Jitka Nešporová

Jitka Nešporová, Prag © Jitka NešporováSie studierte Bohemistik und Übersetzen und Dolmetschen mit der Sprachkombination Tschechisch/Deutsch an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag. 2014 promovierte sie mit einer Arbeit über die Übersetzungen von Ludvík Kundera.
Sie ist Redakteurin der Online-Literaturzeitschrift iLiteratura.cz. Sie übersetzt zeitgenössische deutsche Prosa, u.a. auch Texte von Stipendiaten des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren, sowie Bücher von Gunther Geltinger, Catalin Dorian Florescu, Vey Kaiser, Angelika Overath und Leo Tuor.


Ist die Arbeit eines Übersetzers für Sie ein Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?

In der siebten Klasse im Gymnasium stand ich vor der Entscheidung, ob ich Germanistik oder Übersetzen und Dolmetschen studieren soll. Meine Wahl musste ich noch vor der Zulassungsprüfung treffen. Im Endeffekt absolvierte ich mein Studium am Translationsinstitut der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, und bereue es keineswegs. Gerade dort habe ich gelernt über das Übersetzen nachzudenken und erhielt die Möglichkeit an Auslandsworkshops für Übersetzer teilzunehmen. Ich musste mich, wie wahrscheinlich jeder andere auch, durch meine Lese- und Lebenserfahrung schrittweise an die Literaturübersetzung herantasten. Ich liebe Bücher von klein auf, aber ich verspüre kein Bedürfnis selbst zu schreiben oder etwas selbst zu veröffentlichen. Es ist mir lieber meine Stimme jemandem zu leihen, der es besser zustande bringt neue Welten zu erschaffen. Ich genieße dann das Zaubern mit den Wörtern und das Spiel mit den Gedanken. Mir gefällt diese Position als eine Art Mediator, der mit jedem Fuß in eine andere Richtung geht, in zwei Kulturen eintaucht, und dazu beitragen kann, dass die Menschen einander verstehen. In diesem Sinne ist der Beruf des Übersetzers wirklich mein Traumjob.

Ihr beliebtes deutsches Buch, deutscher Autor, und warum?

Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt, dies zu beantworten, ich habe kein definitives Lieblingswerk, auch nicht bei Musik oder Film. Wir nehmen oft Dinge als die beliebtesten wahr, zu denen wir gerne zurückkehren, vielleicht auch aufgrund von Erinnerungen. Also sind es eindeutig die Märchen, und zwar die Märchen der Gebrüder Grimm. Das tschechische Märchen Zvířátka a Petrovští (auf Deutsch Die Bremer Stadtmusikanten). Jeden Sonntag blätterten meine Schwester und ich während des Nachmittagsbesuchs bei Oma im alten Buch von unserem Vater, und das arme Buch hatte auf jeder Seite Eselsohren und löste sich bereits aus dem Einband heraus! Während meiner Gymnasiumzeit begleitete mich die Prosa von Hermann Hesse. In letzter Zeit ergreifen mich die Romane von Herta Müller wahrscheinlich am meisten, nicht zuletzt auch aufgrund der eigenartigen Übersetzungen von Radka Denemarková. Ich war Redakteurin zweier dieser auf Tschechisch herausgegebenen Werke – Rozhoupaný dech (deutscher Originaltitel: Atemschaukel) und Srdce bestie (deutscher Originaltitel: Herztier) – und habe sie gleich ein paar Mal gelesen.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?

Um ehrlich zu sein habe ich mir momentan im Mutterschaftsurlaub eine Auszeit genommen, was das Übersetzen von Büchern angeht. 2015 ist aber beim Verlag Plus meine Übersetzung des ersten Romans von Vea Kaiser unter dem Titel Popdechovka aneb jak přišla věda do hor (deutscher Originaltitel: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam) erschienen. Die Erzählung spielt sich in der Gegenwart ab, in einem abgeschiedenen kleinen Dorf in den Alpen, in dem markante Persönlichkeiten leben. Der Kreislauf des Lebens ist durch Traditionen und Stereotype bestimmt, die Zeit vergeht hier in einem anderen Tempo. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine Familie, die eine Abneigung gegen diese lokalen Gewohnheiten hegt – seit mehreren Generationen brechen die Mitglieder nämlich in die Welt auf um sich zu bilden, der Großvater wird Arzt und der Enkel Historiker. Gerade die Perspektive des Burschen, der in die Fußstapfen des Historiographen Herodot tritt und die lokale Geschichte dokumentiert, ermöglichte es den Roman als eine zweistimmige Erzählung aufzubauen. Vea Kaiser gibt diese reizvolle Konfrontation zwischen der traditionellen und der modernen Welt mit erzählerischer Leichtigkeit und gemäßigtem Humor wieder, sie wehrt sich nicht gegen die epische Breite, aber sie langweilt keinesfalls. Sehr spezifisch für diesen Roman ist die direkte Rede: Die Bergbewohner sprechen in einer Umgangssprache, die Elemente verschiedener Dialekte des österreichischen Deutschs beinhaltet und eine ungenaue Aussprache aufweist. Das ist für den Übersetzer natürlich eine große Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine große Freude, denn es gibt ihm einen gewissen Spielraum, die Freiheit sich mit der eigenen Muttersprache zu spielen.

Dezember 2015

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