Höher, schneller, weiter

Ultralange laufen

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Jürgen Bonigut auf einem Lauf in Salzburg, Foto: © privat

Für die meisten Freizeitjogger ist diese Leistung unvorstellbar: Als Ultramarathon gilt jeder Wettlauf, dessen Strecke über die rund 42 Kilometer eines gewöhnlichen Marathons hinausgeht – meist aber nicht „nur“ 45 Kilometer, sondern eher hundert, 160 oder noch mehr Kilometer. Ultramarathonläufer absolvieren diese Strecken am Stück. Das bedeutet: ohne Schlaf, ohne längere Pausen. Jürgen Bonigut (44) ist einer von ihnen. Was macht für ihn die Faszination dieser extremen Strecken aus?

Ende Juli startest du bei Deinem nächsten Ultramarathonlauf, der ein 100 Meilen-Lauf sein wird – also 161 Kilometer lang. Wie bewältigest du diese Strecke?

Die meisten dieser langen Läufe beinhalten große Höhenunterschiede. Bergauf gehen die meisten Läufer. So haben wir eine Art Verschnaufpause. Bergab und im ebenen Gelände laufe ich. Es gibt aber etliche Läufer, die durchweg rennen. Ungefähr alle fünfzehn bis zwanzig Kilometer gibt es eine Verpflegungsstation. Dort fülle ich die Wasserblase in meinem Rucksack auf, esse oder trinke was und kann auch kurz pausieren, wenn mir danach ist.

Wie lang brauchst du für diese 161 Kilometer?

Ich hoffe, dass ich die Strecke in 28 Stunden schaffe. Sehr gute Läufer brauchen meist so siebzehn oder achtzehn Stunden. Um die Gesundheit schwächerer Läufer zu schützen, gibt es übrigens bei den meisten Läufen sogenannte Cut-Offs – das sind Zeitlimits für bestimmte Streckenabschnitte. Damit soll verhindert werden, dass Läufer am Ende womöglich über vierzig Stunden unterwegs sind und sich überfordern.

Unterhalten sich die Läufer oder ist es ein einsamer Sport?

Am Anfang eines Laufs bilden sich öfter Grüppchen, die sich dann aber meistens wieder auflösen bis sich im Verlauf des Rennens wieder neue bilden und wieder auflösen und wieder bilden und so weiter… Diejenigen, die regelmäßig starten, so wie ich, kennen sich inzwischen vom Sehen. Die meisten sind gesellige Typen, würde ich sagen. Siegesfeiern, das Briefing am Abend vorher oder ähnliches werden gut besucht. Beim Training allerdings sind die meisten lieber auf sich allein gestellt. Da die Vorbereitungszeit mindestens zwölf bis vierzehn Wochen umfasst, ist das im Vergleich zum Ultramarathon selbst eine lange, einsame Zeit.

161 Kilometer über Stock und Stein zu laufen, ohne Schlaf und Rast… Verzeihung – aber ich kann mir Schöneres vorstellen. Wie bist du ausgerechnet auf diese Sportart gekommen?

Ich war immer sportlich. Schon als Jugendlicher war ich auf einem Sportinternat und habe auch später lange erfolgreich Volleyball gespielt, unter anderem in der Bundesliga. Aber irgendwann hab ich damit aufgehört. Und da ich schon immer gern gekocht und auch gegessen habe, gab es dann bei mir einen Punkt, an dem mein Bewegungspensum nicht mehr meiner Kalorienaufnahme entsprach. Deshalb fing ich im Jahr 2004 an zu laufen. Ganz gemächlich erstmal und auch ohne großen Spaß. Doch dann hab ich gemerkt, dass ich relativ schnell eine Stunde am Stück laufen konnte. Mein Ziel war dann, einen Marathon zu laufen. 2007 habe ich das zum ersten Mal geschafft.

Und wie liefen sich die klassischen 42,195 Kilometer?

Eigentlich war es eine schreckliche Erfahrung. Ab der Hälfte der Strecke war es nur noch eine Qual. Trotzdem hat mich etwas daran angefixt. Damals wusste ich noch gar nicht, dass es Ultramarathonläufe gibt. Mein Einstieg bei den „Ultras“ war dann ein 73 Kilometer-Lauf im Jahr 2011. Der lief sich erstaunlich gut, obwohl ich dafür nicht wesentlich länger oder härter als für normale Marathonläufe trainiert habe. Die Strecke ging durch schönes, waldiges und hügeliges Gelände.

Aber warum willst du unbedingt solche extrem langen Strecken laufen? Steckt der Leistungsgedanke dahinter oder Wettkampfgeist?

Nein, ich glaube, beides spielt für die Mehrheit der Ultramarathonläufer keine Rolle. Für mich persönlich war es so, dass ich mir wünschte, das Lauferlebnis selbst auszudehnen. Beim Marathonlaufen hatte ich das Gefühl, dass ich lange dafür trainierte, aber der Lauf selbst nach circa dreieinhalb Stunden schnell vorbei war. Deshalb bin ich umgestiegen.

Was ist das für ein Gefühl, dem du da nachläufst?

Schon nach wenigen Minuten Laufen entsteht in meinem Kopf eine wohltuende Leere – eine Klarheit und Freiheit. Alles Belastende rückt weiter weg. Diese Entspannung hilft einem – auch nach dem Laufen. In meinem letzten Job konnte ich oft in der Mittagspause laufen und bin danach immer mit viel Elan und sehr entspannt an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Wie sieht denn das Teilnehmerfeld bei Ultramarathons aus?

Es sind alle Altersklassen vertreten und es gibt manchmal Mitte Sechzigjährige, die Dreißigjährige abhängen. Interessanterweise läuft aber eigentlich niemand aus Afrika mit. Also niemand von den Läufern, die sonst bei den Marathonläufen gewinnen. Wahrscheinlich weil bei Ultramarathonläufen weder Ruhm noch Preisgeld winken. Wenn es überhaupt einen Preis gibt, dann sind das vielleicht 300 Euro für den ersten, 200 für den zweiten und 100 für den dritten Sieger. Interessant ist auch, dass das Geschlechterverhältnis bei Ultras ausgeglichener ist als beim Marathon. Ich schätze, bei den „Ultras“ rennen rund zwanzig Prozent Frauen mit. Zum Vergleich: Bei Stadtmarathons liegt der Frauenanteil häufig nur bei acht Prozent. Die längere Strecke verringert auch den Leistungsabstand: Bei „Ultras“ kommt es oft vor, dass unter den zehn besten Läufern zwei bis drei Frauen sind.

Du hast seit deiner Jugend Leistungssport getrieben. Ist das der Grund, warum du diese extreme körperliche Belastung meisterst?

Volleyball ist ja eine ganz andere Sportart als Laufen – ein Team- und Ballsport. Aber durch das intensive Training habe ich sicher früh gelernt, gut in meinen Körper hinein zu horchen. Ich kenne meine Grenzen und weiß auch, was mein Körper jeweils braucht. Ich glaube nicht, dass ich je zusammenbrechen werde. Denn ich würde die Warnsignale vorher wahrnehmen. Das ist sicher eine große Hilfe dabei, diese enormen Strecken zu bewältigen.

Das Interview führte Maike Wetzel.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Mai 2016

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