Vratislav Jiljí Slezák

PhDr.Vratislav J. Slezák (geb. 1932 in Neratovice). Studierte Germanistik und Polonistik an der Philosophischen Fakultät der Palacký-Universität in Olomouc. In den sechziger Jahren war er kurz im Kultusministerium tätig, danach arbeitete er hauptsächlich als Sprachlehrer an Hochschulen. Nach dem November 1989 wechselte er an den Theologischen Konvent in Litoměřice und dann an die katholische theologische Fakultät in Prag. Für seine Übersetzungen deutscher Belletristik erhielt er mehrere bedeutende Auszeichnungen. Neben Hesses Werken übersetzte er die Werke Peter Handkes, Walter Niggs, Thomas Berhards, Heinrich v. Kleists, Friedrich Dürrenmatts, Heinrich Bölls, Gustav Meyrinks u.v.a.


Ist die Arbeit eines Übersetzers für Sie ein Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?

Übersetzer ist eine Tätigkeit, zu der ich wahrscheinlich die besten Voraussetzungen habe, obwohl ich auch sehr gern Lehrer war. Manche Texte, die mich schon als Gymnasiasten und später als Studenten gefesselt haben, habe ich einfach so „für mich selbst“ übersetzt und dabei allmählich das Abenteuer und vor allem die Gefahren des Übersetzens kennengelernt. Insbesondere die ausführliche Durchdringung der Muttersprache und die Liebe sowohl zu ihr als auch zur Sphäre der Sprachwissenschaft haben das unterstützt.

Ihr beliebtes deutsches Buch, deutscher Autor, und warum?

Schwer zu sagen. Das Schicksal führte mich zu Hermann Hesse, von dem ich Das Glasperlenspiel und Der Steppenwolf besonders schätze. Ansonsten zieht mich das gesamte Werk Thomas Manns stark in seinen Bann. Eine Art „heiliges“ Dreieck würde ich durch Hinzunahme Heinrich Bölls bilden. Abgesehen vom Werk dieser Schriftsteller spricht mich die Ähnlichkeit ihres Deutschtums, ihres Europäertums und natürlich ihrer Menschlichkeit an, inklusive des klaren Standpunktes zur Entwicklung des Geschichtsverlaufs. Und ich lese gern in ihren abwechslungsreichen Biographien.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?

Mir gefällt die aktuelle schöne Ausgabe meiner Übersetzung von Manns Der Tod in Venedig und derzeit feile ich an der Fertigstellung eines kleinen Prosawerkes von Hermann Broch mit dem Titel Die Geschichte der Magd Zerline (ein Teil des umfassenderen Werkes Die Schuldlosen). Die Sprache der Protagonistin, die die Peripetie ihres Lebens als Magd munter schildert, ist überwiegend Umgangssprache, ab und an jedoch geht sie, wie in einem geistigen Ausnahmezustand, in die Form des Philosophierens über– das ist für den Übersetzer eine große Aufgabe. Ich widme mich laufend theologischen Texten bzw. Texten aus dem kirchlichen Umfeld, wobei es sich meistens um Übersetzungen „in beide Richtungen“ handelt (Tschechisch-Deutsch und umgekehrt). Das deutsche Buch Geduld mit Gott von Tomáš Halík ins Tschechische zu übertragen war ebenfalls eine spannende Aufgabe, wenngleich keine einfache. Es gab hiervon bereits vier Ausgaben, den Erfolg verdankt das Buch den Gedanken des Autors.

Februar 2012

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