Lebe lieber langsamer

Foto (Ausschnitt): jenny downing, CC BY 2.0
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Der Verein zur Verzögerung der Zeit beschäftigt sich mit Zeit an sich, der Beschleunigung unseres Lebens und der persönlichen Entschleunigung im Alltag – ohne dabei die Zeit anzuhalten oder langsam zu arbeiten. Einzig: Mitglieder unter 30 Jahren sind Mangelware.

„Lass dir Zeit, stress dich nicht zu viel.“ Diesen gutgemeinten Ratschlag ihrer Oma hat Katharina (Name von der Redaktion geändert) immer im Hinterkopf – und sie hält sich nicht daran. „Ich kann mich nicht ausruhen oder mir bewusst Zeit nehmen. Ich muss zuerst etwas erreichen“, sagt die 23-jährige Studentin. Zudem sei ihr Arbeitspensum normal, sie erfülle doch lediglich das Mindestmaß an gesellschaftlichen Vorgaben, glaubt Katharina. Einem Verein zur Verzögerung der Zeit beizutreten, könne sie sich derzeit nicht vorstellen. „So etwas gibt es? Tut mir leid, dafür habe ich keine Zeit“, meint sie, trinkt hastig ihre Melange aus und eilt zur nächsten Vorlesung.

So absurd es für Katharina klingt, einen Verein zur Verzögerung der Zeit gibt es. Er wurde 1990 von Peter Heintel, einem Universitätsprofessor aus Klagenfurt (Kärnten/Österreich), gegründet. Rund 700 Mitglieder haben sich bis heute dem Verein angeschlossen, je 300 in Österreich und in Deutschland, circa 70 sind es in der Schweiz, der Rest verteilt sich auf die übrige Welt. Eine Jahresmitgliedschaft kostet 75 Euro.

Der Vereinsname soll ein wenig provozieren, heißt es auf der Website, er sei jedoch kein Witz. Der Zeitverein möchte darauf hinweisen, dass heutzutage der Entschleunigung mehr Beachtung geschenkt werden solle als der ohnehin fast automatisch auf uns eindrängenden Beschleunigung.

Foto (Ausschnitt): Andreas. CC BY-SA 2.0
Foto (Ausschnitt): Andreas. CC BY-SA 2.0

Vier Minuten auf die U-Bahn warten? Macht doch nichts!

Dieser Gedanke, sich in Situationen, in denen es möglich ist, selbst bewusst zu entschleunigen und innezuhalten, hat auch Isabell Gwenger überzeugt. Sie ist seit zwei Jahren Mitglied beim Verein. Seither hat sie so manches in ihrem Alltag geändert. „Zur U-Bahn renne ich nicht mehr.“ Vorher habe sie sich vom Großstadttreiben zu sehr mitreißen lassen, vier Minuten Wartezeit auf die nächste U-Bahn hätten sie geärgert. Und das, obwohl genau solche Einstellungen für sie befremdend waren, als sie von Villach in die österreichische Hauptstadt gezogen ist. Begeistert sei sie auch von dem großen Netzwerk von Zeit-Interessierten und -Experten und von den Veranstaltungen, die der Verein regelmäßig organisiert. Studiert hat die 39-Jährige Psychologie mit Schwerpunkt Gruppendynamik und Organisationsentwicklung, der Gründer des Zeitvereins war einer ihrer Professoren.

Mitglieder bekommen Informationen aus dem zentralen Vereinsbüro, Einladungen zu regionalen Treffen, die sich dem Thema Zeit widmen, das Forumsblatt ZEITpresse und erhalten Unterstützung bei der Suche nach Projektpartnern oder Materialien. Dieses Angebot des Vereins zur Verzögerung der Zeit überzeugt Mitglieder aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Künstler, Universitätsprofessoren, Ärzte, Unternehmensberater, Gastwirte, Psychotherapeuten und Kabarettisten sind ebenso dabei wie Lehrer oder Bäcker.

Einziges Problem: „Wir haben nur sehr wenige Mitglieder unter 30 Jahren“, sagt Robert Lauritsch, Mitarbeiter der Vereinsgeschäftsführung. „Beschleunigung wird in diesen Lebensjahren vermutlich nicht als solche erlebt oder scheint nicht so bedrohlich. Der Bedarf an Entschleunigung tritt vielleicht erst dann auf, wenn das Thema eine persönliche Resonanz erzeugt und jemanden wirklich spürbar betrifft“, vermutet Lauritsch. Anders ausgedrückt: Erst wenn das (zu) hohe Tempo psychisch und physisch zur Belastung wird, sehnt man sich nach einer „Zeitbremse“. Zwar dürfte dies auch auf viele Studenten und Berufsanfänger zutreffen, das Durchschnittsalter der Zeitvereinsmitglieder liegt aber dennoch bei über 50 Jahre, schätzt Lauritsch.

Foto (Ausschnitt): this.is.seba CC BY-SA 2.0
Foto (Ausschnitt): this.is.seba CC BY-SA 2.0

Ein gesünderer, menschlicherer Umgang mit Zeit

Natürlich gehe es dem Verein nicht darum, wirklich Zeit zu verzögern, sondern darum, Menschen zum Innehalten zu veranlassen. „In manchen Situationen ist es nicht möglich, zu entschleunigen“, meint Gwenger, die zugleich betont: „Wenn ich es aber tue, heißt das nicht, dass ich langsamer bin. Im Gegenteil: Die Qualität kann gesteigert werden, da man Dinge sieht, die ansonsten allzu leicht übersehen werden.“

Neben anderen Veranstaltungen und Expertenrunden organisiert der Verein einmal jährlich ein Zeit-Symposium, den Höhepunkt des Vereinsjahres. Zeit-Sachverständige, Experten und Interessierte treffen sich, um sich mit einem neuen, gesünderen und menschlichen Umgang mit Zeit in allen Bereichen auseinandersetzen und darüber zu diskutieren. „Leben Sie schneller, dann sind Sie eher fertig!“ war 2012 auf einer Informationsmappe beim Zeit-Symposium zu lesen. Und genau das möchte der Verein verhindern.


Copyright: Goethe-Institut Prag
Oktober 2012

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