Jana Zoubková

Absolvierte nach dem Abitur an der SVVŠ in Hradec Králové und dem Abitur an der Künstlerischen Fachoberschule in Prag ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität (Studienfach Deutsch/Kunsterziehung, Lehramt an weiterführenden Schulen, Abschluss 1976). Sie war als Methodikerin für Laienkunst und literarisches Schaffen tätig, arbeitete als Assistentin am Lehrstuhl für Sprachen an der Fakultät für Bauwesen der Tschechischen Technischen Universität in Prag (ČVUT), als Verlagsredakteurin und als Fachreferentin im Büro des Präsidenten. Sie übersetzt seit ihrem Studium. Seit 1997 widmet sie sich als freiberufliche Übersetzerin literarischen Übersetzungen v.a. zeitgenössischer deutschsprachiger Prosa. Sie hat etwa 70 Bücher publiziert.
Ins Tschechische hat sie u.a. folgende Autoren übersetzt: Thomas Brussig, Maxim Biller, Friedrich Dürrenmatt, Sebastian Haffner, Lilian Faschinger, Edgar Hilsenrath, Wolfgang Koeppen, Konrad Paul Liessmann, Libuše Moníková, Christoph Ransmayr, Ingo Schulze und Juli Zeh. Die Übersetzung des Romans von Hans Fallada erscheint 2012.


Ist die Arbeit eines Übersetzers für Sie ein Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?

Geträumt habe ich nicht davon. In der Sekundarstufe war ich sehr an Literatur interessiert, sowohl an tschechischer als auch an internationaler, aber mein Traumberuf lag im Bereich der bildenden Kunst. Die Aufnahmeprüfungen an der Hochschule für Kunstgewerbe in Prag (tsch.: Vysoká škola uměleckoprůmyslová, VŠUP) habe ich nicht bestanden, absolvierte aber nach dem Abitur ein Aufbaustudium an einer Kunstschule. Als die philosophische Fakultät der Karlsuniversität in Prag 1971 das Studienfach Deutsch/Kunsterziehung ins Leben rief, meldete ich mich wegen der Kunst an. Am Lehrstuhl für Germanistik interessierte ich mich für Literatur. Als etwa 1974 der Pädagoge und Übersetzer Rudolf Toman ein Seminar für Übersetzer anbot, blieb ich dort hängen. Von da an habe ich übersetzt, an Übersetzungswettbewerben teilgenommen, aber (abgesehen von einer Ausnahme) nichts publiziert. Ich hatte verschiedene Anstellungen, am längsten als Redakteurin eines Verlags. Damit, regelmäßig Übersetzungen zu publizieren, begann ich 1992. Seit 1997 beschäftige ich mich ausschließlich mit literarischen Übersetzungen.

Ihr beliebtes deutsches Buch, deutscher Autor, und warum?

Da gibt es definitiv kein einzelnes Buch und keinen einzelnen Autor. Auf die Frage, welches seiner Bücher für ihn das beste sei, antwortete Christoph Ransmayr, dass jeweils letzte. Bei mir ist das ganz ähnlich – am meisten absorbiert mich immer das Buch oder der Autor, das bzw. den ich gerade übersetze. Natürlich halte ich manche Autorinnen und Autoren für wichtiger als andere. Der größte deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist für mich Friedrich Dürrenmatt. Von den Autoren, die ich übersetzt habe, schätze ich insbesondere Maxim Biller, Thomas Brussig, Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Koeppen, Libuše Moníková, Ingo Schulze und Juli Zeh. Bedeutende Übersetzungen nichtbelletristischer Texte sind für mich Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen – Die Erinnerungen 1914-1933, der von Hans-Gerd Koch herausgegebene Band Als Kafka mir entgegenkam ... – Erinnerungen an Franz Kafka, Christa Wichterichs Die globalisierte Frau sowie Theorie der Unbildung – Die Irrtümer der Wissensgesellschaft von Paul Konrad Liessmann. Unter den deutsch schreibenden Autoren, die ich nicht übersetzt habe, gehören Heinrich Böll, Max Frisch, Hans Erich Nossack, Franz Kafka, Heinrich Heine und Heinrich von Kleist zu meinen Lieblingsschriftstellern.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?

Ich übersetze Jeder stirbt für sich allein, den letzten Roman Hans Falladas. Er schrieb ihn gegen Ende des Jahres 1946 und kam nicht mehr zur Autorenkorrektur, da er am 05.02.1947 verstarb. Es war der erste Roman über den antifaschistischen Widerstand der Deutschen, der von realen Ereignissen inspiriert war. Der Roman erschien nach dem Tod Falladas und wurde in mehrere Sprachen, auch ins Tschechische, übersetzt. In Deutschland gehörte er zu den literarischen Schätzen und wurde in nicht abgeänderter Form ganze 60 Jahre lang herausgegeben. Dieses Jahr, also 2011, erschien der Roman Jeder stirbt für sich allein im Aufbauverlag in ungekürzter, unzensierter Fassung, basierend auf Falladas Originalmanuskript, das man im Archiv gefunden hat. Schon diese Umstände sind interessant.
Der Roman spielt in den Jahren 1940-1944 in Berlin und der schwungvolle Erzählfluss schildert den Widerstand eines älteren Ehepaares gegen Hitler und den Krieg, die Fahndung der Gestapo, ihre Gefangennahme und Verurteilung bis hin zur Vollstreckung des Todesurteils. Das Grundgerüst der Handlung übernahm der Autor aus Akten der Gestapo, änderte es jedoch in einen mit einer Vielzahl an Charakteren und Geschichten bevölkerten Roman um, so dass ein künstlerisch unwahrscheinlich überzeugendes und plastisches Bild Berlins zu Zeiten des Gipfels der nazistischen Herrschaft entstand.

Dezember 2011

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