Grübeln allein macht keinen Sinn

Foto: © Tatjana Schnell
Im Interview spricht die Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck über Sinn im Leben und die Jugend von heute.

Foto: © Tatjana Schnell

Die Menschen fragen sich schon immer, was der Sinn des Lebens ist. Haben Sie auf diese Frage eine Antwort?

Nein, denn das würde voraussetzen, dass es einen für alle Menschen geltenden universalen Lebenssinn gibt. Als Forscherin suche ich nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern nach dem Sinn im Leben. Ich frage also, wie Menschen in ihrem Leben Sinn finden und welche Sinnquellen dabei vielleicht effektiver sind als andere. Insofern kann ich sagen, wann und wodurch Menschen ihr Leben als sinnvoll erfahren, aber nicht, was der Sinn des Lebens ist.


Im Grunde entscheidet also jeder für sich, was er für sinnvoll oder sinnlos hält. Wie kann man dafür objektive Kriterien finden?

Die Psychologie beschäftigt sich oft mit subjektiven Themen. Dieses Thema aber ist schwierig, weil es so abstrakt und damit schwer messbar ist. In einem ersten Schritt haben wir Menschen in Interviews zu bestimmten Überzeugungen, Handlungsweisen und Erfahrungen befragt, die in ihrem Leben sehr relevant sind. Und bei jeder Antwort, die sie gegeben haben, haben wir nachgehakt. Wenn jemand also meinte, Familienfeiern wären in seinem Leben wichtig, haben wir gefragt: „Was bedeutet das für dich?“ Das haben wir so lange gemacht, bis wir bei den wirklich grundlegenden Bedeutungen angekommen war, die das Leben tragen. So konnten wir herausfinden, dass etwas wie „Familie“ für die Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann: Zum Beispiel Unterstützung bekommen, Spaß haben, Herausforderungen bewältigen, mit anderen Menschen in einen Wettkampf treten, gemeinsame Zeiten genießen… Diese Bedeutungen haben wir dann immer wieder zusammengefasst und auf eine handhabbare Menge gebracht. Daraus ist ein Fragebogen entstanden, mit dem man die Lebensbedeutung erheben kann – der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe).

Und was ist das Ergebnis? Woran erkennt man, ob eine Handlung oder ein Lebensentwurf mit Sinn einhergeht oder nicht?

Wir haben dafür vier Kriterien gefunden: Kohärenz besagt, dass Dinge zusammenpassen. Orientierung bedeutet, dass ich eine bestimmte Richtung in meinem Leben verfolge. Bedeutsamkeit steht dafür, dass das, was ich tue, auch Konsequenzen in meinem Leben hat. Und Zugehörigkeit bedeutet, dass ich das Ganze nicht auf verlorenem Posten isoliert von allem tue, sondern dass ich das Gefühl habe, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Ob der einzelne Mensch seinen Sinn aus Gemeinschaft, Tradition, persönlicher Entwicklung, Moral, Fürsorge, Harmonie, Spiritualität, sportlicher Betätigung oder was auch immer zieht – diese vier Kriterien sagen immer etwas dazu aus, wie viel Sinn im Leben ist.

Sie haben auch herausgefunden, dass ein großer Anteil der Bevölkerung sich keine Gedanken um den Sinn des Lebens macht. Ist das ein Problem?

Für die Leute anscheinend nicht: So richtig glücklich sind sie zwar nicht. Aber sie leiden auch nicht darunter. Sie haben keine psychologischen Symptome wie Depression oder Ängstlichkeit. Gesellschaftlich ist das aus meiner Sicht aber schon ein Problem. Diese Menschen glauben nämlich nicht, dass sie ihr eigenes Leben durch Entscheidungen mitgestalten können. Sie gehen davon aus, dass eh alles Zufall oder Schicksal ist, oder dass ihr Leben von anderen – zum Beispiel mächtigeren oder reicheren – Menschen beeinflusst wird. Deshalb ziehen sie sich aus sämtlichem Engagement heraus. Gesellschaft lebt aber davon, dass Menschen mitmachen.

© Slezáčková, Krafft (Hoffnungsbarometer)
Laut dieser Grafik ist die Sinnerfüllung in Tschechien signifikant höher als in Deutschland und der Schweiz. © Slezáčková, Krafft (Hoffnungsbarometer)

Sie haben auch herausgefunden, dass Jugendliche und junge Menschen in Deutschland besonders häufig diese „Bringt doch eh nichts“-Einstellung vertreten…

Ja, ein wichtiger Grund dafür ist sicherlich die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt: Junge Menschen fühlen sich nicht willkommen und sehen für sich keine Chancen. Da stellt es einen Selbstschutz dar zu sagen: „Ich engagiere mich gar nicht erst und verfolge auch keine Ziele, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.“ Immerhin vierzig Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen fallen in Deutschland in diese Kategorie der – wie wir sagen – existenziell Indifferenten. Aber zum Glück gibt es auch andere, die so genannte Generation Y (sprich: why). Diese Leute machen nicht alles, was man von ihnen erwartet und sie schuften auch nicht bis zum Umfallen, weil sie einen guten Job haben wollen. Sie überlegen genau, warum sie etwas tun, und bemerken dabei zum Beispiel, dass ihnen Karriere, Geld und ein hoher Posten nicht so wichtig sind wie Familie, Freizeit und ein gutes Leben. Diese Leute gibt es auch, aber sie sind meist höher gebildet als die existenziell Indifferenten.

Die Generation Y ist also auf einem guten Weg zum Glücklichsein. Was können Menschen von ihr lernen, die sich einen (anderen, neuen…) Sinn in ihrem Leben wünschen?

Meist machen sich die Menschen nach einschneidenden Ereignissen, zum Beispiel nach einer Trennung, einem Unfall oder einer Krankheit, Gedanken über Sinn. Dann merken sie häufig, dass das, was vorher da war, plötzlich nicht mehr trägt. Und sie fangen an, genauer hinzuschauen. Die Generation Y macht vieles, was sich auch in unserer Forschung als sinnerfüllend erweist: Offenbar ist es gut, sich etwa im Hinblick auf das eigene Wohlbefinden und die persönlichen Weiterentwicklung breit aufzustellen, statt sich allein auf eine Sinnquelle wie das Geldverdienen zu konzentrieren. Außerdem zeigt sich in unserer Forschung bei aller Individualität des Lebenssinns: Es ist häufig sehr sinnstiftend, wenn man von sich selbst absieht und etwas für andere tut. Menschen, die selbst psychisch krank sind, hilft es zum Beispiel sogar sich selbst ehrenamtlich zu engagieren. Ein zentraler Aspekt dabei ist, dass man wirklich etwas tut, also aktiv wird, und sich nicht nur im Kopf mit der Sinnfrage beschäftigt. Denn Sinn will umgesetzt und gelebt werden.

Das Interview führte Janna Degener

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2014
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Sinnforschung

Prof. Dr. Tatjana Schnell leitet die Empirische Sinnforschung an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Nach ihrem Studium in Göttingen, London, Heidelberg und Cambridge (UK) promovierte sie an der Universität Trier zum Thema ‚Implizite Religiosität‘. Seit 2005 ist sie für Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie an der Universität Innsbruck zuständig. Neben grundsätzlichen Fragen der Konzeptualisierung und Erfassung von Sinn im Leben erforscht sie unter anderem Zusammenhänge von Lebenssinn mit Arbeitsbedingungen, Wohlbefinden, Gesundheit und bürgerlichem Engagement. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen international hochrangigen Fachzeitschriften veröffentlicht. Der von ihr entwickelte Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe) wurde in sechzehn Sprachen adaptiert und ist in vielen Ländern der Welt im Einsatz. Auf www.sinnforschung.org berichten Tatjana Schnell und ihr Team regelmäßig über aktuelle Entwicklungen in der internationalen Sinnforschung.

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