Buchmarkt

Kontinuität und Aufbruch: der Buchmarkt in Deutschland

Leserin auf der Frankfurter Buchmesse; © Frankfurter Buchmesse/Peter HirthLeserin auf der Frankfurter Buchmesse; © Frankfurter Buchmesse/Peter HirthDie E-Book-Revolution lässt noch auf sich warten, das Printmedium Buch behauptet sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dennoch: Die Zeichen stehen auf Umbruch. Die Buchbranche bereitet sich auf eine Transformation vor, die alle Bereiche der Bücherwelt berührt.

Das E-Book war Ende 2011 Thema Nummer eins in der deutschen Buchbranche. Technisch ausgereifte Lesegeräte haben Erwartungen auf eine rasche Aufwärtsentwicklung des Marktes geschürt, und nach einigem Zögern haben sich auch die traditionellen Publikumsverlage und der Handel auf einen digitalen Massenmarkt eingerichtet.

Die Absatzzahlen halten mit den Erwartungen allerdings in keiner Weise Schritt. 2010 fielen gerade mal 0,5 Prozent der Bücherverkäufe auf E-Books, und auch für das erste Halbjahr 2011 wurde – anders als etwa in den USA – nur eine leichte Zunahme auf 0,7 Prozent errechnet.

Die Buchwelt trotzt der Wirtschaftskrise

E-Book; © Frankfurter Buchmesse/Alexander HeimannGeld verdient wird vorerst noch mit dem Printmedium Buch. 2010 verzeichnete die deutsche Buchwirtschaft zum siebten Mal hintereinander eine Steigerung des Gesamtumsatzes um 0,4 Prozent. Das Umsatzvolumen von 9,73 Milliarden Euro ist, gerade auch im Vergleich mit den Zahlen von 2005 (9,16 Milliarden Euro) oder 2006 (9,26 Milliarden Euro), sogar bemerkenswert gewachsen. Banken- und Wirtschaftskrise haben sich also auf den deutschen Buchmarkt nicht erkennbar ausgewirkt.

Trotzdem gibt es Probleme. Besonders der stationäre Sortimentsbuchhandel hat wie erwartet weiter an den Online-Buchhandel verloren. Ersterer stagniert bei 50,6 Prozent, während der Internet-Buchhandel zusammen mit dem klassischen Versandhandel auf 17,1 Prozent zugelegt hat. Zu den Verlierern gehören wie seit Jahren auch die Buchabteilungen der Warenhäuser (2,1 Prozent) und die Buchgemeinschaften (2,3 Prozent). Auch bei den großen Buchhandelsketten wie Thalia weisen Filialschließungen und Personalreduktionen auf Grenzen des Wachstums hin.

Leserin mit Übersetzungsanleitung; © Frankfurter Buchmesse/Peter HirthAber auch der mittelständische Buchhandel hat Mühe sich zu behaupten. Ein relevanter E-Book-Markt würde aber zweifellos zu Umwälzungen im System des deutschen Buchhandels führen, auch im hoch entwickelten Zwischenbuchhandel, der in Deutschland am Bestell- und Warenverkehr zwischen Verlag und Sortimentsbuchhandel beteiligt ist – sofern es den internationalen Großunternehmen nicht gelingt, das digitale Bestsellergeschäft an sich zu ziehen.

Verlage im Zeitalter des Social Web

Unsichere Zukunftsaussichten prägen auch die Lage des Verlagsbuchhandels. Den Umsatzzuwachs von 2009 (3,8 Prozent) konnte er zwar nicht halten, hat aber 2010 trotzdem um 1,5 Prozent zugelegt. Die Umsatzkonzentration schreitet zudem weiter fort. Die 22 größten deutschen Verlage mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz teilen sich inzwischen 70 Prozent des Marktes.

Impression von der Frankfurter Buchmesse; © Frankfurter Buchmesse/Peter Hirth

Die aktuelle Lage begünstigt Unternehmen, die gleichzeitig ihre traditionellen Programmlinien ausbauen und neue, auch digitale Programmbereiche aufbauen können. Parallel dazu sollten sie in der Lage sein, von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter Gebrauch zu machen. Inzwischen tauschen sich viele Menschen über ihre Lektüre-Erfahrungen in Blogs, Diskussionsforen oder Online-Lesercommunities aus.

Belletristik im Aufwind, Hörbuch im Sinkflug

Nach Produktionsdrosselungen 2008 und 2009 wurde 2010 mit 95.838 Titeln (davon 84.351 Erstauflagen) wieder eine Rekordzahl an Neuerscheinungen registriert. Abermals hat die Belletristik, die für rund ein Drittel des aktuellen Branchenumsatzes verantwortlich ist, mit einem Titelanteil von 17,2 Prozent (Deutsche Literatur: 12,5 Prozent) entscheidend zu diesem Ergebnis beigetragen. Auf Wachstumskurs liegen auch die Kinder- und Jugendbuchverlage mit 9,6 Prozent der Titelproduktion. Hingegen ist der Taschenbuchmarkt (knapp ein Viertel des Gesamtmarkts) leicht geschrumpft. Auch das Hörbuch scheint vom Höhenflug in einen Sinkflug übergegangen zu sein: in den vergangenen drei Jahren reduzierte sich der Umsatzanteil auf 4,1 Prozent.

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buchs „Deutschland schafft sich ab“; © Richard Hebstreit/Wikipedia/CCAber alles dies sind Momentaufnahmen eines Marktgeschehens. Kriminalromane skandinavischer Autoren können zeitweise ebenso heftige Ausschläge auf der Absatzskala verursachen wie All-Age-Erfolge etwa beim Vampirroman. So trug ein einzelnes „Debattenbuch“ wie Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab 2010 entscheidend zu einem Umsatzplus von 14 Prozent auf dem Sachbuchmarkt bei und erzeugt mediale Wellenringe, die auf den Buchverkauf zurückwirken.

Globaler Kulturtransfer

Unverändert groß sind die Leistungen, die der deutsche Buchmarkt für den internationalen Kulturaustausch erbringt. Fast 13 Prozent der Titelproduktion beruht auf Übersetzungen ins Deutsche, wobei der Löwenanteil, knapp zwei Drittel, aus dem angloamerikanischen Raum stammt – in den Belletristikprogrammen ist der Anteil sogar noch höher. Es folgen Französisch (10,2 Prozent), Japanisch (5,8 Prozent), Italienisch (3,2 Prozent) und Spanisch (2,4 Prozent).

„Storydrive“ auf der Frankfurter Buchmesse; © Frankfurter Buchmesse/Fernando Baptista

Eine beachtliche Zahl von Förderinstrumenten sorgt dafür, dass auch Bücher aus Afrika, Asien und Lateinamerika den Weg in die Programme deutscher Verlage finden. Umgekehrt konnten 2010 über 8.000 Übersetzungsrechte ins Ausland verkauft werden: die meisten nach China, gefolgt von Spanien, Polen, der Tschechischen Republik, Frankreich, Italien und der Republik Korea. Die professionelle Arbeit der Lizenzabteilungen deutscher Verlage trägt so zur auswärtigen Kulturpolitik Deutschlands weltweit nicht unwesentlich bei.

Bücherlesen bleibt beliebt

Allgemein zeigt sich der Buchmarkt bei stabilen Eckpfeilern also in Bewegung. Das bestätigt sich auch in Umfragen beim Publikum: So behauptet das Bücherlesen unter den 48 beliebtesten Freizeitbeschäftigungen den zehnten Platz. Dabei nehmen nur 30 Prozent der Männer täglich oder mehrmals in der Woche ein Buch in die Hand: bei Frauen sind es 45 Prozent.

Ein aussagekräftiges Barometer der buchwirtschaftlichen Großwetterlage ist stets auch die Frankfurter Buchmesse: Sie hatte 2011 mit insgesamt 7.384 Ausstellern aus 106 Ländern und 280.194 Besuchern in etwa wieder den Umfang der vergangenen Jahre. Mehr als 3.200 Veranstaltungen vermittelten etwas von der Aufbruchstimmung, besonders unter Stichworten wie „Gamification“, also dem Anschluss des Buches an die Welt der Computerspiele, und „Storydrive“, dem Experimentieren mit neuen Formen des Geschichtenerzählens in multimedialen Formaten.

Ernst Fischer
lehrt als Professor am Institut für Buchwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der deutsche Buchmarkt vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

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Oktober 2011

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