Weisheit ist eine Stufe höher

Foto: © Sabir Agalarov
Květoslava Musilová sieht sich – im Geiste der Tschechoslowakischen national-sozialen Partei – in erster Linie als Demokratin. Sie hat in ihrem Leben einiges gesehen und erlebt. Noch als Kind traf sie den ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk. Seinen Nachfolger Edvard Beneš kannte sie sogar persönlich. Während ihres Studiums verkehrte sie mit weiteren bekannten Persönlichkeiten aus Kultur und Politik. Über die Jahre entwickelte sie eine ausgeprägte eigene Vorstellung von der Bedeutung der Demokratie. Heute wirkt Květoslava Musilová in ihrer ursprünglich eingerichteten Wohnung zufrieden: „Es könnte noch besser sein, als es ist, aber ich bin mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge zufrieden. Unser Land war noch nie zuvor so demokratisch wie heute.“

Das bewegte Leben der Květoslava Musilová

Květoslava Musilová, geborene Kolačná, lebt seit 1933 in der Purkyňova Straße in Brno (Brünn). Sie ist 1921 im Stadtteil Staré Brno geboren, der zu dieser Zeit noch mehr deutsch war als tschechisch.

Sie besuchte das Reform-Gymnasium, unter ihren Mitschülern waren der Musiker Karel Kraugartner und der Dichter Jan Skácel. Während ihres Studiums war Musilová Mitglied der Tschechoslowakischen national-sozialen Partei und des Sokol.

In den Kriegsjahren lehrte sie an der Berufsschule in Frenštát pod Radhoštěm (Frankstadt unter dem Radhoscht) und in Náměsť nad Oslavou (Namiest an der Oslawa). Im Anschluss studierte sie Jura an der Brünner Universität und engagierte sich in der Tschechoslowakischen national-sozialen Partei. Ihre Kontakte mit den Politikern Vlastislav Chalupa, Milada Horáková und weiteren Partei-Mitgliedern bedeuteten für Květoslava Musilová 1947 die Exmatrikulation von der Universität. Arbeit fand sie als Aushilfskraft in einem Büro, bald wechselte sie ins Gesundheitswesen und arbeitete in einem Röntgen-Labor.

1955 wurde Květoslava Musilová verhaftet. Sie verbrachte fast vier Monate im Gefängnis bis sie amnestiert wurde. Nach der Haft nahm sie die Arbeit im Röntgen-Labor wieder auf. 1966 heiratete sie ihren ehemaligen Mitschüler Miroslav Musil.

Nachdem auch ihre Freunde aus der Haft entlassen worden sind, hielt sie ständigen Kontakt zu ihnen. 1968 nahm Květoslava Musilová an einer der Gründungskonferenzen des K 231 in Brno teil; Streitigkeiten unter den ehemaligen politischen Gefangenen hielten sie jedoch von einem weiteren Engagement ab. Dennoch spürte auch sie die kurze Episode der Euphorie, die Demokratisierungsprozesse während des Prager Frühlings auslösten. Im November 1989 fehlte ihr schon die Kraft, sich aktiv am Sturz des Regimes zu beteiligen.

Ihr ganzes Leben ist Květoslava Musilová Mitglied der tschechoslowakischen hussitischen Kirche. In den 90er Jahren saß sie im Ältestenrat der Gemeinde des Brünner Stadtteils Kralové Pole. Der Glaube und Gott waren ihr eine wichtige Stütze, auch und gerade während ihrer Haft. 1990 erhielt sie offiziell den Doktortitel in Jura.

Quelle unter anderem: Paměť národa (Gedächtnis der Nation)

K 231, mit vollständiger Bezeichnung K 231 – Sdružení bývalých politických vězňů (K 231 - Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge), gehört zu den bedeutendsten Organisationen aus der Zeit des Prager Frühlings von 1968 in der Tschechoslowakei, die außerhalb des Einflussbereichs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei entstanden. Quelle: wikipedie

Die Tschechische national-soziale Partei (tschechisch Česká strana národně sociální) - abgekürzt ČSNS - war eine gemäßigte und reformistisch-sozialistische Partei in der Tschechoslowakei, die heute als Kleinpartei in Tschechien aktiv ist. Wegen der irreführenden Konnotation der Adjektivverbindung „national-sozial“ in der deutschen Sprache wird auch die Übersetzung „Volkssozialisten“ für die Partei verwendet. Quelle: wikipedia
Übersetzung: Ria Ter-Akopow

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2015

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