Kann ein Video unser Leben verändern?

Screenshot: Campus TV Bielefeld - Youtube
„Eines Tages werde ich alt sein, Baby, und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.“ Ein Satz, von Julia Engelmann leise und fast ein bisschen unsicher und nervös vorgetragen, soll ein Denkanstoß sein und hat zugleich einen Hype ausgelöst.

Welchen Sinn hat unser Dasein? Was wollen wir erreichen oder erleben? Worauf möchten wir stolz sein, worauf wollen wir später sentimental zurückblicken? Wann beginnen wir, unsere Zeit bewusst zu nutzen? Und wann genau ist der Anfang vom Rest unseres Lebens?

Die 21-jährige Psychologie-Studentin Julia Engelmann philosophiert in einem Video über das Leben, die Lebenspläne einer ganzen Generation, die große Unbekannte Zukunft und unsere mangelnde Entscheidungsfähigkeit. Und sie hat unglaublich großen Erfolg damit: Zu Jahresbeginn überflutete das Video, aufgenommen bei einem studentischen Poetry-Slam, regelrecht die sozialen Netzwerke.

Dabei ist das Video gar nicht neu, der Poetry-Slam fand bereits im Mai 2013 an der Universität Bielefeld statt. Nachdem ein Blogger mehr als sechs Monate nach der Erstveröffentlichung darauf aufmerksam machte, kam die virale Maschine in Gang. Alleine auf Youtube wurde das Video über fünfeinhalb Millionen Mal aufgerufen, weit mehr als 4000 User kommentierten es und machten sich Gedanken über das eigene Leben.

Und auch Julia Engelmann, jenes Mädel, das uns ins Gewissen redet, ist keine Neuerscheinung. Vor ihren Auftritten bei diversen Poetry-Slams und ihrem Psychologie-Studium war sie Schauspielerin, unter anderem in der Serie Alles was zählt. Dennoch tauchte die 21-Jährige erstmal ab, als der Hype losging, sprach nicht mit Journalisten, gab keine Interviews. Erst Mitte Februar brach sie ihr Schweigen und gab zu selbst erstaunt zu sein über den Erfolg. Als „Stimme der Generation“ sieht sie sich nicht.

„Ich kotze Regenbogen“

Doch was fasziniert an dem Video One day/reckoning text, das uns lediglich unsere eigene Inkonsequenz, unsere eigene Unsicherheit und unsere eigenen Ängste vor Augen führt? Man weiß es nicht genau, aber immerhin muss man sich weitere knapp sechs Minuten keine Gedanken darüber machen, was kommen wird oder warum man immer noch vor dem Smartphone hängt, anstatt etwa einen Marathon zu laufen.

Vielleicht ist es auch deshalb so erfolgreich, weil es polarisiert und neben Bewunderung und Zustimmung auch Ablehnung und Häme hervorruft. Von „Ich kotze Regenbogen“ bis hin zu „So, und jetzt: Ab in die Küche mit dir! Für Träume ist die Nacht da“ ist in der Youtube-Kommentarspalte alles dabei.

Der Grund für die Differenzen liegt auf der Hand: Für die einen ist Julia Engelmanns Beitrag ein Aufruf und ein Anstoß, ihr Leben zu ändern. Für die anderen ist es Geraunze auf hohem Niveau, postpubertäres Gelaber oder einfach genau der Kern des Problems: dass junge Menschen über das Leben und ihre sentimentale Zukunftsangst philosophieren anstatt einfach zu leben. Sie könnten sich loslösen von der virtuellen Welt, sich aufraffen, um tagtäglich etwas Neues auszuprobieren.

„Das kann sich doch keiner merken“, kommentiert SchlumpiTV Engelmanns Abhandlung auf Youtube. Dabei klingt es bei Julia Engelmann eigentlich ganz einfach: „Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen. Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gerne erzählen“, empfiehlt die Studentin. Aber warum tun wir das nicht einfach? Warum aber leben wir nicht einfach das Leben, das wir leben und auf das wir später stolz sein wollen? Warum verstecken wir uns weiterhin vor unseren Laptops, hängen an unseren Smartphones und begegnen uns lediglich in der virtuellen Welt? „ ‚Carpe Diem‘ und ‚Lebe deinen Traum‘, die 27.123-igste“, ist alles, was User kraus79 dazu zu sagen hat.

Zu viele offene Türen

Genau das ist das vielleicht größte Problem: Dass wir diese abgedroschenen Phrasen schon hunderte Male gehört haben und trotzdem nicht wissen, was wir tun sollen? Wir haben unzählige Möglichkeiten, so viele Türen und Lebenswege stehen uns offen, wir können uns in jederlei Hinsicht selbst verwirklichen, könnten machen, was wir wollen. Und genau deshalb resignieren wir, weil wir nicht wissen, wo wir überhaupt anfangen sollen? Fest steht, dass Engelmanns Generation Möglichkeiten hat, von denen die Eltern- oder Großelterngeneration gar nicht zu träumen wagte. Doch nicht für alle ist das ein Vorteil, viele fühlen sich überfordert und verloren in dem Haufen an Chancen.

Doch das Video spricht nicht nur Engelmanns Altersgenossen an, auch ältere Menschen fühlen sich verstanden. „Ich bin 50 und bin begeistert! Genau das ist es! Danke Julia! So geil... ich hör mir das sehr oft an und erkenne mich (leider) zu oft wieder. Auch mit 50 kann man sein Leben verändern, wenn man bereit dazu ist :) Love ya:)“, schreibt etwa Walter Weiss.

scwozii hat hingegen genug von dem ganzen Hype. „Ich fände es sehr schön, wenn YouTube aufhören würde, mir dieses Video penetrant und jeden Tag 50 mal vorzuschlagen.“

„Ein ‚Hype‘ um nichts“ oder „Eine Ode an das Leben – mit Tiefgang“. Eine Entscheidung und die Reflexion über das eigene Leben ist nach wie vor jedem selbst überlassen, denn: Sie gibt damit dem Video zumindest einen Sinn, sie liefert uns einen Denkanstoß. „Zusammengefasst: YOLO“ (Ben Querbalken)


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März 2014

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