Limbo und Spagat finden die meisten auch eher unsinnig, trotzdem wären sie gerne gut darin. Warum? „Es sieht geil aus!“ und „Ist halt ein cooler Move.“ Und außerdem tut sportliche Betätigung in jeder Form gut. Ob erhöhte Geschicklichkeit, Körperbeherrschung und Fitness zu einem besseren Selbstbild verhelfen, oder ob körperliche Verausgabung einfach nur den Geist für eine Weile entlastet… Bei vielen unsinnigen Tätigkeiten fühle man sich „frei und fröhlich“ und „wie Könner!“ Auch eine immer wieder genannte Motivation: Man will nicht versagen.

Das Credo lautet also Besserwerden. Und Übung macht dabei dann den Meister. „Es macht Spaß, es macht süchtig, man möchte immer mehr schaffen.“ Aller „Unsinn“, ob mit oder ohne Wettbewerbscharakter, wird vor allem mit Spaß begründet. Es geht um „Zeitvertreib bei Langeweile“ und „Unterhaltung in der Gruppe“: Klar haben wir Kernqualitäten. Der eine als Arzt, der andere als Mechaniker. Stoßen wir aufeinander, brauchen wir gemeinsame Nenner. Unsinn ist das kleinste gemeinsame Vielfache.

Foto (Ausschnitt): neilberrett, CC BY 2.0
Cooler Move?, Foto (Ausschnitt): neilberrett, CC BY 2.0

Was war zuerst da – Unsinn oder Sinn?

Ist es Unsinn oder hat es doch Sinn? Die Redaktion diskutiert mit: Briefmarken seien doch wohl Kulturgut und Filzschmuck lässt sich auf dem Kunsthandwerkermarkt verkaufen. So kann man den Unsinn am Unsinn auch wegrationalisieren. Aber ist Unsinn nur solange Unsinn, bis jemand ein Gegenargument hervorbringt? Oder umgekehrt: Entsteht Sinn erst dann wenn er auf einem Konsens basiert oder reicht es schon, wenn nur ich alleine etwas Sinn zuschreibe?

Über Unsinn und Sinn zu diskutieren ist ein bisschen wie über das Huhn und das Ei. Nur eines lässt sich sagen: Unsinn dient nachhaltig unserer Zwischenmenschlichkeit. Und innerhalb dieser sind dem, was Sinn macht, keine Grenzen gesetzt.

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2014

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