Wir bleiben in Bewegung

Foto: © Thomas Neukum

Für mehr Demokratie: Der Gezi-Park in Istanbul ist der Geburtsort einer gesamttürkischen Protestbewegung

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Als ich im windigen Februar 2011 für ein Erasmus-Semester nach Istanbul kam, hatte ich noch nie vom Gezi-Park gehört. 24 Monate später war ich immerhin schon einmal alleine durch den etwas zerrupften Park gelaufen. So wie mir ging es den meisten Istanbulern, die ich kenne. Unsere freundlich-ignorante Haltung änderte sich Ende Mai 2013 schlagartig. Plötzlich saßen wir alle abends im Park und hofften, dass aus den vielen kleinen Funken des Widerstands etwas wird, das den vom Abriss bedrohten Gezi-Park noch retten kann.

Die Bagger waren schon in Aktion gewesen: Sie hatten aus dem Park mehrere Bäume und hunderte Kubikmeter Boden einfach herausgebissen, bevor mehrere Mitglieder der Taksim Support Gruppe sich ihnen in den Weg stellten und von der Polizei unter großzügigem Einsatz von Tränengas vertrieben werden sollten.

Allein, man hatte die Sturheit der Leute, ihren Willen und ihren Mut maßlos unterschätzt. Binnen eines Tages schossen Zelte wie Pilze aus der vertrockneten Wiese. Transparente schmückten den Park. Man musizierte gemeinsam, informierte neugierige Passanten, leitete zum Selberbasteln von Gasmasken an.

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Eine erneute, ungleich brutalere Räumung des besetzten Parks im Morgengrauen des 30. Mai goss nur Öl ins Feuer der Demonstranten. Die schockierenden Bilder gingen längst um die ganze Welt und verschafften der noch relativ kleinen Gruppe schnell Zulauf. Irgendwo mittendrin saß ich nun also im Abendlicht und schaute mich staunend um. Die Menschenmenge vom Vorabend hatte sich mindestens verdoppelt und es kamen immer mehr Leute mit Zelten dazu. Auf meinem Heimweg beschäftigte mich vor allem eine Frage: Würde wieder geräumt werden? Es wurde! Als mich am nächsten Morgen der Anruf eines Freundes weckte, wusste ich, dass die Situation im Park und rund um den Platz eskaliert sein musste.

Was danach passierte, ging weltweit durch die Medien – nur durch die türkischen nicht. Bis auf einige lokale TV-Sender unterbrach niemand das laufende Programm, um über die eskalierte Polizeigewalt und die immer größer werdende Schar an Demonstranten zu berichten. Sogar CNN Türk schämte sich nicht, eine Pinguin-Doku über den Äther zu schicken, während zeitgleich in Istanbul buchstäblich die Barrikaden brannten.

Gemeinsam gegen Erdoğan

Seit diesem bewegten Freitag sind nun viele Wochen vergangen. Wochen, in denen im zwischenzeitlich besetzten Gezi-Park eine kunterbunte selbstverwaltete Kommune entstand, die nach nur zwei Wochen unangemessen brutal geräumt wurde. Wochen, in denen die Proteste gegen Erdoğans Regierung sich wie ein Lauffeuer über die ganze Türkei ausbreiteten und bis heute immer wieder aufflammen. Wochen, in denen zahlreiche Verletzte in Krankenhäusern im Koma lagen – einige von ihnen sind nie wieder aufgewacht. Ich habe aufgehört, an den unregelmäßig stattfindenden Demonstrationen und Sit-Ins teilzunehmen. Die Polizei ist dazu übergegangen, jede Form des sichtbaren Protests sofort mit Wasserwerfern, Knüppeln und Tränengas vom Taksim-Platz zu vertreiben und die Situation in den Seitenstraßen rund um den Platz kann bei einer solchen Intervention innerhalb von Sekunden von friedlichem Getümmel zu Massenpanik umschlagen.

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Die erfreulich heterogene Gezi-Park-Bewegung, die vor zwei Monaten noch zu Zehntausenden auf die Straßen ging, hat sich wieder in ihre Einzelteile und -Gruppierungen aufgelöst. Die Studenten, Schüler, Mütter, Anwälte, Arbeiter, Fußballfans, Linksradikalen, Muslime, Aleviten, Kurden, Homosexuellen, Parlamentsabgeordneten, Schauspieler, Unternehmer und Rentner haben ihre Bauhelme und Gasmasken nicht mehr ständig griffbereit, aber sie sind nach wie vor auf den Beinen. Wer nicht vorher schon einer Partei, Gewerkschaft oder anderen politisch aktiven Gruppen angehörte, kann in einem der zahlreichen Nachbarschafts-Foren aktiv werden, die sich in den Istanbuler Parks gebildet haben. Es finden Tauschmärkte, Konzerte und Workshops statt. Man bleibt in Kontakt, trifft sich auch mal zu kleineren dezentralen Demonstrationen.

Repressionen und Diffamierungen

„Taksim Dayanışması“ (Taksim Support), die Gruppe, die als Dachverband von mehr als 120 Vereinen und Organisationen so etwas wie den überparteilichen Kern der Gezi-Park-Bewegung darstellte und seit 2012 mit Petitionen und Gerichtsverfahren gegen die Umgestaltung von Taksim-Platz und Gezi-Park kämpft, schwieg allerdings vorübergehend. Ihre Sprecher und Vorsitzenden sind massiven staatlichen Repressionen ausgesetzt, wurden tagelang inhaftiert, als Anführer terroristischer Organisationen vor Gericht gebracht und schlussendlich wieder freigelassen. Erst Mitte August ließ Taksim Dayanışması über soziale Netzwerke wieder von sich hören.

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Der Zusammenschluss aus Zahnarzt-Kammern, sozialistischen Feministinnen, Greenpeace, Architekten-Verbänden und Dutzenden anderer Interessengruppen war von Anfang an wichtiger Impulsgeber für die Proteste in Istanbul. Dem Kampf gegen Polizeigewalt, Politikerwillkür und Turbokapitalismus haben sich auch deshalb so viele Bürger der Stadt spontan angeschlossen, weil Gruppen wie Taksim Support deutlich machten, dass es nicht um die Meinung radikaler Splittergruppen oder frustrierter Oppositionsparteien geht, sondern dass hier für zivile Rechte wie Meinungsfreiheit und Demokratie demonstriert wird.

Währenddessen polemisieren Politiker und Anhänger der Regierungspartei weiterhin gegen die Bewegung, diffamieren deren Anhänger als islamfeindliche und fortschritthemmende Terroristen, die vom Ausland gesteuert das Land destabilisieren wollen. Auch der generell eher friedliche Fastenmonat Ramadan hat an diesem gespaltenen Klima wenig geändert. Die Fronten bleiben klar: „Wir gegen die”, wenn es sein muss mit Macheten und Knüppeln, wie einige wütende Ladenbetreiber in der Istanbuler Innenstadt Ende Juli eindrucksvoll zur Schau stellten, als sie plötzlich auf Demonstranten losgingen, die in den Gassen am Taksim-Platz Schutz suchten vor Tränengas und Gummigeschossen.

Alles schon vorbei?

Wie es denn jetzt nun weiterginge, werde ich immer wieder von Freunden und Familie gefragt. Ist jetzt, wenige Monate nach der Besetzung des Gezi-Parks schon wieder alles vorbei? Ist uns im heißen Großstadtsommer die Luft ausgegangen? Wie lauten die politischen Prognosen? Ich kann nur das wiederholen, was ich seit Ende Mai immer wieder gesagt habe: Ich weiß es nicht.

Als Nicht-Türkin habe ich nach wie vor nur bedingt Einblick in die komplexen politischen Dynamiken, die dieses große Land umtreiben. Ich werde mit meinen Freunden weiterhin für ihre Bürgerrechte auf die Straße gehen, denn als Einwohnerin von Istanbul bin ich von allen Einschränkungen und der Polizeigewalt gleichermaßen betroffen.

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Fakt ist: Im September geht die „Saison“ wieder los. Ramadan, Schul- und Semesterferien sind vorbei, die Leute strömen von den Stränden wieder zurück in die Städte. Fakt ist auch: Die türkischen Polizeibehörden haben Mitte August für 12 Millionen türkische Lira (rund 4,5 Millionen Euro) neue Wasserwerfer, Tränengas und andere Ausrüstung einkaufen dürfen. Der Gezi-Park, der nach der Räumung Mitte Juni mithilfe von Rollrasen, Delfin-Springbrunnen und Blumenbeeten von der Bezirksregierung hastig umgestaltet wurde und nun eher an eine schlechte Landesgartenschau als an den Geburtsort einer nationalen Protestbewegung erinnert, bleibt vorerst intakt. Und wir? Wir bleiben in Bewegung.

Nina Ludolphi
, Jahrgang 1983 aus Hamburg, hat in Köln und Istanbul Medienwissenschaften studiert. Im Mai 2013 zog sie dauerhaft in die Stadt am Bosporus.

Copyright: Goethe-Institut Prag
September 2013

    Überall auf der Welt leben Menschen für eine bessere Zukunft. Wir sammeln ihre Geschichten und zeigen, was heute schon möglich ist. jadumagazin.eu/zukunft

    Die Geschichte des Taksim-Platzes, oder: Warum Taksim den Türken so viel bedeutet

    • 1806 Der osmanische Sultan Selim III. lässt auf dem Taksim-Platz im Herzen von Istanbul weitläufige Kasernen für seine Janitscharen (Leibwachen des Sultans) errichten.
    • 1928 Auf dem Platz wird das Denkmal der Republik zu Ehren der gerade fünf Jahre jungen Türkischen Republik eingeweiht. Hier finden an staatlichen Feiertagen die Kranzniederlegungen statt.
    • 1940 Die baufälligen Kasernen, die nach dem Ende des Osmanischen Reiches unter anderem als Fußballstadion genutzt wurden, werden abgerissen, damit dort ein großzügiger Park nach französischem Vorbild angelegt werden kann.
    • 1969 Im Februar kommt es zu Zusammenstößen zwischen linken Studenten und Rechtsradikalen. Über 100 Menschen werden verletzt, zwei kommen ums Leben.
    • 1977 Bei den traditionellen 1. Mai-Kundgebungen der Gewerkschaften schießen Unbekannte in die Menge und töten mehrere Menschen. Bei der darauf folgenden Massenpanik sterben viele weitere, Hunderte werden verletzt. Bilanz: Mehr als 30 Tote und der Taksim-Platz wird bis auf Weiteres für Kundgebungen am 1. Mai gesperrt. Erst 2009 wurden sie wieder zugelassen.
    • 2011 Ende des Jahres wird in der Bezirksversammlung des Stadtteils Beyoğlu grünes Licht gegeben für eine umfassende Neugestaltung des Platzes und des Parks, die auch die Bebauung der Grünflächen nach Vorbild der osmanischen Kasernen vorsieht. Das Gebäude soll unter anderem ein Einkaufszentrum, Räume für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen und Wohn- oder Hotelbereiche beherbergen.
    • 2012 Die Bauarbeiten zur Untertunnelung des Platzes beginnen. Für viele Istanbuler kommt die damit einhergehende weiträumige Absperrung des Verkehrsknotenpunkts Taksim überraschend; die Bezirksregierung hatte das Mammutprojekt erst kurz vorher öffentlich gemacht.
    • 2013 Am 28. Mai besetzt eine kleine Gruppe Demonstranten den Gezi-Park und erreicht, dass die Bagger zumindest zeitweise pausieren. Drei Tage später eskaliert die Situation, als die Polizei zum wiederholten Mal mit unverhältnismäßiger Brutalität den Park räumt. Es folgen wochenlange Demonstrationen, Straßenschlachten mit der Polizei in Ankara, Istanbul, Eskişehir und anderen Städten. Tausende Verhaftungen und Verletzte sowie zahlreiche Schwerverletzte und sechs Tote sind die traurige Zwischenbilanz der Proteste.

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