Hanuš Karlach

Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Russistik an der philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität (u.a. bei Professor Goldstücker) absolvierte Hanuš Karlach in den 1960er Jahren ein Postgraduiertenstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Karlach war als Redakteur und Lektor beim Verlag Odeon und bei der Zeitung Mladá fronta tätig. In den Jahren 1991 bis 1995 war er Generalsekretär des tschechischen Zentrums des internationalen PEN-Clubs. Seit 2000 ist er freiberuflicher Übersetzer, Literaturhistoriker und Kritiker. Er übersetzte unter anderem die deutschen Autoren E.T.A. Hoffmann, Franz Werfel, Günter Grass, Volker Braun, Christa Wolf, Christoph Hein, Gottfried Benn sowie Adalbert Stifter ins Tschechische.


Ist die Arbeit eines Übersetzers für Sie ein Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?

Ich denke, dass sich die Veranlagung, das Talent (wenn Sie es so wollen), die Ausprägung und die Grenzen dessen, was man Begabung nennt, allmählich herauskristallisieren. Konkret: Ich bin nicht von einem zarten Alter an hin und her gelaufen und habe mir gesagt: Du wirst Übersetzer, du musst einer sein, du wirst Übersetzer, du musst einer sein, und so weiter bis ins Unendliche. Die Literatur als solche hat mich angezogen, mit zunehmenden Alter mehr und mehr. Auf dem Gymnasium hatten wir erweiterten Fremdsprachenunterricht, und so interessierte ich mich auch für so manch ausländische Schriftstellerei. Ich wollte aber eigentlich Kunstgeschichte studieren, was mir meine bourgeoise Herkunft nicht erlaubte. Durch einen „Irrtum“ kam ich zur Germanistik, mit verpflichtender Russistik und mit einem zugedrückten Auge mit halblegaler Anglistik. Erst das tiefergehende Studium der Texte führte mich zum Übersetzen. Und dann bin ich dabei geblieben.

Ihr beliebtes deutsches Buch, deutscher Autor, und warum?

Auf diese Frage gibt es eigentlich keine Antwort, in der Literatur gibt es keine Ranglisten und keine Platzierungen. (Deswegen ist jedweder Preis und jegliche Auszeichnung immer ein kleines Problem.) Wer sich mit den Werken von innen heraus beschäftigt (was ein Übersetzer tut), interessiert sich de facto für jeden (fähigen) Autor, für seine Poetik, für die Art und Weise, wie er eine Geschichte erzählt, für die Beziehung der Fabel, für seinen Ausdruck und die technischen Mittel dieses Ausdrucks. Diese Relationen werden in den Theorien verschieden benannt; den Übersetzer interessiert, zieht an, ja, ergreift die vielfältige Gestalt dieser Beziehungen. Es sind also diejenigen Schriftsteller, die romantischen, die realistischen, die magischen, die sachlichen, die vielfältigen, die wortkargen, sogar die lakonischen, für die primär ist, was sie schildern und die, denen es vor allem darauf ankommt, wie sie es schildern. Und so weiter. Es gibt also eine beinahe unendliche Reihe von „Lieblingsautoren“ und deren Werken, synchron wie diachron.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?

Gerade jetzt beschäftige ich mich am meisten mit Alfred Döblin; ich widme mich ihm nicht erst seit gestern, derzeit aber wirklich intensiv. Vor einiger Zeit stellte ich die Übersetzung seiner Trilogie Amazonas fertig (sie kam Ende Januar heraus), jetzt bereite ich mich auf seine Tetralogie November 1918 vor. Er ist gerade ein Autor, der sein ganzes schöpferisches Leben neue und wieder neue Ausdrucksformen gesucht hat, ein neues und wieder neues technisches Instrumentarium; die Literaturhistoriker haben mit ihm deswegen nicht nur kleine Probleme, seine Poetik hat beinahe keine Grenzen. In diesen Tagen habe ich –als eine Art Intermezzo- die Übersetzung eines Textes des Münchner Kardinals Reinhard Marx (Das Kapital) fertig gestellt. Hier hat mich der Inhalt sehr angesprochen, nämlich die intensive Verteidigung der sozialen Schule der katholischen Kirche, in einer Art Erörterung, ablehnend und anerkennend gerade seinen Namensvetter Karl Marx.

Oktober 2012

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