Kunst ist eine Antithese

© Stop making sense, Leinkauf/Wermke

Die Berliner Künstler Mischa Leinkauf und Matthias Wermke spielen in ihren Arbeiten mit der Frage nach dem Sinn

© Stop making sense, Leinkauf/Wermke
Still aus dem Film zur Aktion „Trotzdem danke“, © Leinkauf/Wermke

Wann ergibt Kunst Sinn? Das fragen sich die Berliner Künstler Mischa Leinkauf und Matthias Wermke ständig. Sie erschaffen scheinbar sinnlose Kunstwerke: Ein Handstand auf dem Kirchturm oder ein kostenloser Scheibenwischservice für den öffentlichen Verkehr. Mit ihren Arbeiten wollen Wermke und Leinkauf den Stadtraum für die Kunst erobern. Im Interview sprechen sie über den Unsinn, der hinter Kunst steckt – und darüber, warum Kunst trotzdem sinnvoll ist.

Als Künstlerduo seid ihr im Internet unter der Adresse stopmakingsense.de zu finden. Ist das Programm?

Mischa Leinkauf: Wir sind beide große Verehrer von David Byrne, der Musiker und Filmemacher – und überhaupt ein Naturtalent – ist. Eine Platte von ihm heißt Stop making sense. Byrne arbeitet filmisch und musikalisch sehr experimentell und auch sehr verrückt. Der Name ist bei uns hängen geblieben, weil seine Projekte auch viel mit unseren Arbeiten zu tun haben. Bei denen fragen wir uns immer wieder: Was soll das eigentlich?

Matthias Wermke: Das ist eigentlich ein sehr deutsches Denken – dass man immer eine Begründung für sein Handeln braucht. Ein erwachsenes Denken ist das natürlich auch. Kinder brauchen diese Begründung nicht. Sie machen Dinge, weil sie Spaß daran haben. Aber ab einem bestimmten Alter ist der Grund für alles Handeln die Profession oder Geld – alles muss einen tieferen Sinn machen. Die Kunst ist der Gegenpol zu diesem Denken. Ich würde nicht sagen, dass Kunst sinnlos ist, im Gegenteil, Kunst hat sehr wohl einen Sinn. Aber die Kunst speist sich aus einer ganz anderen Logik. Sie ist eine Antithese.

Mischa: Genau. Außerdem müssen wir an einem bestimmten Punkt auch sagen, dass wir uns die Frage gar nicht stellen dürfen, was der Sinn dahinter ist. Der Sinn ergibt sich aus dem Machen dieser etwas seltsamen Aktionen, die wir manchmal vorhaben.

Matthias: Und aus einem Bauchgefühl heraus. Man lernt irgendwann, Dinge zu verbalisieren und zu formulieren, und wenn es nur begründet genug ist, hat es die Berechtigung, existieren zu dürfen. Das bekommt man an der Kunsthochschule oft auch so beigebracht. Davon muss man sich aber irgendwann wieder abgrenzen. Kunst entsteht ja nicht aus einer Theorie heraus, sondern aus einem Gefühl – zumindest ist das bei uns so. Wir haben schon Dinge gemacht, die wir gar nicht als Kunst definieren würden, die aber von außen so wahrgenommen wurden. Es ist wichtig, dass man einen Teil dessen, was man in der Ausbildung beigebracht bekommt, irgendwann auch ad acta legen kann und sagt: Ich mache jetzt das, was mir Spaß macht. Das gibt dem Ganzen dann nämlich wieder einen Sinn.

Also doch Sinn?

Handstand auf einer Kirchturmspitze in Heilbronn, Foto: © Kimura Noriyuki

Mischa: Ja klar.

Matthias: Diese Momente sind ja sinnstiftend. Erstens empfinden wir in dem Moment, in dem wir eine Aktion machen, eine Emotion, die für uns wertvoll ist – deshalb versuchen wir ja immer wieder auf verschiedene Art und Weise, uns in solche Situationen zu begeben. Spätestens, wenn eine Ausstellung stattfindet, zu der Publikum kommt und sagt: „Ah, das ist jetzt Kunst. Was will uns das denn sagen?“ müssen wir uns wieder damit auseinandersetzen. Die Leute kommen ja in einen Diskurs mit dem Kunstwerk darüber, was sie und ihr Leben mit dem Kunstwerk zu tun haben. Die Gespräche, die da entstehen, geben der Kunst wieder einen neuen Sinn.

Mischa: Ich meine, bei Kunst stellt sich ja oft die Frage: Wo ist jetzt der Sinn?

Matthias: Ich hatte zum Beispiel vor einiger Zeit ein interessantes Erlebnis genau hier, auf diesem Gelände, das ja ein Ausstellungs- und ein Produktionsort ist. Einmal habe ich hier nach Material gesucht. An der Außenseite des Gebäudes bin ich an einem großen Schrotthaufen vorbeigekommen, der in sich schon zusammenfiel und in dem ganz viel Plastikmüll herumlag. Ich fragte dann jemanden in der Ausstellungshalle, ob ich mich daran bedienen dürfte. Der sagte dann Ja und dass das ein Exponat von Jonathan Meese sei. Das war hier ausgestellt und auch verkauft worden. Der Sammler hat seinen Kauf dann jedoch zurückgezogen. Daraufhin ist das Exponat zu Müll geworden, bis es irgendwann abgeholt wurde. Das sagt ja ganz viel über Wert und Wertschätzung aus. Und über diesen wahnsinnigen Kunstbetrieb.

Mischa: Man muss sich ja nur vorstellen, dass das Ding in einem Museum gelandet wäre. Das wäre wahnsinnig aufgeladen gewesen, weil es von Meese war. Das allein verleiht dem Werk dann einen ganz abstrakten Sinn, es wird alles Mögliche reininterpretiert. Es hat einfach wahnsinnig viel mit dem Raum zu tun, in dem wir stehen, ob Kunst als Kunst wahrgenommen wird oder eben nicht.

Stellt ihr euch manchmal auch die Frage, ob es sinnvoll ist, als Künstler zu leben?

Matthias: Zu Sinn gibt es ja noch ein Gegenwort. Nämlich Zweifel. Wenn man sich die Sinnfrage stellt, setzt man sich ja immer auch mit seinen eigenen Zweifeln und Ängsten auseinander. Wenn man sich seiner Sache sicher ist, sucht man nicht den Sinn. Aber der Versuch, immer wieder einen neuen Ansatz, eine neue Form zu finden – das ist Zweifel. Ich glaube, sich dieser Situation auszusetzen, ist für den Betrachter von Kunst noch wichtiger als für den Produzenten, weil die ständige Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Zweifeln bei den meisten Leuten seltener stattfindet als bei Künstlern. Künstler reiben sich mit sich selbst und dem Werk. Da entsteht so eine spezielle Art von Energie, die den Leuten, die das Kunstwerk anschauen, wieder etwas zurückgibt. Das hören wir ja auch oft, dass Leute sagen: „Krass. Respekt, dass ihr euch für ein Leben als Künstler entschieden hat.“ Damit sind ja auch viele Unsicherheiten verbunden. Es ist ja unvernünftig.

Mischa: In unserer Erwachsenenwelt geht es ja immer um finanzielle Absicherung. Als Künstler weiß man vor einem Projekt meistens nicht, ob man danach auch irgendetwas damit machen kann. Natürlich stellt sich da ständig die Frage: Mache ich das jetzt weiter? Tue ich das, was für mich selbst Sinn ergibt und Spaß macht oder sollte ich besser etwas tun, das auch etwas bringt, am Ende des Tages?

© Stop making sense, Leinkauf/Wermke
Still aus dem Film zur Aktion „Trotzdem danke“, © Leinkauf/Wermke

Die Sinnfrage verarbeitet ihr ja auch in euren Aktionen. Einmal habt ihr die Scheiben von Autos, Bussen und U-Bahnen gewischt und die Reaktionen aufgenommen. Wie unterschieden sich denn die Reaktionen der Fahrer und die des Publikums, das anschließend das Video über die Aktion zu sehen bekam?

Matthias: Die Reaktionen der Fahrer waren tatsächlich so 50/50. Einerseits gab es ganz viel Paragraphenreiterei und mir wurde mit der Polizei gedroht oder so. Aber es gab auch Leute, die sagten: „Wenn ich etwas Kleingeld hätte, würde ich es Ihnen jetzt wirklich geben.“ Irgendein Busfahrer gab mir sogar welches. Damit hätte ich auch nie gerechnet bei so einer Aktion. Viele haben mich auch auf die Sinnlosigkeit meines Handelns hingewiesen. Ein Busfahrer meinte zum Beispiel: „Geh lieber zu den Autofahrern, da hast du bessere Chancen.“ Beim Publikum hatten wir dagegen wahnsinnig positive Reaktionen. Ich glaube, dass das nicht mal ein Sich-Lustig-Machen ist über diese Paragraphenreiter zum Beispiel, sondern dass man dabei mit seinen eigenen Gewohnheiten ganz stark konfrontiert wird, das aber so humoristisch vorgeführt bekommt, dass da so eine Leichtigkeit entsteht, in der man sich kurz von seiner täglichen Routine lösen kann. Wir sind ja zum Teil auch richtige Spießer. Man hat seine Ordnungsprinzipien und seine Muster. Da nehmen wir uns nicht aus. Mit so einer Aktion halten wir uns selbst auch einen Spiegel vor.

Bei einer anderen Aktion ist Matthias auf einen Kirchturm in Heilbronn geklettert, um ganz auf der Turmspitze einen Handstand zu machen. Warum?

Matthias: Wir sind bei der Vorbereitung einer Ausstellung in Heilbronn zufällig auf ein Foto aus dem Jahr 1921 gestoßen, auf dem jemand auf dem Kirchturm zu sehen ist, der dort oben einen Handstand macht. Wir fanden dann heraus, dass das das Resultat einer Wette zwischen zwei Handwerkern war, von der die ganze Stadt wusste. Die beiden hatten in einer Kneipe darum gewettet, auf dem Turm einen Handstand zu machen. Eine per definitionem sinnlose Aktion.

Mischa: Wobei man dazu sagen muss, dass es bei der Wette um 365 Flaschen Wein und 18.000 Mark ging. Die ganze Stadt hat ja mitgewettet.

Und wurde der Einsatz an die beiden ausbezahlt?

Mischa: Das schon. Allerdings wurden beide wegen „groben Unfugs“ zu einer Strafe von 25 Mark verurteilt. Es heißt, der Polizeichef habe sie zu sich gerufen, ihnen zunächst zur bestandenen Wette gratuliert und sie dann über die Strafe informiert.


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März 2014
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