Buchmarkt

Zeitgenössische deutsche Literatur auf dem tschechischen Buchmarkt

© Goethe-InstitutTschechische Verleger setzen auf Schriftstellerpersönlichkeiten: eine Strategie, die Erfolg hat.


Neu, dick, dünn, ergreifend, verblüffend, unverzichtbar – Bücher allerorten. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erscheinen auf dem tschechischen Büchermarkt von Jahr zu Jahr mehr Buchtitel; im vergangenen Jahr wurde die gewaltige Zahl von 17.000 erreicht (davon entfallen 90% auf Erstauflagen – genauso wie in Deutschland). Der Anteil der Belletristik (sowohl ursprünglich tschechische als auch übersetzte) ist ungefähr ein Viertel der jährlichen Produktion, das sind also mehr als 4.000 Titel. Die absolute Mehrheit der in Tschechien publizierten Bücher ist ursprünglich tschechisch. Allerdings ist der Anteil der Übersetzungen traditionell hoch – nach der Statistik des Tschechischen Buchhändler- und Verlegerverbandes sind etwa ein Drittel aller in Böhmen und Mähren herausgegebenen Bücher Übersetzungen. Es sind seit 1990 unverändert drei Sprachen, aus denen am häufigsten ins Tschechische übersetzt wird: An erster Stelle Titel aus dem Englischen (in den vergangenen Jahren über 3.000 Titel jährlich), gefolgt vom Übersetzungen aus dem Deutschen (ca. 1.000 Titel) und aus dem Französischen (ca. 500).

Was wird aus dem Deutschen übersetzt? Die meisten Übersetzungen sind Publikationen aus den Bereichen Gebrauchs-, Unterhaltungs- und Fachliteratur. Hinzu kommen Sachbücher sowie Literatur für Kinder und Jugendliche. Auf übersetzte deutsche Belletristik entfallen rund 200 Titel jährlich (Quelle: Datenbank der Tschechischen Nationalbibliothek). Nimmt man qualitativ hochwertige Belletristik zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren in den Fokus, so reduziert sich die Titelzahl auf 20 bis 30 Neuerscheinungen.

Die Welt bei uns zu Hause

Selbstverständlich richten sich die Leser bei ihrem Buchkauf bzw. der Lektüreauswahl nicht primär danach, in welcher Sprache das Original geschrieben wurde. Vielmehr interessiert sie die erzählte Geschichte oder ein starkes Thema; Leser möchten etwas Neues über sich und über die Welt erfahren. Auch die Verleger folgen dieser Logik: strikt länder- oder sprachspezifische Editionen gibt es in der Regel nicht. Es wird unterschieden zwischen einheimischen und internationalen Produktionen. So publiziert der Verlagsriese „Mladá fronta“ deutsche Literatur im Rahmen seiner Edition internationaler Prosa, der Brünner Verlag „Host“ in einer Reihe übersetzter Belletristik und „Odeon“ im Rahmen seiner „Welt-Bibliothek“. Deutsche Bücher treten hier in einen Kontext mit anderen Literaturen, anderen Denkweisen.

„Deutschen Autoren gelingt es oft, ein „europäisches Thema“ aufzugreifen“, sagt Jindřich Jůzl vom Verlag „Odeon“, in dem unter anderem Werke von Thomas Brussig, Juli Zeh oder Terézia Mora verlegt wurden. Der Verlag „Paseka“ ist auf historiographische Literatur spezialisiert; hier erschienen beispielsweise Bücher von Victor Klemperer und W. G. Sebald. „Host“ hat sich vor allem in den vergangenen Jahren auf Gesellschafts- und Kriminalromane fokussiert. Eine erfrischende Auswahl zeitgenössischer deutscher Literatur hat der Verlag „Labyrint“ im Programm. Laut Verlags-Chef Joachim Dvořák wolle man auch „in Zukunft Autoren herausgeben, die deutsch schreiben, aber aus anderen Ländern stammen“ (Maxim Biller, Jaromír Konečný, Saša Stanišić). „Kniha Zlín“ präsentiert im Rahmen seiner Reihe literarischer Entdeckungen („Track“ bzw. „Neewit“) außergewöhnliche Talente, die sich in ihrer Heimat bereits einen Namen gemacht haben und geschätzt werden, in Tschechien aber bislang noch unbekannt sind (Gunther Geltinger, Katharina Hacker, Markus Orths, Silke Scheuermann).

„Ich habe den Eindruck, dass deutsche Literatur als Ganzes bei uns nicht gerade populär ist“, sagt Adam Kubát vom kleinen Brünner Verlag „Vakát“, bei dem beispielsweise Bücher von Ingo Schulze und Daniel Kehlmann erscheinen. Dennoch hat sie für Kubát einen besonderen Reiz: „Es ist ein hoch entwickelte literarische Kultur mit einer riesigen Menge an Autoren, die um eine originäre und persönliche Reflexion des Lebens bemüht sind.“

Verlagspolitik

Im Übrigen: Weder das Fokussieren auf eine gesamte Nationalliteratur noch eine „Zersplitterung“ der Perspektive durch die Herausgabe von Einzeltiteln scheinen erfolgsversprechende Wege zu sein. Vielmehr stellt die Ausrichtung auf Schriftstellerpersönlichkeiten eine Strategie dar, die sowohl für den Verleger als auch für den Leser Vorteile verspricht. Eine Möglichkeit ist, sich auf einen Schriftsteller zu konzentrieren und nacheinander mehrere Werke von ihm zu verlegen. Erfolgreich macht das seit 1996 der Brünner Verlag „Atlantis“ mit Günter Grass: 2011 erschien der neunte Band der Werkausgabe. Die populären Bücher von Bernhard Schlink verlegt der Prager Verlag „Prostor“, die Werke der erfolgreichen Berliner Autorin Judith Hermann der Verlag „Větrné mlýny“. Auf positive Resonanz bei den tschechischen Lesern und Kritikern stieß auch die Prosa von Juli Zeh, die bei „Odeon“ erscheint. Der Leser weiß somit, bei welchem Verlag er diesen oder jenen Autor findet – und der Verleger kann auf den bereits gewonnenen Erfahrungen aufbauen. Dies betrifft unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Übersetzer, dem er einen bestimmten Autor anvertraut.

Meist werden ohnehin „Autoren“ und nicht „Bücher“ von ihren deutschen Verlagen ins Ausland verkauft. Bevor die aus Rumänien stammende deutsche Schriftstellerin Herta Müller 2009 den Nobelpreis für erhielt, war sie in Tschechien so gut wie unbekannt. Um ihren preisgekrönten Roman Atemschaukel rissen sich die Verlage allerdings. Und was gab den Ausschlag? „Der durchdachte Editionsplan von „Mladá fronta“ für die Werke dieser außergewöhnlichen Autorin überzeugte den deutschen Verlag (Hanser)“, konstatiert der Germanist Tomáš Dimter. Leider funktioniert das aber nicht immer. Die Bücher der auch in Tschechien bekannten deutschen Autoren Thomas Brussig und Ingo Schulze erschienen bei verschiedenen tschechischen Verlagen: Labyrint, Odeon, BBart, Dokořán (Brussig) bzw. Maťa, Vakát (Schulze).

Die großen Verlagshäuser gleichen oft die anspruchsvollen, aber finanziell unattraktiven Bücher mit gut verkäuflichen Titeln aus. Kleine Verleger folgen eher dem persönlichen Geschmack und möchten ihre Freude an der Lektüre an die Leser weitergeben. „Deutsche Literatur ist hervorragend“, meint Daniel Podhradský vom Verlag „Dauphin“, der auch so genannte moderne Klassik herausgibt. Allerdings dominiert heute eindeutig das Interesse an lebenden Autoren (diese bilden einen programmatischen Schwerpunkt bei „Odeon“, „Host“ und „Kniha Zlín“). Gar nicht so selten werden auch Debüts verlegt. Besonders rasch findet man Titel, die in Deutschland einen der zahlreichen Literaturpreise erhalten haben, auf dem tschechischen Buchmarkt – meist noch bevor der nächste Preisträger feststeht (so erschien der 2010 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman von Melinda Nadj Abonji im tschechischen Verlag „Jota“ noch bevor im Oktober 2011 der neue „Roman des Jahres“ feststand). Das alte Motto des „Odeon“-Verlags „Erst einmal abkühlen lassen“ gilt schon lange nicht mehr.

Tschechische Leser können viele deutsche Autoren systematisch (d. h. über eine Werkauswahl) kennen lernen, aber es gibt auch interessante und lesenswerte deutsche Schriftsteller, von denen es bislang erst ein Buch auf Tschechisch gibt: z. B. Zsuzsa Bánk bei „Větrné mlýny“, Katharina Hagena bei „Host“, Tilman Rammstedt bei „Nakl. Lidové noviny“, Sven Regener bei „Doplňek“, Feridun Zaimoglu bei „Mlada fronta“. Dies gleichzusetzen mit Beliebigkeit und Konzeptionslosigkeit, greift aber zu kurz. Oft liegt gerade in der Vielfältigkeit der Blickwinkel die Stärke.

Jitka Nešporová
Germanistin, betreut die deutschsprachige Sektion des Portals iliteratura.cz.

Übersetzung: Ivan Dramlitsch

November 2011

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