In Olomouc begann die Revolution im Theater

Foto: © Ivan ŠimáčekFoto: © Ivan Šimáček
Ivana Plíhalová und ihr Kollege Mikuláš Pánek im Jahr 1989. Foto: © Ivan Šimáček

Ivana Plíhalová war eine der Hauptfiguren der Samtenen Revolution in Olomouc (Olmütz). Die Schauspielerin des Mährischen Theaters kehrt dieses Jahr zurück in die Kommunalpolitik. Vor 25 Jahren engagierte sie sich euphorisch, heute treibt sie der gesunde Menschenverstand. Verschrieben hat sich Ivana Plíhalová der Verteidigung der Kultur.

Wie war die Stimmung in Olomouc kurz vor der Revolution? Was hat sich geändert?

Dass etwas passiert, habe ich bereits am 21. August 1988 bemerkt, als sich am Oberring (Horní náměstí) zum ersten Mal ein paar Leute versammelten, um dem Jahrestag der Okkupation zu gedenken. Die Polizei hat uns damals überprüft. Dann folgte im Januar 1989 die Palach-Woche, Václav Havel kam daraufhin ins Gefängnis. Auf Radio Free Europe wurden dann die Namen derer verkündet, die die Petition für seine Freilassung unterzeichnet hatten. Ich hatte Kontakt mit den Autoren der Petition aufgenommen und angefangen, Unterschriften für sie zu sammeln und diese dann nach nach Prag geschickt. Es folge die Petition Několik vět (Einige Sätze), die Havel nach seiner Freilassung verfasst hatte. Auch diese Petition habe ich verbreitet und Unterschriften für sie gesammelt. 300 Unterschriften habe ich zusammengetragen, und ich war in Olomouc nicht die einzige. Insgesamt haben die Petition mehr als 38 000 Menschen unterzeichnet. Das war damals viel. Schon im Januar haben die Leute geahnt, dass sich bald etwas tun wird und haben aufgehört sich zu fürchten.

Wo haben Sie die Unterschriften gesammelt?

Im Theater. Viele meiner tapferen Kollegen haben unterzeichnet, und dafür schätze ich sie sehr. Dann haben sich auch Leute bei mir gemeldet, die nicht vom Theater waren, aber irgendwie davon gehört hatten.

Im Jahr 1989 haben einige Leute Mut gefasst, andere hatten Angst. Gab es auch negative Reaktionen vernommen auf Ihre Bemühungen, dem kommunistischen Regime Widerstand zu leisten?

Ein Kollege ist vor mir in die Umkleide geflüchtet, andere haben irgendwelche Ausreden gefunden. Solche Menschen gab es aber nicht viele. Aber niemand hat gewusst, dass die Wende so schnell kommen würde. Wir hatten lediglich Hoffnung, auch weil sich in den benachbarten Staaten etwas änderte. Die Ostdeutschen waren in den Ferien über die westdeutsche Botschaft in Prag geflohen. Polen und Ungarn begannen, die Ausreise zu genehmigen…

Wie begann es in Olomouc?

Es gab eine Demonstration am 17. November. Ich war damals krank. Am Samstag, den 18. wurde die Inszenierung von Das große Ohr gespielt. Während der Aufführung rief unser ehemaliger Kollege Zdeněk Palusga aus dem Theater in Liberec in der Requisite an, informierte die Requisiteurin, das ein Theaterstreik ausgerufen wurde und diktierte ihr den Wortlaut der Proklamation. Die Vorstellung haben die Kollegen nicht unterbrochen, aber am Ende haben sie die Proklamation vorgelesen. Dann sind sie in der Nacht zu mir nach Hause gekommen und wir haben uns für den nächsten Tag verabredet. Ich hätte ins Hodolanský-Theater zur Uraufführung einer Operette gehen sollen, und Mirek Rataj ins Große Theater, wo eine Oper auf dem Programm stand. Im Großen Theater haben sie die Proklamation angeblich vor der Aufführung vorgelesen und die Zuschauer gefragt, ob sie möchten, das die Oper gespielt werde, und sie sagten nein. Im Hodolanský-Theater saß das Premierenpublikum im Saal, das waren damals VIPs, also Vertreter des Bezirksnationalausschusses. Ich habe mit den Kollegen ungefähr eine halbe Stunde diskutiert, eigentlich hätte die Vorstellung schon anfangen sollen. Die Zuschauer ahnten also, dass sich etwas tut und man konnte die Spannung spüren. Ich erinnere mich dann nur noch daran, wie mich eine Schar von Kollegen auf die Bühne führte, wo ich die Proklamation des Streiks vorgelesen habe. Am Ende wurde nichts aufgeführt.

Sie haben zum Streik aufgerufen und Ihnen gegenüber saßen einflussreiche Köpfe. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Meine Kollegen haben mir sehr geholfen. Sie standen hinter mir und ich habe die riesige Unterstützung gespürt. Dann habe ich mich in die Straßenbahn gesetzt und bin nach Hause gefahren, dabei traf ich auch einige Zuschauer. Sie waren wütend, dass sie für die Eintrittskarten bezahlt hatten und im Theater nichts gespielt wurde. Ich habe mir nur gedacht: Mensch, wie wird es jetzt wohl weitergehen? Mein Kollege Václav Bahník kam dann zu mir nach Hause und wir haben uns noch unterhalten. Um etwa zehn am Abend hat jemand geläutet. Vor dem Haus standen zwei Männer und sagten, ich sollte zu ihnen hinunter kommen. Vašek hat mich gewarnt, dass das Stasi-Leute seien und ich nirgendwo hingehen solle; ich solle sagen, ich sei mit den Kindern allein zuhause und könne deshalb nicht weg. Also bin ich auf den Balkon gegangen und habe getan, was er mit geraten hatte. Die Männer antworteten: Gut, aber morgen früh müssen Sie sich bei der Polizei melden! Und ich erwiderte: Und wo ist das? Daraufhin wurden sie sehr unfreundlich.

Und sind sie zur Polizei gegangen?

Zum Glück nicht, also blieb mir das Verhör erspart. Am nächsten Tag habe ich einen Studenten getroffen, der wollte, dass ich die Proklamation in der Turnhalle der Palacký-Universität vorlese. Die Halle war voller Studenten, als Vertreter der Professoren war Professor Jařab anwesend, der später Rektor der Universität wurde. Den Vortrag der Proklamation beendete ich mit dem Satz: „Wir sind mit euch, seid ihr mit uns!“ Das fiel mir ganz spontan ein. Erst später merkte ich, dass das ein Satz aus dem Jahr 1968 ist. Danach musste ich mit einem Kollegen nach Ostrava fahren, wir sind erst am Abend zurückgekehrt und haben Radio Free Europe gehört. Dort sagten sie, dass es in den Städten losgeht. Als wird dann aber auf dem Niederring (Dolní náměstí) geparkt haben, war es überall still und dunkel. Wir dachten uns, Olomouc ist tot. Aber dann, als wir vom Niederring (Dolní náměstí) auf den Oberring (Horní náměstí) gingen, sahen wir vor dem Theater unsere Kollegen, die Schauspieler Mikuláš Pánek und Jaroslav Krejčí. Um sie herum standen ungefähr 200 Leute und dahinter noch ein Polizeikordon. Ich verspürte eine große Erleichterung, Freude, dass sich auch in Olomouc etwas tat…

Von Montag an gab es jeden Tag eine Versammlung auf dem Ring und es wurden immer mehr Leute. Die erste Woche ließ man uns nicht mehr ins Theater hinein, schließlich formierte sich ein Streikkomitee, dem auch Pavel Hekela, der heutige Direktor unseres Theaters, angehörte. Das Theater wurde wieder geöffnet und die Versammlungen konnten dort stattfandin.

Im Programm standen statt Theateraufführungen nun Versammlungen. Was genau ist dort geschehen?

Wir luden Dissidenten ein, es kamen auch Studenten aus Prag, um vom 17. November zu berichten. Auch Jarek Nohavica, mein Ex-Mann Karel Plíhal, Ladislav Lakomý, Pavel Dostál und andere kamen. Später haben wir begonnen, die Versammlungen nach einem bestimmten Thema auszurichten, zum Beispiel auf das Recht oder das Schulsystem.

In Olomouc begann die Revolution also nicht unter den Studenten, sondern im Theater. Es war nämlich Wochenende, und die meisten Studenten sind deshalb nicht da gewesen. Einige trafen sich zwar im Studentenheim oder anderswo, aber offiziell wurde der Streik zum ersten Mal im Theater verkündet.

Was änderte sich nach diesem November im Mährischen Theater?

Unser Direktor war Kommunist, also ließ er sich ins Krankenhaus einweisen, ich glaube, in eine psychiatrische Klinik, damit er nicht mehr im Theater sein musste. Das Streikkomitee übernahm die Führung, an der Spitze stand der Bühnenarbeiter Josef Josefík, der zwar das Studium der Psychologie abgeschlossen hatte, in diesem Bereich aber nicht tätig sein konnte. Der Bühnenarbeiter wurde also zu unserem ersten Direktor nach der Revolution. Der damalige Leiter des Schauspiels, der Dramaturg und Kommunist Vladimír Puhač, benahm sich sehr anständig und arbeitete mit im Streikkomitee. Aber er konnte nicht mehr Chef sein, und so hat ihn der Regisseur Bedřich Jansa ersetzt.

Wir haben auch das Repertoire erneuert und Jansa inszenierte zum Beispiel Černí baroni (Schwarze Barone) oder Amadeus. Doch in den ersten Jahren haben die Leute fast ganz aufgehört, ins Theater zu gehen. Auf einmal konnten sie ins Ausland, im Fernsehen änderte sich das Programm, genauso in den Kinos. Viele haben angefangen, unternehmerisch tätig zu werden und hatten keine Zeit. Man sagt ja, die Revolution frisst ihre Kinder, und so war es auch am Theater.

Und Sie haben etwas Neues versucht. Sie haben sich in der Kommunalpolitik engagiert und erfolgreich für das Bürgerforum kandidiert. Worin bestand Ihre neue Rolle?

Ich war die Vorsitzende des Kulturausschusses und habe auch Trauungen vorgenommen. Der damalige Bürgermeister von Olomouc Milan Hoříněk, der vor kurzem gestorben ist, war ein wundervoller Mensch mit Sinn für Humor. Auf diese Art und Weise führte er auch die Stadt, das waren schöne Jahre. Mit der Zeit musste ich aber feststellen, dass meine schauspielerische Karriere unter meiner politische Tätigkeit leidet und nach vier Jahren habe ich mir gesagt: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Und jetzt, nach zwanzig Jahren, sind Sie die wieder Stadträtin, dieses Mal als unabhängiges Mitglied der ODS. Wie kam es dazu?

Als mich die ODS ansprach, habe ich das anfangs ausgeschlossen. Später jedoch wurde mir bewusst, wie wichtig es ist. Kultur muss in der Öffentlichkeit verteidigt werden.

Wodurch unterscheidet sich Ihrer Meinung nach der damalige Stadtrat von Olomouc vom heutigen?

Das kann man nicht vergleichen. Damals gab es viel Euphorie, Begeisterung, Humor, heute geht es hauptsächlich um Politik und Verwaltung.

Haben sich Ihre Ansichten bezüglich der Samtenen Revolution und Ihrer damaligen Erwartungen über die Jahre hinweg geändert?

Nein. Schon damals, während der Revolution, habe ich gesagt, dass die Kommunisten hier vierzig Jahre an der Macht waren und es bestimmt mindestens genauso lange dauern wird, bis das bereinigt ist. Und inzwischen sind erst fünfundzwanzig Jahre vergangen. Wir mussten alle durch diesen Morast gehen, anders wäre es nicht gegangen. Aber ich hoffe, dass das Schlimmste vorbei ist und es nur mehr besser werden kann.

Das Interview führte Karolína Opatřilová.
Übersetzung: Julia Miesenböck

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
November 2014


Foto: Günter Höhne © picture alliance/ZB

    Ivana Plíhalová

    Ivana Plíhalová wurde am 28. Juli 1962 in Brünn geboren, wo sie Schauspiel am Konservatorium studierte. Seit dem Jahr 1981 ist sie Mitglied des Schauspielensembles des Mährischen Theaters Olmütz. Als Gast ist sie im Theater Tramtarie und im Burantheater  zu sehen. Im Tschechischen Runkfunkt Olmütz moderierte sie elf Jahre lang das Programm Lady magazín, für das sie auch Beiträge produziert. Im Jahr 1990 wurde sie für das Bürgerforum für vier Jahre in den Stadtrat von Olomouc gewählt. Im Jahr 2014 kehrte sie als unabhängiges Kandidatin der ODS zurück in die Kommunalpolitik.

    Weitere Beiträge zum Thema

    Eine Reise, die sich gelohnt hat
    František Kriegel († 1979) stammte aus der heutigen Ukraine und kam erst zum Studieren nach Prag. Er war eine der prägenden Figuren des Prager Frühlings und gilt heute als tschechischer Patriot.

    Jugend in Theresienstadt
    1929 wurde Maud Beer im mährischen Prostějov geboren, ab 1942 teilte sie sich mit 23 anderen Mädchen ein kleines Zimmer im Theresienstädter Ghetto. Heute ist sie in Tel Aviv zu Hause.

    In Olomouc begann die Revolution im Theater
    Ivana Plíhalová war eine der Hauptfiguren der Samtenen Revolution in Olomouc (Olmütz). Die Schauspielerin des Mährischen Theaters kehrte 25 Jahre nach der Wende zurück in die Kommunalpolitik.

    Geheuchelt wird nach wie vor
    Zdeněk Matějka: unter den Kommunisten im diplomatischen Dienst, nach der Wende stellvertretender Außenminister. Ein Leben, dem beide Systeme auch Gutes brachten.

    Der Weg ist die Heimat
    Als 23-Jährige hat Dáša Vokatá die Charta 77 unterzeichnet. Drei Jahre später wurde die Liedermacherin des tschechoslowakischen Undergrounds ausgewiesen. Geändert hat sich nach der Wende für sie einiges, wenn auch nicht alles zum Positiven.

    Geschichte hat keinen Sinn
    „Hinterher ist man immer klüger.“ Mit dieser vermeintlichen Binsenweisheit nimmt man so manchem Historiker den Wind aus den Segeln. Genau das machte Reinhart Koselleck – dabei war er selbst vom Fach.

    Themen auf jádu

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Höher, schneller, weiter
    Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...