Wenn du sterben willst

NARA FILE #: 080-G-323712 WAR & CONFLICT BOOK #: 980Laterna magica-Bild eines Samurai kurz vor dem rituellen Selbstmord Seppuku, ca. 1885 - 1910, Autor unbekannt
Laterna magica-Bild eines Samurai kurz vor dem rituellen Selbstmord Seppuku, ca. 1885 - 1910, Autor unbekannt, Foto (Ausschnitt): CC BY 2.0 Tekniska museet, Stockholm

Selbstmord gilt in den meisten westlichen Kulturen als etwas Negatives, als die Eskalation eines psychischen Problems. In Japan hingegen ist Selbstmord eine allgemein akzeptierte Erscheinung.

Viele glauben, Japan habe die höchste Selbstmord-Rate der Welt. Das stimmt nicht. Es gibt jedoch eine reale Grundlage, die darauf schließen lassen könnte. Ende der 1950er Jahren bildeten Jisatsu – japanisch für Selbstmord– bis zu 3,5 Prozent der gesamten Sterberate Japans. In dieser Zeit entwickelten japanische Wissenschaftler die Nihonjin-ron, eine Theorie, die die Einzigartigkeit Japans in diesem Aspekt belegen sollte: Japaner als „Volk der Selbstmörder“. Die Seppuku der Samurai – der Selbstmord durch das Schwert – bekannter unter dem Begriff Harakiri, sind heute wohl den meisten ein Begriff. Daneben gibt es noch Shinjū, den Selbstmord-Pakt zweier Liebender, der als Gegenstand der Dramen von Chikamatsu Monzaemon seinen Einzug in die Geschichte fand. Und nicht zuletzt sollten die japanischen Kamikaze-Piloten im Zweiten Weltkrieg der Welt beweisen, dass Japaner lieber als andere Nationen durch die eigene Hand sterben. Aber wieso ist man in Japan scheinbar so tolerant gegenüber dem Selbstmord? Und kann man in so einem ultramodernen Land wie Japan immer noch Spuren des historischen „traditionellen“ Selbstmordes finden?

Das Bedürfnis dazuzugehören

Japan scheint wirklich ein Land zu sein, in dem Selbstmord eine akzeptierte gesellschaftliche Erscheinung ist. In den meisten westlichen Kulturen wird dieser Akt als etwas Negatives, etwas Irrationales empfunden, als Eskalation eines psychologischen Problems. In Japan, wo die Moralvorstellungen des Christentums bis Mitte des 16. Jahrhunderts noch unbekannt waren, führte der Einfluss östlicher Philosophien und Religionen zu einer anderen Auffassung des Freitods. Der Konfuzianismus, der sich für harmonische Beziehungen in einer strikt hierarchisch organisierten Gesellschaft einsetzt, ist einer der Gründe für das starke Bedürfnis der Japaner einer bestimmten Gruppe anzugehören.

Damit diese Gruppe funktionieren kann, erwartet man von den einzelnen Mitgliedern, dass sie ihre eigenen Pläne, Wünsche und manchmal auch sich selbst opfern. In den Gruppen herrscht eine strenge Hierarchie und ihre Mitglieder stehen einander gegenüber in der Verantwortung. In einer solchen gruppenorientierten Gesellschaft gerät der Einzelne schnell in einen Konflikt: entweder muss er seine eigenen Ziele aufgeben, oder er erfüllt die Erwartungen der Gemeinschaft nicht – oder er ist gar nicht erst Teil eines Kollektivs. Die Lösung ist in solchen Situationen oft der Selbstmord. Diese Tat wird dann allgemein akzeptiert, wenn der im Sinne des Gemeinschaftswohls begangen wird. Die japanische Mentalität, die das Kollektiv über das Individuum stellt, hat bis heute Bestand, allen westlichen Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen, die sie allmählich aufbrechen, zum Trotz.

Der romantische Selbstmord

Während wir heutzutage soziale Phänomene vor allem aus Statistiken ablesen, dient uns die Literatur als Zeugnis der Vergangenheit. Erste schriftliche Erwähnungen über Seppuku finden sich bereits zu Anfang des 8. Jahrhunderts. Diese Form des rituellen Selbstmords war in Japan gesellschaftlich und kulturell vorgeschrieben und galt als positives Benehmen. Im 12. Jahrhundert wurde Seppuku immer häufiger. Damals bildete sich allmählich eine neue, militärische Gesellschaftsschicht und im Laufe der Zeit wurde dieses Selbstmordritual fast ausschließlich zur Angelegenheit dieser Klasse. Seppuku hatte eine Vielzahl von Unterarten, die sich in der Methode und dem Grund ihrer Ausführung unterschieden. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen: Seppuku war eine Möglichkeit seine Ehre nach einer Niederlage im Kampf zu bewahren (Jiketsu) oder die Verantwortung für die eigenen Fehler oder die Fehler der Untergebenen zu übernehmen (Inseki). Seppuku konnte auch als Beweis der Unschuld dienen (Menboku) oder wurde verübt, um seinem Herrn in den Tod zu folgen (Junshi). Im erweiterten Sinne konnten feudale Krieger so ihre Unschuld, ihren Mut oder die Verantwortung für ihre Taten beweisen.

Shinjū wird in der Literatur zur gleichen Zeit erwähnt wie Seppuku. Zur größten Verbreitung dieses Phänomens – nicht nur in der Literatur – kam es während des Übergangs vom 17. zum 18. Jahrhundert. Hierbei handelt es sich um den Selbstmord, den mehrere Personen gleichzeitig begehen. Die bereits erwähnten Dramen von Chikamatsu verliehen diesem Akt einen romantischen Unterton. Dabei konnten nämlich Paare, deren Gefühle füreinander im Gegensatz zu den Forderungen der Gesellschaft standen, den Weg des gemeinsamen Todes wählen, der eine Wiedervereinigung im Jenseits versprach.

Foto: Suguri F, CC BY-SA 3.0
Im Drama „Sonezaki Shinjū“ („Liebestod bei Sonezaki“, 1703) von Chikamatsu Monzaemon begehen die Protagonisten Ohatu und Tokubei den Shinjū, den gemeinsamen Selbstmord zweier Liebender. Foto: Suguri F, CC BY-SA 3.0

Ausweg aus einer schwierigen Lage

Das ist jedoch nur eine Form des Shinjū (Jōshi). Eine weitere, umfangreichere Kategorie bildet das Oyako-Shinjū, der Freitod von Eltern und Kindern. Diese Art des Selbstmordes kann ein Elternteil gemeinsam mit seinem Kind begehen, oder auch die ganze Familie. Gründe für solch eine Tat sind bis heute meist die wirtschaftliche Lage, familiäre Probleme, aber auch psychische Probleme. Die Eltern, vor allem Mütter, sahen in der Tötung der Kinder die bessere Wahl, anstatt sie in dieser misslichen Lage allein zurückzulassen. Die japanische Gesellschaft nimmt solche Fälle, in denen Eltern keinen anderen Ausweg aus ihrer schwierigen Situation finden, bis heute grundsätzlich mit Sympathie wahr.

Was Japaner heutzutage zum Selbstmord bewegt, lässt sich nicht bestimmt sagen. Die soziokulturelle Prädisposition kann nicht der einzige Grund sein, um die hohe Selbstmordrate Japans zu erklären. Man kann aber untersuchen, wie sich die japanische Tradition, laut der Selbstmord etwas Annehmbares ist, in den heutigen Statistiken widerspiegelt.

Psychische Krankheiten sind ein Tabu

In der heutigen Zeit ist Japan eine moderne Großmacht, in der Selbstmord ein großes soziales Problem ist. Psychische Erkrankungen sind in Japan immer noch ein Tabuthema. Dank westlicher Einflüsse werden sie jedoch immer mehr zum Kontext, in dem die japanische Gesellschaft Selbstmorde wahrnimmt. In den letzten Jahren nahm die Zahl der Selbstmorde in Japan ab, 2012 sank sie erstmals nach 15 Jahren wieder unter die Marke von 30.000. Allerdings ist auch die Bevölkerungszahl Japans rückläufig. Schon immer waren aber zwei Altersgruppen besonders anfällig für Selbstmorde: ältere Menschen und Jugendliche. Während man unter den Alten einen Rückgang der Freitode verzeichnen kann, ist das Risiko unter den Jungen allerdings unvermindert groß. Laut der Statistiken des japanischen Ministeriums und Kommunikation war 2013 Selbstmord die häufigste Todesart unter 15- bis 29-Jährigen. Auch wenn sich die Demographie der Selbstmörder ändert und Bevölkerung eines Sinneswandel vollzieht: die Überreste der Selbstmordtradition sind immer noch gegenwärtig.

Seppuku wurde seit dem 19. Jahrhundert nur noch selten praktiziert. Als sich der bekannte Schriftsteller Mishima Yukio 1970 auf diese Art umbrachte, war ganz Japan erschüttert. Der Fall gilt als das vorerst letzte derartige Seppuku. Auch wenn sich heute wohl niemand mehr in Japan ein Schwert in den Bauch rammt, gibt es immer noch bekannte Fälle einer Unterform des Seppuku: das Inseki. Zwar ist dessen rituelle Form nicht beibehalten worden, allerdings dient dieser Freitod weiterhin als das Übernehmen der Verantwortung für die eigenen Taten. Die Japaner fühlen sich ihrer Gruppe gegenüber verantwortlich und bringt ein Einzelner Schande über sie, versucht er ihre Ehre wiederherzustellen oder dem Ausschluss aus der Gruppe zu entgehen, indem er oder sie sich das Leben nimmt. Laut dem Soziologen Fuse Toyomasa finden diese Selbstmorde oft in Zusammenhang mit gesellschaftlichen oder politischen Skandalen statt. 2007 beging Matsuoka Toshikatsu, Landwirtschaftsminister im Kabinett von Premier Shinzō Abe, Selbstmord während eines Finanzskandals. Und das einen Tag vor seiner Anhörung. Diese Fälle sind begleitet von einer umfassenden medialen Berichterstattung und weltweiter Aufmerksamkeit, die das Bild von Japan als „Selbstmord-Oase“ zementieren.

Shinjū wird – im Gegensatz zu Seppuku – nicht über die Methode der Selbsttötung definiert, sondern über die Anzahl der Beteiligten und der zwischen ihnen herrschenden Beziehung. Die Fälle von Selbstmorden mehrerer Familienangehöriger sind auch heutzutage keine Seltenheit. Mit dem Einzug moderner Technologien entstand auch eine Art Neuzeit-Shinjū. Mit diesem Begriff wurden anfangs über das Internet geschlossene Selbstmord-Pakte bezeichnet, die Ende der 90er Jahre erstmals bekannt wurden. Heute haben die Online-Selbstmord-Gruppen ihre eigene Bezeichnung: Intānetto shūdan jisatsu.

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Kamikaze-Angriff auf den amerikanischen Flugzeugträger USS Bunker Hill am 11. Mai 1945. Beim Einschlag zweier japanischer Flugzeuge auf das Schiff innerhalb von 30 Sekunden starben 372 Personen, 264 wurden verwundet. NARA FILE #: 080-G-323712 WAR CONFLICT BOOK #: 980; Gemeinfrei / Public Domain

Einigung auf ein gemeinsames Schicksal

Ein Beispiel eines solchen Paktes erfuhr 2003 eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Zuvor waren drei Personen erstickt in einer Wohnung aufgefunden. Sie lagen Seite an Seite und hatten sich über das Internet kennengelernt. Zu dieser Zeit gingen zehntausende neue Webseiten zum Thema Selbstmord online. Bis heute präsentieren sich diese Foren als Seiten, die der Selbstmord-Prävention dienen und Menschen die Möglichkeit geben sollen, sich über ihre Probleme austauschen. Oft verabreden sich dort jedoch völlig fremde Menschen zum gemeinsamen Tod. Da gerade Jugendliche solche Seiten besuchen, werden diese Foren oft beschuldigt, junge, leicht beeinflussbare Menschen in ihren Selbstmordgedanken zu bestärken. Die Wissenschaftlerin Chikako Ozawa-de Silva, die dieses Phänomen erforscht, führt diese Selbstmord-Pakte unter einander fremden Menschen auf den Verlust beziehungsweise das Fehlen eines Lebenssinns (Ikigai) oder das Gefühl der existenziellen Entfremdung zurück.

„Shinu ki ga areba, nandemo dekiru.“ – „Hast du den Willen zu sterben, kannst du alles erreichen.“ Auch dieses japanische Sprichwort kann belegen, dass Japan im Vergleich mit dem Westen eine größere Toleranz in Sachen Selbstmord aufweist. Die japanische Kultur entwickelte im Lauf ihrer Geschichte spezifische Arten, die in unterschiedlichen Formen bis heute Anwendung finden. Diese Selbstmorde sind faszinierend, aber in der heutigen Zeit auch beunruhigend. Der hohe Anstieg in den 1990er Jahren gab den Japanern Grund zur Sorge. Eine Folge davon war das Bemühen um Präventionsmaßnahmen seitens der japanischen Regierung. Aber wie erfolgreich können solche Maßnahmen in einem Land sein, das zwar eine unglaubliche Fähigkeit besitzt neue Einflüsse und Errungenschaften aufzunehmen, aber gleichzeitig seine eigene, alte Tradition nur schwer hinter sich lässt?

Laut dem japanischen Ministerium für Innere Angelegenheiten und Kommunikation hatte Japan im Jahr 2012 eine Gesamtbevölkerung von knapp 126.700.000 Menschen. Die Volkszählung 2010 hatte noch eine Zahl von etwas mehr als 128 Millionen ergeben.
Nina Hucovičová
Übersetzung: Ria Ter-Akopow

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2015

    Über die Autorin

    Nina Hucovičová stammt aus der Stadt Trnava in der westlichen Slowakei. Sie studierte Japonologie und Anglistik an der Palacký-Universität in Olomouc (Olmütz) und an der School of Oriental and African Studies in London (SOAS). Derzeit lebt und arbeitet sie in Tokyo.

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