Höher, schneller, weiter

Tabubrüche im Fußballstadion

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„Fans empfinden das Stadion sehr oft als einen Freiraum, der außerhalb der Gesellschaft steht.“, sagt der Politologe Florian Schubert. Foto (Ausschnitt): funky1opti, CC BY 2.0

Banner mit sexistischen Slogans, Affenlaute, wenn dunkelhäutige Spieler am Ball sind, wüste Beschimpfungen bis hin zu physischer Gewalt: Diskriminierendes Verhalten und Fußball gehen nicht selten Hand in Hand. Das habe viel mit der Inszenierung des Stadions als Raum außerhalb der Gesellschaft zu tun, sagt der Hamburger Politikwissenschaftler Florian Schubert.

Hooligans und Ultra-Gruppen machen immer wieder mit rassistischen und homophoben Pöbeleien oder Prügelattacken auf gegnerische Fans auf sich aufmerksam. In der Bundesliga, die viel öffentliche Aufmerksamkeit genießt, bemühen sich Vereine immer häufiger, auf rechte Vorfälle im Stadion zu reagieren. Anders sieht es im Breitensport aus: Wo es keinen öffentlichen Druck gibt, ignorieren Vereine oft rechtsextreme Tendenzen bei ihren Fans.

Das beobachtet auch Florian Schubert. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich in seiner Promotion mit Diskriminierung im Fußball. „Die Mehrzahl der Vereine versucht nach diskriminierenden Vorfällen zunächst, diese zu ignorieren oder zu vertuschen.“ Oft komme es erst zu einem Umdenken in den Vereinen, wenn Fans aus den eigenen Reihen Initiativen gegen Rechts starten – oder wenn ein Verein Sanktionen seitens des Fußballverbands befürchten müsse.

Fußball wird zur Parallelwelt

Doch woher kommt eigentlich die Pöbelkultur im Fußball? „Fans empfinden das Stadion sehr oft als einen Freiraum, der außerhalb der Gesellschaft steht. Fußball wird dann zu einer Art Parallelwelt, in der etwas gelebt werden kann, was in der allgemeinen Gesellschaft kaum noch Platz hat“, sagt Schubert. Der Tabubruch im Stadion wird umso attraktiver, je mehr die Gesellschaft Verhalten wie Homophobie oder Rassismus sanktioniert. Diese Feststellung macht Schubert in seiner Doktorarbeit auch für das Beispiel von Antisemitismus: „Dieser konnte über Jahre hinweg im Fußball offen geäußert werden, obwohl es gesellschaftlich eigentlich ein relativ allgemeingültiges Tabu gab.“

Diskriminierendes Verhalten im Fußballstadion wird von Beobachtern in Deutschland seit den achtziger Jahren wahrgenommen. Bis in die neunziger Jahre gab es vor allem rassistische Vorfälle: Dunkelhäutige Spieler wurden mit Bananenschalen beworfen oder rassistisch beleidigt. Heute spiele Rassismus zumindest in den oberen Ligen nur noch eine untergeordnete Rolle. Aktuell seien vor allem Homophobie und Sexismus ein Problem in Stadien. Während sich einzelne Faninitiativen gegen Homophobie einsetzten, sei Sexismus im Stadion nach wie vor sehr salonfähig, sagt Schubert. Das habe auch mit dem archaischen Männlichkeitsbild zu tun, das in weiten Teilen der Fankultur existiere.

Frauenverachtende Männerkumpanei

„Traditionelle Männlichkeit kann im Stadion noch eingeübt und getestet werden.“ Hinzu komme der Habitus frauenverachtender Männerkumpanei. „Besonders in der männlich dominierten Ultra-Szene herrschen patriarchale Verhaltensmuster vor. Das wirkt sich dann auch stark auf das Diskriminierungsverhalten aus: Unterlegenheit wird schnell mit Weiblichkeit in Zusammenhang gebracht.“ Tatsächlich gebe es im Frauenfußball deutlich weniger Diskriminierung, wobei es auch dort in der Vergangenheit zu antisemitischen Vorfällen gekommen sei.

Dass die verbale Auseinandersetzung zwischen Fans immer radikaler wird, hat nach Schuberts Ansicht mit der Entwicklung in den Fußballstadien zu tun, in denen Heim- und Gästefans komplett räumlich getrennt werden. „Diese strikte Fan-Trennung fördert die Rivalität, allein schon dadurch, dass man den Gegner anpöbeln kann, ohne Angst vor der direkten Konfrontation haben zu müssen.“

Das Stadion als Verstärker für gesellschaftliche Entwicklungen

Die Anonymität, hinter der sich Pöbler etwa auch gern im Internet verstecken, scheint also auch im Stadion eine Rolle zu spielen. Wie das Internet, so ist aber auch das Stadion kein von der Gesellschaft abgeschotteter Raum, wie ihn Fans gern inszenieren.

Schubert warnt mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen vor einer Unterschätzung dessen, was im Stadion passiert: „Was gesellschaftlich erlernt wird, wird auf den Fußball übertragen, das trifft auch auf diskriminierendes Verhalten zu. Allerdings ist das Stadion nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft, sondern kann auch selbst zum Verstärker werden. Gerade für Jugendliche, die ins Stadion gehen, ist es prägend, dass dort Schimpfwörter geäußert und Tabubrüche ohne jede Sanktion begangen werden können. Da ist es doch naheliegend, dass sich das auch auf den Schulalltag überträgt.“


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Juli 2016

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