Ton

Knistern im Kopf

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CocoASMR: „Früher wurde mir immer gesagt, dass ich wie eine Schlaftablette rede.“

Wer sanftes Flüstern und leises Regengeprassel mag, wird ASMR-Videos wahrscheinlich lieben – einst Nische auf YouTube, sind die Sound-Clips zum Werbe-Hit geworden.

„Hallo und herzlich willkommen in unserem Wellness-Spa. Heute möchte ich mich mit dir auf eine wohltuende Reise in das Land der Entspannung begeben.“ Die junge Frau namens Coco lächelt in die Kamera und flüstert anschließend mit fränkischem Dialekt über Duschzusätze. In den knapp 30 Minuten ihres YouTube-Videos wird sie mehrmals mit sanften Bewegungen durch den Bildausschnitt streichen, mit ihren Fingernägeln über Verpackungen klöpfeln und einen der Duschzusätze in Wasser aufsprudeln lassen. Mehr passiert nicht und das Video ist regelrecht zum Einschlafen – doch genau das beabsichtigt Coco: „Während meiner Schulzeit wurde mir immer gesagt, dass ich wie eine Schlaftablette rede – ich sei zu leise, man höre mich kaum.“ Die 26-jährige Nürnbergerin fand sich damit ab und beschloss, ihre Stimme gezielt einzusetzen. Coco ist eine so genannte ASMR’tist (sprich: ASMR-Artist). Sie erstellt seit knapp vier Jahren ASMR-Videos für YouTube. Bis zu 200.000 Zuschauer klicken darauf, um sich zu entspannen oder besser einzuschlafen.

Coco hilft ihren Zuschauern mit ASMR-Videos beim Entspannen und Einschlafen

Akustische Reize zwischen Teleshopping und Virtual-Reality-Rollenspielen

ASMR ist die Abkürzung für Autonomous Sensory Meridian Response, ein Begriff, der sich jedoch kaum übersetzen lässt und bisher keine einheitliche Definition hat. Viele der so markierten Videos auf YouTube zeichnen sich aber vor allem durch eine beruhigende Sound-Landschaft aus. Obwohl es mittlerweile unzählige ASMR-Genres zwischen Beauty-Vlog, Rollenspiel, Horror oder sogar Erotik gibt, sind doch die akustisch vielfältigen Reize namens „Trigger“ ein immer wiederkehrendes Merkmal. Wer sich darauf einlässt, erlebt oft ein angenehmes Kribbeln wie bei einer Kopfmassage, Gänsehaut oder schläfrige Entspannung. Die wissenschaftlichen Erklärungen dafür sind bisher nicht eindeutig, zumal das Forschungsinteresse an ASMR gerade erst begonnen hat. Eine der ersten Untersuchungen der britischen Swansea University aus dem Jahr 2015 widerlegte vor allem, dass ASMR einen „Gehirnorgasmus“ auslöse oder primär sexuell stimulierend wirke. Viel eher handelt es sich dabei um Zuschreibungen durch Medien, um das Phänomen aufzupeppen. Denn die Mehrzahl der ASMR’tists ist weiblich und distanziert sich von gezielt erotischen Inhalten. Diese widersprächen nicht nur den YouTube-Regeln, sondern würden ihre Arbeit unglaubwürdig machen, wie die britische ASMR’tist WhispersRed 2016 in einem Interview erklärte.

Als „Godfather of ASMR“ gilt vielen der amerikanische Maler Bob Ross, der in seiner TV-Sendung The Joy of Painting von 1983 bis 1994 mit sanfter Stimme und Pinselgeräuschen seine Zuschauer unwillkürlich „triggerte“.

„Happy painting and God bless“ – Bob Ross richtete sich stets mit ruhigen und positiven Worten an sein Publikum

Ebenso besaßen Teleshopping-Kanäle mit ihren langatmigen Präsentationen oder Massage-Videos ein hohes, aber eher zufälliges ASMR-Potential. Mittlerweile muss man die Flüsterentspannung nicht mehr auf Umwegen suchen, sondern kann in einer Fülle von Videos, Genres, Sprachen und Kanälen stöbern. Einer der erfolgreichsten mit über einer Millionen Abonnenten ist seit 2011 jener der russischstämmigen Amerikanerin Maria alias Gentle Whispering ASMR.

Coco entdeckte 2012 die ASMR-Welt für sich. Bereits als Kind habe sie durch Stimmen oder plätschernden Regen „Tingles“ verspürt, wie die ASMR-Community das angenehme Gefühl beim Anschauen der Videos bezeichnet. Im Juni 2013 – damals gab es erst wenige deutschsprachige Videos – lud sie ihr erstes eigenes Video hoch, ein Sehtest-Rollenspiel auf Deutsch: „Ich mag diese persönliche Nähe – zum Beispiel wenn man bei Arzt-Rollenspielen einen Finger mit den Augen verfolgen soll. Ich fühle mich dadurch direkter angesprochen.“ Nach dem Upload ihres ersten Videos sei sie extrem nervös gewesen, so Coco. Lange zeigte sie auch nicht ihr vollständiges Gesicht auf YouTube. Doch die Reaktionen auf ihre Arbeit waren überwiegend positiv und sie beschloss, weitere Videos zu drehen und sich komplett zu zeigen. Mittlerweile produziert Coco auch Clips auf Englisch, da die Nachfrage danach steigt. Rund 30.000 Personen abonnieren mittlerweile ihren Kanal CocoAsmr.

Knack, schmelz, seufz – die Werbeindustrie entdeckt ASMR als Sounddesign des Alltags

Das Suchvolumen nach dem Begriff „ASMR“ hat in den letzten fünf Jahren laut Google Trends stark zugenommen, vor allem in englischsprachigen Ländern. Viele der erfolgreichen YouTuberinnen kooperieren deshalb auch mit Unternehmen, lassen sich von ihren Fans sponsern oder schalten Werbung auf ihren Kanälen. Auch die Werbeindustrie hat ASMR für sich entdeckt, denn ohnehin erforscht man bereits spezielles Sound-Branding wie das perfekte Schließgeräusch für Türen von Luxusautos oder den idealen Knack von Butterkeksen. Durch ASMR offenbaren sich nunmehr die akustischen Qualitäten von Produkten, die bisher eher unspektakulär daherkamen – wie Schokolade, Margarine oder Einrichtungsgegenstände.

Knack, schmelz, seufz: Die chinesische Agentur BBDO Beijing inszeniert Schokolade akustisch als luxuriösen Genuss

Sounddesign des Alltäglichen – die Agentur Oglivy & Mather zeigt im Sommer 2017, wie gut Zuhause klingt

Auch einige ASMR’tists haben das geschäftliche Potential ihrer Videos erkannt. In den USA gründete die Videokünstlerin Ally Maque alias ASMRrequests das Netzwerk Pixelwhipt, das spezielle Video- und Soundlandschaften für 3D-Animationen und Virtual Reality-Brillen wie Oculus Rift entwickelt. Für jene „immersive videos“ arbeitet Maque mit reichweitenstarken ASMR-Profis wie Gentle Whispering oder Heather Feather zusammen.

„Weiß du noch, wie sich Blähton anfühlt?“

Im deutschsprachigen Raum erregte 2016 die Frühjahrskampagne einer deutschen Baumarkt-Kette Aufsehen, da sie in kurzen ASMR-Clips Materialien wie Schleifpapier, Nägel oder Folie akustisch in Szene setzt. Wie viele andere ASMR-Fans war auch Coco vom Konzept begeistert: „Ich finde ja, dass man die Sinne einfach mal ausbreiten soll, wenn man Dinge aus dem Alltag erlebt. Es gibt einfach so viele Objekte, die entspannende Töne in sich haben, vielleicht ist das auch Absicht der Hersteller.“ Die Videokünstlerin in den rund 90-sekündigen Baumarkt-Clips ist Sophia de Mar, die auch seit knapp drei Jahren den YouTube-Kanal „Entspannt mit Sophia“ betreibt und auf Massage-Videos spezialisiert ist.

Knittern, klackern, rascheln: Sophia de Mar erkundet das akustische Potential von Baumarkt-Utensilien

Derartige Videos mögen simpel wirken, doch dahinter steckt viel Know-How über Videoschnitt und Akustik, das sich die ASMR’tists in der Regel autodidaktisch aneignen. Sophia erzählt, dass sie für die Produktion eines Videos etwa fünf Stunden benötigt, hinzu kommt noch die Kommunikation über YouTube, Facebook und Instagram mit ihren Fans. Durch das Feedback weiß sie, was diesen gefällt. Auch Coco überlässt bei der Produktion eines Videos nichts dem Zufall: „Wenn ich ein Video erstelle, gehen für Dreh, Bearbeitung und Hochladen bestimmt acht Stunden drauf. Nach jedem Upload sind die Nachrichten immer massiv im Anstieg und ich möchte mir das alles durchlesen und dem Großteil der User zurückschreiben.“ Insgesamt kommt sie so auf 18 Stunden Arbeit pro Video. Demnächst wird Coco ihr BWL-Studium abschließen, eine Karriere als YouTuberin plant sie jedoch nicht: „Vielleicht haben meine Zuhörer in fünf Jahren keine Lust mehr, meine Videos anzuschauen. Aber ich würde mir natürlich wünschen, dass ich das weiter machen kann.“

Sylvia Lundschien

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
September 2017

    ASMR – Autonomous Sensory Meridian Response

    Als „ASMR-Klassiker“ unter den akustischen Triggern gelten Flüstern, Haare bürsten, das Knistern von Folien und Papier, Klangschalen, Wasser- und Tropfgeräusche, aber auch Ess- und leise Schmatzgeräusche. Aufgenommen werden die Videos meist im heimischen Wohn- oder Schlafzimmer, nur wenige, sehr erfolgreiche ASMR’tists verfügen über ein eigenes Produktionsstudio. Die Videokünstler verwenden dabei hochwertiges Equipment wie binaurale Mikrofone, die über Kopfhörer einen dreidimensionalen Höreindruck erschaffen. In den Videos finden sich die Klangteppiche unter anderem in Kombination mit Rollenspielen, Fantasiegeschichten oder sanften Handbewegungen wieder, wobei sich die Inhalte stetig weiterentwickeln. Häufig werden dabei Sujets aus dem Alltag genutzt, bei denen es um Wohlfühlen oder körperliche Nähe geht – beispielsweise beim Friseur oder beim Arzt.

    Vergleichen lassen sich die Effekte von ASMR am ehesten noch mit Meditation oder autogenem Training. Viele ASMR-Zuschauer berichten darüber, dass sie mit den Videos oder Tonaufnahmen Angstzustände, Stress, Depressionen oder Schlaflosigkeit besser in den Griff bekämen. Bisher gibt es aber weder eindeutige wissenschaftliche Belege für eine „ASMR-Empfindlichkeit“ noch für die beschriebenen Effekte. Doch die Videos werden millionenfach angeklickt und einige ASMR’tists bieten ihre Aufnahmen mittlerweile auch bei iTtunes oder Spotify für unterwegs an.

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