Höher, schneller, weiter

Ein schlaffes Seil für einen gespannten Körper

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Spektakuläre Aussichten, die man ganz nebenbei auf einer „Highline“ genießen kann. Foto: © privat

Neben Joggen, Fußball und Frisbee erobert eine weitere Sportart die sommerlichen Parks: das Slacklinen. Dabei balancieren die Sportler über ein Gurtband, das meistens zwischen zwei Bäumen gespannt ist. jádu-Autorin Anne Weißbach hat es ausprobiert und festgestellt: Das ist schwieriger als man denkt.

Einen Fixpunkt mit den Augen suchen, nicht auf die eigenen Füße gucken. Arme über den Schultern halten zum Balancieren. Und immer schön gerade bleiben im Oberkörper, rät mir Daniel Neumann, seit 2011 leidenschaftlicher Slackliner und Gründer einer Slackline AG in seiner Heimatstadt Brandenburg an der Havel. Das klingt nicht allzu schwer und sieht auch nicht allzu schwer aus.

Mit Daniels Hilfe steige ich auf eine etwa kniehoch gespannte Slackline. Dabei habe ich ziemlich viel Schwung, den die Line sofort aufnimmt und in Wackeln umwandelt. Ich lande gleich wieder auf dem Boden.

Da das Band nicht straff gespannt ist, sondern schlaff (daher auch der Name Slackline, deutsch etwa: Schlaffseil), ist es sehr dynamisch und erfordert nicht nur einen guten Gleichgewichtssinn, sondern auch ein ständiges Ausgleichen der Bewegungen. Balance, Koordination und Konzentration sind dabei genauso wichtig wie Muskelkraft.

Gib jemandem den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand

Ich werde noch einmal an die Hand genommen beziehungsweise an den kleinen Finger – „Diese Hilfestellung reicht vollkommen aus, um auf der Line das Gleichgewicht halten zu können“, erklärt Daniel. Vielleicht für die erfahrenen Läufer. Ich greife doch öfter nach der ganzen Hand, um nicht von der Line zu fallen. Besonders in der Mitte schlackere ich nur so vor mich hin, weil das Band hier seinen Tiefpunkt hat und die Bewegungen am stärksten aufnimmt. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, wird zu einer kleinen Herausforderung. Aber ich schaffe es immerhin bis zum Ende der etwa 15 Meter langen Line zu laufen.

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Besonders beliebt im Sommer: Waterlines. Hierauf lassen sich Sprünge und Tricks gut üben, da man nichts so hart fallen kann. Foto: © privat

Je nachdem, welche Voraussetzungen man mitbringt und wie intensiv man übt, dauert es unterschiedlich lange, bis man die ersten Schritte sicher laufen kann. Daniel erzählt, dass auch er dafür mehrere Stunden gebraucht habe: „Als die ersten Meter dann abgelaufen waren, ging es ruckzuck. Nach 30 Metern habe ich dann mit den ersten einfachen Tricks angefangen, also ein paar Sprünge, Drehungen und so weiter.“ Mittlerweile hat Daniel sich auf das Longlining spezialisiert, was Konzentration und Ausdauer in höchstem Maße fordert. Sein persönlicher Rekord liegt bei 260 Metern, den er auf einem Slackline-Festival in Sachsen aufgestellt hat.

„Ich mache Sport, weil mein Kopf das möchte“

Was Daniel wie viele am meisten an der Sportart reizt, ist die Kombination aus körperlicher und mentaler Forderung: „Da der Körper zum Balancieren komplett gerade gerichtet sein muss, fordert das nicht nur die Hauptmuskulatur, sondern vor allem auch die kleinen Muskeln zwischen den Knochen, die die Körperfestigkeit herstellen. Als eine gute Konzentration auch für mein Studium immer wichtiger wurde, ist der Kraftaspekt mehr der mentalen Frage gewichen.“

Die Möglichkeit, so die Muskeln zu trainieren, klingt auch für mich sehr reizvoll, da ich keine Freundin von Krafttraining bin und mich wenn überhaupt eher für Ausdauer-Sportarten begeistern kann, zum Beispiel Joggen oder Schwimmen.

Als ich danach weitere Lines ausprobiere, merke ich, wie unterschiedlich Material, Stärke und Spannung sich anfühlen können. Die verschiedenen Materialien haben verschiedene Dehnungsgrade. Je weniger Dehnung, desto träger ist die Line. Je mehr, desto stärker reagiert sie auf meine Bewegungen und desto mehr muss ich mit dem Körper arbeiten, um die Schwingung auszugleichen. „Das ist ja auch der Reiz an dem Sport“, findet Daniel, „verschiedene Tricks auf verschiedenen Lines auszuprobieren und zu lernen.“

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Auf „Darklines“ oder „Nightlines“ muss sich der Slacker mehr auf sein Körpergefühl verlassen. Dafür hat das Publikum was zu gucken. Foto: © privat

Mal nur auf sich achten

Auf einer freien Slackline möchte ich mich nun mal ganz alleine ausprobieren. „Denk dran: Körper gerade lassen und nur die Arme bewegen, um das Gleichgewicht zu halten.“ Auch das ist beim ersten Mal leichter gesagt als getan. Ich schwenke meinen Oberkörper hin und her und fuchtele wild mit den Armen, um die Balance zu halten. Trotzdem merke ich sofort, wie viel konzentrierter ich bin, wenn ich nicht nebenbei rede oder zuhöre.

Nach und nach entwickele ich ein immer besseres Gefühl auf dem Band. Ich schaffe es, mich langsam hoch zu drücken und mein Gleichgewicht zu halten, sodass ich ein paar Sekunden mit dem rechten Bein auf der Line stehe. Juchu, ein erstes Erfolgserlebnis. Nach circa einer Stunde gelingt es mir, mit beiden Beinen kurz stehen zu bleiben. Ich gehe dabei ganz leicht in die Knie, um die Schwingungen besser ausgleichen zu können und fokussiere einen einzigen Punkt. Und so gelingen mir tatsächlich ein, zwei wackelige Schritte ganz ohne Hilfe. Damit habe ich mein Tagesziel erstmal erreicht. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald, alleine bis zum Ende der Line zu laufen.

Anne Weißbach

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Mai 2016

    Slacklining

    Slacklining kommt ursprünglich aus der amerikanischen Kletterszene. Die Bergsteiger im Yosemite-Nationalpark balancierten in ihrer freien Zeit über Absperrseile, ab den 80er Jahren entwickelte sich daraus eine eigene Sportart.

    Weil bei diesem Sport starke physikalische Kräfte auf die Lines wirken, ist das Thema Sicherheit von großer Bedeutung. Als Anfänger sollte man sich immer professionell beraten lassen. Tipps zu Equipment, Aufbau und Sicherheit findet man zum Beispiel auf den Internetseiten slackline-deutschland.de oder slacklineverband.com. Für praktische Hilfe wendet man sich am besten an die lokalen Sportgruppen, die sich immer über Zuwachs freuen.

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