Übersetzungen und Übersetzer

Liebe ist für Männer der Sinn des Lebens - so zumindest Billers Buch

Maxim Biller © Verlag LabyrintDer Autor des Buchs Liebe heute, Maxim Biller, ist mitteleuropäischer Literat. Er wurde in Prag geboren, ist Jude und schreibt deutsch.

Der Journalist und Schriftsteller Maxim Biller (1960) wurde in Prag in einer jüdischen Familie geboren. Mit zehn Jahren, d.h. zwei Jahre nach der sowjetischen Okkupation der Tschechoslowakei, emigrierte er mit seinen Eltern nach Deutschland und seine Familie ließ sich in München nieder.

Im deutschen Umfeld setzte sich Biller als Autor von satirischen Kolumnen, Geschichten und Romanen durch, von denen hier bislang nur das Buch Wenn ich einmal reich und tot bin erschienen war.

Billers autobiografischer Roman Esra (2003) über die komplizierte Beziehung zwischen einem jüdischen Schriftsteller und einer türkischen Schauspielerin, die beide in Deutschland leben, wurde – nach einer Intervention der vermeintlichen Protagonistin – aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung verboten.

Dem Prosaiker wurde die Solidarität bedeutsamer Persönlichkeiten der deutschsprachigen Literatur zuteil - Günter Grass und Elfriede Jelinek oder auch der Regisseur Peter Zadek setzten sich für ihn ein. Aber auch dadurch konnte nicht verhindert werden, dass dieses Buch, das intime Details aus seiner ehemaligen Beziehung preisgibt, aus dem Verkauf genommen werden musste.

Die berühmten Kolumnen des Autors für die heute nicht mehr existierende Zeitschrift Tempo fanden ihre Fortsetzung in der Sonntagsbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In den fiktiven Briefen des nicht allzu erfolgreichen Autoren Kohn, die an die siebenjährige Tochter von Maxim Biller gerichtet sind, kommentiert er das kulturelle Geschehen.

In einer der letzten Kolumnen verbannte er – in Anspielung an die Reality-Show "Dschungelcamp", deren Teilnehmer die verschiedensten unappetitlichen Dinge verzehren müssen – die meisten heute bedeutsamen deutsch schreibenden Autoren in den Urwald.

Sie müssen dort zum Beispiel alle Schriftsteller aufzählen, deren Bücher von den Nazis im März 1933 öffentlich verbrannt wurden: Kohn konnte sich außer an Thomas Mann an keinen einzigen erinnern. Die Bücher von Thomas Mann waren jedoch merkwürdigerweise nicht auf der schwarzen Liste der Nazis. Zur Strafe wurde Kohn gezwungen, einen Krokodilpenis, "natürlich beschnitten", zu verspeisen.

Rückenschmerzen in Auschwitz

Nun ist also ein weiteres Buch von Maxim Biller in tschechischer Übersetzung erschienen. Die in Liebe heute enthaltenen Kurzgeschichten (2007) sind, wenn auch nicht frei von Ironie und Liebäugelei mit der Popkultur, ernsthaft, melancholisch und kompliziert. Der Band mit 27 kurzen Prosawerken lässt sich sehr gut lesen, weitaus schwieriger ist aber ihre Interpretation.

"Meistens vergesse ich, dass ich zur falschen Zeit und am falschen Ort lebe," so der Schriftsteller, das Alterego des Autoren, in der Geschichte Mein Name war Singer, die das schriftstellerische Schaffen von Biller am meisten reflektiert. Der berühmte jüdische Autor, im Jahre 1978 Nobelpreisträger, tritt in dieser Geschichte als heimtückischer Versucher auf erotischem und literarischem Felde auf. "Hüte dich vor Frauen, die deine Bücher lieben," rät am Schluss Isaac Bashevis Singer dem beginnenden Autor.

Dieser Satz könnte das Motto des gesamten Buches sein. Der junge Autor hat ihn richtig in seinem Paradoxon verstanden. "Ich liebe Singers Schriftsteller-Geschichten," sagt er. „Sie handeln von ihm und seinen Frauen und davon, wie sie und er sich gegenseitig verrückt machen." 

Billers Protagonisten schützen sich nämlich überhaupt nicht - mit allen Folgen. Die Liebe zu den Frauen ist der zentrale Punkt ihres Daseins, sie ist der Ort des Annäherns und der Entfremdung, ein Rettungsanker, doch noch einen Sinn zu erlangen.

In den Liebesgeschichten scheint immer wieder das Problem des Judentums und die Last der Geschichte durch. In einer der besten Geschichten Ziggy Stardust, die ihren Namen nach dem bekannten Song von David Bowie erhalten hat, scheitert die Beziehung von zwei gefühlvollen und etwas verlorenen Menschen gerade daran, dass es ihnen nicht möglich ist, sich aus den Fangnetzen zu befreien – weder aus dem persönlichen, noch aus dem geschichtlichen.

Für die Heldin der Geschichte, Edna, die wahrscheinlich unter Depressionen leidet, ist der Holocaust etwas immer noch Gegenwärtiges: "Stell dir vor, du kommst auch noch mit Kreuzschmerzen in an," sagt sie ihrem Liebhaber im Bett an einem Sonntag Morgen, als sie ihm von den Eltern ihres Vaters erzählt, "die noch den letzten Transport von Ungarn nach Polen geschafft hatten".

Wie viele Tote hat er auf seinem Konto

In der Geschichte Das Recht der jungen Männer erschießt der Hauptheld in Notwehr seinen Widersacher in Sachen Liebe. Der Vater des Mädchens, wegen dem er schoss, Überlebender des Holocaust, hat als Einziger für diese Tat Verständnis. Er ist ein alter Jude, der aber genauso gut ein alter Deutscher sein könnte, glaubt der Erzähler, als er mit seinem Blick an einer Gruppe alter weiser Männer entlang schweift, zu denen der Vater des Mädchens gehört, und er überlegt, wie viele Tote er insgesamt auf seinem Konto hat.

Alte Menschen, so der Eindruck des Erzählers, sind über seine Tat weniger erbost als die Jüngeren, da sie während des Krieges mitunter ähnlich handeln mussten. Der Vater des geliebten Mädchens antwortet dann ehrlich auf die direkte Frage, wie viele Menschen er tatsächlich umgebracht hat: "Einer noch in Preßburg, dann zwei in Košice. Was in den Bergen war, spielte für mich nie eine Rolle."

Maxim Biller erzählt in seinen Geschichten kurz und knapp, in aller Verschlossenheit, in verfestigten Bildern des Gedächtnisses. Daher muss man Liebe heute aufmerksam lesen - dann entgeht dem Leser auch der allegorische Charakter der Geschichten nicht. So wie der biblische Adam - und Adam ist auch der Held des erwähnten Romans Esra - gibt Maxim Biller den Erzählern bzw. Schriftstellern aus Liebe heute Namen, die alle mit A beginnen: Ariel, André, Arthur.

Die Kurzgeschichten spielen in Berlin, München, Frankfurt, Hamburg, Ljubljana, Tel Aviv, Jerusalem und Prag. Die jeweils dort verbrachte Zeit können wir als einzelne Etappen auf dem Weg zu diesem Erlebnis lesen - der Vergangenheit entkommt man nicht.

Die Geschichten sind mit Melancholie, Sehnsucht und gleichzeitig auch mit der Unfähigkeit verbunden, diese auszufüllen. Auch das vertraute Prag ist bei Maxim Biller durch traurige Erinnerungen entfremdet, die man zwar erfassen, in denen man jedoch nicht leben kann.

Veronika Jičínská, Germanistin

Die Rezension ist erschienen in:
Hospodářské noviny, 30.08.2010, S. 11
siehe auch: www.ihned.cz

Die Übersetzung der Rezension ins Deutsche: Rico Schote.

Maxim Biller: Obyčejné lásky. (Deutsch:Liebe heute)
Übersetzt ins Tschechische von Jana Zoubková
Labyrint, 2010, 155 S.

Die Übersetzung des Romans wurde vom Goethe-Institut gefördert.

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