Letzte Ruhe im Wald der Erinnerungen

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Blanka Dobešová, Alžběta Šimčíková-Živá und Monika Suchánská vom ökologischen Bestattungsinstitut Ke Kořenům (Zu den Wurzeln) im „Wald der Erinnerungen“. Foto: © Ke kořenům | ke-korenum.cz

Immer häufiger lehnen Menschen eine Beerdigung ab und bewahren die Urne mit der Asche ihrer Verwandten lieber bei sich zuhause auf. Die Beisetzungen, die Bestattungsinstitute anbieten, seien geschmacklos, heißt es oft. Für nichtreligiöse Menschen kommen die kirchlichen Beisetzungen nicht in Frage. Viele verzichten daher gleich ganz auf eine Trauerfeier. Das ökologische Bestattungsinstitut Ke Kořenům (Zu den Wurzeln) bietet mit dem „Wald der Erinnerungen“ eine Alternative an. Eine der drei Initiatorinnen dieses Projektes ist Blanka Dobešová. jádu-Autorin Alžběta Šemrová ließ sich von ihr erklären, warum man sich unter einem Baum bestatten lassen sollte.

Ein sonniger Vormittag in der angenehmen Atmosphäre eines Prager Cafés, nichts ist düster, alles ist durchflutet von Licht. Beinahe könnte man vergessen, dass Blanka Dobešová Fachfrau für Beerdigungen ist.

Erstmal eine obligatorische Frage: Wie bist Du darauf gekommen, Dich ausgerechnet mit Bestattungen zu befassen?

Das ist schwer zu beantworten. Das geschah allmählich. Für mich war der erste Impuls ein geflochtener Sarg aus Weidenruten. Ich hatte ihn entdeckt in einer Werbeanzeige in einem Öko-Magazin, das am Lehrstuhl für Umweltforschung auslag, an dem ich studierte. Erst kam es mir eigenartig vor und ich habe mich nicht groß damit beschäftigt. Aber später kam ich auf den Gedanken zurück, erst mit einem Artikel, dann in Form einer Seminararbeit und schließlich auch bei meiner Diplomarbeit. Der Lehrstuhl war begeistert von der Idee des ökologischen Bestattens, denn vorher hatte sich dort noch niemand damit beschäftigt. Zu dieser Zeit hatte ich selbst eine Erfahrung mit dem Tod in der nahen Verwandtschaft machen müssen und mir wurde bewusst, dass wir mit dem Thema Tod eigentlich nicht umgehen können und oftmals gar nicht wissen, wie wir uns Sterbenden gegenüber verhalten sollen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht und zur Frage, ob man nicht manche Dinge anders machen sollte.

Konntest Du Dich im Ausland inspirieren lassen oder musstest Du Dir allein etwas völlig Neues ausdenken?

Im Ausland sind Naturfriedhöfe weitaus häufiger und genießen dort auch eher das Ansehen einer gleichwertigen Alternative zu klassischen Beerdigungen. In Australien zum Beispiel, verbindet man das Bestattungswesen mit dem Schutz von Lebensraum. Dort wird auf einem geschützten Gebiet die Asche unter Bäumen beerdigt. Der Baum wird dann zu einem Ort des Gedenkens und ist per Gesetz vor dem Fällen geschützt. Mit dem Pflanzen weiterer Bäume wird der Wald immer größer und so zu einem lebendigen Gedenkort. Umweltschützer freuen sich, dass sie sich auch nach dem Tod an Bäume binden können.

Auch die traditionellen Friedhöfe sehen im Ausland anders aus, als bei uns. In Berlin zum Beispiel gibt es ein auf einem Friedhof ein Café, in dem man die Trauerfeier abhalten kann. Die Anwohner besuchen das Café aber auch ohne besonderen Anlass. Das ist gut so, weil damit der Friedhof sein Image als düsterer Ort verliert. Es ging sogar so weit, dass die Stammgäste Gräber in der Nähe des Cafés reserviert haben, um ihm auch nach dem Tod noch verbunden zu bleiben.

Geht das überhaupt, eine Beerdigung anders zu gestalten, als eine finstere Angelegenheit?

Natürlich! Die erwähnten Friedhofscafés, in denen man Trauerfeiern abhalten kann, sind im Ausland gang und gäbe. Begräbnisse unter freiem Himmel sind auch nichts Ungewöhnliches. Mit unserem Bestattungsinstitut versuchen wir die Familien dazu zu bewegen, selbst die Initiative zu ergreifen, was den Leichenschmaus, Reden und weiteres angeht, idealerweise nach den Wünschen des Verstorbenen. Aus diesem Grund ist es bei uns auch möglich, die eigene Beerdigung zu planen und damit späteren Streitigkeiten in der Familie vorzubeugen. Es klingt vielleicht lächerlich, aber den Hinterbliebenen hilft es sehr, wenn sie die Wünsche des Verstorbenen kennen und diese erfüllen können. So haben wir auch von Särgen aus Pappkarton erfahren, die die Hinterbliebenen selbst bemalen und verzieren können. Das ist befreiend und hilft uns dabei, den Tod zu bewältigen.

Euer Institut trifft gerade die letzten Vorbereitungen für das Projekt „Wald der Erinnerungen“. Worum geht es genau?

Der Wald der Erinnerungen liegt mitten auf dem Friedhof in Prag-Ďáblice. Es ist eigentlich eine verwilderte Grünfläche, die ab dem Frühling ökologische Gräber beheimaten wird. Die Asche wird in einer ökologischen Urne unter einem Baum begraben, der damit zum eigentlichen Grabstein wird. Leider sind auf diesem Grundstück auch Bäume mit einem sehr weiten Wurzelwerk, deswegen kann man dort keine Särge einlassen. Das wollen wir später auf einem anderen Grundstück ermöglichen.

Im Ausland pachten Familien oft den ganzen Baum, das kostet allerdings viel Geld. Das sind Kosten, die mit den konventionellen Beerdigungsdiensten in Tschechien nicht vergleichbar sind. Im Wald der Erinnerungen gibt es daher unter jedem Baum zehn Grabstätten, die man pachten kann. Ein solches Grab ist dadurch erschwinglicher. Der genaue Ort der letzten Ruhe ist nicht präzise markiert, aber an jedem Baum wird es ein Holzschild mit den Namen derer geben, die unter ihm begraben liegen.

Es gibt auch ökologische Urnen, in denen die Asche mit Erde und Samen vermischt ist. Nach dem Einlassen in die Erde wächst daraus dann ein Baum, der im Grunde mit der Asche gedüngt wird. Das hat allerdings einen Nachteil. Oft halten die Sämlinge den windigen Bedingungen nicht stand und gehen ein, und das verkraften die Angehörigen nur schwer. Deshalb raten wir davon eher ab, aber wenn jemand darauf besteht, kann er bei uns auch eine solche Urne beerdigen.

Foto: © Michal Jenčo / Ke kořenům | ke-korenum.cz
Eine ökologsche Urne, Foto: © Michal Jenčo / Ke kořenům | ke-korenum.cz

Wie unterscheiden sich eure Dienste bei von denen anderer Institute?

Wir versuchen unsere Dienste nicht nur als Geschäft zu verstehen. Im Gegenteil wären wir froh, wenn die Angehörigen des Verstorbenen uns als Begleiterinnen wahrnehmen würden, die ihnen das Gefühl geben, mit dem Begräbnis nicht alleine zu sein. Wir versuchen die Hinterbliebenen so intensiv wie möglich in die Vorbereitungen der Trauerfeier einzubinden. Früher, und vor allem auf dem Land, konnten die Menschen sich um ihre Verstorbenen noch selbst kümmern, sie wussten, wie man den Leichnam waschen muss, sie haben die Trauerrede selbst verfasst und es haben für einen würdevollen Abschied im familiären Kreis gesorgt. Heute wird in den Instituten alles über ein Formular bestellt, die Beerdigungen sind unpersönlich, kühl und depressiv. Für die Wünsche der Familie oder des Verstorbenen bleibt kaum Platz.

Rückkehr zu den Wurzeln bedeutet für uns außerdem auch das Bemühen um ein ökologisches Begräbnis. Dazu gehört idealerweise auch eine ökologische Kleidung des Verstorbenen, ein ökologisch abbaubarer Sarg oder eine solche Urne und Ort, an dem das Grab zu einem Teil des Lebenskreislaufs werden kann. Das geht am besten im Grünen.

Was für Menschen interessieren sich für Eure Angebote?

Das sind meistens Menschen, die ein Bedürfnis haben, sich von ihren Lieben würdevoll zu verabschieden und deren Leben zu feiern, sich bewusst zu werden, wie der Verstorbene ihr Leben bereichert hat. Sie suchen eine Art Ritual, aber sind mit dem konventionellen Angebot nicht zufrieden. Das mit den Ritualen ist ohnehin recht schwer, denn viele Rituale sind aus unserem Leben komplett verschwunden. Der Mensch braucht sie aber und so kehrt er immer wieder zu ihnen zurück, wenn auch in anderer Form. Das kann man auch an Hochzeiten sehen, die in letzter Zeit wieder einen Boom erleben. Ich würde mir wünschen, dass es so etwas auch bei Beerdigungen gibt. Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Es wäre ein Fehler ihn in irgendeiner Weise zu dämonisieren.

Das Gespräch führte Alžběta Šemrová.
Übersetzung: Ria Ter-Akopow

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2015
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