Jeder kann in den Karten lesen

Foto: © Sabir AgalarovFoto: © Sabir Agalarov
Foto: © Sabir Agalarov

Was steht in den Karten geschrieben? Die Kartenlegerin Anna Poniatowska hält Karten lediglich für Zeichen mit besonderer Bedeutung. Und man brauche auch keine übernatürlichen Kräfte um sie zu lesen. Anna ist zwar schon lange im Ruhestand, wirkt aber gesund und energiegeladen. Obwohl sie sich mit ihrem Geburtsjahrgang 1933 fast schon brüstet, sieht man ihr das Alter nicht an. In den Cafes von Brünn kennt fast jeder die Kartenlegerin. Regelmäßig verkündet sie dort mit den Karten in der Hand den Leuten, welches Schicksal sie erwartet.

Braucht man besondere Fähigkeiten als Kartenleger oder Kartenlegerin, also so etwas wie einen Sechsten Sinn?

Ich nenne das den Sechsten Unsinn. So etwas existiert nämlich gar nicht, genauso wenig wie der Teufel oder Gott. Die Botschaften zwischen Himmel und Erde können alle lesen.

Wenn es also keine übernatürlichen Fähigkeiten gibt, wie können wir dann die Zukunft vorhersagen? Und wie erkennt man für sich selbst, was Sinn ergibt und was nicht?

Die Karten sagen die Zukunft nicht voraus. Sie zeigen die Gegenwart und den Charakter eines Menschen. Jeder beeinflusst nämlich durch Taten seine Zukunft selbst. Wenn zum Beispiel drei Kinder im selben Kreißsaal geboren werden, ist ihr Schicksal zu 90 Prozent durch ihre jeweilige Veranlagung vorgegeben. Das sind genetische Anlagen, also eine Kombination aus psychischen und physischen Eigenschaften. Jedes dieser Kinder hat eine etwa fünfprozentige Chance, den Lauf seines Lebens zu lenken. Für die übrigen fünf Prozent ist das Umfeld verantwortlich, das uns beeinflusst und formt. Jeder entscheidet also auf Grundlage der eigenen selektiven Wahrnehmung und Interpretationsfähigkeiten, was ihm im Leben sinnvoll erscheint. Dem Klügeren wird mit der Zeit klar, dass die überwältigende Mehrheit der Eindrücke im Leben Ballast sind, den man abwerfen muss. Das, was die Dinge mit Sinn erfüllt, ist die Fähigkeit des Einzelnen, die Zeichen um sich herum richtig zu deuten. Die Karten sind also nichts anderes als diese Zeichen.

Warum benutzen Sie denn die üblichen und nicht die Tarotkarten?

Ich habe mich einfach an meine normalen Karten gewöhnt. Die Tarotkarten verwende ich auch, wobei deren Bedeutung weit vielfältiger und die Symbole viel bedeutungsschwerer sind. Meine eigenen Karten sind viel liberaler, würde ich sagen.

Wann haben Sie Ihre Fähigkeit „Schicksale aus den Karten vorherzusagen“ entdeckt?

Ich arbeitete damals in der polnischen Botschaft als Anwältin, als ein junges Mädchen zu uns kam. Sie war eine Verwandte der Romanows, der russischen Zaren. Sie hatte die Flucht aus Russland geschafft und ihren Namen geändert. Sie war es, die mich das Kartenlegen lehrte, und wir waren lange Zeit gute Freunde. Erst im Ruhestand begann ich mich, stärker mit den Karten zu beschäftigen.

Sagen Sie den Leuten alles, was Sie in den Karten sehen?

Nicht alles, denn alles sehe nicht mal ich selbst. Ich habe dazu aber eine tragikomische Geschichte. Ich legte meiner Nachbarin die Karten und sah, dass sie ein gutes Schicksal erwartete. Eine Woche darauf starb ihr Mann nach einer langen, ernsten Krankheit. Ganz verheult kam sie zu mir und klagte: „Anicka, warum hast Du mir vorhergesagt, dass es mir gut ergehen würde, wenn nun so etwas geschehen ist? Das ist schlimm.“ Ich antwortete, das sei doch Unsinn. „Es ist doch gut so, der Tod hat ihn und Dich befreit.“ Übrigens sprechen wir seitdem nicht mehr miteinander.

Gerade haben Sie mir noch gesagt, dass Sie die Zukunft nicht vorhersagen. Wie konnten Sie also wissen, dass ihr Glück bevorsteht?

Nein, das haben Sie falsch verstanden. Es geht darum, dass jeder ein bestimmtes Potenzial im Leben hat. Jeder hat einen Kopf mit Augen, Ohren, einer Nase, er hat auch Hände und Füße. Sein Schicksal ist so gut wie besiegelt. Mit diesen Voraussetzungen geht jeder durch sein ganzes Leben, wobei man mehr vergisst, als man entdeckt. In den verschiedenen Lebensphasen beeinflusst den Menschen die Konstellation der Zeichen. Diese Konstellation bestimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad, in welchen Verhältnissen man lebt und was sich davon für die sogenannte Zukunft ableiten lässt. Was ist eigentlich die Zukunft? Im Grunde hat sie sich die Menschheit genauso ausgedacht wie die Zeit und anderen Unsinn. Das, was wir Zukunft nennen, wird aus unseren eigenen Taten gewoben.

Foto: © Sabir Agalarov
Foto: © Sabir Agalarov

Wie reagieren die Leute darauf, wenn Sie in ihrem Leben lesen?

Ich habe kein Büro fürs Kartenlegen. Ich bewege mich im öffentlichen Raum und bin ständig unter Leuten. Ich biete ihnen die Möglichkeit, etwas über sich selbst zu erfahren. Jeder reagiert übrigens anders auf die Deutung, denn kein Mensch hat dieselbe Art der Wahrnehmung wie ein anderer. Begriffe wie Erfolg, Liebe oder Beziehungen haben nämlich für jeden eine andere Bedeutung. Die Reaktion der Leute und ihre Fragen während des Kartenlegens helfen mir natürlich, besser zu verstehen, wen ich da vor mir habe. Wenn ich für jemanden einen Erfolg in Reichweite sehe, falls er nur die richtigen Schritte unternimmt, muss es sich nicht unbedingt um einen finanziellen Erfolg handeln. Erfolg gründet vor allem in der Fähigkeit, seine Ambitionen zu erfüllen. Für einen Massenmörder können das weitere Opfer sein, für einen Schriftsteller Anerkennung. Einfach ist es nicht. Dasselbe gilt für die Liebe, denn sie steht nicht nur für Familie, Kinder, Haustiere und wer weiß was noch. Es geht um die Art der Liebe, die ein Mensch zu geben und anzunehmen fähig ist.

Sind Sie also eher eine Psychologin?

Da bin ich mir selbst nicht sicher. Ich bin fähig, Leute und die Zeichen um sie herum zu deuten. Ich weiß nicht, wie man dieses Fach nennen könnte. Aber in erster Linie bin ich ein Mensch, der Güte und Wohlwollen über alles stellt. Ich freue mich, wenn die Leute um mich herum glücklich sind. Liebe und Glück sind nämlich das Einzige, das wir geben können, ohne es selbst zu haben.

Was sollten die Leute also Ihrer Meinung nach tun, um ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Die Karten zeigen nur das Wesen eines Menschen. Man kann in ihnen seine Veranlagungen und emotionalen Quellen sehen. Es kann jemand eine unglaubliche Liebe in sich tragen, aber niemals einen Anderen treffen, mit dem er sie teilen könnte. Ein Anderer wiederum kann große Ambitionen haben, sie aber nie erfüllen, weil er faul ist oder den falschen Beruf gewählt hat. Um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, muss man immer gut nachdenken. Man muss auf seine innere Stimme hören und abwägen, ob man den richtigen Weg geht. Am wichtigsten sind am Ende aber konkrete Schritte oder Taten, denn wer nichts tut, der hat nichts.

Das Interview führte Sabir Agalarov
Übersetzung: Hanka Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
April 2014

    Themen auf jádu

    #Klartexte
    Ein aufmerksamer, unaufgeregter und kritischer Medienkonsum hilft. Wer die Mechanismen medialer Manipulation und Desinformation versteht und erkennt, minimiert das Risiko, sich betrügen zu lassen. Das ist das Ziel unseres Projektes #Klartexte. Mehr...

    Auf dem Land
    Klischees über Land und Provinz gibt es (in der Stadt) genug. Was ist dran? Wir haben uns mal umgeschaut.  Mehr...

    Gemischtes Doppel | V4
    Vier Kolumnisten aus der Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn schreiben über die Bedeutung Europas, Rechtspopulismus, nationale Souveränität, gesellschaftlichen Wandel, die Arroganz des westlichen Blicks – und brechen damit staatliche und gedankliche Grenzen auf. Mehr...

    Bis in beide Ohren
    Stimmen, Klänge, Geräusche. Angenehme und unangenehme. Solche, die (uns) etwas bedeuten, und solche, die nur sie selbst sind. Solche, die von außen kommen, aber natürlich auch solche, die wir selbst von uns geben. Ob wir können, wollen oder müssen: Hinhören lohnt sich. Mehr...

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...