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Angst vor Sport auf der Arbeit

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Nicht bei allen beliebt: Sport als Teambuilding-Maßnahme. Foto (Ausschnitt): holidayextras, CC BY 2.0

Für unsportliche Angestellte sind Betriebsausflüge und Teamcoachings oft der blanke Horror. Trotzdem spielt Sport in vielen Firmen eine immer größere Rolle.

Irgendwann ertrug er es nicht mehr. Fabian, der eigentlich anders heißt, fühlte sich an seinem Arbeitsplatz permanent unter Druck gesetzt. Nicht wegen der Arbeitsbelastung, sondern wegen der Freizeitaktivitäten seiner Kollegen außerhalb der Dienstzeiten. „Ich bin total unsportlich. Das disqualifiziert dich als Kollege“, sagt Fabian. Die Kollegen seines Teams trafen sich einmal in der Woche zum gemeinsamen Fußball. In der Mittagspause gingen einige von ihnen ins Fitnessstudio – mit einer Mitgliedschaft, die die Firma bezahlte. „Dass die Firma das anbietet, stand auch schon in der Stellenanzeige. Ich habe völlig unterschätzt, was für einen Stellenwert Sport in der Firma tatsächlich hat.“

Ein Jahr lang arbeitete Fabian bei der Firma, die sich im Übergang vom Start-up zum mittelständischen Unternehmen befindet. Die meisten Mitarbeiter seien jung und motiviert, sagt Fabian. So sehe er sich zwar auch. „In einem wachsenden Start-up kauft man dir die Motivation aber nur ab, wenn du auch sportlichen Ehrgeiz hast.“ Am Anfang erfand er Ausreden, warum er nicht mit zum Fußball könne. Irgendwann fragte ihn keiner mehr. „Es ging so weit, dass ich in der Mittagspause immer öfter alleine gegessen habe. Die anderen waren entweder zusammen beim Sport oder sind in kleineren Gruppen essen gegangen, ohne mich zu fragen. Ich weiß nicht mal, ob das Mobbing oder Ignoranz war.“

Mannschaftssport als Metapher für Teamgeist

Nach etwas mehr als einem halben Jahr begann Fabian, Bewerbungen zu schreiben. „Diesmal habe ich darauf geachtet, dass der Arbeitgeber nicht mit gemeinsamen sportlichen Aktivitäten wirbt. Ich will nicht an meiner sportlichen Leistung gemessen werden, sondern an meiner beruflichen Kompetenz.“

Immer mehr Firmen schreiben sich auf die Fahnen, sich um das physische Wohl ihrer Mitarbeiter zu sorgen und machen entsprechende Angebote. Auch als Teambuilding-Maßnahme wird dem Sport ein hoher Wert zugeschrieben. „Nicht umsonst wirkt Mannschaftssport auch als Metapher für Teamgeist“, sagt die Kommunikationstrainerin und Karrierecoach Ursula Dehler. „Wenn es um Teamcoachings geht, ist Sport oft der kleinste gemeinsame Nenner. Es gibt ein gemeinsames Ziel und klare Regeln. Arbeitgeber testen damit auch: Wie bewährt sich ein Mitarbeiter in einer ganz anderen Situation?“

Foto: © Ursula Dehler
Kommunikationstrainerin und Karrierecoach Ursula Dehler: „Sport kann hilfreich für die Karriereentwicklung sein.“ Foto: © Ursula Dehler

Übergewichtige Bewerber haben schlechtere Chancen

Auch in Fabians Firma fanden immer wieder Sportevents als Teambuilding-Maßnahmen statt. Verwechseln Unternehmen sportliche mit geistiger Leistungsfähigkeit?

„Das kann eine Rolle spielen“, sagt Dehler. So zeigten Studien, dass übergewichtige Bewerber in Vorstellungsgesprächen schlechtere Chancen hätten als Bewerber mit athletischem Körperbau – auch wenn Führungskräfte das natürlich nicht zugeben würden. „Sport kann hilfreich für die Karriereentwicklung sein“, so Dehler. Sport liefere Anknüpfungspunkte beim Small-Talk und im Netzwerk.

Bei Teambuilding-Maßnahmen gehe es weniger darum, sich sportlich zu bewähren als darum, dem Chef zu zeigen, die eigene Rolle im Team ausfüllen zu können. Fabian und andere unsportliche Angestellte bringt jedoch schon die Vorstellung zum Schaudern, ihre Teamfähigkeit beim Sport unter Beweis stellen zu müssen. Die Mitarbeiterin einer NGO, die wie Fabian anonym bleiben möchte, sagt, dass sie Betriebsausflüge meide, bei denen etwa gepaddelt werde oder eine Wanderung stattfinde. „Ich will nicht mehr in Situationen kommen, die ich während der Schulzeit ständig erlebt habe“, sagt sie.

„Teambuilding-Events sind oft angstbesetzt“

Das Leiden unter Unsportlichkeit habe viel mit dem Selbstbild zu tun und sei ein Indiz für ein niedriges Selbstwertgefühl, sagt die Psychologische Psychotherapeutin Katharina Schwibinger. „Unsportlichkeit ist ja zunächst deskriptiv. Wenn ein Mensch sagt: Ich bin unsportlich und das ist schrecklich, dann steckt darin eine negative Wertung. Anstatt den Betriebsausflug zu meiden, könnte man ja den Kollegen auch sagen: Ich komme wahrscheinlich später an als ihr, bestellt schon mal für mich mit.“

Vermeidungsstrategien seien oft eine Begleiterscheinung von Selbstunsicherheit, die wiederum häufig mit Perfektionismus kompensiert werde. „Selbstunsicherheit drückt sich dadurch aus, dass der Selbstwert an eine Bedingung geknüpft ist: Nur, wenn ich perfekt bin, bin ich wertvoll. Und wenn ich nicht perfekt sein kann – weil ich zum Beispiel unsportlich bin – dann vermeide ich.“ Wer ein gesundes Selbstwertgefühl besitze, so Schwibinger, könne auch zu seinen vermeintlichen Makeln stehen. Auf Herausforderungen an die eigene Persönlichkeit mit Vermeidung zu reagieren, wirke sich außerdem noch verstärkend auf das Problem aus. „Wer immer vermeidet, kann gar nicht die Erfahrung machen, dass die eigene Schwäche von anderen akzeptiert wird – oder man gar nicht so schlecht ist, wie man glaubt.“

Foto: © Katharina Schwibinger
Psychotherapeutin Katharina Schwibinger: „Das Leiden unter Unsportlichkeit ist ein Indiz für ein niedriges Selbstwertgefühl." Foto: © Katharina Schwibinger

Aktivitäten, die auf Teambuilding setzten, seien bei Mitarbeitern häufig auch angstbesetzt, sagt Dehler. Das betreffe keineswegs nur die Angestellten, sondern auch die jeweilige Führungskraft. „Mitarbeiterevents und Betriebsausflüge machen die Führungskraft verletzlich. Ob ein solches Angebot angenommen wird und wie, kann sich entscheidend auf die Autorität der Führungskraft auswirken.“ Die Karriereberaterin empfiehlt daher, unbedingt an allen Aktivitäten teilzunehmen, die der Chef anbietet. „Gerade bei Betriebsausflügen wird ganz genau hingeguckt, wer sich da krankmeldet.“

Unsportliche Mitarbeiter, die sich vor einer Teilnahme an sportlichen Events fürchten, sollten das Gespräch zum Chef suchen und ihr Problem thematisieren. „Dabei sollten sie deutlich machen, dass es ihnen wichtig ist, Teil des Teams zu sein.“ Den Chef sollte man fragen, welchen wichtigen Platz in einem Event man einnehmen könne, ohne dabei Teil einer sportlichen Mannschaft sein zu müssen. „Es ist Aufgabe der Führungskraft, das zu berücksichtigen.“

Die Stärken betonen, nicht die Schwächen!

Fabian will in Zukunft immer darauf achten, dass er sich gar nicht erst bei einem Unternehmen bewirbt, in dem Sport auch im Arbeitskontext an der Tagesordnung ist. Das sei im Prinzip richtig, findet Dehler. „Wenn Sie wissen, dass Sport ein wichtiger Wert in einem Unternehmen ist, sollten Sie sich fragen, ob das zu Ihnen passt.“

Dennoch könnten sich auch unsportliche Menschen auf Positionen in einem solchen Unternehmen bewerben. „Dann müssen Sie aber erklären können, warum Sie sich trotzdem mit dem Arbeitgeber identifizieren können.“ Schon vor dem Bewerbungsgespräch sollten sich unsportliche Kandidaten daher überlegen, wie sie dem Arbeitgeber glaubwürdig vermitteln, dass sie ins Unternehmen passen. „Bewerber sollten sich immer bewusst überlegen, welche Stärken sie betonen. Man kann zum Beispiel sagen: ‚Ich schwitze nicht so gern, aber ich mag gern Theater und Kultur.‘ Wichtig ist, nicht auf dem Defizitären hängen zu bleiben.“


Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Juli 2016

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